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Nasrallah prahlt Februar 16, 2007, 21:17

Posted by Lila in Land und Leute.
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offen damit, daß die Hisbollah sich bewaffnet. Das ist gegen die Abmachungen zu Kriegsende, und die UNIFIL müßte eigentlich einschreiten.  Tut sie es? Ach was.

nasrallah.jpg

Wird in den deutschen Nachrichten diese Rede gezeigt, mit dem typischen Nasrallah-Lächeln, dem smirk, wie er sich damit brüstet und für die nächste Runde rüstet?

Und hinterher regen sich bei mir im Blog wieder die braven Bürger über Israels Angriffskrieg auf. Ach, die Wiederkehr des Ewiggleichen…

Pingelig, pingelig… Februar 16, 2007, 21:03

Posted by Lila in Kunst.
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…aber so bin ich nun mal. Gräßlich!!!

Als es Königin Marie Antoinette gefiel, Madame Pompadour, die Geliebte ihres Mannes, vor versammeltem Hofstaat mit Nichtachtung zu strafen, las Maria Theresia ihrer widerspenstigen Tochter die Leviten. Fortan lebten Herrscher, Gattin und Geliebte wieder in Eintracht miteinander und alle waren zufrieden.

Alle außer mir!

Madame Pompadour: 1721-1764, Geliebte des König Ludwig XV.

Marie Antoinette: 1755-93, kam 1770 nach Frankreich, wo sie den Daupin und späteren König Ludwig XVI heiratete.

Bouchers Porträt der Madame Pompadour, 1758

Die Wahrscheinlichkeit, daß die beiden sich begegnet sind, noch dazu unter pikanten Umständen, ist somit als äußerst gering einzuschätzen!!! (Und man sieht doch schon an der Frisur, an der Kleidung, daß sie zu verschiedenen Generationen gehören.)

Vigee-Lebruns Porträt der Marie Antoinette mit drei Kindern und leerer Wiege, 1788
Der kleine Klops ist garantiert nicht nur mir aufgefallen. Mal gucken, ob sie ihn korrigieren. Immerhin ist es lobenswert, überhaupt einen kleinen kulturgeschichtlichen Überblick zu lesen - auch wenn sowas vermutlich nur obsessive Klopsjäger wie ich lesen.

Zwei Stunden später: voilá, sie haben es geändert. Jetzt steht da: Madame Dubarry. Wenn ich mich nicht ganz täusche, war auch sie nicht die Geliebte von Marie Antoinettes Ehemann, denn die führten, laut Fraser zumindest, nach den sieben berühmten Jahren eine ganz gute Ehe. Ich meine, auch die Dubarry wäre Geliebte des Schwiegervaters gewesen. Stimmt… mal gucken, wann sie das nun korrigeren.

Ein Abschied Februar 15, 2007, 18:44

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Morgen beerdigen wir die letzte Großmutter, die uns noch geblieben war. Als wir uns kennenlernten, hatten wir vier Großmütter, vier Witwen. Jeder von ihnen verdanken wir viel: Gene, Liebe, Erinnerungen, Vorbild, eine ganze Welt. Jetzt ist mit Y.s Großmutter von Mutters Seite eine unermüdlich fleißige Frau gestorben, die ihre leidvollen Erinnerungen unter festem Verschluß hielt und bis zuletzt Kinder, hübsche Dinge und lächelnde Menschen mochte. Die letzte Urgroßmutter unserer Kinder, nach denen sie noch aus dem Rollstuhl die Hände ausstreckte, und mit denen sie polnisch sprechen wollte, als das Hebräische sie verließ.

Was für ein schweres Leben. Heute wäre sie 90 Jahre alt geworden. Armut, Verfolgung, Verlust des Mannes und der ganzen Familie, Flucht, Einwanderung, Neaufbau, schwere Verletzung eines seither behinderten Sohns im Yom-Kippur-Krieg, Sorge um die Kinder, und immer Arbeit, Arbeit, Arbeit. Der kleine Hof in Kiriat Ekron, den wir letzten Winter mit den Kindern gesehen haben, war für Y. ein Kindheitsparadies, mit Pferdewagen und Hühnerfutter-verteilen - aber für die Großeltern endlose, harte Arbeit. Der Großvater übrigens, der zweite Mann der Großmutter, hatte in einem Todeslager seine erste Frau und drei Kinder verloren - Verluste, für die es keine Worte gab, über die nie gesprochen wurde. Er muß ein sehr stiller, frommer und gütiger Mann gewesen sein.

Ein Sochnut-Haus, wie es die Jewish Agency bitterarmen Einwanderern zur Verfügung stellte, die nach dem Holocaust aus Europa nach Israel kamen

Nach dem Tod ihres Mannes verließ Y.s Großmutter den kleinen Hof und zog mit ihrem jüngsten, kranken Sohn zusammen. In den letzten Jahren hat ihre älteste Tochter, meine Schwiegermutter, sie in den Kibbuz geholt und ihr alles Schwere abgenommen - was die Mutter vorher nie zugelassen hätte. Die letzten drei Jahre waren vielleicht die einzigen, in denen sie es leicht hatte, in denen sie verwöhnt wurde. Wenn ihre vier Kinder bei ihr waren, sangen sie zusammen jiddische Lieder, obwohl sie kein Jiddisch sprechen. Aber sie hatten die Lieder in der Kindheit von der Mutter gehört. Wir werden sie im Kibbuz beerdigen, wo sie so gern war.

Ich habe in meinem alten Blog mal über sie gesprochen - wie sie, als sie langsam verwirrt wurde, geistig wieder in das Haus aus Stein in Polen zurückkehrte, wo ihre Eltern und Geschwister für sie noch lebendig waren. Bis auf eine kleine Schwester, die von polnischen Bauern versteckt wurde, ist die ganze große Familie, das ganze Dorf, im Warschauer Ghetto und in den Lagern ermordet worden. Die Schwestern haben sich erst nach Jahrzehnten in Israel wiedergefunden - jede hatte gedacht, sie sei als Einzige übriggeblieben. Es wird ein schwerer, bitterer Abschied werden für die kleine Schwester. Nun ist niemand mehr übrig, der sich an die Welt ihrer Kindheit noch erinnern konnte.

Liebe, Ehe, Liebe Februar 13, 2007, 23:44

Posted by Lila in Kunst.
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Und wieder eine Geschichte aus meinem Meisterwerke-Kurs.

Eine meiner Zuhörerinnen ist eine Freundin meiner Schwiegermutter, wie sie ein Flüchtlingskind, das vom Kibbuz aufgenommen wurde - nur daß die Familie meiner Schwiegermutter aus Polen geflohen ist, und ihre Familie aus dem Jemen. Ihre Kinder sind im Alter der Kinder meiner Schwiegermutter.

