Und noch ein guter Vorsatz Februar 22, 2007, 8:34
Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.trackback
Es stimmt, ich spreche zu viel Hebräisch mit den Kindern. Ich muß muß muß mehr Deutsch mit ihnen sprechen. Quarta ist die einzige, die mir auch auf deutsch antwortet, selten auch mal Primus, aber Secundus und Tertia praktisch nie. Weil die Familiengespräche automatisch auf Hebräisch ablaufen, auch Y.s wegen, fällt mir im Moment der Übergang ins Deutsche unheimlich schwer. Früher, mit Vorlesen und Singen und Malefizspielen, war es einfacher. Aber jetzt, wo die Kinder alle selbst lesen (Quarta hat einen ganzen Stapel Bücher zum Geburtstag bekommen, ein schönes Lesezeichen und eine Leselampe am Bett hat sie sowieso), wo die Großen oft unterwegs sind (Tennis, Gitarre, Klaiver - ganz bürgerlich…und Arbeit im Schafstall und in der Jugendbewegung, weniger bürgerlich)… da lasse ich mich zu leicht vom hebräischen Strom mitreißen.
Ich nehme mir das jetzt ganz ganz fest vor! Sonst verlern ich das Deutsche selbst noch ganz. Schreiben geht ja noch, aber beim Sprechen komm ich schon ins Schwimmen. Was auch daran liegen mag, daß ich viel englisch schreibe und lese, auch gar nicht selten spreche. Das ist eine ganz schwierige Sache mit der Zweisprachigkeit im Haus, das stellt man sich kaum vor. Und im Gegensatz zu vielen anderen elterlichen Pflichten und Vergnügen wird es im Laufe der Zeit nicht leichter und selbstverständlicher, sondern schwieriger und anspruchsvoller. Also, wir sprechen ab sofort nur noch des Deutschen.


Na du machst mir ja Mut!!! Und ich dachte, nur am Anfang ist es schwierig und anschliessend pendelt sich das ein!
Fuer den Anfang biete ich Dir Lilas deutschsprachige Schatz- und Schwatzkiste fuers Kleinkindalter an - Buecher, Spiele, Cassetten, Videos… im Ernst. Steht bei mir nur noch rum. Du bist herzlich eingeladen!
Hey, das bietest du mir jetzt schon zum zweiten Mal an. Du scheinst sie wirklich loswerden zu wollen. Ich werde darauf zurück kommen, wenn ich ein bisschen Luft habe — danke!
Ja ich dachte, wenn ich es in beiden Blogs anbiete, nimmst Du mir das Zeug vielleicht endlich ab ;-)))))
Und Luft - ja die ist bei mir auch eng eng eng im Moment.
“Sonst verlern ich das Deutsche selbst noch ganz. Schreiben geht ja noch, aber beim Sprechen komm ich schon ins Schwimmen.”
Geht das wirklich so schnell? Ich hielt das immer für ein Gerücht. Wie schlimm ist es denn schon mit dem Sprechen?
Schnell? Du Jeck. Du warst bestimmt noch in der Grundschule, als ich mir den deutschen Staub von den Schuhen geblasen habe.
Das ist kein Geruecht. Ich lebe hier seit ca. 18 Jahren und es gibt ganze Themengebiete, zu denen mir die deutschen Worte nicht mehr einfallen - oder ich hab sie nie gewusst. Dann kommt schon mal “Sandpapier” statt Schmirgelpapier, weil das Hirnchen langsamer laeuft als der Mund.
Ich habe das Gefuehl fuer meine Muttersprache verloren, beim Sprechen zumindest. Ich kann nicht mehr sofort und praezise reagieren, schriftlich schon eher (auch nicht mehr so gut wie einst), aber verbal holpert es. Mein Sprech-Deutsch spuere ich gewissermassen nur noch mit Handschuhen. Beim Lesen und Hoeren bin ich so sensibel wie eh und je, aber beim Sprechen, wo es auf Wendigkeit und Spontaneitaet ankommt … oh weh.
Ich weiss zum Beispiel nicht, ob ich einen meiner Vortraege auf Deutsch halten koennte.
Uebrigens bedeutet das nicht, dass bei mir Ivrit nun die Stelle der geaeufig, eloquent und selbstverstaendlich gesprochenen Muttersprache eingenommen haette. Leider nicht. Ich spreche fliessend, relativ gewandt, kann komplexe Sachverhalte erklaeren, mache keine grammatischen Fehler und benutze auch ausgefallene Ausdruecke - ja. Aber Wortspiele, Wortwitz, ein spielerisches Verhaeltnis - das geht nicht. Ich hab im Hebraeischen den Fahrtenschwimmer, aber ein Fisch bin ich deswegen noch nicht.
