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Wahlkrimi Februar 9, 2007, 19:08

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Nur zehn Chaverim haben nicht gewählt - einer will den Kibbuz verlassen und fände es unmoralisch, ein anderer ist im inneren Exil, andere wollen einfach nicht.Der gesamte Wahlausschuß kam zum Auszählen, nur Frauen übrigens, auch meine mir sehr liebe Schwiegermutter. Wir guckten von Zeit zu Zeit hoch, lächelten uns an. Vor der Tür warteten gespannte Chaverim, und alle Telefone klingelten. Auch Sekretäre anderer Kibbuzim riefen an, und ein paar der Berater von außerhalb. Wir hörten die Sekretärin und den Sekretär (die Leitung des Kibbuz) aufgeregt rumflattern und antworten. Die Sekretärin hat ja darauf gedrungen, daß wir alle an die Wahlurne locken. Das haben wir getan. Doch haben sie auch in ihrem Sinne gewählt?

kalfi.jpg

Gezählt. Zuerst die Umschläge. Die Zahl stimmte. Dann die Listen. Vorwärts, rückwärts und nach Namen - das war meine Aufgabe. Die Zahl stimmte ebenfalls. Dann die Zettel aus den Umschlägen gefischt und nach Farben sortiert. Alles dreimal durchgezählt. Die Zahlen stimmten jedesmal. Durchgerechnet, dreimal. Immer dasselbe Ergebnis. Nur wenige Stimmen unter der erforderlichen Schwelle zur Dreiviertelmehrheit geblieben, ein Prozentwert in den Sechzigern. Die Sekretärin in Tränen, ein Teil des Wahlausschusses erleichtert, ein Teil bedröppelt. Protokoll zu Ende geschrieben, alle unterschrieben, Plakat ausgefüllt, abgestempelt. Das hängt jetzt im Eingang zum Dining Room. Ich glaube, daß heute an allen Tischen darüber diskutiert wird.

Puh. Jetzt geht es also wieder von vorne los. Ein neues Modell muß entwickelt werden. Soll es mehr dem jetzigen, dem sogenannten Übergangsmodell ähneln, oder dem, das gerade abgelehnt wurde, nur in verbesserter Form?

Puh, das war spannend.

Zwischenbericht Februar 9, 2007, 17:17

Posted by Lila in Bloggen, Kibbutz, Kinder, Katzen.
3 comments

Ich hab also von 12 bis 15 Uhr im Wahlzimmer gesessen. Die meisten Leute haben gelacht oder gestaunt, daß so ein Bahei um diese Wahl gemacht wird. Nicht wenige haben gescherzt, ob sie nun ihren Ausweis vorzeigen sollen, oder ob hinter der Klappkabine (selbstgebastelt vom Sekretär des Kibbuz) eine versteckte Kamera ist. Ich habe sie daraufhin gefragt, ob sie allein gepackt haben, ob sie ihr Gepäck unbeaufsichtigt gelassen haben oder ob ihnen jemand ein tickendes Paket mitgeben wollte.

Wir haben sie gebeten, die Umschläge nicht zuzukleben, weil sonst das Zählen so mühsam ist, und mindestens zehn haben gedankenvoll dazu genickt, während sie die Folie vom Klebestreifen zogen und den Umschlag zuklebten. Übrigens sind die “dafür”-Zettel grün, die “dagegen”-Zettel dagegen rosarot. Ampelsymbolik gewissermaßen. Schade, gelb gibt es nicht, bedauerten mehrere.

Die Sekretärin, treibende Kraft hinter dem ganzen Shinui, kam immer wieder rein und erzählte mit spöttischem Lachen, “angeblich läuft das Gerücht um,  die rosaroten Zettel wären so schnell weg gewesen, daß wir neue hätten drucken müssen”. Hm, den Stapeln mit Reservezetteln nach zu urteilen sind mehr grüne als rote benutzt worden.

Ein alter Mann verschwand hinter der Kabine und sagte laut, “ich bin dagegen, diese jungen Leute wollen uns den Kibbuz kaputtmachen”, eine andere, uralte Frau kam an Krücken und meinte, “man muß mit der Zeit gehen, ich stimme dafür”, und ein junger Unternehmer rief beim Rausgehen, “Grün gewinnt! wir malen das Land grün an!” (aus der Fußballsprache). Die meisten Leute aber stopften ihre Zettel schweigend in die Umschläge. Zwei Chaverim kamen mit Kameras und photographierten uns Wahldamen.

Um 17 Uhr bin ich wieder dran, wir zählen diesmal zu fünft aus. Gestern hat sich wohl ein Chaver EXtrem unbeliebt gemacht, weil er meinte, er verläßt sich nicht auf uns, und es sollten “objektive Beobachter” beim Auszählen dabei sein (ob er sich selbst damit meinte?). Wir haben alle Leute angerufen, die noch nicht gewählt hatten - deren Name auf der Liste also noch  nicht ausgestrichen war. Einer meinte, “ich bin gestern nacht erst aus Australien wiedergekommen und arbeite mich noch durchs Heftchen, ich komme aber noch!” Vier Leute meinten, sie wählen nicht und wir sollen sie in Ruhe lassen, kibinimat.

Einer war schwer vergrippt, den haben wir eine Vollmacht  erteilen lassen und die Vorsitzende des Wahlausschusses hat für ihn gewählt, wie er ihr gesagt hatte. Überhaupt waren ziemlich viele Vollmachten diesmal. Das Wahlprotokoll war schon ganz dicht beschriebene zwei Seiten, als ich kam. Ich habe den Vermerk hinzugefügt, daß Yair Shnayder (Name von der Redaktion geändert) angab, gestern bereits gewählt zu haben, aber nicht aus der Liste gestrichen war.  Nachfrage bei der Wahlhelferin von gestern ergab, daß das stimmt und er wurde nachträglich gestrichen. Ansonsten gab es keine Vorkommnisse.