Ich kenne sie natürlich, aber nur oberflächlich. Jahrelang war es nur ein shalom, shalom-Verhältnis. Bis sie sich mal durch Zufall in meinen Unterricht verirrt hat. Seitdem gehört sie zu meinen treusten Zuhörerinnen, und wir haben uns richtig gern. Ich schätze sie, und sie errät oft, worauf ich hinauswill.

Sie macht kein Geheimnis daraus, daß sie ihre Kinder (inzwischen alle zwischen Mitte 30 und Mitte 40) gern verheiratet und bekindert sähe, und ihre verhinderten Großmuttergefühle läßt sie gern an der Enkelschar ihrer Freundinnen aus. Ach, und meine Schwiegermutter verfügt über eine zweistellige Enkelschar! Wie oft hat diese Freundin unsere Kinder, Nichten und Neffen schon ans Herz gedrückt. Sie schenkt meinen Mädchen Grapefruits aus ihrem Garten, wenn sie zu Besuch kommt. Sie sitzt großmütterlich sozusagen in den Startlöchern, seit ihre Kinder aus der Pubertät raus sind.

Doch ihre eigenen Töchter wollen nicht heiraten, die eine ist im Ausland, die andere macht in Tel Aviv Karriere, und ihnen fehlt im Leben nichts. Es sind brillante, erfolgreiche Frauen, die vermutlich die Frage “aber wann endlich…” nicht mehr hören können.

Die Söhne wollen ebenfalls nicht heiraten, ich weiß nicht genau, was sie machen (mit den Töchtern ist Y. seit seiner Kindheit befreundet, die kenne ich besser). Nun ist der jüngste Sohn zur Religion zurückgekehrt, so richtig volles Programm - was seine Kibbuznik-Mutter trotz ihrer eigenen frommen jemenitische Wurzeln bestimmt zu Anfang nicht begeistert hat. Chasera be-tshuva (Rückkehr zur Religion) bedeutet ja immer ein klares Bekenntnis zu einem anderen Lebensstil als dem, in dem man erzogen wurde, und die Eltern schlucken schon mal. Nicht, daß sie so heftig reagieren wie manche religiöse Eltern, deren Kinder den umgekehrten Weg machen - na ja, jede Familie findet eben ihren Weg.

Aber EIN Gutes hat diese neugefundene Religiosität - der Jung heiratet! Endlich!!! Einen ganzen Monat kam die Mutter nicht mehr in meinen Unterricht, weil sie die Hochzeit vorbereiten mußte. Es war wohl ein riesiges Fest, mit allem Drum und Dran. Mir fehlte sie aber. Ich habe mir also überlegt, wie ich ihre heutige Rückkehr ins post-hochzeitliche normale Leben feiern kann.

Die heutige Stunde stand also ihr zu Ehren unter der Überschrift “Liebe und Ehe in der Kunst”. Das ist natürlich ein unerschöpfliches Thema. Wo anfangen? Ich habe mit den Römern angefangen, als Einführung und Grundlage - und es ist so schön, ein älteres, solidarisches römisches Paar mit Tullio Lombardos zart idealisiertem jungem Paar zu vergleichen. Beide Bilder auf einem Dia nebeneinander - und trocken meint ein Zuschauer, “tja, so fängt man an, und so hört man auf”.

Dann natürlich die Arnolfini-Verlobung (es gibt im Netz einfach phantastische Vergrößerungen, in denen man sieht, wie van Eyck seine Ölfarbe handhabt). Die puppenhaften Züge der Braut sind van Eycks einzige Abweichung von einem Realismus, der seinesgleichen sucht. Das leuchtende Rot des Ehebetts, die Perlen des Rosenkranzes, die das Licht fangen - es ist kaum zu glauben, was man mit Farbe alles machen kann. Und wie zeremoniell er ihre Hand hält. Das ist ein ganz wichtiger Moment, man spürt es.

P.P. Rubens, Selbstbildnis des Künstlers mit seiner Frau Isabella Brant in der Geißblattlaube, um 1609

Dann ein eingehender Vergleich der beiden großen Meister des 17. Jahrhunderts. Rubens´ Ehebild aus der Alten Pinakothek, diese stolze, freundliche Selbstsicherheit des Malers im Selbstbildnis mit seiner jungen Frau. Die Hände, die aufeinander ruhen. Der dunkle Hintergrund der Laube, die glatten, prallen Flächen, die gezügelte Kraft, die bei Rubens immer dahintersteckt. Oh, ich liebe Rubens, seine roten Untertöne, die Vitalität. Rubens wirkt auf mich wie ein Mensch, der sich von keinem Hindernis hat aufhalten lassen. Außerdem war er ein großer Kämpfer für Frieden in seiner Zeit, war Diplomat und hatte die Hoffnung, mit seiner Persönlichkeit Menschen versöhnen zu können. Ein wunderbares Bild eines jungen Paars, das Jahre des Glücks ruhig erwartet.

Rembrandt, Die jüdische Braut oder Isaak und Rebekka, um 1655

Danach Rembrandts Jüdische Braut - was für ein Bild. Man muß Rembrandt wirklich im Original vor sich sehen, am besten allein, um zu begreifen, was er mit der Farbe macht. Die Farbflächen haben ein Eigenleben, wie ich es bei keinem anderen Maler kenne - auch nicht bei Rothko oder anderen abstrakten Malern, die die Farbfläche ganz von der Figur befreien. Die helleren Flächen bei Rembrandt sehen nicht aus wie aufgetragene Farben, sondern als würde das Bild aus sich selbst heraus leuchten, als würde sich das Licht einen Weg durch Schleier von Farben bahnen.

Ein unglaubliches Bild, vor dem ich lange, lange gestanden habe, mit einer Art Bewegung, die einem im Museum fast peinlich ist. Wer wischt sich schon gern, umgeben von Schulklassen und Leuten mit Kopfhörern und Stadtplänen, die Tränen aus den Augen? Doch Rembrandt hat ein paar Bilder, die sich in mein armes Herzchen bohren, bis ich vergesse, daß Kunst eigentlich mein Job ist und ich eine ganze Werkzeugkiste voll Fachjargon habe, hinter der ich mich verschanzen könnte, so ich wollte. Doch ich will nicht. Ich lasse die geballte Wucht dieses zauberhaften, stillen Paars, das vollkommen ineinander versunken ist und uns nicht bemerkt, auf mich wirken.