Es ist ein Verlust, aber vermutlich kein irreversibler. Wuerde ich zwei, drei Monate nur deutsch leben, dann kaeme die Sprache vermutlich zurueck. Ich kann mir auch vorstellen, dass meine Kinder mit einem laengeren Deutschlandaufenthalt richtig gut werden koennten, denn sie verstehen alles, sprechen holperig aber haben guten Zugang in die Sprache.
Aber frag Gingit, die hat mir am Telefon mal gesagt, “du sprichst deutsch wie ein Israeli, der im Rheinland lebt”. Huuuuh!!!! *bittere Traenen*
Hallo Lila,
ja, das kenne ich auch! Bei uns kommt als Komplikation hinzu, dass ich Schweizerdeutsch mit den Kindern spreche, ihnen aber Hochdeutsch beibringen will. Weil ich ja mal beim Theater war, kann ich das akzentfrei sprechen. Ich stelle aber auch fest, dass mein Deutsch nicht mehr auf der Hoehe ist. Technische Ausdruecke fehlen mir teilweise ganz, weil ich ja erst in Israel in die Metallbranche und dann in die Elektronik gewechselt bin. Vor allem aber meine ich spueren, dass mein Deutsch sozusagen Anfang der 90er eingefroren wurde. Im deutschen Sprachraum entwickelt und veraendert sich die Sprache und ich lebe sie nicht und bekomme das daher nicht mit. Noch einige Jahre dann wird der altmodische Charakter vermutlich unueberhoerbar.
“Schnell? Du Jeck.”
Vor Begeisterung über den Volltreffer meiner kleinen Stichelei gerade einen Luftsprung gemacht.
Und dann habe ich noch kurz nachgerechnet: Als du vor ca. 18 Jahren den deutschen Staub von den Schuhen gepustet hast, wusste ich schon lange nicht mehr, was eine Grundschule ist…
Und so schlimm ist es dann mit dem Sprechen bei dir ja doch nicht. Deutsch mit israelisch-rheinländischen Zungenschlag klingt bestimmt gut. Gibt es eigentlich bei Blogs keine Möglichkeit, dass du deine Beiträge als Sprachaufnahme online stellst? Wäre für dich eine gute Übung und wir hätten unseren Spaß!
Ich bin zwar erst seit sechs Jahren hier, beginne aber schon zu spüren, was sich bei euch bereits ausgeprägt hat. Holprig kommt es mir auch oft nur noch über die Lippen. Oder ich drücke mich ganz umständlich aus. Und dass mein Deutsch sich nicht (oder nur kaum) entwickelt, weil ich vom deutschen Sprachraum isoliert lebe, das ist mir auch traurig bewusst. Dabei hänge ich doch so an der Sprache…
Was Ruth erwähnt, die “eingefrorene” Sprache, ist klassisch an alten Jeckes zu sehen, die nach Jahrzehnten wieder Deutsch sprechen und denen ein bestimmter Wortschatz einfach fehlt. Ich meine, ich hätte mal irgendwo gelesen, daß jemand das sogar mal erforscht hat - man kann von ihnen nämlich Redewendungen hören, die sonst niemand mehr benutzt.
Die Großmutter menes Mannes zB nannte Paprika, also diese Gemüsepaprika, die man in Salat schnibbelt, konsequent “Pfeffer” - weil auf Ivrit sowohl das Gewürz Pfeffer als auch Paprika “pilpel” heißen. “Gib mir mal eine Pfeffer”. Und den Fernseher bezeichnete sie als “Televisia”, wie im Hebräischen. Denn als sie Deutschland verließ, waren Paprikas wohl unbekannt, und Fernsehen war noch nicht.
Und ich hänge auch am Deutschen, liebe Jeanne! Deswegen blogg ich ja.
Mach’ es bitte auch weiter so!
