Aus Haaretz Januar 22, 2007, 20:59
Posted by Lila in Land und Leute.11 comments
Gestern: zwei Qassams, drei Mörsergranaten. Heute: bisher fünf Qassam-Raketen. Für einen Waffenstillstand keine schlechte Bilanz, würde ich sagen. (Pardon wenn ich zynisch werde).
Eine tragische Geschichte Januar 22, 2007, 20:53
Posted by Lila in Land und Leute.4 comments
Es ist eine typische Nahost-Geschichte, so traurig, daß man sich ihr kaum aussetzen mag. Ich versuche es aber trotzdem.
Ein kleines Mädchen, Abir (eine Abir, die ich kenne, hat mir mal gesagt, ihr Name bedeutet “Duft der Rose”), zehn Jahre alt. Abirs Vater ist in einer Initiative aktiv, “Kämpfer für den Frieden“, in der sich ehemalige Kämpfer beider Seiten, Israelis und Palästinenser, für Frieden und Dialog einsetzen. Abirs Vater wird in Gesprächen mit seinen früheren Gegnern gefilmt, mit der Familie, “ich werde meine Kinder zum Frieden erziehen”, meint er. Das ist ein paar Jahre her, Abir war noch kleiner.
Und dann: letzte Woche. Abir ist in der Schule, Pause, sie steht am Eingang der Schule, in einem kleinen Ort in der Nähe von Jerusalem. Unruhen, Steine fliegen, Gummigeschosse und Schockgranaten werden abgefeuert. Das kleine Mädchen wird am Kopf getroffen, ins Krankenhaus eingeliefert, stirbt. Wer das Bild des kleinen Kopfs auf dem Krankenhauskissen gesehen hat, wird es so schnell nicht vergessen.
Abirs Vater und alle Bewohner von Anata sind sich einig: Abir ist von einem Gummigeschoss getroffen worden. Es wäre nicht das erste Mal, daß diese “nicht-tödlichen” Waffen töten. Die Wut ist groß, Abir ist ein weiteres Opfer in einer unerträglich langen Reihe von Unschuldigen, Unbeteiligten, Kindern und Jugendlichen, die sterben müssen, weil sie in einer Gegend leben, in der Gummigeschosse an Schultoren herumfliegen.
Die Grenzpolizei streitet das ab. Sie haben nicht auf Abir geschossen, haben sie nicht einmal gesehen, es kann nicht sein, sie haben nur auf gewalttätige Demonstranten geschossen, die mit Steinen geworfen haben. Gummigeschosse und Steine - nicht-tödliche Waffen, die töten können.
Abirs Leiche wird nach Jerusalem gebracht, wird obduziert. Der Pathologe, der sie obduziert, ist Jude, doch neben ihm steht ein von der Familie beauftragter arabischer Pathologe, der kontrollieren soll, daß keine Tatsachen vertuscht werden. Das Ergebnis steht noch nicht fest, noch sind nicht alle CT-Aufnahmen ausgewertet. Doch laut vorläufigem Befund kann es kein Gummigeschoss gewesen sein, sondern eher ein stumpfer, großer Gegenstand. “Ein Stein”, meinen die einen, “eine Schockgranate”, meinen die anderen.
Die eine Seite sagt: “Israel lügt und vertuscht, das haben sie immer getan, wir glauben ihnen nicht, egal was sie sagen, Israelis töten Kinder”. Die andere Seite sagt: “die Araber versuchen immer wieder, uns Todesfälle in die Schuhe zu schieben, die sie selbst verursacht haben, wir glauben ihnen nicht, egal was sie sagen, Araber opfern ihre Kinder und ermorden unsere”. Jede Seite kann Kronzeugen für ihre Version aufrufen, jede Seite kann Präzendenzfälle ohne Ende zitieren, Namen. Keiner hat Zweifel an seiner Version (die Medien, wie ein kurzer Gang durch Google zeigt, haben ebenfalls keinerlei Zweifel, obwohl das Ergebnis noch gar nicht feststeht, doch auch Palestine News Network berichtet, daß im Hadassah-Hospital versucht wurde, ihr Leben zu retten). In der Mitte liegt ein stilles kleines Mädchen, Opfer dieses Konflikts, egal, wie sie nun gestorben ist.
