Preisfrage Februar 11, 2007, 22:36
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis.trackback
Wenn Deutsche und Israelis laut Studie “besser voneinander denken” – sollte nun mein Selbstwertgefühl nicht dramatisch in die Höhe schnellen? oder muß ich nun eine gespaltene Persönlichkeit entwickeln?
Kommentare
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Im Gegenteil, du kannst jetzt besser mit dir selber auskommen.
Kommt wohl auf das Vergleichsjahr an. Denken sie nun besser voneinander als vor einem Jahr oder vor 60 Jahren?
Ich denke, dein Selbstwertgefühl hängt nicht von einer Studie – welchen Inhalts auch immer – ab.
Deutsche – Israelis – Juden – Christen: da ist schon eine multiple Persönlichkeit vonnöten mindestens quadruple
[...] neue Studie soll – darauf hat Lila hingewiesen – verbesserte Beziehungen zwischen Deutschen und Israelis zeigen: Einer Studie der [...]
Tolles Thema. Ich greife es mal auf.
B”H
Laut meinen Erfahrungen muesste die Studie aber etwas anders aussehen. Vor allem unter relig. Juden.
Miriam
Eine Studie ist bekanntlich nichts anderes als ein Gutachten. Es gibt Gutachten und Gegengutachten. Wenn du dein Selbstwertgefühl davon abhängig machst, wirst du ewig diese gespaltene Persönlichkeit sein. Wenn du aber gar keine gespaltene Persönlichkeit bist, stellt sich deine Frage auch nicht. In diesem Fall müsste ich raten, welch “edle” Selbsterkenntnis denn wodurch zustandekommt. Im Raten war ich aber noch nie gut
Die gleiche Studie belegt aber auch, dass 44 Prozent der Bundesbürger antisemitische Einstellungen hat. Diesen Teil zitiert der Spiegel offenbar nicht. Eine positive Entwicklung ist das nicht, wenn von 36 Millionen Menschen immer noch verachtet wird…
Meine Güte – die gespaltene Persönlichkeit war doch wohl als Gag gemeint! Seid doch nicht so ernst
Es stimmt schon teilweise, das mit der schizophrenen Haltung. In meiner Lage etwa sitzt man wirklich zwischen zwei Stühlen – zwei Staatsangehörigkeiten, zwei Heimaten, christliche Familie da, jüdische Familie hier, Konversion. Mich dürfte man eben nicht befragen!
Haaretz geht ebenfalls auf die Studie ein, und da klingt es dann schon wesentlich weniger sonnig. http://www.haaretz.com/hasen/spages/824566.html
Auch die Kommentare sind hochinteressant. Kostprobe:
“A strange phenomenon in the German discourse is total understanding for the motives of what can be described as ‘Israel’s enemies.’ It is not important what they do – whether to Israel or to the members of their own people – we always understand them. We always have an explanation for it. ‘It’s because they’re poor’ or ‘it’s because they’re wretched.’ On the other hand, toward Israel there are always very high demands from the humanitarian point of view and that is the index whereby it is measured. There is always a double standard in the German discourse.”
Ebendiesen sehe ich auch allzu oft am Werk.
Die Talkbacks spare ich mir übrigens, die sind was für Leute mit stärkeren Mägen als der meine…
Ich lese da grad in dem Spiegel-Online-Artikel diese Zeilen, die mich stutzen lassen:
“Wenn auch der Anteil derjenigen, die der Nazi-Zeit auch gute Seiten abgewinnen können mit insgesamt 42 Prozent noch immer erschreckend hoch ist, so ist die Tendenz eindeutig rückläufig: Bei der letzten Befragung 1991 hatten noch insgesamt 43 Prozent diese Frage mit ja beantwortet.”
Erstens einmal ist der Zahlenunterschied nicht signifikant, wenn die nicht mindestens eine Million Leute befragt haben. Ich kenne – wie auch bei der entsprechenden Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung anfangs – hier die Erhebungsbreite nicht; üblich sind einige tausend Leute. Das bedeutet aber: für ein Prozent Verschiebung antworten zwischen zehn und fünfzig Leute anders als beim letzten Mal. Das kann nicht ernstlich als “eindeutig” bezeichnet werden.