Rembrandt nimmt diese beiden, Yitzchak und Rivka oder Isaak und Rebekka, als universale Bilder der Liebe. Es gibt nicht viele Maler, die ein Thema aus der hebräischen Bibel, Figuren aus der jüdischen Tradition, ohne christlichen Subtext bringen konnten - doch Rembrandt fällt das leicht. Für ihn sind biblische Themen der hebräischen Bibel nicht nur Vorspiel und Vorzeichen der christlichen Erfüllung, wie im mittelalterlichen Typologie-Schema (ein fast komischer Auswuchs ist die Madonna, die im brennenden Busch erscheint - Moshe als Marienanbeter), sondern die jüdischen Themen haben ihren eigenen Wert. Und noch mehr als das - das jüdische Paar steht für das liebende Paar überhaupt.

Wieder fällt die Hand auf. Er hat seine Hand auf ihr Herz gelegt, und sie bestätigt das durch das Auflegen ihrer Hand. Sie stehen da, als würden sie ihre Herzen klopfen hören, ganz still. Es ist in meinen Augen ein unglaubliches Abbild der Liebe, und auch des Ernsts, der zur Liebe dazugehört, wenn sie mehr sein will als nur der vorübergehende Rausch der amour passionel. Das Bekenntnis der Liebe vor Zeugen öffentlich machen, durch Gesten sichtbar machen - das wollen diese Paarbilder. Eigentlich dasselbe wie eine Hochzeit.

Das bequeme, fröhlich-vertraute Paar von Frans Hals, das einen richtig vergnügt anlächelt, habe ich ebenso gezeigt wie Gainsboroughs elegantes Paar in der menschenleeren Landschaft ihres Besitzes, wo die Garben anscheinend von Heinzelmännchen gebunden werden, und die zynischen Kommentare Hogarths zur mariage a la mode. Für den Vergleich von Peales Porträt der Lamings (wie berückt er seiner Frau ins Dekollete lugt) und Davids Porträt der Lavoisiers, auf den ich mich schon freue, war keine Zeit mehr.

Nächste Woche kommt die Romantik dran, mit Freundschaftsbild und Sehnsuchtsbild (der efeu-umkränzte junge Mann auf dem Bild ist gefallen), dann das Biedermeier - das die braven Ehefrauen in ihren blütengleichen Hauben, die strengen Ehemänner im dunklen Anzug immer wieder feiert. Ich werde das gepflegte Paar, das im Wintergarten aneinander vorbeischaut, ebenso zeigen wie Renoirs tanzende Paare und Sargent Singers Ehepaar beim Kindergeburtstag. Ich möchte über Picassos Tragödie bis Hockneys grandiosen Mr. und Mrs. Clark mit dem majestätischen Percy zeigen, und mal gucken, ob ich noch was Neueres finde. Für Anregungen bin ich übrigens jederzeit dankbar!

Das ist schon ein toller Job, wo ich einfach so auf Ereignisse reagieren kann, die meine Zuhörer betreffen. Hat Spaß gemacht. Die frischgebackene Schwiegermutter übrigens war richtig, richtig glücklich. Wenn sie Großmutter wird (worauf sie natürlich fiebert), dann mach ich ihr eine Stunde über Babies, die sich gewaschen hat. Bli neder.

Armer Libanon Februar 13, 2007, 14:34

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Wenn ich höre, “Anschlag”, “Bus”, “Tote”….. dann wird mir kalt vor Schreck. Wenn die inneren Kämpfe im Libanon weiter eskalieren, dann steht den Libanesen noch mehr Leid bevor. Wann werden die Syrer ihre Finger aus den inneren Angelegenheiten des Libanons lassen?

Die Christen im Libanon haben es so schwer, liebe deutsche Christen, wie wäre es mal mit einer kleinen Mahnwache zu ihren Gunsten?

Aus dem Kuriositätenkabinett… Februar 13, 2007, 14:09

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das sich Wirklichkeit nennt.

In Kanada findet nächste Woche ein besonders cooler akademischer Event statt, wer noch nichts vorhat…? Es ist die Israel Apartheid Week, eine Art Verdammungs-Festival. Verschiedene Universitäten (Oxford, New York) mit umtriebiger Studentenschaft und Fakultät genießen das Privileg, eine Woche lang Israels Charakter als kolonialistischer, aggressiver, expansiver, rassistischer und wirklich weltbedrohlicher Staat dargestellt, analysiert und scharf verurteilt zu sehen. Endlich!

Nachdem doch der Rest der Welt aus Angst vor den zionistischen Strippenziehener schüchtern den Mund hält, die Medien alle Schuld am Konflikt einseitig den Palästinensern zuschieben, eine UN-Resolution nach der anderen auf die armen Araber niederregnet, die sich ja schließlich nur wehren!, und nachdem Israels drohendes Winken mit der Atombombe der ganzen Welt Albträume bereitet. Wo wird dieses waffenstarrende, krakengleiche Imperium, das sich einen Großteil des Nahens Ostens schon einverleibt hat, haltmachen? Und alles nur, weil sie die Pottasche aus dem Toten Meer haben! Damit halten die Israelis die Welt an der Leine. Denn wer die Pottasche hat, der sitzt am längeren Hebel. Israel braucht nur zu drohen, die Pottasche-Preise in die Höhe zu treiben - und die Welt kuscht. Sonst würde die westliche Welt ja zusammenbrechen. Kein Blut für Pottasche!

Kurz, diese Zusammenhänge sind so himmelschreiend, daß eine Israel-Apartheid-Week dringend notwendig ist. Die nächste findet wie gesagt in Montreal statt. Ehrengast? Der israelische Knesset-Abgeordnete Jamal Zakhalka von der Balad-Partei wird dort Reden schwingen und Israels ganze Bosheit anprangern. Wie er es in einem brutalen Apartheids-Staat bis zur Parlamentsmitgliedschaft und dem Doktorgrad in Pharmazie geschafft hat, und warum ich ihn noch nie in der Knesset habe hören können und er sich auch sonst nicht durch großes Engagement hervorgetan hat - das wird sein süßes Geheimnis bleiben. Und ich will doch sehr hoffen, daß kein blinder, verhetzter, haßerfüllter Student es wagen wird, ihn danach zu fragen.

Denn wer stört sich an der Wirklichkeit, wenn das Kuriositätenkabinett so schön ist?

Hohes Lob Februar 13, 2007, 0:56

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erhält der Bürgermeister von Jerusalem, Uri Lupoliansky, von Bradley Burston, den ich hier schon öfter verlinkt habe. Lupoliansky hat so reagiert, wie vermutlich die meisten von uns getan hätten: er verzichtet auf Imponiergehabe, veröffentlicht die Pläne zur Errichtung der Fußgängerbrücke, so lächerlich es ist, und versucht die Gemüter zu beruhigen. Ich persönlich hätte es vermutlich ähnlich gemacht, allein schon aus Scheu vor unnötigen Konflikten. Daß Leute, die Krach suchen, auch Grund dafür finden werden, ist wahr - aber man muß ihnen das Material nicht per Haus liefern.