Ach, möge sie die letzte sein, es ist nicht mehr auszuhalten. Ich werde berichten, wenn das Ergebnis feststeht, egal wie es aussieht.
Ohne Worte Januar 22, 2007, 20:17
Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.1 comment so far
Seit mehreren Tagen, fast schon eine Woche lang, kämpft die junge Frau, von der ich neulich erzählt habe, um ihr Leben. Dabei ging es ihr eigentlich schon besser, sie war sogar eine Zeitlang zuhause, ja machte sogar Pläne, redete von Arbeit, sah vielleicht sogar ein Studium am Horizont. Dann brach sie wieder zusammen, mußte operiert werden, liegt jetzt beatmet und bewußtlos auf der Intensivstation. Hoffen, hoffen, hoffen.
Gabi Januar 22, 2007, 2:15
Posted by Lila in Uncategorized.2 comments
ist es. Übrigens ist das die Abkürzung für Gavriel, falls sich jemand wundert, mit diesem Namen so ein Gesicht zu sehen.
Eine viel zu lange Antwort an Loco… Januar 22, 2007, 1:35
Posted by Lila in Land und Leute.8 comments
…auf die Frage:
Wie sieht eigentlich das Zusammenleben der verschiedenen Gruppen innerhalb Israels aus? Der letzte Roman von Batya Gur, den ich las, zeichnete da ein eher grausiges Bild, zwischen nordafrikanischen, westeuropäischen, osteuropäischen, arabischen, jemenitischen, … Juden schien demnach quasi Krieg zu herrschen…
Ashkenasische und sphardische Juden unterscheiden sich vielfach, es ist ein hochinteressantes und komplexes historisches Gebäude, in das man sich begibt, wenn man diesen Unterschieden nachgeht. Ich halte es für eine unzulässige Vereinfachung, wenn man orientalische Juden in Israel (aus dem Maghreb o.ä. eingewandert) als “Spharadim” bezeichnet. In Israel sagen wir meist “misrachiim”, also östliche Juden (wobei früher in Deutschland natürlich Ostjuden alles war, das östlich der Oder herkam…). Eine ziemliche Sprachverwirrung!
Grausig würde ich die Situation auch nicht nennen, eher schon problematisch oder vielschichtig. Es steht gerade heute (auf Englisch, schade!) in Haaretz ein Artikel über gemischte Ehen und ihre Auswirkung auf soziale Mobilität und Bildung. Recht interessant, aber bestimmt nicht das letzte Wort zum Thema.
Es stimmt, daß es in Diskotheken oft zu Messerstecherein zwischen Neueinwanderern aus osteuropäischen Staaten bzw Äthiopien oder Misrachiim kommt - da herrscht oft brutales Faustrecht zwischen Jugendbanden, aber das ist nicht repräsentativ für den Rest der Gesellschaft. Natürlich sagen wir oft in typisch israelisch-zynischer Manier, “wir können uns gar nicht leisten, die Probleme mit den Arabern zu lösen, denn dann bricht hier als erstes der Bürgerkrieg aus”, aber das bezieht sich auf die Spannungen zwischen Nationalreligiösen-Orthodoxen-Nichtreligiösen ebenso wie auf die Spannungen zwischen Tel Aviv und Peripherie, Arm und Reich oder Likudniks und Linke. Es ist so wie zwischen Rheinländern und Westfalen: man kann zwar partout mit diesen Westfalen nicht auskommen… aber wir ertragen sie dann doch in Geduld. (Spaß, Spaß! einige meiner besten Freunde sind… nein, gelogen…)
Die israelische Gesellschaft ist nun einmal so heterogen, wie sich Deutsche auch heute noch kaum vorstellen können - denn die Fremden sind in Deutschland in der Regel als Fremde erkennbar, aber der Großteil der Bevölkerung ist viel homogener als hier. Dazu kommen die härtere wirtschaftliche und außenpolitische Lage - und es weht ein heftigeres Windchen als in Deutschland. Allerdings in mancher Hinsicht, wie schon oft erwähnt, auch ein herzlicheres, freundlicheres, solidarischeres Windchen.
