Heute in den Nachrichten Februar 2, 2007, 21:31
Posted by Lila in Land und Leute.10 comments
1. Chirac hat heute gesagt, es ist nicht schlimm, wenn die Iraner eine Atombombe oder zwei haben. Damit können sie ja nur Israel angreifen, und dann gibt es einen Grund für einen Schlag auf den Iran. Daß Israel dabei draufgeht? Mein Gott, wer wird sich über Kleinigkeiten aufregen? (Erinnert mich immer an Lord Farquaad: some of you may die but that´s a sacrifice I´m willing to make…)
Es steht übrigens auch in der JPost:
French President Jacques Chirac said in an interview with three newspapers that Iran’s possession of a nuclear bomb would not be “very dangerous” and that if it used the weapon on Israel, Teheran would be immediately “razed,” according to a newspaper report.
Dann hat er aber wohl etwas kalte Füße gekriegt und seine Bemerkung zurückgenommen. Vielleicht ist ihm aufgefallen, daß so eine Einstellung nicht der beste Empfehlungsbrief ist, wenn man im Europäischen Quartett beschließt, den Friedensprozeß wiederzubeleben. Den Friedensprozeß, genau!
Ich sehe da leider im Moment keine richtige Chance für einen wie auch immer gearteten Prozeß mit uns. Sollten die Palästinenser nicht erstmal den Bürgerkrieg einstellen, eine stabile Regierung bilden, den Ruf nach der Vernichtung Israels zurücknehmen und den Qassambeschuß, dieses schöne Hobby, aufgeben? Immerhin wird diese Mindestforderung an die Hamas bekräftigt. Was daraus werden soll? Ich weiß es nicht.
Aber daß wir mit Schadenfreude auf die Geschehnisse im Gazastreifen blicken, ist reine Projektion. Besorgt, entsetzt, nicht überrascht, hoffnungslos (wer wünscht sich solche Nachbarn, bei denen alle Sicherungen durchbrennen und die wie Humpty Dumpty nicht wieder in die Pötte kommen???), aber wer von uns gönnt Schulkindern in Gaza, verängstigt in der Ecke zu hocken? Haben wir null Interesse dran. Hier wird weder gefeiert noch Feuerwerk abgebrannt, wenn die Palästinenser innere Probleme haben. Eher wird versucht, durch die Medien besser zu verstehen, was da vorgeht, und wo für uns ein Hoffnungsschimmer zu finden ist. Im Moment? Gibt es keinen.
2. Aus der Universität im Gazastreifen:
During the fighting Thursday, Fatah forces stormed the Islamic University and arrested seven people it said were Iranian weapons experts working in the service of Hamas. An eighth Iranian weapons expert apparently committed suicide during the raid.
Was machen iranische Waffenexperten im Gazastreifen? Lernen Koran? Den müßten sie doch eigentlich kennen.
Ach ja, ach ja.
Und als Nachtrag zur Aufmunterung: Ein israelischer Optimist in Berlin. Das gibt es also auch.
Von der Schönheit Februar 2, 2007, 15:31
Posted by Lila in Kunst.4 comments
Am meisten Spaß macht mir der Unterricht mit einer Klasse, die ich schon lange unterrichte. Ich habe sie zu Anfang des Semesters Meisterwerke wählen lassen, die sie mal gern gründlicher kennenlernen wollen, und das war eine gelungene Idee. Ich stelle so ein Meisterwerk, das man ja so gut kennt, daß man es eigentlich gar nicht mehr sieht, wenn man es sieht, neu vor: im Zusammenhang mit seiner Zeit und seinem Genre, und in der Entwicklungsgeschichte des Künstlers. Also gewissermaßen buddle ich in beide Seitungen, quer und längs, und befördere dabei ganz interessante Sachen zutage.
So habe ich die sog. Nachtwache von Rembrandt vorgestellt, als End- und Gipfelpunkt des holländischen Gruppenporträts. Natürlich ist es etwas barbarisch, diese vielfältige Geschichte des Goldenen Zeitalters in zwei Doppelstunden zu zwingen, aber ich habe nun mal kein Fachpublikum vor mir, das mir willig in die kleinsten Verästelungen des Gruppenporträts in Haarlem, Amsterdam und Leiden folgen würde. Das ist ja auch nicht nötig.Aber man sieht Rembrandts Gruppenbildnisse schon anders, wenn man vorher die anderen gesehen hat, besonders die frühen, und auch ein paar von Rembrandts Werken. Im Internet gibt es dazu auch wirklich interessante Seiten, eine gute Hilfe, wenn man die alte Schwarzweißausgabe von Riegls Holländischem Gruppenporträt ergänzen will. (Die Bitte kam von einem Mann, der im Krieg nach Holland geflohen war und dort lange lebte, bis er nach Israel kam).
Ein andermal habe ich mir, auf Wunsch einer über 90jährigen, die irgendwann Anfang der 30er Jahre aus Dresden nach Palästina gekommen ist… die Sixtinische Madonna vorgeknöpft. Zu diesem Anlaß habe ich die verschiedenen Traditionen der Madonna-Darstellung gezeigt. Ich habe die Madonnen der byzantinischen Tradition, dann die Renaissance-Highlights gezeigt (Cimabue, Giotto, Mantegna…), danach ein langes Kapitel Raphael - unglaublich, wie viele Madonnen er gemalt hat, und wie man sich nicht gegen ihren Zauber wehren kann.Die Sixtinische Madonna ist ja wirklich sehr interessant und komplex, viel mehr, als man bei der Engelchen-Folklore (schuldig, Euer Ehren, auch ich habe Tassen und Tablett mit den Engelchen!) glauben sollte. Wie erklärt man den Raum, der durch Rahmen und Vorhang abgeschlossen ist, in dem man die Madonna von unten, die Engelchen aber frontal sieht, und in dem sich unendlich viele Kindergesichter verbergen?
