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Perfide oder geliebt? Mai 30, 2007, 23:34

Posted by Lila in Land und Leute.
13 comments

Zweifellos, ich bin anglophil. Als Tochter einer Englischlehrerin bin ich mit der englischen Sprache im Ohr aufgewachsen, meine Eltern hatten immer englische Freunde, ich liebe Mrs. Hamley und Caleb Garth und der Buhmann meiner Kindheit war Uriah Heep, der Fiese. Mein Traum wäre eine gemächliche Reise von stately home zu stately home, und ich sammle mit dem Eifer einer Ameise BBC-Classics. Nichts kann mich besser erden als ein englischer Roman. Ich benutze englisches Parfum (Cayman Winds), habe eine irische Freundin, eine schottische Schwägerin und kann mich für insulare Buchmalerei begeistern. Wirklich, wenn ich Großbritannien höre, habe ich nur positive Assoziationen.

Wie soll ich es damit verbinden, daß jede Woche, aber jede Woche ein neuer Boykottaufruf gegen Israel von diesem selben Großbritannien ausgeht? Mal wollen sie nur Bar Ilan und Haifa boykottieren (wie lächerlich das ist, will ich erst gar nicht hinschreiben), dann wieder boykottieren britische Journalisten israelische Produkte (wie nett, daß Journalisten ja SO objektiv sind!), dann sollen israelische Architekten boykottiert werden, und nun sind noch mal die berühmten Elfenbeintürme der “akademia” dran. Und diesmal ist die Abstimmung durchgekommen, wir sind nun offiziell boykottiert.

Nicht China, nicht Rußland, nicht Sudan - nein, von allen Ländern der Welt müssen WIR boykottiert werden. Es ist auch nicht so, daß diese Boykotteure konsequent auf alle Waren oder Erfindungen verzichten, die aus Israel kommen. Nun bin ich normalerweise meinem lieben Israel gegenüber kritisch in vieler Hinsicht, kann über Chaos und Unfähigkeit stöhnen (wie gut das tut!), bis Leser sich an die DDR erinnert fühlen (!!!) und neige nicht dazu, unseren Platz in der Welt an HiTech und medizinischer Technologie abzuzählen. Aber trotzdem sollte man ja mal daran erinnern, daß ein Mensch, der Israel wirklich boykottieren will, auf einiges verzichten müßte. Ob sie das wirklich tun? Aber nein, billige Erklärungen abgeben und israelische Akademiker boykottieren, das reicht.

Ironie des Schicksals, ein großer Teil der israelischen Akademiker ist links bis linksliberal, ein großer Teil der Studenten arabisch und ein großer Teil der akademischen Bemühung zielt auf Austausch mit arabischen Ländern, Hilfe für Minderheiten und Bekämpfung von Vorurteilen und Diskriminierung. Ha ha, genau die richtigen Kandidaten für eine Sippenhaft! Denen muß man es mal so richtig zeigen.

Ebenfalls Ironie des Schicksals, daß wir unser Schlamassel hier im Nahen Osten zu großen Teilen den Briten verdanken, ihrem kolonialen Wettstreit mit den Franzosen, ihrer willkürlichen Grenzziehung, ihren halb ausgesprochenen und halb gebrochenen Versprechungen und anderen schönen Dingen, an die heutige Briten sich ungern erinnern lassen.

Auch könnte man ja mal kritisch nachfragen, ob wohl der Anteil der britischen Pakistanis an den Universitäten dem Anteil der Minderheiten bei uns an den Unis entspricht, ob es nicht leichter für einen arabischen Israeli als für einen arabischen Briten ist, Forschungsdekan an der Uni, Minister im Kabinett oder Chefarzt zu werden, und woher die Briten eigentlich ihr Commonwealth geschenkt bekommen haben. Von Irland gar nicht zu reden. Angesichts der Mauern dort klingen die Klagen über unseren Zaun etwas hohl. Haben die Briten es gut, daß sie nicht so unter die Lupe genommen werden!

Aus reinem Taktgefühl frage ich auch nicht weiter nach, was eigentlich britische Soldaten in Irak machen. Und wie sie sich dort aufführen. Und auch nicht, woher der Wunsch kommt, den arabischen Standpunkt mit Sinker und Blinker oder wie das heißt zu schlucken. Stockholm-Syndrom oder Angst vor den eigenen Minderheiten? Schweigen wir davon!