Allgemein wird angenommen, daß in der israelischen Gesellschaft die europäischen Juden, also die Ashkenasim, die Oberschicht stellen, gebildeter sind. Das stimmt meiner Erfahrung nach nur ganz bedingt. Erstens kamen auch aus Europa durchaus nicht nur die Vettern von Einstein und Yehudi Menuhin, sondern auch ganz schlichte Bauern oder Kleinbürger, die sich seit Generationen am Existenzminimum durchhangelten. Und zweitens kamen aus arabischen Ländern hochgebildete, französisch sozialisierte Menschen, die baß erstaunt auf sandalentragende Kibbuzniks starrten. Die Stereotypen von der Maurerkette, die die Steine mit einem höflichen “bitte sehr, Herr Professor” von einem zum anderen reicht, ist zwar durchaus lebenwahr, spiegelt aber nicht die ganze Wahrheit über die ashkenasischen Juden wieder.
Viele von ihnen kamen bitterarm, von der Shoah zerbrochen und alles andere als mit der Nase in der Luft nach Israel. Oft wird, wenn man die Maabarot anguckt, vergessen, daß auch europäische Juden darin untergebracht wurden. So meine Schwiegermutter, als sie als Mädchen mit ihrer (grausam dezimierten) Familie nach dem Holocaust nach Israel kam. Mein Schwiegervater dagegen, einer yekkischen Familie entstammend, die vor dem Holocaust nach Israel kam und bereits die typische salopp-stolz Sabra-Identität entwickelt hatte, gehört zu der ashkenasischen Oberklasse. In dieser Ehe trafen also zwei Ashkenasen aus vollkommen verschiedenen Welten aufeinander - nicht weniger drastisch als in einer anderen “gemischten” Ehe.
Ich habe in diese ashkenasische Welt eingeheiratet, Kibbuznik noch dazu!, und habe deshalb vielleicht nicht genug Empathie für Leute, die sich wirklich diskriminiert fühlen wegen ihrer Hautfarbe oder Aussprache oder Kultur. So erzählte mir eine sehr liebe Freundin aus einem jemenitischen Haushalt, daß sie in der Schule als “Frenk” (ganz böses Wort) geneckt wurde, weil sie chet und ain tief in der Kehle rollte, die orientalische Aussprache also. Heute dagegen gilt das als schön - und doch gibt es bestimmt noch Leute, die sich deswegen schämen oder schief angeguckt werden. (Dabei hört man geradezu die grammatikalisch vorgeschriebene Reibung mancher Vokale in der orientalischen Aussprache!)
Orientalische Musik war früher eine kleine ethnische Ecke, ist heute der Mainstream. Keine Hochzeit, keine Bar-Mitzva-Feier, auf der nicht durch orientalische Musik der Auftakt zum fröhlichen Teil des Abends gegeben wird, und auch die polnischen Tanten der Braut fangen an, das Becken kreisen zu lassen und die Oberweite zu schütteln. Wir waren schon auf urkomischen Events dieser Art, aber orientalische Musik muß sein! auch wenn niemand sich dazu bewegen kann. Und die israelische populäre Musik ist von vielen Stilen beeinflußt - aber ganz bestimmt vom orientalischen. Wo hab ich noch mal dieses wunderschöne Lied von Ofra Haza, der jemenitischen Seele Israels, gespeichert? Hier klicken. Mein Gott, singt sie schön (und wie schade, daß sie so viel kommerziellen Schrott gemacht hat…). Es gibt niemanden mehr, glaube ich, der sich davon nicht repräsentiert fühlen würde - früher konnte man vielleicht auf orientalische Musik herabsehen, aber heute?
Israelische Küche ist nicht mehr nur Kneidlach und Kreplach und gefilte Fisch, sondern viel eher Burghul, Taboule, Chumus, Falafel und andere aus arabischen Ländern stammende Köstlichkeiten - mediterran-orientalisch eben. Es gibt sogar ein Kinderlied zu dem Thema, “aber wir, wir haben Falafel…”.
Orientalische Feste wie Maimouna werden heute auch von Ashkenasim gefeiert. Ob solche Folklore aber die wirkliche soziale Lage orientalischer Juden widerspiegelt??? Ich weiß es nicht. Misrachiim klagen oft über Diskriminierung, oft mit sehr viel aufgestautem Ärger.