Over the past several days, Lupolianski held meetings and discussions with various representatives from eastern Jerusalem, together with Rabbi Rabinowitz, and Lupolianski assured them that he will allow open discussion with full disclosure in order to make it clear that there is no intention to enter the Temple Mount or cause any damage to it.

Lupolianski and Western Wall rabbi Shmuel Rabinovich drafted the decision Sunday following conversations with Attorney General Menachem Mazuz, municipal planning authorities, Muslim community leaders and other representatives of the Arab population of East Jerusalem, in order to allow the general public to review plans for the bridge and submit opposition.

Lupolianski announced that the measure reflects a desire for transparency and to foster a sense of cooperation with residents in the construction process. He also wanted to avoid the feeling among the public that the work constitutes some sort of an Israeli ambush.

Ich würde nicht so weit gehen, Lupoliansky gleich auf den Sessel des Premiers zu hieven - obwohl, wenn Olmert das geschafft hat, warum nicht Lupoliansky? Doch das müssen Yerushalmim selbst sagen, wie er als Bürgermeister so ist. Daß die Organisation Yad Sarah, die er gegründet hat, eine der segensreichsten in Israel ist, das kann ich persönlich bezeugen - wir haben in einer Notsituation Hilfe in Form eines medizinischen Geräts gebraucht, und mein Mann kam ganz bewegt von der Freundlichkeit und Großzügigkeit des dort arbeitenden Mannes an. Sie wollten kein Geld, aber wir haben gespendet. Mir wird noch immer warm, wenn ich das Logo sehe. Doch das nur nebenbei - Ehre, wem Ehre gebührt.

Lupolianskys Verwaltung reagiert konziliant und ich verstehe seine Beweggründe. Er möchte die Arbeiten erst weiterführen, wenn er weiß, daß keine Proteste mehr kommen können, weil allen klar ist, daß kein Grund dazu besteht. Eine Reaktion der Vernunft. Daß die Stadt Jerusalem “nachgibt“, stimmt auch nicht ganz - die Fußgängerbrücke wird gebaut, weil sie gebaut werden muß, nur macht der Bürgermeister eine Pause, in der sich hoffentlich die Gemüter beruhigen können.

“Man muss verstehen, dass diese Brücke der einzige Zugang für Touristen ist. Sie stellt den einzigen Notausgang vom Tempelberg dar”, so Vize-Bürgermeister von Jerusalem, Yigal Amedi. “Weil der Ort sensibel ist und weil - eigentlich für nichts und wieder nichts - Unruhen ausgebrochen sind, hat die Stadtverwaltung beschlossen, dass parallel zu den archäologischen Ausgrabungen ein weiterer Planungsprozess durchgeführt wird, in dem sich auch die Öffentlichkeit äußern kann.” Damit sollten alle Anschuldigungen widerlegt werden, es sei etwas nicht rechtmäßig geschehen, erklärte Amedi weiter.

Wie ein Moslem das aufnimmt? Unser neuer Minister nimmt die Gelegenheit wahr, Öl ins Feuer zu gießen und zu behaupten, das Aussetzen der Arbeiten sei eigentlich ein Eingeständnis von Schuld - womit er dem Klischee Vorschub leistet, daß Araber jeden Kompromiß als Zeichen von Schwäche werten, und daß sie auf Vernunft mit Unvernunft reagieren Sehr schade. Sic tacuisses!

Spiralform Februar 12, 2007, 16:40

Posted by Lila in Land und Leute.
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Mir fiel heute auf, als ich im Gespraech meine Jahre in Israel rekapitulierte, dass es wirklich ein ganz aehnlicher Prozess ist mit dem Einleben wie in der Ehe oder jeder anderen engen, unausweichlichen Beziehung mit einem Gegenueber. Erst kommt die Begeisterung, oh das Andere, das Fremde, die vielen Entdeckungen, die man macht - jede von ihnen wertvoll wie ein Schatz.

Dann kommt die Desillusionierung, die Ernüchterungen - man entdeckt immer noch jede Menge Dinge, die einem fremd sind, aber besonders zauberhaft kommt einem das nicht mehr vor. Ich erinnere mich durchaus noch an Jahre, in denen ich heimlich geträumt habe, in mein altes Leben zurueckzugehen - obwohl das bei mir die Jahre waren, in denen ich so damit beschäftigt war, die kleinen Füchse zu lecken, dass ich die Nase kaum aus dem Fuchsbau gesteckt habe und nur wenig Gedanken an mich selbst, meinen Zustand verschwendet habe. Dann wieder, wenn ich etwas verstanden hatte, es bei mir angekommen war, dann gingen wieder die Türchen auf und ich war begeistert. Das ist wie beim Studium: im ersten Semester drückt einem jemand Kierkegaard in die Hand, aber kapieren tut man ihn erst zehn Jahre später. If ever.

Und so geht es immer weiter. Jedesmal derselbe Prozess von Erstaunen, Fremdheit, Aneignung - oder aber Entfremdung, wenn man es nicht schafft, sich dem Fremden positiv zu nähern und zu begreifen, daß man selbst ja auch fremd ist. Ich hatte Glück, ich habe den Weg positiv gehen können. Jedesmal auf einer höheren Ebene - ohne die Schritte in das Fremde hinein, die ich vor zehn oder fünfzehn Jahren getan habe, könnte ich heute nicht verstehen, was ich verstehe. Und obwohl man immer anders bleibt (so wie zwei Eheleute ja auch nicht zu einer Person verschmelzen), so wird die Bindung doch immer enger.

Die Irritiationen der ersten Jahre, der Gewöhnungsjahre, die bleiben irgendwann aus. Ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal mit meinem Mann so gezankt habe, daß er mir fremd vorkam - oder mich in Israel so unwohl gefühlt habe, daß ich es mir fremd vorkam. Ich will den Mund nicht zu voll nehmen und sagen, das ist NIE passiert - an sowas erinnert man sich ja auch nicht gern. Aber die Bindung ist so eng und wichtig, daß ich nicht zurückblicken kann und Fremdheit sehe. Ich sehe nur Schritte der Annäherung, der Annahme.

Die richtige eheliche Liebe, da hat die alte Frau Drendorf vollkommen recht, die wächst mit der Kenntnis der Schwächen des anderen, die einem mit den Jahren erst richtig lieb werden. (Wobei man bei meinem Mann die Schwächen wirklich mit der Lupe suchen muß! ich finde ihn perfekt) Und die Eingewöhnung in ein fremdes Land ist irgendwann so vollkommen, daß man sich als daheim empfindet und einen die Macken der andren nicht mehr stören, sondern man sie als liebenswert empfindet. Wann das bei mir war, dieser Punkt? Es ist so lange her, daß ich mich nicht erinnern kann.