Ein so verehrter Maler, so glatte und idealisierte Gesichter, diese ganze Harmonie - ich nehme mir jedesmal widerborstigerweise vor, ihn kritisch zu sehen. Aber vor diesen edlen, ruhigen Madonnen kann das Auge nicht anders als genießen, auch das widerborstigste. Übrigens glaube ich, diese psychologischen Forschungen zum Thema Schönheit und Wahrnehmung von Schönheit, bei denen Dutzende Durchschnittsgesichter überblendet werden, um am Ende zu einer Art Schönheit zu gelangen, die allen gefällt - die arbeiten ganz ähnlich wie Raphael. Auch seine schönen Madonnen sind unpersönlich, sind wie Überblendungen unendlich vieler Gesichter und haben alles abgeschliffen, was individuell, asymmetrisch, allzu bewegt wäre.
Die Frage ist dann: was bleibt nach Raphael noch übrig? nach der Harmonie, Ausgewogenheit und scheinbaren Schlichtheit der Hochrenaissance? Raphaels Madonna della Sedia vereinigt ja mehrere starke Komplementärkontraste, ohne daß dadurch Spannung entsteht, und er quetscht sie so elegant in eine geometrische Komposition (so wie die Belvedere- Madonna in ein Dreieck), ohne daß es gequetscht aussieht. Das mach mal einer nach. Ich habe dann die beiden Wege der Malerei nach der Hochrenaissance gezeigt: die Manieristen, die das Künstliche der Renaissance auf die Spitze treiben, und die Caravaggisten, die den Realismus dramatisieren. Und alles Madonnen!
Ich habe das Madonnen-Thema übrigens über Ingres (bei dem es dann geradezu unfreiwillig komisch wird), Max Ernst bis zu den Photographien der Migrant Mother von Dorothea Lange verfolgt. Das war sehr interessant.
Und so knöpfe ich mir eben ein Meisterwerk nach dem anderen vor, berühmte Venus-Bilder (die liegende Pudica, ausgehend von Tizian und Velazquez), Las Meninas, das Mädchen mit Perlohrring, Badende (kokette und weniger kokette), die Seerosen, den Denker, den Schrei, Guernica, Christinas Welt, die Monroe-Serie… und versuche, die Augen neu zu öffnen für ihre allzu unbestrittene, fast schon langweilige Berühmtheit. So wie man ja auch Menschen, die man jeden Tag sieht, von Zeit zu Zeit neu sehen sollte.
Natürlich ist der Kurs auch darum interessant, weil ich durch die Wünsche der Zuhörer sie selbst besser kennenlerne… und manchmal sogar ihre Lebensgeschichte.
Gemütsessen Februar 2, 2007, 10:59
Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.4 comments
In den letzten Tagen ist es hier ein bißchen kühler als sonst. Immer noch keineswegs Temperaturen, die mich in den warmen Mantel treiben könnten - mir reicht eine Fleeceweste, wenn ich rausgehe, und ich finde es nicht kalt. Ich leide mehr unter den schrecklichen Heißluft-Heizungen in den Büros, die einen geradezu dörren. Tagsüber habe ich also kein Wintergefühl. Aber abends, wenn es dunkel ist, dann ist es so kalt und winterig, daß man sich über eine Suppe freut. Kürbissuppe, Blumenkohlsuppe, Zwiebelsuppe (”Mama, werden wir jetzt alle betrunken?”), Kartoffel-Möhren-Suppe - so sieht im Moment das Wochenmenü aus. Ich liebe diese Winterabendessen, wenn die Suppenterrine auf dem Tisch steht und die Kinder so richtig zulangen.
Überhaupt, was gibt es Schöneres als so einen Familientisch, wo alle ihren Tag erzählen und dabei Unmengen von Mamas Suppe vertilgen? Ich genieße diese Zeit, denn bald schon wird mein Primus sich selbständig machen. Er wird, wie alle Jugendlichen im Kibbuz, mit 18 eine eigene kleine Wohnung bekommen, im Abiturjahr. Darauf freut er sich natürlich. Und Secundus schläft ja sowieso mindestens dreimal die Woche in der Schule, wo er ja auch arbeitet und an allen möglichen Aktivitäten beteiligt ist. Oft verschwindet er also nach dem Abendessen, “haben eine Aufführung”, “bin im Team vom Kochwettbewerb für Freitag”, “müssen noch ein paar Szenen filmen für die Videowerkstatt”, “muß eine Führung für eine Besuchergruppe im Zoo machen”… Aber beim Abendessen sind fast immer alle zusammen.
Tja, heute scheint schon wieder die Sonne und die Veilchen blühen vor dem Fenster. Mir scheint, diese gemütliche dampfende-Suppe-Zeit ist bald schon vorbei, bevor sie so richtig in Schwung gekommen ist.