Neulich hörte ich zu, als ein deutscher Journalist den geradezu wonnevoll struppigen Dan Shiftan interviewte. Der deutsche Journalist, der es nicht verdient hatte, so abgebürstet zu werden, wie Shiftan wohl europäische Journalisten gern abbürstet, fragte ihn schließlich, ob er seine Ansichten denn auch äußern würde, wenn er arabische Studenten hätte. “Aber ich HABE arabische Studenten”, erklärte ihm Shiftan, “und nicht nur das - auch mein Chef, der zwei Türen weiter sein Büro hat, ist Araber”. Das ist akademische Freiheit, das ist Demokratie, und auch wenn man sonst mit Shiftan nicht übereinstimmt - das ist nicht Apartheid. Die britische Weigerung, israelische Studenten und Dozenten in ihre Hallen zu lassen, schmeckt schon viel mehr nach Apartheid.

Ich muß ehrlich zugeben, daß mir außerdem die stereotype Deutschen-Wahrnehmung der Briten auf den Nerv geht. In Gesprächen mit britischen Volunteers (die liegen allerdings schon ein paar Jahre zurück) habe ich mehr als einmal eine gröhlende, unwissende Abneigung gegen Deutsche zu fühlen bekommen, die ich in Medienberichten bestätigt fand. Mir scheint, daß vor lauter Stolz auf ihre eigene Überlegenheit (und auch das haben mir Briten gesprächsweise stolz bescheinigt, daß sie ihr Land und ihr Volk wirklich für auserwählt halten - na ja, Anekdoten sind noch kein Beweis, zugegeben!) manchen Briten die realistische Einschätzung anderer Länder und Völker manchmal abhanden kommt, und sie sich statt dessen auf Ressentiments, Vorurteile und Mischmasch-Ignoranz verlassen. Ich sehe jedenfalls keinen Zusammenhang zwischen den derben Vorstellungen über Deutsche, die dort kreisen, und der Wirklichkeit, die ich na ja, nicht mehr SEHR gut aber noch etwas kenne. Aber wirklich keinen. So gar keinen, daß die Witze nicht witzig sind, denn um witzig zu sein, müßten sie einen wahren Kern haben. Aber sie sind einfach nur - äh, peinlich. (Mir ist Unwissenheit bei anderen peinlicher als bei mir.)

Kein Mensch, der die historische Lage unbestechlich, mit kühler Objektivität und mit Wissen sämtlicher Vorfälle, Irrtümer, Entscheidungen, Wagnisse und Unwägbarkeiten analysiert, kann zum Urteil kommen, daß von allen Ländern der Welt allein Israel boykottiert werden muß. Um zu diesem Urteil zu kommen, muß man bestimmte Tatsachen verzerren, aufpusten, weglügen, verdrehen oder relativieren. Und anderen Ländern, auch der eigenen Geschichte gegenüber, flugs und fest die Augen schließen. Alles Dinge, die für anständige Akademiker eigentlich außerhalb ihres Verhaltens-Kanons liegen sollten. Echte Akademiker verweigern niemandem den Dialog, sondern verbinden die Leidenschaft am Dialog eines Paganel mit der gelassenen Aufnahmefähigkeit dem Unerhörten gegenüber, die ein McNabb an den Tag legt. Und doch haben britische Akademiker beschlossen, daß allein Israel boykottiert gehört.

Was für ein Glück, daß ich meiner Liebe zu van Dyck und besonders Jan Mijtens nicht so weit nachgegeben habe, daß ich nun beruflich auf britische Museen und Unis angewiesen wäre. Dann sähe ich aber wirklich alt aus.

Und ich frage mich, wie Akademiker anderer Länder nun reagieren. Sind es wieder mal nur Juden, die für Juden einstehen? Oder werden britische Akademiker, wenn ihre un-akademische und eigentlich un-britische Haltung von Intoleranz und Haß bekannt wird, ihrerseits auf Probleme stoßen?

Ich wünschte, die Welt wäre edel und gerecht und den britischen Akademikern würde nun eine internationale Welle der kritischen Nachfrage entgegenschwappen. Statt dessen bin ich mir sicher, die Welt kümmert sich nicht drum, macht einfach weiter, wen interessiert das schon? Und wir werden eben boykottiert. Wer keine israelischen Blogs oder Zeitungen liest, weiß nicht mal davon.

Es tut mir leid, daß die britischen Journalisten, Architekten und Akademiker mich und meine KollegInnen und StudentInnen nun zum Paria erklären, denn ich werde nicht aufhören, Mary Garth die Daumen zu halten und englische Gärten zu lieben und Orangenmarmelade auch. Und die Herzoginwitwe von Denver erst recht, und Bunter!!! Ich kriege es wirklich in meinem Kopf nicht auf die Reihe, daß für mich nun Großbritannien einen doppelten Kopf hat: einen geliebten und einen als perfides Albion. Es schmerzt mich. Wie ein Riß in einer schönen Vase, der mir vorher nicht aufgefallen ist.

