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Hauen, Stechen, Innehalten Februar 1, 2007, 23:02

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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Ich höre im Videokanal des Kibbuz eine harte Auseinandersetzung in der Vollversammlung, eine in einer langen Reihe solcher Versammlungen (die ja hier einmal pro Woche stattfinden). Es geht um die Privatisierung (”hafrata”), die ja bei uns nur abgefedert und abgeschwächt eingeführt werden soll, als “shinui”, als “Wandel”. Y. hat eine ganze Woche über den augeteilten Heften und Listen gebrütet und alles durchgerechnet, auch für seine Mutter und seinen kleinen Bruder als Beispiele für Leute in anderen Altersstufen, und er ist nicht begeistert von dem Plan. Ich verstehe ja nichts davon, aber Y. meint, der Plan ist unklar und ihm fehlen einige Schlüsselzahlen.

Ich höre mit Beklemmung zu, wie jeder eigentlich über sich selbst redet. Die Leute mit den hohen Einkommen rufen, “ich finanziere keine Parasiten!”, und die mit den Mindesteinkommen rufen zurück, “du verdienst viel Geld, weil du auf Kosten des Kibbuz studiert hast, während ich gearbeitet habe!”. Und so geht es hin und her. Zwischendurch stehen auch mal Leute auf, die versuchen, eine Art Grundsatzdiskussion loszutreten. Insgesamt wendet sich der Verdacht gegen die Leute, die den Plan entworfen haben, und die allesamt hochbezahlte Funktionäre des Kibbuz sind… und die von uns in ihre Funktionen gewählt worden sind. Die Komittees waren offen, alle Materialien lagen offen aus, aber für viele kommt jetzt erst das böse Erwachen.

Mir ist nicht so wichtig, was am Ende dabei rauskommt - wir werden weder zu den großen Verlierern noch Gewinnern gehören. Wir verdienen nicht schlecht, aber eine Familie mit vier Kindern hat viele Ausgaben, so oder so, die sie nicht einsparen kann. (Was die allein schon verfuttern, die vier!) Mir macht eher bange, wie weit sich die Chaverim schon voneinander entfernt haben. Ich höre die Bitterkeit in den Stimmen, sowohl bei der Frau Mitte 60 (obwohl die Rentner hoch subventioniert werden, in meinen Augen der beste Teil der ganzen Pläne! ich war so besorgt um die Rentner) als auch bei dem jungen Mann um die 30. Jeder fühlt sich ausgenommen, ungerecht behandelt. Ein Faß voll Würmer.

Trotzdem wird die Diskussion relativ zivilisiert geführt. Zwischenrufe gibt es kaum, jeder Chaver steht auf, wenn er aufgerufen wird, geht nach vorne ans Mikrofon und spricht in Richtung Kamera. Am Tisch sitzen Sekretär und Sekretärin des Kibbuz mit riesigen Papierstapeln, und der Sitzungsleiter, der seit drei Wochen heiser ist und nur noch piepsen kann. Auch die Protokollführerin sitzt daneben. Diese Pöstchen kreisen. Die Sitzungsleiter werden dafür extra ausgebildet, sie kennen sich genau aus (”ich schlage vor, daß wir Mordechais Vorschlag getrennt zur Abstimmung freigeben, und Geulas Gegenvorschlag auf nächste Woche vertagt wird, wer dafür ist…”). Oh, gerade wird einer verwarnt, weil er persönlich geworden ist.

Die Worte, die durch die Luft schwirren, sind “gegenseitige Bürgschaft” (aravut adadit - der alte Kampfruf der Kibbuzniks: einer ist des anderen Bürge, ein Grundsatz aus dem Judentum), “Demokratie”, “Gleichheit” (shivion - ebenfalls ein Buzzword, wurde sogar als Eigenname verwendet), “soziale Schere”, “Parasitenfüttern”, “Subventionskorb”, “Sicherheitsnetz”, “in der gesamten zivilisierten Welt…”, “sogar Netanyahu hat nicht so weitgehend…”, “die Chaverim, die nicht arbeiten wollen”, “die Chaverim, die ihr Einkommen behalten wollen” “mass progressivi, mass regressivi” “wenn hier die Leute mit hohem Einkommen gerupft werden, dann werden sich viele überlegen, wegzuziehen” “Wem willst du drohen?”…..

Tja, ich konnte nicht erwarten, daß meine kleine Seifenblase in alle Ewigkeiten eine Idylle bleiben würde, in der alle willig auf das Ihre verzichten, damit der Nachbar von links sein Töchterchen zum Reiten schicken kann und die Nachbarin von rechts sich ein Elektro-Auto für Behinderte leisten kann. Heute klebt auf allem ein Preisschild, alle lesen es und wägen ab: lohnt sich das für mich, das zu bezahlen? Was hab ich davon? Wer wird mir mal die Rente bezahlen?

