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Schreibscheu März 24, 2007, 13:35

Posted by Lila in Bloggen, Land und Leute, Uncategorized.
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Bei uns ist alles in Ordnung, keine Sorge. Ich war krank, aber nicht deswegen habe ich weniger geschrieben - normalerweise hält mich Schreiben bei Laune, wenn ich krank bin. Aber es war eine hektische Zeit, und kein Ende ist abzusehen. Da spare ich Energien ein.

Y. hat einen ziemlichen Karrieresprung gemacht, völlig überraschend - und nun muß er sich einarbeiten und hat viel weniger Zeit für daheim als vorher. Ich freue mich für ihn, obwohl er auch seinen früheren Posten sehr gern hatte, hat er jetzt mehr Entfaltungsmöglichkeiten (von dem besseren Einkommen merken wir ja kaum was, das geht an den Kibbuz und wir kriegen nur ein paar Prozente, ist aber okay so). Außerdem bedeutet es eine Anerkennung, und das sieht man immer gern.

Primus war fast die ganze Woche nicht zuhause: Gadna, Vorbereitung auf die Armee. Er war ja schon zweimal zu Gadna-Treffen für Arabisch-Leistungskurs-Schüler eingeladen, diesmal also reguläre Gadna. Während sich die Gadna-Tage für Arabisch-Schüler mehr um Ausbildung drehten, hat er nun eine richtige Armee-Vorbereitungswoche hinter sich. Mädchen und Jungen zusammen, im Süden des Lands, in einer Basis für Artilleristen. Er meinte, die junge Offizierin, die seine Gruppe leitete, war sehr nett, und es war für ihn wie eine normale Klassenfahrt. Für uns natürlich weniger…

Er muß nun auch Formulare von der Armee ausfüllen, der von uns gefürchtete Tag X rückt näher. Noch anderthalb Jahre, dann ist er dran. Er ist natürlich, wie seine Freunde, begeistert von dem Gedanken, ihm kommt die Armee vor wie ein Zwischending aus Sportlager, Jugendgruppe und Abenteuerurlaub. Y. und ich hegen andere Gefühle, aber wir wollen ihm nicht den Wind aus den Segeln nehmen, da der Armeedienst unvermeidlich ist und wir ihn so gut wie möglich hinter uns bringen müssen… wir sind da mitten in einem schwierigen Prozeß. Ich kann es Deutschen sowieso nicht erklären, also lasse ich es lieber.

Die fünf Tage ohne ihn waren für mich gar nicht schön, noch dazu wo Secundus ebenfalls viel aus dem Haus verschwindet. Wobei er sich nicht nur seinem geliebten Zoo mit Landwirtschaft widmet (ist es nicht lustig, daß ein Junge, der gar kein Gemüse ißt, mir immer selbst gezogenen organischen Kopfsalat mitbringt?), sondern mehr und mehr in die ökologisch bewegten Gruppen der Gegend rutscht. Hier soll ein Biosphären-Park eingerichtet werden, und Secundus und seine Freunde engagieren sich dafür. Secundus nimmt an Treffen mit Lokalpolitikern teil, die dieses Projekt vorantreiben, und kommt stets stolz zurück - er war wieder mal der Jüngste bei so einem Treffen.

Die Mädchen hatten beide einen kurzen Schulausflug - Tertias Ausflug mit der Eisenbahn fiel auf den Tag des Generalstreiks, mußte also umgeplant werden, und Quartas Ausflug in die Gegend des Sharon war natürlich genau an dem Tag, als dort ein Terrorist gesucht und auch gestellt wurde. Also jedesmal eine Gelegenheit für die Glucke, sich Sorgen zu machen. Das kommt hier so oft vor, daß das ganze Land den Atem anhält, bis die Terroristen gefaßt sind. Natürlich bedeutet allein schon die Tatsache, daß die Armee sie sucht, daß bei den Palästinensern Informanten tätig sind oder unsere Aufklärung funktioniert. Was wir alles nicht wissen, denke ich mir lieber nicht zu Ende….