Das einzige, was mich dafür schadlos hält, ist der Gedanke, wie verhaßt ich so einem Briten sein muß! Nicht nur Deutsche, nicht nur Israelin, sondern beides! Ich bin gewissermaßen der Abschaum der Menschheit, Inbegriff dessen, was man wirklich nur noch mit Verachtung und Boykott strafen kann. Und das ist schon wieder hilarious. Vielleicht sollte ich mich spaßeshalber mal um irgendwas in den UK bewerben???

Zwei Tage später: Bradley Burston sagt es mal wieder deutlich.

Just for the sake of argument, let’s suppose that you’re a British academic. You believe strongly that the occupation must end, that the Palestinians should have an independent state, that Israel’s military and diplomatic policies are wrongheaded to the point of immorality.

What to do? Simple. Find the one group within Israeli society which has consistently, vigorously and courageously campaigned against the occupation since its inception. Then attack them.

Single them out for professional ruin. Do your best to get as many of their colleagues around the world to shun them.

Select the one group which has, from the very beginning, spoken out eloquently for the rights of the Palestinians to self-determination, to freedom from Israeli domination, to freedom from disproportionate and often indiscriminate use of force, to freedom from social injustice.

Then denounce them.

You really must envy the U.K. far-left for its blindness. Its consummate inability to see more than one side, which is to say, its demonstrated refusal to see Jews as fellow human beings, is only exceeded by its exquisite sense of timing.

No matter that in the whole of the 1991 Gulf war, Saddam Hussein managed to hit all of Israel with a total of 39 missiles, and that two weeks ago, Hamas sent 40 rockets into the Sderot area in the space of a single day.

No matter that Sapir College, Israel’s largest public college, has for years been a primary target of Qassam crews.

No matter that in boycotting all Israeli academics on the basis of their being Israelis, the measure is patently racist, a grotesque reprise of the history of curbing academic freedom.

Leftists abroad would do well to respect their Israeli counterparts for defying societal norms to work for the rights of people with whom their nation is at war. Perhaps the Israeli left deserves respect, as well, for having to do this while enduring the racist abuse of leftists abroad.

Die Kommentare dazu sind teilweise haarsträubend.

The occupation is kept going thanks to the hard work of ordinary Jews spread across Israeli society. Including the academic community. If you don`t have the balls to destroy Yesha we will have to push you.

The only way to end the Occupation is to start boycotting israel. You have had 40 years to get the point. You prefer the ease of the status quo to the hard choices of pulling out. Fine. Just quit whining.

Die machen es sich wirklich leicht. Wir haben ja mehrmals versucht, die Besatzung beendet - per Verträge, die die Palästinenser gebrochen haben oder von Anfang an abgelehnt haben. Per einseitigem Abzug, die die Palästinenser bzw ihre Verbündeten zu physischen Angriffen genutzt haben. Sagt mir doch mal konkret, wie wir diese Besatzung, die uns aufgezwungen wurde, beenden können, ohne dabei Selbstmord zu begehen?

Und wieso sind die Briten noch in Irland? Die Iren schießen keine Katyushas oder Qassams…  und die Bewohner von Gibraltar auch nicht.

Oder der Moralist hier:

If you care to read the text of the boycott this has nothing to do with racism or for that matter antisemitism. You are not party to the UK press and news reports of the pain felt by academics who supported this boycott.

But they felt they have been driven to this point by the moral imperative, of seeing Israel time and again stick its middle finger up at the world`s calls to honour UN, EU, US and Quartet calls to end the Occupation and cease expanding the illegal settlements, whilst it gets on with ensuring it is municipally and demographically impossible for the Palestinians ever to have a contiguous State, ripping up olive trees, assaulting foreigners whilst its Police encourage such attacks or look the other way.

Of course, none of this would happen if Israelsimply does what has been asked of it for 40 years - withdraw from the non-Israeli territories it occupies and give peace a chance.

Your partiality does your profession a discredit.

Er selbst fühlt sich aber keineswegs parteiisch. NUR Israel und immer wieder Israel ist unmoralisch. Aber der Moralist leidet selbst am meisten unter dem Boykott. Erinnert mich an prügelnde Väter, die auch behaupten, die Notwendigkeit, das böse Kind zu prügeln, sei schmerzhafter als die Prügel selbst. Ach, mir kommen die Tränen vor Mitleid! So weit hat das böse, böse Israel die armen Moralisten getrieben. I feel your pain.

Es ist wirklich unglaublich.