Es ist Dir hoch anzurechnen, dass Du Dich in die Zweisprachigkeit reinhängst: Meinem spanischen Vater wurde das bald zu anstrengend, zudem hat er seine Muttersprache nicht gepflegt. Die eingefrorene Sprache kenne ich mit Vorteilen: Wenn ich heute in Spanien die Kalauer meines Vaters aus den 50ern anbringe, kennt sie keiner mehr, und ich kriege echte Lacher. (Was tut man nicht alles…
die eingefrorene sprache…
ich habe vor einigen jahren in einem altenheim in israel einige ältere damen kennengelernt, die ein wunderbares gepflegtes deutsch sprachen. es hat mich tief beeindruckt und bei mir den vorsatz ausgelöst, meine muttersprache mehr zu achten, liebevoller mit der sprache umzugehen, nach treffenden ausdrücken zu suchen, genitiv und unregelmäßige verben sorgfältiger einzusetzen usw..
doch vorsätze fassen und vorsätze halten sind zwei höchst unterschiedliche angelegenheiten … !
ich habe es immer bedauert, dass ich nur englisch und etwas latein in der schule gelernt habe - und das auch nur mit mäßigem erfolg. das hebräische, das ich mit begeisterung und großem einsatz einige jahre lang gelernt habe, entschwindet auch langsam wieder meinem gedächtnis, weil ich einfach viel zu wenig gelegenheiten habe, es anzuwenden.
hawal, hawal!
“Sie führte einen gepflegten Genitiv spazieren”, an dieses Gripsholm-Zitat mußte ich bei deinem letzten Satz denken.
Dann und wann überkam mich bei meinem Arbeitseinsatz in Südfrankreich schon das Gefühl, “und jetzt willst du ein ganzes Leben unter Menschen verbringen, die deine ureigenste Sprache nicht sprechen?” Ich kann nur zu gut nachvollziehen, was du über das Leben in der fremden Sprache schreibst. Mein Französisch ist nicht fehlerfrei - nicht mehr, ich mache immer mehr die gleichen Fehler wie die Muttersprachler… dennoch: bei Sprachspielen muß ich immer wieder auch mal nachfragen, weil ich sie einfach nicht verstehe, und das, obwohl ich selbst ein großer Kalauer-Fan bin und sich das Französische hervorragend zu sowas eignet, was ich auch nach Kräften ausnutze, sobald sich eine Gelegenheit bietet!
Meine Kinder sprechen mit mir deutsch, wie auch mit ihren Großeltern väterlicherseits, und inzwischen hat sich ihre Sprache wieder gefestigt, nachdem sie eine Zeitlang sehr schlechtes Deutsch sprachen. Aber wie das mal wird, wenn ich wieder eine Familie gründen sollte? Ich weiß es nicht.
Immerhin: dank Internet bleibe ich in meiner Muttersprache besser auf dem Laufenden als vor 11 Jahren, als ich zuerst im Ausland war; da fehlte mir nach wenigen Wochen schon das Gefühl für die Sprache und ein Teil ihres Vokabulars, so daß ich meine damaligen schriftstellerischen Ambitionen sehr schnell aufsteckte.
@ StefanHH, es gibt ja in den blogs mittlerweile diese sogenannten ‚podcasts’ – mit welchen man Sprachnachrichten , -Berichte in den blog stellen kann, ähnlich den video-clips, nur ohne Bild eben – aber podcasts liegen nicht jedem (aber vielleicht wäre es doch einmal interessant ‚deutsch wie ein Israeli, der im Rheinland lebt’ zu hören) .
& liebe Lila – der Titel hier ‚gute Vorsätze’ klingt schon so, als ob es nicht lange halten wird (weil das tun gute Vorsätze ja nie), - mein deutsch war schon nach 3 Monate USA-Aufenthalt in den ersten Tagen zurück etwas eingerostet, aber durch dein tägliches bloggen &wohl auch sicher Lesen deutscher Texte, bleibt dir deine Geläufigkeit doch noch so weit erhalten, dass du sicher rasch, also innerhalb weniger Tage oder Wochen wieder zurückschlüpfen könntest – Aber natürlich möchte man die eine Eloquenz nicht verlieren, wenn man die andere gewinnt - man hortet die Kenntnisse, die man im Leben erworben hat als Vermögen, mit dem man investieren kann & sucht jeden Kursverfall zu bekämpfen..
In welcher Sprache denkst du mittlerweile meistens? – Iwrit oder Germanit?