Sodann ist da ein großes historisches Problem: Die Nazi-Zeit war nicht das Absolute Böse, auch wenn manche Leute des gern heut so sehen würden, weil es dann so schön einfach wäre. “Böse” ist das Urteil der Nachwelt, und “böse” ist auch das Urteil einiger hellsichtiger Zeitgenossen gewesen – aber wie es nicht das absolut gute System gibt (außer in der Einbildung von G.W.Bush), so gibt es auch nicht das absolut böse System.
Für mich als dezidiert historisch-kritisch denkenden Menschen diskreditiert sich die Studie durch solchen geschichtsphilosophischen Unsinn ganz erheblich. Sie diskreditiert sich weiter durch die Vermischung von Israelkritik und Antisemitismus: wer die israelische Politik nicht gut findet, ist davon noch kein Antisemit – sonst gäb es unter israelischen Juden wohl genügend Antisemiten…
Aber man gewinnt immer mal wieder Leser und Förderungsgelder mit solchen Themen.
Nun, ich habe ja eigentlich etwas ganz und gar Unzulässiges getan, als ich diesen SPon-Artikel verlinkt habe, der ja nur die populistisch aufgearbeiteten Ergebnisse einer Studie aufbereitet. Es kam mir auch mehr so spontan vor die Tastatur, weil ich wirklich sofort von einer Perspektive in die andere springe, und da mußte ich wirklich mal über mich selbst lachen – soll ich nun als Israelin beleidigt sein oder als Deutsche? Sicherheitshalber doppelt. Daher die etwas welke Ironie… das sollte nicht bedeuten, daß der Artikel oder auch die Studie, die dahinterstehen, wirklich relevant sind. Dafür muß man die Studie selbst vor Augen haben und Methodologie etc prüfen. Klar.
Was die “guten Seiten” des NS-Regimes angeht… ich gebe gern zu, daß die unduldsameren Seiten meines Charakters zum Vorschein kommen, wenn ich zum x-ten Male höre,
“im Dritten Reich konnte eine Frau noch unbehelligt durch den Wald gehen”
“zu Hitlers Zeiten war auch nicht alles schlecht, die Autobahnen!”
“der hat mit der Arbeitslosigkeit aber aufgeräumt”….
Alles Symptome für zumindest braun geränderte Haltungen, meiner Erfahrung nach. Ich habe leider zu oft katzenfreundliche Gespräche irgendwann in antisemitischen Bemerkungen enden hören – sorry, Katzen! Wer angesichts der Tatsache, daß Familie Nathan von nebenan enteignet, ausgeraubt, gedemütigt, schikaniert, abtransportiert und bestialisch ermordet wurde, sich noch an sicheren Waldwegen und Autobahnen ergötzen kann, der hat für mich kein moralisches Rückgrat.
Ich habe für meinen MA das Thema NS wirklich ausgelotet – ich habe mein Thema über Jahre hinweg mit mir rumgeschleppt, das Material aus allen möglichen stinkenden Löchern zusammengesucht, vollkommen selbständig aufbereitet und dabei so viele Aspekte des Alltagslebens zu sehen bekommen, daß ich Dir versichern kann: es gab keinen Bereich, der nicht vom Bösen berührt wurde. Und dazu muß man nicht mal rüber zur Familie Nathan schauen.
Die Erziehung der Kinder in NS-Deutschland war barbarisch, menschenverachtend und offen darauf angelegt, kadavergehorsame, gefühlskalte, bindungsgestörte zukünftige Soldaten oder Soldatenmütter zu produzieren. (Nicht umsonst hat Deutschland einen auffällig hohen Anteil an bindungsgestörten Kindern – ich weiß nicht mehr, von wann die letzte Erhebung war, aber die Spuren der Gefühlskälte sind auch unter Verwöhnung noch auszumachen und schwinden vielleicht jetzt erst).
