Bürgertum Februar 21, 2007, 16:36
Posted by Lila in Kunst.trackback
Zum dritten oder vierten Mal war ich heute eingeladen, in der Schule meiner Großen meinen Beitrag zu einem besonderen Tag für die Jahrgangsstufe 9 zu leisten: das Thema des Lernzentrums “Geisteswissenschaften” war monatelang “Bürgertum”, und die Lehrer schließen es mit einem Tag voller Aktivitäten ab. Eine Lehrerin zeigt den Kindern, wie man einen bürgerlichen Tisch deckt, mit einer ganzen Batterie Besteck und Geschirr - diese Generation junger Israelis weiß den Unterschied zwischen Weiß- und Rotweinglas nicht und welches Besteck man zuerst in die Hand nimmt.
Ich komme natürlich mit dem kleinen Laptop angeschleppt und zeige ein kleines bebildertes Kapitel aus der bürgerlichen Lebenswelt. Ich habe die Bilder nach Themenkreisen eingeteilt:
“Burg, Dorf, Schloß, Stadt” (Grundrisse und Ansichten verschiedener Lebenswelten)
“Haus, Räume, Möbel” (Kulturgeschichte Sofa, Bett und Schreibtisch),
“Mode” (Kleidung von Bürger, Bauer, Edelmann- von Beau Brummell bis Hugo Boss),
“Vater, Mutter, Kind” (aristokratische vs bürgerliche Familie),
“Stände: Bürger, Nicht-Bürger, Anti-Bürger” (außer Edelmännern und Arbeitern auch Hippies und Punks)

Die bürgerliche Familie: Carl Begas malt seine Eltern und Geschwister… und sich selbst, den Künstler, als marginale Figur, 1821
Insgesamt zogen vier Gruppen von Schülern bei mir durch, und jede Gruppe durfte sich aussuchen, was sie sehen wollte. Secundus meinte gestern abend etwas besorgt, “ich hoffe, du buddelst nicht” - “buddeln” ist der Slangausdrück für “tiefschürfend daherreden” (לחפור). Hinterher kam er angeschlendert, gab mir ein Küßchen und meinte, “es war okay”. Die Jugendlichen hörten aufmerksam zu und bemerkten sogar Kleinigkeiten der Bilder, die ich ihnen zeigte. Es hat Spaß gemacht.
Hinterher bin ich noch ein bißchen in der Schule rumgelaufen. Das Gelände ist riesig, es gibt jede Menge kleiner Rückzugszonen, auch das Internat (wo Secundus ein Zimmer hat), alles ist grün, einstöckige Lernzentren - und überall Jugendliche.
Erst auf den zweiten, ja dritten Blick sieht man, daß sie Schulkleidung tragen - alle T-shirts, Sweatshirts und Kapuzenjacken sind von derselben Firma und tragen das Logo der Schule. Aber in den vielen verschiedenen Farben, mit individuellen Schuhen, Hosen, Accessoires, sehen die Schüler nicht einheitlich aus. Aber die sportlichen Schulklamotten nehmen dem Markenwahn die Spitze. Na ja, Kibbuzkinder sind sowieso eher schlampig-lässig angezogen.
Außerdem ist die “Frecha”-Mode (nackter Bauch, Plateausohlen, so niedrige Jeans, daß man die Unterwäsche sieht etc) damit nicht machbar. Ich bin froh, daß die Mädchen damit eine Art Schonfrist haben und sich unter den sportlichen Sachen verbergen können, wenn sie wollen, ohne aufzufallen - bis sie in ihren Körper reinwachsen und sich wohlfühlen. Wer schon mit 13 mit Push-up und Popo paradieren will, kann das ja nach der Schule tun - aber der Gruppendruck der Mode hat in den verletzlichen Jahren der Frühpubertät nichts zu suchen.
Ja, ich mag die Schule. Schade, daß keine Stelle für mich frei ist. Ich würde gut ins Lernzentrum Geisteswissenschaften passen. Aber auch so ist es schön - sie wissen, daß sie mich rufen können, wenn sie ein Thema visuell aufarbeiten wollen, und ich mache es umsonst. Als es um Reformation und Gegenreformation ging, habe ich ihnen gezeigt, wie sich katholische und protestantische Lebenswelten visuell unterscheiden - damals und auch heute noch. Einmal habe ich einen Vortrag für die Lehrer gehalten, über visuelle Dokumente und ihre Entzifferung. War für die Lehrer eine nette Abwechslung und für mich auch.
Auch der Schulleiter steckte heute den Kopf zwischendurch mal rein. Es ist ein schönes Gefühl, einen kleinen Beitrag leisten zu können. Obwohl mir dieser Aktionstag Bürgertum meinen eigenen bürgerlichen Wochenplan durcheinandergebracht hat, habe ich es sehr gern gemacht.



Oh, hat es doch nicht geklappt?
Auch wenn du ja nicht gerade unter Beschäftigungslosigkeit leidest, hatte ich dir für den Job alle Daumen gedrückt! Schade…
Nein nein, das Angebot war von der Grundschule und es ist noch nicht klar, ob es klappt. An der Oberschule ist im Moment nichts frei - es gibt nur eine Stelle fuer Kunstgeschichte, und die ist seit Jahrzehnten in energisch-festen Haenden
Trotzdem ist es natuerlich gut, wenn die Schulleitung weiss, dass ich gewissermassen in den Startloechern wippe.
Ah o.k., dann wippe mal, und ich drücke weiter.
Wer weiß, vielleicht spricht sich dein Wippen ja rum und das nächste Angebot kommt von einer ganz anderen Schule.