Ich bin im Laufe der Jahre mißtrauischer geworden, wenn ich die Klage über Diskriminierung höre - ob von Frauen, Minderheiten, oder sonstwie auf den ersten Blick Benachteiligten. Als Frau und Angehörige einer Minderheit kann ich heute ehrlich sagen, daß ich meinen Teil dazu beigetragen habe, wenn ich diskriminiert wurde - und ich gucke heute auch, wie die Dynamik zwischen der starken und der schwachen Gruppe läuft. Das ist viel komplizierter, als ich früher glaubte. Manche Formen der Diskrimierung nämlich kann allein der Diskriminierte selbst aufheben - die andere Seite ist da machtlos.
Ein konkretes Beispiel aus unserer Familie: Y.s Schwester hat einen irakischen Juden geheiratet, einen Mann, der so stolz ist und sich so von uns Kibbuzniks abschottet, daß er eigentlich uns diskriminiert. Aus lauter Sorge, unter all den snobistischen Ashkenasim der Famiilie seiner Frau schief angeguckt zu werden, kommt er zu keinem Familienfest mit. Die Yekkes-Oma hat ihn immer eingeschüchtert, hat er mir mal erzählt. Dabei sieht niemand auf ihn herab, im Gegenteil. Würde er nur den Versuch machen, wären sofort alle Türen offen. Aber ich kann ihm ja auch nicht zureden wie einem kranken Gaul, das wäre ja auch herablassend, wenn ich ihm nun dauernd sagen würde, wie tüchtig und so ich ihn finde. Er fühlt sich von oben herab angesehen, und nichts, was ich machen kann, kann das ändern, verstehst du? Das ist sein Ding, aus dieser wahrgenommenen Diskriminierung auszubrechen.
Er erzählt zum Beispiel immer voller Bitterkeit, wie sehr seine Familie in der Maabara gedemütigt wurde, wie sie bei der Flucht aus dem Irak alles verloren, wie sie bei Null anfangen mußten. Meine liebliche, taktvolle Schwiegermutter hört sich das an, ohne jedesmal zu sagen, “mein lieber Schwiegersohn, ich erinnere mich an dieses Lager nur allzugut… und auch wir hatten nichts”, denn das wäre für ihn nicht gültig. Er fühlt sich diskriminiert, weil seine Familie dunkle Haut hat. Für ihn gilt die Erfahrung meiner Schwiegermutter weniger, eben weil sie “weiß” ist. Da macht sich das für ihn fest - und aus seiner Perspektive zu Recht. Man will ja auch keine pain olympics ausrufen.
So habe ich auch schon eine tunesische Jüdin mit großer Bitterkeit sagen hören, “auch wir hatten unsere Shoah, auch wir sind verfolgt und ermordet worde, vertrieben worden und haben alles verloren - aber im Land gedenkt man nur der Shoah der Ashkenasim”. Und bei einem Interview mit entfesselt-zornigen Jugendlichen orientalischer Herkunft meinten einige lauthals, für sie Yom ha Shoah, der Gedenktag, gleichgültig - es ist nicht ihre Shoah. (Nur als Kuriosität: es sind gern solche orientalischen und jungen Leute, die sich durch Bemerkungen über Deutsche hervortun - was ich von Überlebenden noch nie gehört habe….)
Das sind also emotionale Wunden und uralte Rechnungen, die man nicht auflösen kann, sondern nur versuchen sollte zu verstehen, in der Hoffnung, daß sich im Laufe der Generationen die Positionen annähern. (Mein Schwager liebt und bewundert unsere gemeinsame Schwiegermutter persönlich nämlich sehr - er kann nur aus seiner Position als “die sehen alle auf mich herab!!” nicht mehr raus).
Wie sieht es aber praktisch mit der Chancengleichheit aus? Ich bin keine Soziologin und kann nur erzählen, was sich vor meiner Nase abspielt.