Die Beziehungen der Menschen untereinander waren von Denunziantentum und Bespitzelung gezeichnet – man lese sich die Akten der Fürsorgerinnen durch, die die Kandidatinnen fürs Mutterkreuz begutachteten, da wird einem aber ganz anders. Durch ein System von Strafe und Belohnung wurden die Menschen manipuliert, gegängelt, in ihrem innersten Kern korrumpiert. Endlose, perfide Indoktrinierung, verbunden mit Bestechung (Stichwort Ehestandsdarlehen, gebunden an “Brautkurse”, in denen ein Drittel des Unterrichtsprogramms in “Schulung” bestand).
In jedem Klassenzimmer rassenkundliche Schautafeln – auch “arische” Kinder wurden natürlich vermessen und beurteilt, und durch die Seltenheit des begehrten Titels “nordisch” (statt nur westisch, dinarisch oder gar slawisch….) identifizierten sich auch Menschen aus nicht-rassistischem Hintergrund mit der Rassentheorie – weil sie ihr selbst unterworfen wurden, so wie heute jeder schlank sein will, auch wenn er weiß, daß es Blödsinn ist.
All diese Strategien des Alltagslebens, die Hausfrauenberatungsstellen, die Müttererholungsheime, die verschiedenen Abteilungen der HJ, die Tanz- und Modedesigngruppen der “Glaube und Schönheit”-Maiden, die Uniformen überall, die Kindergartenkinder mit Hitlergruß – das sind die ins Alltagsleben reichenden Ausläufer eines auf Unmoral beruhenden Regimes.
Ich greife ungern zu so umfassenden Aussagen und will wie gesagt nicht schon wieder den Holocaust instrumentalisieren – aber auch ohne den Holocaust läßt sich gut begründen, warum das NS-System böse war, und weswegen es moralisch fragwürdig ist, ihm in selbstentschuldigender Manier Gutes abgewinnt – während man gleichzeitig Israel als Kindermörder defamiert.
Die Mär, daß Kritik an Israel sofort als Antisemitismus bezeichnet wird, ist mir schon oft begegnet – öfter als das Phänomen selbst. Ich meine, es ist ganz einfach, zwischen Kritik an der Politik der israelischen Regierung oder der Handlungsweise des israelischen Militärs oder den Buffetgewohnheiten des israelischen Hochzeitsgastes – und zwischen Antisemitismus zu unterscheiden. Die beiden Dinge haben nicht mal was miteinander gemein. Antisemitismus beruht nämlich nicht auf objektiver Betrachtung komplexer Tatsachen, sondern auf der Verachtung von Juden und der Überzeugung, daß die Welt ohne sie besser dran wäre. Das mag sich sogar unter scheinbarer Freundlichkeit verstecken.
Ich habe jedenfalls keine Probleme, das zu unterscheiden. Der hämische, häßliche Ton, der nur für Israel aufgespart wird, und die unbarmherzige Verurteilung in verallgemeinernden, von Wissen ungetrübten Axiomen – daran erkenne ich den Antisemiten. Oh, und am Geruch natürlich
Danke für den Haaretz-Link. Jetzt ergibt diese Studie dann doch einen Sinn. Erstaunlich wie der Spiegel das so verdrehen konnte.
“The survey’s most disturbing finding actually relates to the present. To the statement, “What the State of Israel is doing to the Palestinians is not different in principle from what the Nazis did to the Jews,” 30 percent of the Germans responded “agree strongly” or “agree partially” (59 percent said “somewhat disagree” or “strongly disagree”). ”
Das ist überhaupt kein positives Ergebnis (kommt mir realistisch vor), ich verstehe auch nicht, wie es insgesamt als gut gesehen werden kann.
“Die Mär, daß Kritik an Israel sofort als Antisemitismus bezeichnet wird, ist mir schon oft begegnet – öfter als das Phänomen selbst.”
Mir auch. Genauso wie das “man darf ja nichts gegen die sagen, sonst ist man ja sofort Rassist/Antisemit”.
Es gibt genug an der deutschen Gesellschaft zu ändern, als dass man als Deutscher nun meinen sollte, Israel ändern zu müssen, wovon man eh meistens keine Ahnung hat. Also nicht nur anmaßend, sondern auch inkompetent.
MfG Sven