Ich selbst bin wie jedes Jahr um diese Zeit dabei, mir Arbeit an Land zu ziehen. Komisch, einerseits bin ich so überlastet, andererseits suche ich immer den idealen Arbeitsplatz, und der bedeutet natürlich wiederum sehr viel Arbeit. Die einfachen Sachen fallen mir schwer, die komplizierten gehen mir leicht von der Hand. Mal sehen, was nächstes Jahr wird. Ich stöhne wie jedes Jahr, daß ich zum akademischen Lumpenproletariat gehöre, und wieso kann ich nicht einfach einen stabilen, sicheren Job haben? Aber wenn ich einen solchen in Reichweite habe, zweifle ich. Mal sehen.

Wir spüren außerdem die energischen Eingriffe unseres neuen Ramatkal, Gabi Ashkenasi. Er macht die Einsparungen seiner Vorgänger rückgängig, läßt sämtliche Einsatzpläne überarbeiten, setzt gestrichene Einheiten wieder zusammen und läßt auch Übungen wieder machen, die vorher für überflüssig angesehen wurden. So zieht er die Konsequenzen aus den vielen Pannen des Kriegs, und so ungern wir es sehen - es war ja viel angenehmer, als im Vorgefühl einer friedlichen Regelung das Militärbudget zusammengestrichen wurde und wir uns in der Illusion normalen Lebens wiegen konnten - , so nötig ist es wohl.

Für meinen Mann bedeutet das: seine alte Einheit, die vor ein paar Jahren feierlich aufgelöst wurde, wird nun wieder aufgebaut, und die Briefe mit dem dreieckigen Stempel, die schon sehr selten wurden, kommen wieder regelmäßig. Das paßt natürlich zeitlich nicht, andererseits: wenn wir Gabi Ashkenasi und sein Credo wollten, dann dürfen wir nicht meckern, wenn es uns persönlich trifft und wir wieder im müden Alter von Mitte 40 Uniformen bügeln oder tragen müssen. So wird auch in dieser Generation wieder wahr, was mir Y.s Vater prophezeit hat: er war mit Y. im Krieg (sie waren in verschiedenen Einheiten, aber mit ähnlichen Posten), und Y. wird mit seinem Sohn zusammen Uniform tragen. Äh, hoffentlich ohne Krieg.

All dies sind Auswirkungen unserer ausweglosen politischen Lage, auch wenn ich neulich in Haaretz eine schöne Vision gelesen habe, wie man zu einer rationalen Lösung kommt - doch mein Vertrauen in die Palästinenser, eine solche rationale Kompromißlösung ehrlichen Herzens anzustreben, ist ebenso nachhaltig zerstört wie mein Vertrauen in die Außenwelt, insbesondere Europa. Ich weiß spätestens seit letztem August, wie die UN und die EU sich verhalten werden, egal wie bedroht wir sind. (Und ich füge hinzu: auch auf Olmerten würde ich keine müde PikSieben setzen. Der kann nichts außer dahinreden und taktieren.)

Und daß die europäischen Politiker uns nun drängen, die neue Regierung der Palästinenser anzuerkennen, als wäre aus der Hamas Fatach geworden statt umgekehrt (und auch Fatach waren ja keineswegs Pazifisten…) - das ist deprimierend. “Die Front gegen Hamas bröckelt” - in der Tat keine Überraschung. Noch letzte Woche war wieder ein Anschlag in Karni, natürlich in der deutschen Presse keine Zeile wert, durchgeführt von der Hamas - doch der norwegische Außenminister würde uns vermutlich mahnen, doch nicht immer die politische Hamas und die Terrorganisation Hamas zu verwechseln! Wie kann man nur so töricht sein! Selbst wenn die politische Hamas sich ausdrücklich mit diesen Anschlägen identifiziert - wer mag schon so kleinlich sein!