Im Falle Israel hat man ja Hilfe von außerhalb: Saddam Hussein, Hassan Nasrallah und andere gute Seelen haben im Laufe der Jahre dafür gesorgt, daß ich immer wieder aufs Neue JA sagen konnte zu Israel. Immer wieder steht man vor der Entscheidung: bin ich verrückt und bleibe hier, oder gehe ich weg?, und man bleibt. In meinem Falle haben auch die Kinder geholfen. Ihre Welt ist Israel - und damit ist es auch meine.

Aber ich kann gut verstehen, wenn jemand durch Täler geht und ihn alles nervt - sowohl in einer mittelfrischen Beziehung als auch in einer mittelfrischen Eingewöhnung in ein neues Land. Ich erinnere mich an die Spanien-begeisterte Freundin und ihren Stoßseufzer, “die Spanierinnen waschen Salat mit Domestos!”. Das ist für mich zum geflügelten Wort geworden. Irgendwann findet man den Domestos im Salat nur noch lustig oder sogar lecker - aber das dauert. Der verdorbene Magen oder verdorbene Appetit auf dem Weg dahin - das gehört wohl dazu.

Wenn man langsam in der Fremde älter wird, so wie ich, dann ist rückblickend der Gewinn viel größer , als ich anfangs gedacht hätte. Menschlich, intellektuell, emotional, in jeder Beziehung lernt man viel über sich selbst, wenn man sich der Erfahrung der Fremdheit aussetzt, wenn man lernt, daß Armer Ritter hier gesalzen und nicht gezuckert wird, und was es nicht sonst noch alles für seltsame Sitten im wilden Israel gibt. Und daß Armer Ritter eben nicht “von Natur aus” süß oder salzig ist, sondern daß das einfach Gewohnheit ist.

Das hilft einem auch bei persönlichen Konflikten, man wird ein bißchen gelassener oder flexibler, na ja, soweit eine störrische Persönlichkeit sich aufweichen läßt. Aber ich würde diese Erfahrung nicht missen wollen, auch nicht diese doppelte Sicht, die ich auf die meisten Dinge habe. Auch wenn es manchmal schwierig ist, weil die Deutsche in mir ja noch da ist - und die Israelin in mir manchmal mit ihr hadert. Aber eigentlich, ganz unabhängig davon, ob man nun nach Israel oder Island verschlagen wird - die Eingewöhnung in einer ganz fremden Umgebung sollte man sich mindestens einmal im Leben gönnen.

Preisfrage Februar 11, 2007, 22:36

Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis.
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Wenn Deutsche und Israelis laut Studie “besser voneinander denken” - sollte nun mein Selbstwertgefühl nicht dramatisch in die Höhe schnellen? oder muß ich nun eine gespaltene Persönlichkeit entwickeln?

Andere Welten Februar 11, 2007, 14:21

Posted by Lila in Kunst, Land und Leute.
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Von Zeit zu Zeit erreicht mich eine Einladung zu einem Vortrag oder einer Vortragsreihe. Jede Stadt, jedes Städtchen hat ein “Haus der Histadruth”, der Gewerkschaft, die ja in Israel mal sehr stark war. Dort werden alle möglichen Aktivitäten angeboten, darunter auch regelmäßige Vorträge für die Rentner. Mein Name kreist wohl zwischen diesen Einrichtungen, und alle paar Monate ruft mich eine freundliche, eifrige Leiterin einer solchen Einrichtung an. Da ich ältere Menschen instinktiv mag, versuche ich, diese Vorträge in meinen Zeitplan zu quetschen.

Dabei sehe ich Städte, die ich sonst nur vom Vorbeifahren kenne. Es amüsiert mich immer etwas, daß in jeder israelischen Stadt dieselben Straßennamen auftrauchen: Rothschild, Weizmann, Bialik. Man sieht deutlich, daß sich in Nordisrael eine Schicht neuer Bürogebäude, Einkaufszentren und Wohnsiedlungen wie eine Schicht über das alte Israel der halb-agrarischen Städtchen legt, in denen noch die kleinen, bescheidenen Häuser der Einwanderer-Generation stehen. Die kleineren Städte sind voll mit kleinen Läden, in die ich gern reingucke. Ich laufe überhaupt gern an Orten rum, wo ich niemanden kenne und wo niemand mich kennt.

Die Histadruth-Häuser waren bestimmt mal Schmuckstücke des Stadtzentrums, in den 50er oder 60er oder 70er Jahren. Jetzt sind sie runtergekommen, abgewetzt, sauber und ordentlich und voll Leben, aber ganz anders als die blitzenden, blinkenden, prahlerischen Fassaden der Einkaufszentren, die das Stadtzentrum von allen Seiten umzingeln. Die Frauen und Männer, die in diesen Häusern arbeiten, sind meiner Erfahrung nach ausgesprochen nett und engagiert. Sie kennen alle Leute, die bei ihnen ein und aus gehen, und sie freuen sich, wenn die Rentner zufrieden sind. Es gibt immer einen Vortragssaal, mittelgroß, mit hölzerner Bühne und Garderoben - man kann auch kleine Theaterstücke oder Musik vorführen. Beamer haben sie nicht, den muß man mitbringen.

Frans Hals, Amme und Kind

Die Stühle sind abgewetzt, die Türen klappern, und die Rentner kommen pünktlich. Sie freuen sich und sind gespannt. Sie hören gut zu, machen Bemerkungen - meist sitzt hinten links der Scherzmacher der Gruppe, der einen aus der Fassung bringen will. Das Publikum anerkennt, wenn man in solchen Momenten schlagfertig ist.  Obwohl ich im normalen Leben von legendärer Humorlosigkeit bin (und von den Kindern erbarmungslos deswegen geneckt werde), schenkt einem die Rolle der Vortragenden immer ein paar Fähigkeiten, die man sonst nicht hat, und ich habe bisher immer gut pariert. Ich freue mich ja, wenn die Leute auftauen und sich beteiligen. Der Scherzmacher ist oft ein Eisbrecher.

Ich sehe immer, daß diese israelischen Menschen ab 70 ein besonderes Völkchen sind. Zu diesen Vorträgen kommen, meiner Erfahrung nach, überwiegend Ashkenasim, von denen viele Museumsbesucher sind. Wenn sie verreisen, dann gehören Museen immer dazu. Oft sehe ich jemand im Publikum nicken oder höre ein Murmeln, “das war Velazquez” oder “hm, wie bei Raffael”. Manchmal sagen sie mir hinterher, “schade, daß wir den Vortrag nicht gehört haben, bevor wir im Prado waren”. Ich denke mir, daß ein nicht kleiner Prozentsatz Überlebende des Holocaust sind -  ich weiß es nicht.