So geht es zu, wenn ein Generationenvertrag gebrochen wird - das kennen nicht nur wir im Kibbuz, das ist ein Phänomen der westlichen Welt und hat ganz handfeste Gründe. Wo die Demographie die Regeln ändert, wo Arbeitsplätze unsicher werden und die ganze Gesellschaft materialistisch-hedonistisch und individualistisch ist, da sind wohl nicht mehr viele Leute bereit, abzustimmen, ob ab nächstes Jahr Arbeitskleider in drei verschiedenen Größen statt Einheitsgröße bestellt werden -  die Folklore des Kibbuz behauptet, daß es darüber lange Debatten gab.

Wir sehen uns das von fern an. Y. ist nicht aufgestanden, hat nicht gesprochen, mein Schwager schon. Es geht zur Abstimmung - ob die Vorschläge an die Urnenabstimmung gehen, zur Wahl zwischen einem Vorschlag, den das offizielle Team eingereicht hat, und einem, den eine Protestgruppe von Chaverim vorgelegt hat. Alle Vorschläge können auch an die Verwaltung zurückgereicht werden und müssen dann nach Überarbeitung wieder der VV vorgestellt werden und dort diskutiert werden. Nichts geht einfach so an die Urne, oder nur ganz schlichte Dinge. Ansonsten wird hier alles vorab veröffentlicht, die Chaverim können Hausaufgaben machen und in der VV die Vorschläge anfechten, verbessern, Alternativvorschläge vorstellen. Oft wird das schriftlich gemacht, dann hat man Briefe im Postfach und muß sich da auch noch durchwühlen, wenn einen das Thema interessiert. Das ist Basisdemokratie - obwohl wir heutzutage schon viel an die Ausschüsse abgegeben haben, früher war alles, aber wirklich alles Thema für die VV. Heute werden viele Themen von den Ausschüssen schon mal geputzt und geschnippelt, ehe sie in den blubbernden VV-Topf geschmissen werden.

Der Piepser zählt die Stimmen. Oh, er zählt lange…. und er ist überfordert. Die verschiedenen Anträge sind sich so ähnlich, daß er sich in Prozentzahlen verwirrt, und die Chaverim wissen nicht, was sie nun eigentlich abstimmen. Die Buchhalterin mit der schrillen Stimme schafft Ordnung. Ein Vorschlag kommt durch, der nächste Punkt ist dran. “Chaverim, der ist nicht weniger heikel als der vorherige”. Das kann eine lange Nacht werden…

Eine Geschichte Februar 1, 2007, 1:35

Posted by Lila in Land und Leute.
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noch vor dem Schlafengehen, aus Haaretz.

Zwei Jugendliche  stromern durch die Golanhöhen, in der Nähe von Katzrin. Sie klettern in einen alten, verlassenen Bunker, wie es so viele auf den Golanhöhen gibt. Drinnen finden sie eine Erkennungsmarke mit arabischer Inschrift. Der Name und die Nummer können identifiziert werden. Es muß sich um einen Soldaten im Sechstagekrieg handeln, schließen Experten. Da die Syrer Haaretz lesen (so wie bei uns arabische Zeitungen gelesen werden), besteht die Hoffnung, daß die Familie des Soldaten auf diese Art und Weise an die Informationen kommt.

Besonders interessant hier die Talkbacks. Einige sagen, eine humanitäre Geste machen und direkt an die Syrer wenden! Andere meinen, eine gute Gelegenheit, syrische Hilfe zu erbitten, wenn es um die Leiche von Eli Cohen oder Einfluß auf die Gruppierungen geht, die noch israelische Soldaten festhalten. Andere wiederum meinen, ja ihr Träumer, habt ihr noch nicht begriffen, daß die Araber keine Freundschaft wollen, sondern Sieg? Und so drehen sich die Talkbacks weiter. Jeder sieht diesen Fund aus seiner Perspektive.

Ich persönlich  meine, bei solchen zutiefst menschlichen Ereignissen wie Tod, Verschwinden, Suchen und Warten auf einen, der nie wiederkommt - da würde ich keine taktischen Erwägungen machen. Und wenn die Syrer uns auch keine Gegengeste machen würden, und wenn sie uns auch als schlapp ansehen würden - ich würde einen der vielen Kanäle zu syrischen Stellen nutzen und ihnen die Marke anbieten, mit Bildern vom Bunker und seiner Umgebung und der Bitte, uns wiederum von dem Soldaten zu erzählen. Und dem Angebot, daß die Eltern, wenn sie noch wollen und noch leben, etwas schicken können, das dort niedergelegt wird. Wenn schon Batia Arad ungetröstet sterben mußte, sollten wir doch einer syrischen Mutter die Qual der Ungewißheit erleichtern, wenn wir können.

Ich muß doch nicht sagen, Februar 1, 2007, 1:14

Posted by Lila in Land und Leute.
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was ich von dieser Meldung halte? Boker tov, chaverim. Bis der Iran eine Atombombe hat, fließt noch viel Wasser die Graphitstäbe entlang… oder?

