Gedenken April 15, 2007, 9:20
Posted by Lila in Land und Leute, Uncategorized.18 comments
Heute abend beginnt der Holocaust-Gedenktag, Yom haShoah. Meine Kinder sind heute mit weißen T-shirts zur Schule gegangen, weil heute Gedenkfeiern in der Schule stattfinden. Die Lehrer haben dafür ihren Streik unterbrochen.
Was ich davon halte, daß der Botschafter des Vatikans die Gedenkfeierlichkeiten in Yad vaShem boykottiert? Recht wenig. Es zeigt einen bedauerlichen Mangel an menschlicher Größe. Wenn er ein Bildunterschrift in Yad vaShem für unpassend hält, ist das diskutabel - aber es sollte im Rahmen bleiben. Deswegen die offiziellen Feierlichkeiten boykottieren? Schlechter Stil. Noch dazu, wo es die katholische Kirche selbst ist, die wichtige historische Dokumente unter Verschluß hält, so daß man noch zu keinem abschließenden Urteil über die Rolle der katholischen Kirche im Holocaust fällen kann.
Daß einzelne katholische Priester und Ordensleute außerordentlichen persönlichen Mut bewiesen haben und sich für Juden und andere Verfolgte eingesetzt haben, daß in Deutschland katholische Gegenden und Einrichtungen der NS-Ideologie oft größeren inneren Widerstand entgegengesetzt haben als protestantische - das steht außer Frage.
Aber hat der Vatikan wirklich seine Stimme in voller Lautstärke erhoben, um gegen die massenhafte Vernichtung von Menschenleben zu protestieren? Hat die katholische Kirche vor Ratzinger fertiggebracht, die Juden zu rehabilitieren? Hat das Christentum sich wirklich der Verantwortung gestellt, die es am Entstehen und Blühen des Antijudaismus trägt, Vorläufer des Antisemitismus und manchmal kaum von ihm zu unterscheiden? Man muß nicht mit Goldhagen d´accord gehen, um diese Fragen stellen zu dürfen. Aber daß die Rolle des Papsts zumindest umstritten ist, wird man wohl feststellen dürfen. Wobei diese Ambivalenz des Papsts einen Katholiken mehr schmerzen sollte als die Kritik daran.
Immerhin hat der Vatikan sich bei den Juden entschuldigt, ein Zeichen also, daß die katholische Kirche selbst weiß, daß sie mehr hätte tun können. Auch wenn sie davor zurückschreckt, den Papst selbst zu kritisieren.
Protestieren ist schön und gut und muß sein. Aber daß die laut erhobene Stimme des Protests, die man damals so schmerzlich vermißte, sich nun heute erhebt, um eine Bildunterschrift zu kritisieren, das berührt seltsam. Mußte es wirklich der Gedenktag sein, der zum Protest instrumentalisiert wird? Sind die Toten des Gedenkens weniger wert, weil in Yad vaShem unter dem Bild des Papstes eine kritische Bemerkung steht? Sollen der Holocaust und unser Gedenken daran so leicht zu instrumentalisieren sein?
Trotzdem möchte ich glauben, daß der Botschafter des Vatikans sich heute abend, wenn das Land ganz still wird, und morgen, wenn die Sirene läutet, ein bißchen unbehaglich fühlt, daß er nicht dabei ist.