Die Themen, die ich für solche Gelegenheiten wähle, sind immer so allgemein, daß auch Leute, die für Kunst nichts weiter übrig haben, gern zuhören. Familienporträts gehen immer gut, weil die Geschichten dazugehören,  jede Familie erzählt ja ihre Geschichte im Bild. Kinderbilder, Tiere, Ehepaarbilder, solche Themen.  Ich mag sie auch selbst. Komisch, egal wie oft ich so einen Vortrag schon gegeben habe, ich ändere ihn jedesmal ab. Wann werde ich so routiniert sein, daß ich einfach denselben Vortrag noch mal gebe?

Ich bin nie zufrieden, montiere bis fünf Minuten vor Beginn noch daran rum. In meiner Tasche habe ich immer zwei CDs mit, aus denen ich im letzten Moment noch ein Bild fischen kann, wenn es mir einfällt.  PowerPoint ist auch wirklich praktisch, ich habe in jedem Vortrag Reservebilder verborgen, die ich bei Bedarf zeigen kann. Aber bei einem Publikum, das nicht wegen der Kunst kommt, sondern aus Gewöhnung, zeige ich meist Bilder, die jeder gern sieht, die man auch ohne Studium versteht, die nicht nur zum Auge, sondern auch zum Gefühl sprechen. (Man beachte die kleine Handfläche, die sowohl Hals´ Catharina als auch Ghirlandaios Enkelkind zum vertrauten Erwachsenen ausstrecken).

Ghirlandaios Großvater und Enkel

Ich komme so selten aus meiner kleinen Seifenblase raus, daß ich es richtig genieße, die Nase in eine andere kleine Welt zu halten. Ich mache diese Vorträge nicht fürs Geld, sondern für den Spaß, den ich dabei habe.

Nachgekartet Februar 10, 2007, 12:57

Posted by Lila in Bloggen, Land und Leute.
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Von Zeit zu Zeit gucke ich mir meine Archive an und denke nach, ob ich sie nicht doch irgendwann mal importieren kann. Keine Ahnung, wie Bine das gemacht hat! Und dabei bin ich auf einen Eintrag vom 13. Juni letzten Jahres gestoßen, genau einen Monat also vor dem Libanonkrieg. Damals hat die Air Force mobile Abschußrampen von Qassam-Raketen bombardiert und dabei sind Zivilisten umgekommen.

Ein flüchtiger Gedanke: kommt das davon, wenn man einen Air Force-Mann als Ramatkal (Generalstabschef) hat? Y. war für Gabi Ashkenazi, die Ernennung war umstritten, und wir haben sie sehr intensiv verfolgt. Y. als Fallschirmjäger und Reservist der Infanterie hatte damals gemeint, er hat Sorge, daß Halutz alle Probleme aus der Luft lösen will. Und Peretz hat keine Erfahrung, er läßt sich vielleicht zu leicht überzeugen?

Tatsächlich, es ist genauso gekommen.  Ich dachte schon, ich spreche retroaktiv meinem Mann eine Weisheit zu, die ich mir vielleicht nur einbilde. Also, dafür ist das Bloggen doch wirklich gut: man kann nachprüfen, wie weit man danebengelegen hat - oder eben doch mal richtig.

Perpetuum mobile, oder: Vorsicht, bissige Autorin! Februar 10, 2007, 11:06

Posted by Lila in Land und Leute.
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Man kann sich ärgern, auch wenn man es nicht sollte. Der Karikaturenstreit. Die Papstrede. Eine Fußgängerbrücke an der Klagemauer. Egal wie lächerlich der Anlaß, egal wie harmlos, egal ob wirklich Gefahr für die Al Aqsa-Moschee besteht oder nicht - sie spritzen Gift und Galle, sie demonstrieren, werfen Steine, lassen keine Erklärung zu, greifen zu Gewalt, marschieren hinter ihren Anführern her, schreien Haßparolen. Ich weiß, ich weiß, ich sollte nicht sie sagen, es ist häßlich, unaufgeklärt, zeugt von Vorurteilen und jeder einzelne der aufgebrachten Masse mag ein ehrenwerter, einsichtiger Mensch sein, wenn er von der Masse entfernt ist. Aber sie wirken und handeln wie eine uneinsichtige, irrationale, gewaltbereite Masse.


Unmittelbare Bedrohung?

Bei der Errichtung einer Brücke statt einer vor ein paar Jahren eingestürzten Fußgängerrampe wird also vorher gegraben, um sicherzugehen, daß keine archäologischen Funde dabei kaputtgemacht werden. Was ist daran skandalös? Wenn in Rom oder Athen Erdarbeiten vorgenommen werden, ist es selbstverständlich, vorher eventuelle archäologische Funde zu sichern. Ja selbst in meinem Heimatstädtchen Jülich, einst das römische Juliacum, wurde bei den Bauarbeiten zum smarten neuen Einkaufszentrum darauf geachtet, keine Zeugen der Vergangenheit zu beschädigen. Wieso sollte es in der uralten Stadt Jerusalem anders sein?

Ich weiß, unter Israel-”Kritikern” hat sich die Ansicht durchgesetzt, die Juden seien erst nach 1948 ins Heilige Land geströmt, das vorher Jahrtausende hindurch fest in arabischer Hand war - aber das kommt nun mal davon, wenn in den Schulen zu wenig Wert auf historisches Denken gelegt wird und niemand weiß, wer der König Salomon war und wann er gelebt hat, und wann Mohammed, und wo die beiden jeweils gelebt haben. Von Jesus, dem Juden, ganz zu schweigen - ich denke oft gern, daß er vielleicht auf einem Stein in unserem Garten gesessen hat. Wer in Israel buddelt, der findet vielerlei, und es zieht den “Kritikern” vielleicht allzusehr den Boden unter den Füßen weg, wenn hier Münzen aus der Erde geholt werden, die in derselben Schrift beschrieben sind wie die Humus-Dose in meinem Kühlschrank. Deswegen ignorieren sie es entweder, sie streiten es ab oder erklären es für unwichtig.

Warum also sollten die Juden nicht ihre Altertümer hüten so wie die Jülicher, Römer und Athener ihre? (Und ich mache hier gar nicht erst die Rechnung auf, wie viele religiöse Heiligtümer anderer Religionen von radikalen Moslems zerschlagen worden sind… denn das wäre immer noch keine Rechtfertigung, es ihnen tit for tat heimzuzahlen!) Da die Moslems dieser Welt aber den Israel-”Kritikern” ideologisches Futter für ihre Lüge von den Juden-ohne-Verbindung-zum-Land-Israel liefern, ist die Wahrheit ihnen unangenehm, und sie versuchen, diese archäologische Vorsorge und Sicherung so weit wie möglich zu behindern. Auch der lächerlichste Vorwand ist ihnen recht.