Experten des renommierten International Institute for Strategic Studies (IISS) in London sind jetzt anderer Meinung: Der Mullah-Staat könnte schon in zwei bis drei Jahren über Nuklearwaffen verfügen, heißt es im heute veröffentlichten IISS-Jahresbericht mit dem Titel “The Military Balance”.

Hat das nicht schon mal jemand behauptet…? Vor zwei Jahren, so ein paranoider Bauer???

Die iranische Regierung hat erklärt, dass ihr Atomprogramm ausschließlich wirtschaftlichen Zwecken diene. Dies wird von den USA und europäischen Staaten jedoch bezweifelt. Nach Angaben des IISS besitzt Iran 250 Tonnen an Uran-Hexafluorid, das in einer funktionierenden Anreicherungsanlage für den Bau von 30 bis 50 Atombomben reichen würde.

30 bis 50? Um uns zu zerstören, brauchen sie nicht mehr als anderthalb. Na, wenn sie die arabischen Nachbarn halbwegs schonen wollen, pflastern sie uns mit Bömbchen voll. Wie viele werden sie brauchen? Weniger als ein Dutzend. Na, dann bleiben ja noch ein paar übrig. Was machen sie mit denen?

Zusätzliche Sorge dürfte westlichen Experten die Meldung bereiten, dass Iran eine ballistische Rakete zum Trägersystem für Spionagesatelliten umgebaut hat. Das US-Magazin “Aviation Week” hat kürzlich Allaeddin Borudscherdi, den Chef des iranischen Parlamentsausschusses für nationale Sicherheit, mit den Worten zitiert, dass die Trägerrakete bald erstmals aufsteigen werde.

Westliche Geheimdienste befürchten dem Bericht zufolge, dass eine solche Rakete auch in der Lage wäre, eine Last von der Größe eines atomaren Sprengkopfs zu tragen - und zwar bis nach Mitteleuropa. Unklar blieb jedoch, ob Borudscherdis Behauptung der Wahrheit entspricht oder zur Wunderwaffen-Propaganda gehört, die von der iranischen Regierung gern benutzt wird.

Bis nach Mitteleuropa??? Waaas??? Aber die Mitteleuropäer haben dem Iran doch gar nichts getan! Haben Handel getrieben, Waffen verkauft, haben nicht an Anti-Iran-Demos teilgenommen…. wie ist das bloß möglich??? Da muß aber schnellstens was unternommen werden.

Ein Angebot Februar 1, 2007, 1:02

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Kunst, Uncategorized.
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Schon seit ein paar Tagen laufe ich gedankenvoll rum. Ich habe fürs nächste Jahr ein weiteres Arbeitsangebot bekommen - nachdem ich schon dieses Jahr mehrere ablehnen mußte. Die Kunstlehrerin an Quartas Schule ist schwanger, und sie wandte sich an mich, um zu fragen, ob von meinen ehemaligen StudentInnen jemand in Frage kommt oder ich sonst über meine Kanäle jemanden kenne. Ich meinte, außer mir selbst fiele mir niemand ein, und sie meinte, sie hat gar nicht zu hoffen gewagt, ich könnte interessiert sein.  Oh, aber ich würde so gerne!
Keine Ahnung, ob was draus wird - ich kann nur  einen Tag freimachen, und sie brauchen mehr, aber vielleicht kann man das ja aufteilen. Es wäre auch für längere Zeit - sie will nach der Geburt nicht wieder voll einsteigen. Außerdem habe ich mich schon für x andere Dinge verpflichtet - wer weiß, was draus wird? Aber ich bin die Lehrerin besuchen gegangen, in dem wohlbekannten Kunstraum - ach, ich wäre am liebsten sofort dageblieben. Die Materialien, die Arbeiten an der Wand, die vielen Bücher und Postkarten, die vergnügten Kinder, die an den Tischen saßen und eifrig arbeiteten - es war wunderschön, wieder diese Luft zu atmen. Wie lange habe ich nicht mehr Kunst “proper” unterrichtet!

Mal gucken, was draus wird. Aber es ist schon ein schöner Beruf, lehren, und noch dazu Kunst - die junge Kunstlehrerin schafft es wohl wirklich, die Kinder zu fesseln. In anderen Fächern, auch in meiner Kunstgeschichte, macht das Kind den Schnabel auf, und wir stopfen was rein (ja ja, auch wenn wir es spielerisch oder didaktisch ausgeklügelt machen… und auch wenn das Vögelchen selbst schlucken muß - die Würmer schleppen wir ihm ran). Aber im Kunstunterricht kann auch was rausgeholt werden, und die Kinder, die das entdecken, die lieben den Kunstunterricht und machen wunderbare Sachen.  Ja, das wäre schön, wenn was draus würde…