Die Vorsitzende des Wahlausschusses, mit der ich ganz gut befreundet bin, fragte mich, wie wir in der Arbeitsgruppe für die neue Webseite  des Kibbuz vorankommen. Ich erzählte es ihr (nämlich gar nicht, ha ha), und sie fragte, warum ich überhaupt in der Gruppe drin bin, ich bin doch keine Computer-Fachfrau. Nein, aber ich blogge und deswegen fühle ich mich als Expertin für Kräh und Mäh im Internet. Rak räga, wie bitte, Blog?

Da habe ich ihr erklärt, was ein Blog ist, und was mein Blog für einer ist, und die andere Frau, die mich eigentlich ablösen sollte, kam dazu, und sie fragten mich total fasziniert aus. Was für Leute mitlesen, ob sie kommentieren, und wie, und ob ich meine Leser kenne, und wie Leute dazu kommen, in einem Blog mitzulesen. Woher Leser wissen, ob sie mir glauben können oder ich nicht alles erfinde. Woher ich die Zeit nehme. (Ganz einfach - ich sehe keine Serien im Fernsehen, das erspart Zeit. Pro Tag eine Stunde, mal ein bißchen mehr, mal viel weniger.)

Ich erklärte, was eine Blogroll ist, und daß mit jedem Kommentar ein Link zum Blog des Kommentierenden, so vorhanden, erscheint, und wie man sich so vernetzt und durchklickt, und was die Blogosphäre ist. Was es für Blogs gibt, wie sie sich von Journalismus unterscheiden, wie das eben so funktioniert. Daß gar nicht so wenige meiner Leser inzwischen bei mir zu Besuch waren, und daß ich glaube, Leser entwickeln ein ganz gutes Gefühl dafür, wie weit man eine Lüge treiben kann - und daß, wer länger bei mir mitliest, schon merkt, daß ich echt bin. Ich erzähle bei weitem nicht alles, ganze Bereiche meines Lebens sind extraterritorial, ich modle Geschichten um, ändere Umstände, anonymisiere - das ja. Aber ich erfinde nichts, und ich lüge nicht.

Wie ich meine Themen wähle? Hm, wie wählt man Themen bei einer Unterhaltung aus. Es ergibt sich halt so. Nicht alles blogge ich, was mich beschäftigt, aber ich blogge nichts, was mich nicht auch beschäftigt.  Yaaah, und wie kann man im Internet Blogs finden? Nu, mal in Google Israblog schreiben, und bei Israblog einfach da reinlesen, wo es interessant aussieht. Und sich dann immer weiter hangeln. Ah wirklich? Das werden sie mal ausprobieren.

Zwischendrin hatte ich ein richtiges lustiges Gefühl: so fasziniert-ungläubig, wie manche Leser auf die Buzzwords Israel-Kibbuz reagieren, so reagierten diese Kibbuz-Veteraninnen (gestandene Kibbuznikiot zwischen 50 und 60) auf die Blogosphäre.  Ich hatte wieder dieses vertraute Brücken-Gefühl - mit zwei Ufern gleichzeitig verbunden, aber selbst in der Luft hängend, und alle trampeln auf einem rum…? Spaß, Spaß, niemand trampelt auf mir rum!

So, und jetzt mache ich eine kleine Pause mit Mrs. Gaskell und einem warmen Getränk. Um fünf zählen wir aus.

Zwischenfall Februar 9, 2007, 9:18

Posted by Lila in Land und Leute.
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Ich habe nichts zu dem Zwischenfall an der Nordgrenze geschrieben, obwohl wir es natürlich genauso verfolgt haben wie vermutlich alle hier. Schon als die Sprengsätze der Hisbollah an der Grenze gefunden wurden - laut Angaben der Armee neue, die darauf hinweisen, wir prima sich die Jungens wieder bewaffnet haben. Eine kleine Drohgebärde, oder mehr? Israelische Soldaten haben diese Sprengsätze angeschossen, um nicht auf libanesisches Gebiet gehen zu müssen, und sie sind explodiert. Danach stellte sich natürlich die Frage, was sonst noch an der Grenze versteckt liegt. Israel hat bei der Suche Hilfe von UNIFIL und der libanesischen Armee angefordert und auch bekommen. Aber auf unserer Seite haben natürlich unsere Soldaten gesucht.

Siniora meinte, unsere Armee hätte sich bei der Suche auf sein Gebiet begeben, laut IDF stimmt das nicht. Die UNIFIL hat bestätigt, daß die israelische Version stimmt - auch hinter dem Grenzzaun liegt noch israelisches Gebiet, und dort haben israelische Soldaten Minen plattgemacht. Als die libanesische Armee sie angegriffen hat (wohlgemerkt auf israelischem Grund und Boden!), haben israelische Soldaten zurückgefeuert. Wir können wohl froh sein, daß niemandem dabei was passiert ist.

Interessant dabei ist, wie Ehud Yaari betont (der Kommentator, der mich immer an den Seele-Fant erinnert), daß es die libanesische Armee war, und nicht Hisbollah, die reagiert hat. Die libanesische Armee will der Hisbollah vermutlich die Zähne ziehen - was für uns nur gut wäre.  Noch besser als für uns wäre es aber für die Libanesen.

Daher sehe ich in diesem Zwischenfall keine dräuenden Vorboten eines neuen Waffengangs, sondern eher Symptome einer Neuregulierung der Kräfte innerhalb Libanon.  Wollen wir hoffen, daß es so ist.