Was kümmert es sie, daß diese Fußgängerrampe weit von der Al Aqsa-Moschee entfernt ist? Was kümmert es sie, daß von ihrem angeblich befürchteten Einsturz zuallererst die Klagemauer betroffen wäre, als Überrest des Tempels allen Juden der Welt heilig? Was kümmert es sie, daß die Israelis erklären, zeigen, filmen, und wieder erklären?

Es interessiert sie so wie sie die Motive der Redakteure der Jyllands-Posten interessiert haben, wie der Wortlaut der Papstrede sie interessiert hat und wie sie die Tatsache interessiert, daß Juden aus Rücksicht auf moslemische Gefühle den Juden Zutritt zu ihrem eigenen Tempelberg verwehren! Es kümmert sie kein bißchen. Auf der ganzen Welt sind die Schreihälse wieder unterwegs, “Mit Geist und Blut erlösen wir dich, Al Aqsa!” Erlösen wovon? Der Waqf verwaltet Al Aqsa und nutzt seine Autonomie dazu, selbst zu buddeln wie die Weltmeister - und damit eventuell die Klagemauer zum Einsturz zu bringen. Außerdem läßt der Waqf jüdische Altertümer verschwinden, um seine Behauptung, daß Jerusalem nie jüdisch war, zu untermauern. Das ist aber okay, oder?

Wer jetzt automatisch wieder in den böses-böses-Israel-Reflex verfällt, wer bei Bildern von steinewerfenden Palästinensern sofort fühlt, daß sie sich zu Recht gegen Unterdrückung wehren - der soll sich mal einen Moment lang ehrlich fragen: wie habe ich reagiert, als es gegen den Papst ging? was habe ich gedacht, als es wegen dieser Karikaturen losging? Kann es nicht diesmal doch sein, daß die Israelis sich normal und angemessen verhalten, die Führung der Palästinenser dagegen und der Moslems überhaupt in zynischer Weise ein Feuer schürt, das sie gar nicht erst hätten entzünden müssen?

Denn wenn jemand Al Aqsa schreit, ist sofort der Mob zur Stelle, bereit, Steine zu schmeißen und zu drohen. “Wir werden Al Aqsa mit unseren Körpern gegen die Zerstörung durch die Juden verteidigen!” schrillt eine ältere Dame in die Kameras. Es ist hoffnungslos, ihr erklären zu wollen, daß Al Aqsa nicht bedroht ist. Auch Abu Mazen, Mubarak und der König von Jordanien hetzen mit - sie können es sich einfach nicht leisten, ein Wort der Mäßigung oder der Vernunft einzuwerfen.

Die Ausschreitungen werden weitergehen, sich ausbreiten, Todesopfer fordern. Und wofür? Für nichts und wieder nichts, wie bei Sharons Besuch des Tempelbergs. Aber in der nächsten Runde werden sie dann wiederum als Rechtfertigung herhalten. So bleibt das Perpetuum mobile moslemischen Zorns in Gang. Man könnte sich ärgern, sollte es aber nicht, schreibt es sich vom Herzen und hofft, daß irgendwann mal die Einsicht siegt. Hoffentlich bald.

Andere Meinungen zum Thema:

BBC news

FAZ Ausland

FR Online Politik

N-TV (Ulrich Sahm aus Jerusalem)

NZZ Online

Tagesspiegel

Guardian

Yeduda Litani in Ynet

Fox


Und Blogs:

Pajamas Media

Photoserie hier (Snapped Shot)

Meryl Yourish (mehrfach)

Jihad Watch

Lese-Empfehlung Februar 10, 2007, 9:48

Posted by Lila in Land und Leute.
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David Bogner erzählt die Geschichte einer jungen Deutschen, die während ihres Aufenthalts in Israel ein Cello mieten möchte, weil sie nicht aus der Übung kommen will.  Davids Geschichten sind so lesenswert, daß ich sie eigentlich ständig verlinken möchte - und diesmal tu ich es.

Wahlkrimi Februar 9, 2007, 19:08

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Nur zehn Chaverim haben nicht gewählt - einer will den Kibbuz verlassen und fände es unmoralisch, ein anderer ist im inneren Exil, andere wollen einfach nicht.Der gesamte Wahlausschuß kam zum Auszählen, nur Frauen übrigens, auch meine mir sehr liebe Schwiegermutter. Wir guckten von Zeit zu Zeit hoch, lächelten uns an. Vor der Tür warteten gespannte Chaverim, und alle Telefone klingelten. Auch Sekretäre anderer Kibbuzim riefen an, und ein paar der Berater von außerhalb. Wir hörten die Sekretärin und den Sekretär (die Leitung des Kibbuz) aufgeregt rumflattern und antworten. Die Sekretärin hat ja darauf gedrungen, daß wir alle an die Wahlurne locken. Das haben wir getan. Doch haben sie auch in ihrem Sinne gewählt?

kalfi.jpg

Gezählt. Zuerst die Umschläge. Die Zahl stimmte. Dann die Listen. Vorwärts, rückwärts und nach Namen - das war meine Aufgabe. Die Zahl stimmte ebenfalls. Dann die Zettel aus den Umschlägen gefischt und nach Farben sortiert. Alles dreimal durchgezählt. Die Zahlen stimmten jedesmal. Durchgerechnet, dreimal. Immer dasselbe Ergebnis. Nur wenige Stimmen unter der erforderlichen Schwelle zur Dreiviertelmehrheit geblieben, ein Prozentwert in den Sechzigern. Die Sekretärin in Tränen, ein Teil des Wahlausschusses erleichtert, ein Teil bedröppelt. Protokoll zu Ende geschrieben, alle unterschrieben, Plakat ausgefüllt, abgestempelt. Das hängt jetzt im Eingang zum Dining Room. Ich glaube, daß heute an allen Tischen darüber diskutiert wird.

Puh. Jetzt geht es also wieder von vorne los. Ein neues Modell muß entwickelt werden. Soll es mehr dem jetzigen, dem sogenannten Übergangsmodell ähneln, oder dem, das gerade abgelehnt wurde, nur in verbesserter Form?

Puh, das war spannend.