Ich sehe an der Uni VIEL, bei weitem VIEL mehr orientalisch und arabisch aussehende Studenten als typische junge Ashkenasim. Vielleicht ist Haifa ja nicht landestypisch, ich weiß es nicht, aber niemand kann mir erzählen, daß orientalische oder arabische junge Menschen keinen Zugang zu Bildung hätten. Sie haben, und sie nehmen ihn wahr, genauso wie junge Frauen ihn heute wahrnehmen. Sie sind da, sie sind begabt, sie sind ehrgeizig. Natürlich spielt in der Wahl der Studienfächer, wie auch in Deutschland (wer erinnert sich an die Studie???), das Elternhaus eine große Rolle. Erst-Akademiker in der Familie studieren eher BWL oder Ingenieurswissenschaften, also “verwertbare” Fächer, während Mediziner und Juristen gern aus ebensolchen Dynastien kommen, und Kulturwissenschaftler tendenziell eher aus Akademiker-Elternhäusern kommen. Wobei Ausnahmen die Regel bestätigen.
Das bedeutet: relativ wenige Misrahiim oder auch AraberInnen studieren Kunstgeschichte, da laufen viele (hübsche!) Russinnen rum. Doch sehr viele studieren Kunst und Kunstpädagogik, wo es um persönliche Ausdruckskraft geht, und einige der besten studentischen Arbeiten, die ich je gesehen habe, stammen von ihnen.
Und in den höheren Etagen der Uni, wie viele Ashkenasim und wie viele Misrahiim haben wir? Hm, wie viele Frauen und wie viele Männer? Die Vorherrschaft der weißhäutigen Männer mit den -ovitch, -berg und -mann-Nachnamen besteht noch, doch es ist abzusehen, daß diese Bastion geschleift wird.
Frauen sind in Haifa an der Uni auch in hohen Posten sehr viel mehr vertreten als an deutschen Unis, so weit ich das sehe, und die jüngere Generation von Dozenten und hoher Administration ist gemischt - man weiß ja bei den meisten jungen Israelis gar nicht mehr, welcher Herkunft sie sind. Ich kenne viel mehr gemischte als “ungemischte” Familien. Aber die Zukunft gehört, trotz Haaretz-Artikel, denen, die sich nicht mehr einem Lager zuzählen, sondern zuerstmal eine israeische Mentalität haben. Wenn ich an die jungen wissenschaftlichen MitarbeiterInnen denke - dann sind die Zeiten der ashkenasischen Elite zumindest in Haifa vorbei. Allein daß ich nachdenken muß, um die Leute “zuzuordnen”, zeigt schon, daß es gar keine Rolle mehr spielt, aus welcher “edah”, aus welcher ethnischen Gruppe jemand stammt.
Sagen wir so: für mich, die ich aus der sowieso privilegierten Gruppe komme (denn trotz Frau und Minderheitenstatus sehe ich mich mein Leben lang als privilegiert), spielt das keine Rolle. Ich räume gern ein, daß es für eine jemenitische oder drusische oder äthiopische Frau, die an der Uni unterrichtet, eine große Rolle spielen mag, und mir einfach das Feingefühl dafür fehlt.
Mein Schwager, um zu ihm zurückzukehren, diskriminiert sich in gewisser Hinsicht selbst. So hat er vier Töchter - und leidet darunter, daß die überwiegend orientalischen Menschen seiner Umgebung deswegen auf ihn herabsehen. Das ist aber seine Entscheidung, er könnte diese sozialen Maßstäbe auch zurückweisen und einfach stolz sein auf seine vier rundherum gelungenen und feinen Mädchen. Er selbst, indem er sich diesem Urteil unterwirft, führt eine Diskriminierung fort, die seinen Mädchen sonst nirgendwo entgegenschlagen wird. Ja nicht mehr die uralte Masche mit dem Familiennamen zieht mehr, denn in Israel kann längst jeder Ehepartner seinen Namen behalten, so daß auch diese Ausrede, wieso Jungens “wertvoller” sind als Mädchen, wegfällt.
