Liebe, Ehe, Liebe Februar 13, 2007, 23:44
Posted by Lila in Kunst.trackback
Und wieder eine Geschichte aus meinem Meisterwerke-Kurs.
Eine meiner Zuhörerinnen ist eine Freundin meiner Schwiegermutter, wie sie ein Flüchtlingskind, das vom Kibbuz aufgenommen wurde – nur daß die Familie meiner Schwiegermutter aus Polen geflohen ist, und ihre Familie aus dem Jemen. Ihre Kinder sind im Alter der Kinder meiner Schwiegermutter.
Ich kenne sie natürlich, aber nur oberflächlich. Jahrelang war es nur ein shalom, shalom-Verhältnis. Bis sie sich mal durch Zufall in meinen Unterricht verirrt hat. Seitdem gehört sie zu meinen treusten Zuhörerinnen, und wir haben uns richtig gern. Ich schätze sie, und sie errät oft, worauf ich hinauswill.
Sie macht kein Geheimnis daraus, daß sie ihre Kinder (inzwischen alle zwischen Mitte 30 und Mitte 40) gern verheiratet und bekindert sähe, und ihre verhinderten Großmuttergefühle läßt sie gern an der Enkelschar ihrer Freundinnen aus. Ach, und meine Schwiegermutter verfügt über eine zweistellige Enkelschar! Wie oft hat diese Freundin unsere Kinder, Nichten und Neffen schon ans Herz gedrückt. Sie schenkt meinen Mädchen Grapefruits aus ihrem Garten, wenn sie zu Besuch kommt. Sie sitzt großmütterlich sozusagen in den Startlöchern, seit ihre Kinder aus der Pubertät raus sind.
Doch ihre eigenen Töchter wollen nicht heiraten, die eine ist im Ausland, die andere macht in Tel Aviv Karriere, und ihnen fehlt im Leben nichts. Es sind brillante, erfolgreiche Frauen, die vermutlich die Frage “aber wann endlich…” nicht mehr hören können.
Die Söhne wollen ebenfalls nicht heiraten, ich weiß nicht genau, was sie machen (mit den Töchtern ist Y. seit seiner Kindheit befreundet, die kenne ich besser). Nun ist der jüngste Sohn zur Religion zurückgekehrt, so richtig volles Programm – was seine Kibbuznik-Mutter trotz ihrer eigenen frommen jemenitische Wurzeln bestimmt zu Anfang nicht begeistert hat. Chasera be-tshuva (Rückkehr zur Religion) bedeutet ja immer ein klares Bekenntnis zu einem anderen Lebensstil als dem, in dem man erzogen wurde, und die Eltern schlucken schon mal. Nicht, daß sie so heftig reagieren wie manche religiöse Eltern, deren Kinder den umgekehrten Weg machen – na ja, jede Familie findet eben ihren Weg.
Aber EIN Gutes hat diese neugefundene Religiosität – der Jung heiratet! Endlich!!! Einen ganzen Monat kam die Mutter nicht mehr in meinen Unterricht, weil sie die Hochzeit vorbereiten mußte. Es war wohl ein riesiges Fest, mit allem Drum und Dran. Mir fehlte sie aber. Ich habe mir also überlegt, wie ich ihre heutige Rückkehr ins post-hochzeitliche normale Leben feiern kann.
Die heutige Stunde stand also ihr zu Ehren unter der Überschrift “Liebe und Ehe in der Kunst”. Das ist natürlich ein unerschöpfliches Thema. Wo anfangen? Ich habe mit den Römern angefangen, als Einführung und Grundlage – und es ist so schön, ein älteres, solidarisches römisches Paar mit Tullio Lombardos zart idealisiertem jungem Paar zu vergleichen. Beide Bilder auf einem Dia nebeneinander – und trocken meint ein Zuschauer, “tja, so fängt man an, und so hört man auf”.
Dann natürlich die Arnolfini-Verlobung (es gibt im Netz einfach phantastische Vergrößerungen, in denen man sieht, wie van Eyck seine Ölfarbe handhabt). Die puppenhaften Züge der Braut sind van Eycks einzige Abweichung von einem Realismus, der seinesgleichen sucht. Das leuchtende Rot des Ehebetts, die Perlen des Rosenkranzes, die das Licht fangen – es ist kaum zu glauben, was man mit Farbe alles machen kann. Und wie zeremoniell er ihre Hand hält. Das ist ein ganz wichtiger Moment, man spürt es.

P.P. Rubens, Selbstbildnis des Künstlers mit seiner Frau Isabella Brant in der Geißblattlaube, um 1609
Dann ein eingehender Vergleich der beiden großen Meister des 17. Jahrhunderts. Rubens´ Ehebild aus der Alten Pinakothek, diese stolze, freundliche Selbstsicherheit des Malers im Selbstbildnis mit seiner jungen Frau. Die Hände, die aufeinander ruhen. Der dunkle Hintergrund der Laube, die glatten, prallen Flächen, die gezügelte Kraft, die bei Rubens immer dahintersteckt. Oh, ich liebe Rubens, seine roten Untertöne, die Vitalität. Rubens wirkt auf mich wie ein Mensch, der sich von keinem Hindernis hat aufhalten lassen. Außerdem war er ein großer Kämpfer für Frieden in seiner Zeit, war Diplomat und hatte die Hoffnung, mit seiner Persönlichkeit Menschen versöhnen zu können. Ein wunderbares Bild eines jungen Paars, das Jahre des Glücks ruhig erwartet.

