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Ermutigend April 14, 2007, 11:47

Posted by Lila in Uncategorized.
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Ich kann nicht behaupten, daß ich den Tod Filbingers, die Rede des baden-württembergischen Ministerpräsidenten und den Sturm um seine Worte genau verfolgt hätte. Ich habe dafür im Moment nicht die Zeit. Aber ich habe mitgelesen und mir meine Gedanken gemacht.

“Hans Filbinger war kein Nationalsozialist. Im Gegenteil: Er war ein Gegner des NS-Regimes. Allerdings konnte er sich den Zwängen des Regimes ebenso wenig entziehen wie Millionen andere.”

Eine solche Aussage überrascht mich natürlich nicht. Wer sich ein bißchen mit den Nachwirkungen des NS-Regimes in deutschen Köpfen beschäftigt hat, kennt die fatale Neigung der Nachgeborenen, ihre Familiengeschichte zu schönen. Harald Welzers “Opa war kein Nazi” zeigt die klassischen Mechanismen auf, die ich auch aus Gesprächen kenne.

Eigentlich tun mir die Leute eher leid, die sich selbst in die Tasche lügen müssen, um die Vergangenheit verschwinden zu lassen- aber die Tatsache, daß sie wissen, “Nazi-sein ist nicht so doll” zeigt immerhin ein grundlegendes Verständnis. Immerhin strunzen sie nicht mit Opas Parteiabzeichen, das halte ich ihnen zugute.

(Mir persönlich geht es natürlich eher gegen den Strich, daß aus der erlogenen weißen Wäsche das moralische Recht abgeleitet wird, der ganzen Welt oder eben mir zu predigen, wie sie ihre Angelegenheiten zu regeln hätten - aber jedem Tierchen sein Pläsierchen.)

Ich besitze einen hochinteressanten alten Film über die Stadt, in der ich aufgewachsen bin. In den 1930er Jahren ging ein Jülicher Bürger mit seiner kleinen Kamera durchs Städtchen, über den Schloßplatz, die Promenade und durch den Brückenkopf und filmte. Es ist faszinierend, zu sehen, wie hübsch unser Land war, bevor es von der Antwort auf Coventry und Guernica und letztendlich von Autohaus und Praktiker verwüstet wurde. Eine richtige Feuerzangenbowlen-Idylle, die vom rührigen Geschichtsverein als Video herausgegeben wurde - mit Material aus Archiven ergänzt, die zeigen, was nach Kriegsende noch übrig war.

Von Zeit zu Zeit jedoch tanzen über die Bilder der feinen Kleinstadt weiße, gekritzelte Schatten. Die Stimme aus dem Off erklärt im schönsten Rheinisch, daß der Besitzer des Films nach dem Krieg die überall sichtbaren Hakenkreuzflaggen verdecken wollte. Ich denke mir jedesmal, was für eine Metapher für den Umgang mit dem Schandfleck. Dadurch, daß wir ihn überpinseln und unkenntlich machen, helfen wir niemand. Der Betrachter sieht statt dessen diesen Fleck, der schlimmer auffällt als die Hakenkreuzflagge selbst. Ein hilfloser Versuch der Leugnung, des Verbergens, der niemanden täuscht.

Doch zurück zur Rede. Oettinger bringt es also nicht fertig, den politischen Opa Filbinger als das zu sehen, was er zur NS-Zeit war - ich bin keine Historikerin und maße mir nicht an, nach ein paar Zeitungsberichten zu urteilen, ob er nun überzeugter oder nur teilweise überzeugter Nationalsozialist oder aber Mitläufer war. Gegner war er jedenfalls nicht, sonst hätte er wohl nach dem Krieg seine damaligen Ansichten revidiert oder selbstkritischer reagiert, als seine Geschichte aufflog. (Und daran erinnere ich mich noch.)