Aber die Mädchen wachsen mit einem Gefühl der Minderwertigkeit auf, so fein sie sind und so stolz ich mit meinen tollen Nichten strunze und so sehr die gesamte ashkenasische Familie sich über die orientalischen Verwandten ärgert, die Mädchen für zweite Klasse halten… sie wachsen damit auf, und werden sich eines Tages vielleicht darüber ärgern, aber ihr Vater konnte die Werte, nach denen er erzogen wurde, einfach noch nicht über Bord werfen. Damit trägt er eine Art Diskriminierung weiter, ohne es zu wollen, und ohne daß es die Ashkenasim verhindern können oder sonst jemand. Wenn diese Mädchen (hoffentlich passiert es nicht, tfu tfu tfu!) eines Tages für sich selbst nur eine “zweite Wahl” eingehen, beruflich Kompromisse schließen, sich wenig zutrauen oder sich mit einer subalternen Position zufriedengeben, dann hat das nicht etwa Wurzeln darin, daß sie orientalisch aussehen oder einen typischen Misrahi-Namen tragen - das ist eben viel komplexer.
Dasselbe gilt für arabische Mädchen - die ja oft ähnlich hinter Brüdern zurückstehen müssen, wie in Deutschland bis vor ein paar Jahrzehnten auch noch (wollen wir mal nicht so tun, als hätten wir Westler das Rad schon vor ewig langer Zeit erfunden - wer kennt nicht die Geschwisterscharen, wo alle Jungens studiert haben und die Mädchen nur eine kleine Ausbildung gemacht haben, “denn sie heiraten ja doch”?). Und wiederum - es geht hier nicht kurz und nicht schlicht - ich erinnere mich an die Jahre an der PH, an den festlichen Tag der Diplomverleihung an die Beduinen-LehrerInnen. (Daß es einen extra Lehrgang für beduinische Lehrer gab, war nicht etwa mit Rassismus zu erklären, sondern aus dem erklärten Willen dieser kleinen Minderheit, die eigene Identität zu bewahren, weiterzugeben - und die Chance wahrzunehmen, während des Wehrdiensts ein Studium, das extra auf sie zugeschnitten ist, zu bewältigen. Die Mädchen natürlich ohne Uniform.)
Da strömten die Sippschaften in die Festhalle, mein altes Büro war ja direkt daneben. Ich habe mich bei solchen Gelegenheiten, obwohl ich mit den Beduinen nichts zu tun hatte, gern dazugestellt und gratuliert, weil der Stolz, der aus den elterlichen Gesichtern strahlte, mir so wohltat. Und eben besonders der Stolz auf die Mädchen. Sie ist Lehrerin, sie hat was gelernt, womit sie ihrer sozialen und ethnischen Gruppe dient, etwas, womit sie die weibliche Sphäre nicht verläßt - die Rolle der Lehrerin als Erweiterung der Mutterrolle ist ja auch in Europa Hebel für die Verbreitung der Mädchenbildung und schließlich der weiblichen Karriere geworden. Wenn man das gesehen hat und sich mitgefreut hat, wie stolz die Familien auf die Töchter sind, dann hat man große Hoffnungen, daß für jede solche junge Lehrerin später motivierte junge Schülerinnen in die Hochschulen strömen. Das kann kein Establishment ihnen abnehmen, den Schritt hinaus zu wagen, sich anzustrengen - es muß möglich sein, es ist auch möglich.
Und daß die Beduinen diskriminiert sind, viel schlimmer als die Misrahiim, steht wohl außer Frage. Als Minderheit in einer Minderheit haben sie wirklich in die Schüssel gegriffen. Sie sind ärmer als die Drusen und Christen, verstehen sich nicht mit den Moslems, dienen in der Armee (wenn sie wollen - und es wollen immer weniger), und ich schäme mich, daß ihre Dörfer fast immer Soldatenfriedhöfe haben - aber nur selten vernünftige Bürgersteige (worauf ein arabischer Freund nur zynisch sagt: dann frag mal unseren Bürgermeister, wo das Geld hin ist? und wieso er keine Kommunalsteuern eintreibt, wie die jüdischen Bürgermeister? - das ist jedesmal ein Faß Würmer, das man da aufmacht!).