Rembrandt, Die jüdische Braut oder Isaak und Rebekka, um 1655
Danach Rembrandts Jüdische Braut – was für ein Bild. Man muß Rembrandt wirklich im Original vor sich sehen, am besten allein, um zu begreifen, was er mit der Farbe macht. Die Farbflächen haben ein Eigenleben, wie ich es bei keinem anderen Maler kenne – auch nicht bei Rothko oder anderen abstrakten Malern, die die Farbfläche ganz von der Figur befreien. Die helleren Flächen bei Rembrandt sehen nicht aus wie aufgetragene Farben, sondern als würde das Bild aus sich selbst heraus leuchten, als würde sich das Licht einen Weg durch Schleier von Farben bahnen.
Ein unglaubliches Bild, vor dem ich lange, lange gestanden habe, mit einer Art Bewegung, die einem im Museum fast peinlich ist. Wer wischt sich schon gern, umgeben von Schulklassen und Leuten mit Kopfhörern und Stadtplänen, die Tränen aus den Augen? Doch Rembrandt hat ein paar Bilder, die sich in mein armes Herzchen bohren, bis ich vergesse, daß Kunst eigentlich mein Job ist und ich eine ganze Werkzeugkiste voll Fachjargon habe, hinter der ich mich verschanzen könnte, so ich wollte. Doch ich will nicht. Ich lasse die geballte Wucht dieses zauberhaften, stillen Paars, das vollkommen ineinander versunken ist und uns nicht bemerkt, auf mich wirken.
Rembrandt nimmt diese beiden, Yitzchak und Rivka oder Isaak und Rebekka, als universale Bilder der Liebe. Es gibt nicht viele Maler, die ein Thema aus der hebräischen Bibel, Figuren aus der jüdischen Tradition, ohne christlichen Subtext bringen konnten – doch Rembrandt fällt das leicht. Für ihn sind biblische Themen der hebräischen Bibel nicht nur Vorspiel und Vorzeichen der christlichen Erfüllung, wie im mittelalterlichen Typologie-Schema (ein fast komischer Auswuchs ist die Madonna, die im brennenden Busch erscheint – Moshe als Marienanbeter), sondern die jüdischen Themen haben ihren eigenen Wert. Und noch mehr als das – das jüdische Paar steht für das liebende Paar überhaupt.
Wieder fällt die Hand auf. Er hat seine Hand auf ihr Herz gelegt, und sie bestätigt das durch das Auflegen ihrer Hand. Sie stehen da, als würden sie ihre Herzen klopfen hören, ganz still. Es ist in meinen Augen ein unglaubliches Abbild der Liebe, und auch des Ernsts, der zur Liebe dazugehört, wenn sie mehr sein will als nur der vorübergehende Rausch der amour passionel. Das Bekenntnis der Liebe vor Zeugen öffentlich machen, durch Gesten sichtbar machen – das wollen diese Paarbilder. Eigentlich dasselbe wie eine Hochzeit.
Das bequeme, fröhlich-vertraute Paar von Frans Hals, das einen richtig vergnügt anlächelt, habe ich ebenso gezeigt wie Gainsboroughs elegantes Paar in der menschenleeren Landschaft ihres Besitzes, wo die Garben anscheinend von Heinzelmännchen gebunden werden, und die zynischen Kommentare Hogarths zur mariage a la mode. Für den Vergleich von Peales Porträt der Lamings (wie berückt er seiner Frau ins Dekollete lugt) und Davids Porträt der Lavoisiers, auf den ich mich schon freue, war keine Zeit mehr.
Nächste Woche kommt die Romantik dran, mit Freundschaftsbild und Sehnsuchtsbild (der efeu-umkränzte junge Mann auf dem Bild ist gefallen), dann das Biedermeier - das die braven Ehefrauen in ihren blütengleichen Hauben, die strengen Ehemänner im dunklen Anzug immer wieder feiert. Ich werde das gepflegte Paar, das im Wintergarten aneinander vorbeischaut, ebenso zeigen wie Renoirs tanzende Paare und Sargent Singers Ehepaar beim Kindergeburtstag. Ich möchte über Picassos Tragödie bis Hockneys grandiosen Mr. und Mrs. Clark mit dem majestätischen Percy zeigen, und mal gucken, ob ich noch was Neueres finde. Für Anregungen bin ich übrigens jederzeit dankbar!
Das ist schon ein toller Job, wo ich einfach so auf Ereignisse reagieren kann, die meine Zuhörer betreffen. Hat Spaß gemacht. Die frischgebackene Schwiegermutter übrigens war richtig, richtig glücklich. Wenn sie Großmutter wird (worauf sie natürlich fiebert), dann mach ich ihr eine Stunde über Babies, die sich gewaschen hat. Bli neder.
Kommentare
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Kompliment!
Vielen Dank für den Ausflug in die Kunst. Ganz nebenbei paßt das Thema wunderbar zum 14. Feb.und ist viel schöner als alle abgebrochenen Blumen, die heute zum Valentinstag so gerne verschenkt werden und zum Thema Romantik und als Gartenliebhaberin fällt mir natürlich sofort Novalis blaue Blume ein.
Ein wunderbarer, zu Herzen gehender Ausflug, könnte man (glatt) auch mals für Liebespaare in der Lieratur machen. Ist nur nicht so anschaulich darzustellen- oder?
Vielen Dank