Als Privatperson tut er mir sogar ebenfalls leid, weil er nie eingesehen hat, daß es vielleicht doch keine Rufmordkampagne war. Es muß schrecklich sein, sich zu Unrecht verfolgt zu sehen, und es ist schade, daß er nie den Abstand zu sich selbst gewonnen hat, die Kritik an ihm zu verstehen. Er hätte der jüngeren Generation ja durchaus etwas Wertvolles sagen können - Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit sind ja auch keine schönen Züge, und wäre er nur erbarmungslos ehrlichmit sich selbst gewesen, hätte er sich dagegen glaubhaft zur Wehr setzen können.

Filbinger hätte also ein gutes Beispiel geben können, wie man mit einer mehr als fragwürdigen Vergangenheit würdevoll und verantwortungsvoll umgeht. Die Verhärtung der Fronten und die ganze Filbinger-Apologetik sehe ich als verschenkte Chance, zu einer menschlich reifen und ehrlichen und knallharten Einschätzung der NS-Zeit zu kommen. Wie verdruckst und verlogen der deutsche Diskurs um diese Zeit und ihre heutige Einschätzung ist, kam in der Jenninger-Farce deutlich zum Vorschein - es war nicht möglich, dem Mann den benefit of doubt zu geben und sachlich zu diskutieren, obwohl er etwas ansprach, das durchaus disussionswürdig ist. Gudrun Brockhaus´ Buch über das Faszinosum NS-Ästhetik ist ja auch interessant und ehrlich.

Also eine ganze Reihe verpaßter Chancen. Ich dachte zu Anfang, nach der Oettinger-Rede, daß das eine weitere Peinlichkeit in diesem Marathon der Unfähigkeit, die deutsche Vergangenheit “frontal anzunehmen”, darstellt. Dann kamen die empörten Stimmen vom Zentralrat der deutschen Juden, zuverlässig wie ein Wecksignal, das niemand hören will, und die Nachkommen und Angehörigen von Filbingers Opfern, und ich dachte, “na prima, wenn das jetzt die einzigen sind, die die Rede furchtbar fanden, dann rechtfertigen sie Oettinger in den Augen vieler Deutscher”.

Was nicht bedeuten soll, daß diese Empörung sich nicht äußern sollte. Wo aber sind die empörten Nicht-Juden? Eben die Enkel der Parteimitglieder, die zu Widerstandskämpfern umgelogen wurden?

Und oho, es kommt was nach. Nicht nur die Nachkommen der Opfer, auch die Nachkommen der Täter machen den Mund auf. Wieder einmal zeigt die Kanzlerin Flagge. Ich gebe zu, ich hätte ihr nicht zugetraut, daß sie mir so gut gefallen würde. Aber sie macht eine rundum gute Figur, unvergleichlich besser als Schröder. Und auch Historiker pochen auf die Tatsachen, die sich nun mal nicht wegretuschieren lassen.

Ich weiß nicht, was bei einer Umfrage unter Deutschen rauskommen würde. Ob nicht viele sagen würden, “ach der arme Filbinger, es war doch alles nicht so schlimm, wo bleibt endlich der Schlußstrich”. Vielleicht denken viele doch so. Und vielleicht sind viele nach außen Empörte nur froh, Oettingern aus werweißwas für Gründen eins auswischen zu können. Wir können einander ja nicht ins Herz sehen.

Aber ich weiß eines. Wenn wir Deutschen insgesamt nicht mehr verdruckst murmeln, “Opa war kein Nazi, und Oma auch nicht, die waren immer dagegen, und jetzt laßt mich in Ruhe damit”, sondern wenn sie sagen, “leider waren Opa und Oma Nazis, ändern kann ich es nicht und es gefällt mir auch nicht, aber jetzt denken wir mal gut nach, was ich mit diesem Wissen anstellen kann” - dann sieht Deutschland besser aus. Und wenn diese Diskussion jetzt geführt wird, nicht nur an der parteipolitisch opportunen Oberfläche, dann sollte mich das freuen.

PS: Nicht weit weg vom Thema - ein Interview in Haaretz mit Maxim Biller. Ich kenn ihn nicht, aber scheint ja ein heiterer, ausgeglichener Mensch zu sein. Seine Einschätzung Deutschlands ist ziemlich brutal. Na ja, ich bin ja länger weg als er und habe die ganzen letzten 20 Jahre kaum mitgekriegt.