Es wird ebenfalls oft über die Misrahiim gesagt, daß sie aufgrund ihrer Erfahrungen mit Arabern entweder “die Araber besser kennen, macht euch keine Illusionen!” oder “mit den Arabern einfach besser auskommen, das lernt ihr eben nie”. Viele Misrahiim wählen eher konservativ, was mich immer verblüfft, denn die führenden Politiker des Likud sind nicht orientalischer als die Avoda - aber sie mißtrauen Arabern oft mehr als Ashkenasim das tun. So ist Meretz geradezu berüchigt für ihre rein ashkanisch-kibbuznikim-Wählerschaft, und Meretz-Aktivisten versuchen das zu kompensieren, indem sie sich sozial in orientalischen Brennpunkten engagieren - das israelische Gegenstück zu den sog. “Gutmenschen” (wobei ich von Piet gelernt habe, diesen Ausdruck nicht mehr leichtfertig zu benutzen! daher die Anführungszeichen!) - auf Ivrit “yafei nefesh”, schöne Seelen genannt. (Ich bin so eine schöne Seele, denke dabei stets an das Fräulein von Klettenberg und sage, “es sei”).
Es wird oft gesagt, weil die Misrahiim selbst sich diskriminiert fühlen, diskriminieren sie wiederum die Araber. Ich weiß nicht, wieviel davon wahr ist. Viele haben aufgrund ihrer miesen Erfahrungen, ihrer Flucht aus arabischen Ländern, ein gespaltenes Verhältnis zu Arabern. Andererseits, wie schon erzählt, haben marokkanische Israelis vor der marokkanischen Vertretung Kerzen angezündet, als König Hassan starb. Sie haben mit Tränen in den Augen von ihm gesprochen, “der gute König”. Irgendwie erhalten sich viele Israelis der Einwanderer-Generation eine sentimentale Bindung ans Land der Herkunft, sind stolz auf die Kultur, die sie mitgebracht haben, und fachsimpeln miteinander. So hat mir eine Freundin, deren Mutter aus Ägypten stammt, genau erklärt, wie sich Juden aus Alexandria von denen aus Kairo unterscheiden. Ihr Vater ist übrigens ein Shoah-Überlebender aus Ungarn.
Vielleicht ist es ja, und damit schließe ich diesen ausfransenden Teppich an Erinnerungen, Assoziationen und Fragen, einfach Teil der menschlichen Natur, daß wir uns gern der Einzig Wahren Gruppe zugehörig fühlen. Ich habe noch im Ohr, mit welch grenzenloser Arroganz eine englische Voluntärin mal sagte, “mit meinem britischen Pass fühle ich mich wie eine Diplomatin!” (wo können die hin, wo wir mit unserem Läppchen nicht hinkönnen?), wie stolz ein Bayer mal meinte, “bei uns in Bayern, da ist es so schön, wir müssen gar nicht verreisen” (mei und fei bitte frei hinzufügen), und so sind wir wohl alle. So wie wir nun mal sind, das ist das Einzig Wahre, eigentlich. Gut, die Spanier sind edel und die Italiener fromm, aber würden wir SO sein wollen? Die Moslems sind fanatisch, die Protestanten freudlos, die Katholiken Heuchler und die Juden störrisch, beneidenswert, wer frei davon!
(Oder, in der Frauensprache: Wer mehr Kinder als ich hat, ist verrückt, wer weniger hat, ebenfalls! Wer länger gestillt hat als ich, ist pervers, wer kürzer gestillt hat, lieblos! Alle anderen sind entweder magersüchtig oder fett! Alle anderen Hausfrauen sind entweder putzwütig oder schlampig! Kurz: alle machen es verkehrt, ich weiß auch nicht wieso nur ich es immer richtig mache!)
Es ist eine Errungenschaft der Zivilisation, diesem primitiven Gefühl der naturgegebenen Überlegenheit Zügel anzulegen, Minderheiten und Fremde zu schützen, und es ist eine Errungenschaft des zivilisierten Menschen, sich fremde Kultur mit Liebe und Verständnis zu eigen zu machen - Sprachen zu lernen, Literatur zu lesen, Musik zu hören. Doch wo die Zivilisation nur ein bißchen wacklig wird, da springt der primitive Ich-ich-ich-bin-Normalmeter-Mensch wieder raus und zieht sein Messer, wenn jemand am Nebentisch Russisch spricht. Oder Arabisch. Oder Deutsch. Oder Hebräisch.
So gesehen hat Batya Gur recht. Aber ansonsten? Krieg herrscht hier nicht.