Zwischenbericht Februar 9, 2007, 17:17

Posted by Lila in Bloggen, Kibbutz, Kinder, Katzen.
3 comments

Ich hab also von 12 bis 15 Uhr im Wahlzimmer gesessen. Die meisten Leute haben gelacht oder gestaunt, daß so ein Bahei um diese Wahl gemacht wird. Nicht wenige haben gescherzt, ob sie nun ihren Ausweis vorzeigen sollen, oder ob hinter der Klappkabine (selbstgebastelt vom Sekretär des Kibbuz) eine versteckte Kamera ist. Ich habe sie daraufhin gefragt, ob sie allein gepackt haben, ob sie ihr Gepäck unbeaufsichtigt gelassen haben oder ob ihnen jemand ein tickendes Paket mitgeben wollte.

Wir haben sie gebeten, die Umschläge nicht zuzukleben, weil sonst das Zählen so mühsam ist, und mindestens zehn haben gedankenvoll dazu genickt, während sie die Folie vom Klebestreifen zogen und den Umschlag zuklebten. Übrigens sind die “dafür”-Zettel grün, die “dagegen”-Zettel dagegen rosarot. Ampelsymbolik gewissermaßen. Schade, gelb gibt es nicht, bedauerten mehrere.

Die Sekretärin, treibende Kraft hinter dem ganzen Shinui, kam immer wieder rein und erzählte mit spöttischem Lachen, “angeblich läuft das Gerücht um,  die rosaroten Zettel wären so schnell weg gewesen, daß wir neue hätten drucken müssen”. Hm, den Stapeln mit Reservezetteln nach zu urteilen sind mehr grüne als rote benutzt worden.

Ein alter Mann verschwand hinter der Kabine und sagte laut, “ich bin dagegen, diese jungen Leute wollen uns den Kibbuz kaputtmachen”, eine andere, uralte Frau kam an Krücken und meinte, “man muß mit der Zeit gehen, ich stimme dafür”, und ein junger Unternehmer rief beim Rausgehen, “Grün gewinnt! wir malen das Land grün an!” (aus der Fußballsprache). Die meisten Leute aber stopften ihre Zettel schweigend in die Umschläge. Zwei Chaverim kamen mit Kameras und photographierten uns Wahldamen.

Um 17 Uhr bin ich wieder dran, wir zählen diesmal zu fünft aus. Gestern hat sich wohl ein Chaver EXtrem unbeliebt gemacht, weil er meinte, er verläßt sich nicht auf uns, und es sollten “objektive Beobachter” beim Auszählen dabei sein (ob er sich selbst damit meinte?). Wir haben alle Leute angerufen, die noch nicht gewählt hatten - deren Name auf der Liste also noch  nicht ausgestrichen war. Einer meinte, “ich bin gestern nacht erst aus Australien wiedergekommen und arbeite mich noch durchs Heftchen, ich komme aber noch!” Vier Leute meinten, sie wählen nicht und wir sollen sie in Ruhe lassen, kibinimat.

Einer war schwer vergrippt, den haben wir eine Vollmacht  erteilen lassen und die Vorsitzende des Wahlausschusses hat für ihn gewählt, wie er ihr gesagt hatte. Überhaupt waren ziemlich viele Vollmachten diesmal. Das Wahlprotokoll war schon ganz dicht beschriebene zwei Seiten, als ich kam. Ich habe den Vermerk hinzugefügt, daß Yair Shnayder (Name von der Redaktion geändert) angab, gestern bereits gewählt zu haben, aber nicht aus der Liste gestrichen war.  Nachfrage bei der Wahlhelferin von gestern ergab, daß das stimmt und er wurde nachträglich gestrichen. Ansonsten gab es keine Vorkommnisse.

Die Vorsitzende des Wahlausschusses, mit der ich ganz gut befreundet bin, fragte mich, wie wir in der Arbeitsgruppe für die neue Webseite  des Kibbuz vorankommen. Ich erzählte es ihr (nämlich gar nicht, ha ha), und sie fragte, warum ich überhaupt in der Gruppe drin bin, ich bin doch keine Computer-Fachfrau. Nein, aber ich blogge und deswegen fühle ich mich als Expertin für Kräh und Mäh im Internet. Rak räga, wie bitte, Blog?

Da habe ich ihr erklärt, was ein Blog ist, und was mein Blog für einer ist, und die andere Frau, die mich eigentlich ablösen sollte, kam dazu, und sie fragten mich total fasziniert aus. Was für Leute mitlesen, ob sie kommentieren, und wie, und ob ich meine Leser kenne, und wie Leute dazu kommen, in einem Blog mitzulesen. Woher Leser wissen, ob sie mir glauben können oder ich nicht alles erfinde. Woher ich die Zeit nehme. (Ganz einfach - ich sehe keine Serien im Fernsehen, das erspart Zeit. Pro Tag eine Stunde, mal ein bißchen mehr, mal viel weniger.)

Ich erklärte, was eine Blogroll ist, und daß mit jedem Kommentar ein Link zum Blog des Kommentierenden, so vorhanden, erscheint, und wie man sich so vernetzt und durchklickt, und was die Blogosphäre ist. Was es für Blogs gibt, wie sie sich von Journalismus unterscheiden, wie das eben so funktioniert. Daß gar nicht so wenige meiner Leser inzwischen bei mir zu Besuch waren, und daß ich glaube, Leser entwickeln ein ganz gutes Gefühl dafür, wie weit man eine Lüge treiben kann - und daß, wer länger bei mir mitliest, schon merkt, daß ich echt bin. Ich erzähle bei weitem nicht alles, ganze Bereiche meines Lebens sind extraterritorial, ich modle Geschichten um, ändere Umstände, anonymisiere - das ja. Aber ich erfinde nichts, und ich lüge nicht.

Wie ich meine Themen wähle? Hm, wie wählt man Themen bei einer Unterhaltung aus. Es ergibt sich halt so. Nicht alles blogge ich, was mich beschäftigt, aber ich blogge nichts, was mich nicht auch beschäftigt.  Yaaah, und wie kann man im Internet Blogs finden? Nu, mal in Google Israblog schreiben, und bei Israblog einfach da reinlesen, wo es interessant aussieht. Und sich dann immer weiter hangeln. Ah wirklich? Das werden sie mal ausprobieren.

Zwischendrin hatte ich ein richtiges lustiges Gefühl: so fasziniert-ungläubig, wie manche Leser auf die Buzzwords Israel-Kibbuz reagieren, so reagierten diese Kibbuz-Veteraninnen (gestandene Kibbuznikiot zwischen 50 und 60) auf die Blogosphäre.  Ich hatte wieder dieses vertraute Brücken-Gefühl - mit zwei Ufern gleichzeitig verbunden, aber selbst in der Luft hängend, und alle trampeln auf einem rum…? Spaß, Spaß, niemand trampelt auf mir rum!

So, und jetzt mache ich eine kleine Pause mit Mrs. Gaskell und einem warmen Getränk. Um fünf zählen wir aus.