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Andere Welten Februar 11, 2007, 14:21

Posted by Lila in Kunst, Land und Leute.
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Von Zeit zu Zeit erreicht mich eine Einladung zu einem Vortrag oder einer Vortragsreihe. Jede Stadt, jedes Städtchen hat ein “Haus der Histadruth”, der Gewerkschaft, die ja in Israel mal sehr stark war. Dort werden alle möglichen Aktivitäten angeboten, darunter auch regelmäßige Vorträge für die Rentner. Mein Name kreist wohl zwischen diesen Einrichtungen, und alle paar Monate ruft mich eine freundliche, eifrige Leiterin einer solchen Einrichtung an. Da ich ältere Menschen instinktiv mag, versuche ich, diese Vorträge in meinen Zeitplan zu quetschen.

Dabei sehe ich Städte, die ich sonst nur vom Vorbeifahren kenne. Es amüsiert mich immer etwas, daß in jeder israelischen Stadt dieselben Straßennamen auftrauchen: Rothschild, Weizmann, Bialik. Man sieht deutlich, daß sich in Nordisrael eine Schicht neuer Bürogebäude, Einkaufszentren und Wohnsiedlungen wie eine Schicht über das alte Israel der halb-agrarischen Städtchen legt, in denen noch die kleinen, bescheidenen Häuser der Einwanderer-Generation stehen. Die kleineren Städte sind voll mit kleinen Läden, in die ich gern reingucke. Ich laufe überhaupt gern an Orten rum, wo ich niemanden kenne und wo niemand mich kennt.

Die Histadruth-Häuser waren bestimmt mal Schmuckstücke des Stadtzentrums, in den 50er oder 60er oder 70er Jahren. Jetzt sind sie runtergekommen, abgewetzt, sauber und ordentlich und voll Leben, aber ganz anders als die blitzenden, blinkenden, prahlerischen Fassaden der Einkaufszentren, die das Stadtzentrum von allen Seiten umzingeln. Die Frauen und Männer, die in diesen Häusern arbeiten, sind meiner Erfahrung nach ausgesprochen nett und engagiert. Sie kennen alle Leute, die bei ihnen ein und aus gehen, und sie freuen sich, wenn die Rentner zufrieden sind. Es gibt immer einen Vortragssaal, mittelgroß, mit hölzerner Bühne und Garderoben - man kann auch kleine Theaterstücke oder Musik vorführen. Beamer haben sie nicht, den muß man mitbringen.

Frans Hals, Amme und Kind

Die Stühle sind abgewetzt, die Türen klappern, und die Rentner kommen pünktlich. Sie freuen sich und sind gespannt. Sie hören gut zu, machen Bemerkungen - meist sitzt hinten links der Scherzmacher der Gruppe, der einen aus der Fassung bringen will. Das Publikum anerkennt, wenn man in solchen Momenten schlagfertig ist.  Obwohl ich im normalen Leben von legendärer Humorlosigkeit bin (und von den Kindern erbarmungslos deswegen geneckt werde), schenkt einem die Rolle der Vortragenden immer ein paar Fähigkeiten, die man sonst nicht hat, und ich habe bisher immer gut pariert. Ich freue mich ja, wenn die Leute auftauen und sich beteiligen. Der Scherzmacher ist oft ein Eisbrecher.

Ich sehe immer, daß diese israelischen Menschen ab 70 ein besonderes Völkchen sind. Zu diesen Vorträgen kommen, meiner Erfahrung nach, überwiegend Ashkenasim, von denen viele Museumsbesucher sind. Wenn sie verreisen, dann gehören Museen immer dazu. Oft sehe ich jemand im Publikum nicken oder höre ein Murmeln, “das war Velazquez” oder “hm, wie bei Raffael”. Manchmal sagen sie mir hinterher, “schade, daß wir den Vortrag nicht gehört haben, bevor wir im Prado waren”. Ich denke mir, daß ein nicht kleiner Prozentsatz Überlebende des Holocaust sind -  ich weiß es nicht.

Die Themen, die ich für solche Gelegenheiten wähle, sind immer so allgemein, daß auch Leute, die für Kunst nichts weiter übrig haben, gern zuhören. Familienporträts gehen immer gut, weil die Geschichten dazugehören,  jede Familie erzählt ja ihre Geschichte im Bild. Kinderbilder, Tiere, Ehepaarbilder, solche Themen.  Ich mag sie auch selbst. Komisch, egal wie oft ich so einen Vortrag schon gegeben habe, ich ändere ihn jedesmal ab. Wann werde ich so routiniert sein, daß ich einfach denselben Vortrag noch mal gebe?

Ich bin nie zufrieden, montiere bis fünf Minuten vor Beginn noch daran rum. In meiner Tasche habe ich immer zwei CDs mit, aus denen ich im letzten Moment noch ein Bild fischen kann, wenn es mir einfällt.  PowerPoint ist auch wirklich praktisch, ich habe in jedem Vortrag Reservebilder verborgen, die ich bei Bedarf zeigen kann. Aber bei einem Publikum, das nicht wegen der Kunst kommt, sondern aus Gewöhnung, zeige ich meist Bilder, die jeder gern sieht, die man auch ohne Studium versteht, die nicht nur zum Auge, sondern auch zum Gefühl sprechen. (Man beachte die kleine Handfläche, die sowohl Hals´ Catharina als auch Ghirlandaios Enkelkind zum vertrauten Erwachsenen ausstrecken).

Ghirlandaios Großvater und Enkel

Ich komme so selten aus meiner kleinen Seifenblase raus, daß ich es richtig genieße, die Nase in eine andere kleine Welt zu halten. Ich mache diese Vorträge nicht fürs Geld, sondern für den Spaß, den ich dabei habe.

Kommentare»

1. mona lisa - Februar 11, 2007, 16:50

So wie ich dich bisher von deinen Beiträgen einschätze, wirst und willst du wahrscheinlich auch nicht zu der Routine gelangen, den gleichen Vortrag noch einmal so zu halten, denn du wirst dich sicher auch auf die Zuhörer vor dir einstellen, und die sind immer anders, in anderer Stimmung wie du auch. So ist ein Vortrag m.E. immer etwas Lebendiges.Ich kann gut nachvollziehen, dass es Spaß macht, die nase in andere Welten zu stecken. Mir geht es immer dann so, wenn ich Praktikumsbegleitungen machen. Es ist spannend, ich lerne immer wieder Neues hinzu.

2. Lila - Februar 11, 2007, 17:25

Oh ja, das habe ich auch ein paar Jahre lang gemacht, und ich habe es geliebt. Jedes Mal ein anderer Kunstraum, andere Lehrer, eine andere Atmosphäre in der Schule, eine andere Auffassung. Die Bilder in den Fluren, das Verhalten der Kinder. Ich bin auch oft zu Schulausstellungen gefahren oder besonderen Kunst-Tagen. Das war eine schöne Zeit.