Und der vierjährige Junge, der bei den anhaltenden Auseinandersetzungen zwischen Fatach und Hamas ums Leben gekommen ist - er hatte das Pech, nicht von einer israelischen Kugel getroffen worden zu sein, sonst hätte man im Ausland schon Notiz von ihm genommen.

Europa akzeptiert das palästinensische Narrativ, das Juden als Eindringlinge und Kolonialisten im alten Land Juda diffamiert - da wird uns nicht helfen, daß die historischen Tatsachen anders aussehen. Die anderen Völker haben nun mal nicht so ein langes Gedächtnis wie die Juden - die meisten Deutschen haben ja schon mit dem Holocaust abgeschlossen, wie sollen sie dann verstehen, daß die Vertreibung durch Titus noch gar nicht so lange zurückliegt? Israel ist in den Augen der meisten Europäer und auch Deutschen, aus unerfindlichen Gründen, kein legitimer Staat - eine Sonderrolle für Israel, wieder einmal. Wieso man alle anderen Staaten fraglos anerkennt, aber bei Israel immer das Fragezeichen dahintersetzt - beantwortet es selbst. Leider hat dieses Fragezeichen für uns konkrete Konsequenzen… die sich auf meine Gemütslage niederschlagen.

Kurz, die Weltlage sieht miserabel aus und für uns hoffnungslos, für unser persönliches Leben hat das einschneidende Folgen, die ich mit bangendem, sinkenden Herzen sehe und erlebe. Erklären kann ich es denen nicht, die sowieso meinen, wir sind aus reiner Mordlust aufs Äußerste gefaßt - als würden wir nicht unsere Jugend lieber an der Uni oder mit einem Rucksack unterwegs sehen, als in Uniform. Da fällt das Bloggen schwer, wer mag schon immer dasselbe lesen? Und meine schwarze Stimmung hat sich seit dem Krieg nicht gehoben, sie wird nur immer schwärzer. Das liest sich bestimmt nicht gut.

Vorgestern hörte ich einen Nachbarn erzählen, daß er und seine Familie nächsten Monat nach Neuseeland auswandern. Er hat es satt, er will seine Kinder nicht dem Moloch Armee opfern, sie brechen ihre Zelte ab, er und seine Frau haben schon Arbeit gefunden, in Auckland. Er schwärmte davon, wie billig man dort leben kann, wie ruhig und friedlich das Leben ist - und ich sah es für einen Moment mit schmerzlicher Intensität vor mir. Nur weg von dem Konflikt, von den ewigen Diskussionen, Neuseeland als ganz andere Welt, in der der Nahostkonflikt keine Rolle spielt - wie verführerisch. Ich hörte die Begeisterung in seiner Stimme, eine Begeisterung, die sich natürlich am Alltag eines Tages wird beweisen müssen - auch in Neuseeland wartet ja Alltag - aber ich beneidete ihn fast.

Trotzdem werden wir hierbleiben, nicht nur wegen der Familie, die wir nicht zurücklassen wollen. Ich habe das starke Gefühl, daß man seinem Schicksal nicht entfliehen soll, und ich habe den Nahostkonflikt geheiratet - bis er nicht gelöst ist, gehört er zu meinem Leben dazu. Aber je aussichtsloser und verzwickter er wird - je mehr Zeit vergeht und je mehr Lösungen probiert werden, die dann schiefgehen - desto deprimierter werde ich. In mir sprechen Optimist und Pessimist miteinander, wie bei Aluf Benn - aber der Pessimist hat das letzte Wort. So wollte ich nie sein, vielleicht, hoffentlich!, hat irgendwann der Optimist die besseren Karten - aber bis dahin habe ich das Gefühl, ich sage immer dasselbe. Und wer will das schon lesen? Ich will es ja auch nicht schreiben. Für diesen jämmerlichen Eintrag habe ich drei Tage gebraucht.