Das mit der konsequenten 2-sprachigen Erziehung der Kinder gelingt nur in wenigen Fällen – da müsste ein einheitlicher Wille beider Ehepartner mit aller Konsequenz dazu, vorhanden sein, der wohl meist fehlt oder nicht durchsetzbar ist.(mangels Konsequenz) – Ute Lempert schilderte in einem interview, dass sie kaum Chancen hatte, ihre halbwüchsigen Kinder noch zum deutsch-sprechen zu bewegen.(die machten sich später eher lustig über ihre Versuche zu gelegentlichem deutsch zu verführen) –
Eine gute französische Freundin, die paar Jahre hier in Deutschland gelebt hatte & mittlerweile mit ihrem Mann nach Frankreich ausgewandert ist, sprechen mit ihrem 7-jährigen Sohn daheim fast nur deutsch (zumindest solange der Mann dabei ist) – hmm – aber wie das später sein wird? -
Ach & übrigens was mich überrascht hat: in deinem kürzlichen Eintrag ‚Überrascht’ – da schriebst du: ‚
“Ich habe den Film auch nicht gesehen, ich würde erstmal gern das Buch lesen, und das gibt es nur auf Hebräisch - was bedeuten würde, harte Arbeit beim Lesen!“
..wenn nach 18 Jahren in Israel lebend, du noch Schwierigkeiten beim Lesen in Iwrit hast, wie schwer ist es dann Iwrit zu lernen?
Ah, das Lesen. Ich habe keine richtigen Schwierigkeiten, Ivrit zu lesen - das lernt sich alles, auch die Sache mit den fehlenden Vokalen. Das Problem ist aber, daß ich nicht so schnell lesen kann wie deutsche, englische oder meinetwegen auch französische oder niederländische Texte (an denen ich natürlich länger knabbere). Das Schriftbild liegt vor meinen Augen wie ein Gitter, durch das ich erstmal durchgucken muß.
Ich kann es flüssig lesen, Wort für Wort, Zeile für Zeile, und ich kann auch vorlesen - es ist nicht, als müßte ich mich stotternd von Buchstabe zu Buchstabe hangeln. Aber ich kann nicht mit einem Blick eine Seite “scannen”, überfliegen, nachblättern. Wenn ich in in einem englischen Text nach einem Satz suche, der hundert Seiten eher war, dann fällt es mir nicht schwer, ihn wiederzufinden. Ich weiß ja, wie er aussieht, und blättere zurück, und schon hab ich ihn. Aber bei einem hebräischen Text muß ich viel mehr Mühe dafür aufwenden.
Ein hebräischer Text gibt mir ein Lesetempo vor, das mir einfach zu langsam ist. Ich bin als Leserin dann nicht mehr souverän und gleite durch den Text, mal langsam, mal schnell, wie es mir paßt - sondern wandere langsam und eifrig durch.
Mit den Kindern - ja, das habe ich so gut wie möglich gemacht. Da Y. nie richtig Deutsch gelernt hat, sich zwar überraschend gut zurechtfindet, aber kein vernünftiges Gespräch auf Deutsch führen kann, war Familiensprache immer Ivrit. Wo beide Eltern eine gemeinsame Sprache haben, die Familie gewissermaßen eine “Binnensprache” hat, die sich von der “Außensprache” unterscheidet, wie bei Minderheiten oder Auswandererfamilien, da klappt es. Aber wo “one parent, one language” praktiziert wird, wie bei uns, da kriegt die Sprache der Umgebung Übergewicht.
Obwohl, trotz allem, meine Kinder nach kurzer Anpassung ins Deutsche eintauchen und es nicht schlecht sprechen.
Und was gute Vorsätze angeht: ich fasse nur ganz selten welche. Aber wenn, dann halte ich die normalerweise auch durch. Mal sehen, wie das mit diesem wird…
“Dann kommt schon mal “Sandpapier” statt Schmirgelpapier, weil das Hirnchen langsamer laeuft als der Mund.”
Gute Nachrichten: Ich kenne es nur als Sandpapier (weswegen ich den Satz mehrmals lesen musste um zu verstehen) und es steht sogar im Duden
Und ich hab mich dafür auslachen lassen!!! Na wartet!!!!!
Von mir Sprachenmuffel bekommst Du jedenfalls vollstes Mitgefühl!
Und ja, man sagt “Sandpapier”, nicht Schmirgelpapier, das Wort benutzen nur “richtige Fachleute”… iss so ähnlich wie “Zollstock” - eigentlich völlig falsch, aber alle verwenden es.
ich kannte mal einen mann beim eichamt, der nannte den zollstock “genormten gliedermaßstab”, und mein dozent an der ghk bestand darauf, dass sand- oder schmirgelpapier mit “schleifpapier” zu bezeichnen sei.
ein freund von uns widerum arbeitet bei den “schmirgelwerken”.
ist ja jetzt alles ganz klar oder?
sage mir einer, dass es einfach sei, die richtigen worte zu finden!
in diesem sinne sag ich jetzt einfach nur “auf wiederlesen” und schönes wochenende!
rika