Selektive Wahrnehmung Januar 12, 2007, 22:42
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis.7 comments
Nach wie vor halten wir uns an die Regel, Abendnachrichten tunlichst zu meiden. Was schon beim Lesen bedrückt, muß ich nicht noch als singendes, springendes Löweneckerchen im Wohnzimmer haben. Außerdem halte ich nach wie vor Hof im Schlafzimmer, I have such tremblings, such flutterings all over me such spasms in my side, and pains in my head, and such beatings at heart, that I can get no rest by night nor by day.
Aber Y. hat aus den letzten Minuten der Nachrichten und seiner ausgiebigen Lektüre der Wochenend-Zeitungen die Perlen für mich herausgepickt - eine lustige und eine traurige.
Die lustige: Ruhama Avraham, die Knesset-Abgeordnete, die ihre Karriere als Sekretärin von Bibi Netanyahu begann und leider alle unfreundlichen Stereotypen über blondierte Sekretärinnen erfüllt (die natürlich in jedem anderen Fall frauenfeindliche Verleumdung sind!), hat betont, wie wichtig es ihr ist, immer auf dem Laufenden zu sein, immer frisch informiert zu sein. Um es in ihren eigenen Worten zu sagen, “immer onlife zu sein”.
Die traurige: Ödipus ist tot, der heißgeliebte schwarze Panther der Safari in Ramat Gan. Er wurde 21 Jahre alt - für einen Panther biblisches Alter, passenderweise.
Mehr will ich eigentlich gar nicht wissen.
Halbzeit Januar 12, 2007, 13:16
Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.2 comments
Heute bekommen die Kinder Zwischenzeugnisse. Im Vergleich zu dem Herzklopfen, das wir früher dabei immer hatten, geht das hier sehr locker zu. Monita und Sitzenbleiben gibt es nicht, die Lehrer informieren die Kinder vorher über die Noten und die Zeugnisse bestehen nicht nur aus Zahlen, sondern auch aus Text. Dabei machen sich die Lehrer Mühe - ich kann ja zwischen drei Zeugnissen der Oberschule vergleichen und sehe, daß die Bewertungen wirklich persönlich geschrieben sind. “Secundus, irgendwann wirst du mit intelligenter Faulheit nicht mehr durchkommen, ich empfehle dir, dich auf den Hosenboden zu setzen”, schreibt der Lehrer für Sprache und Grammatik zum Beispiel - die Note ist übrigens trotzdem gut. Im Text zählen die Lehrer auch sämtliche Noten von Tests und Arbeiten auf, gehen darauf ein, wie die Leistungen in Bezug auf Hausaufgaben und Projekte sind, und geben sich wirklich alle Mühe, damit die geplagten Eltern eine Vorstellung davon haben, wie die Kinder sich in der Schule verhalten. (”Tertia läßt sich zu sehr von ihren Freundinnen vom Lernen abhalten…” - das kommt mir bekannt vor!)
Ich staune, daß meine Söhne in Mathe brillant sind - auch Tertia ist wirklich gut. Alle drei haben in Sport eine glatte Eins, ist das nicht schön? Primus hat seine Spitzen in Geographie und Biologie, und Secundus ist so gut in seinem Film- und Videokurs, daß der Lehrer ihm empfiehlt, das als Abifach zu belegen. Er hat eine kreative Ader, mein Secundus, und hat schon ein paar richtig schöne kleine Filme gedreht. Auch Schnitt und der ganze technische Hintergrund machen ihm Spaß. Sowas gab es bei uns an der Schule nicht. In Arabisch und Englisch sind alle drei gut, Tertia ist insgesamt etwas schwächer als die Jungen, was sie aber mit Fleiß wettmacht. (Bei ihr wird besonders ihre Motivation und Einstellung gelobt - erstaunlich, das hat sie nicht von mir!)
Der einzige Pferdefuß: Hausaufgaben. Die machen sie nicht genug, laut Zeugnissen. Dabei mahnen wir die Kinder jeden Tag, ich lade sie ein, am Küchentisch Hausaufgaben zu machen, wobei ich ihnen Gesellschaft leiste und sie mit Kakao verwöhne. An ihren Schreibtischen sitzen sie nämlich ungern. Quarta macht ihre Hausaufgaben brav, aber die Großen brummen meist, “wir haben keine auf” oder “hab sie schon in der Schule gemacht”. Es widerstrebt mir, jeden Tag daraus eine große Aktion zu machen - theoretisch könnten wir das, denn alle Hausaufgaben sind im Internet auf der Seite der Klasse notiert, und wir könnten kontrollieren, ob sie sie gemacht haben. Aber das ist nicht mein Stil, und auch Y.s nicht - wir neigen dazu, den Kindern zu glauben. Mal gucken, ob wir nicht jetzt doch die Zügel etwas straffer anziehen müssen. Übrigens finde ich es sehr großzügig von den Lehrern, daß sie gute Noten geben, wenn die Leistungen trotz mangelnder Hausaufgaben gut sind.
Bei Quarta ist natürlich noch alles ganz und gar problemlos. Ihr Zeugnis ist noch so gut, wie es meins auch im 2. Schuljahr noch war. Insgesamt kann ich aber nur stoßseufzen, wie immer zu diesen Gelegenheiten, daß mir die lockere, freundliche, transparente, nicht-strafende Art der Schulen hier sehr viel Ärger erspart.
Wenn ich mich an meine Schulzeit erinnere, die reine Leistungsbezogenheit unseres Gymnasiums, die undurchschaubar zusammengesetzten Zahlnoten - und wie undifferenziert die deutschen Noten sind! Hier geht die Skala von 1 bis 100 - alles über 55 ist bestanden, darunter ungenügend. Dabei ist auch ersehbar, ob eine ungenügende Note knapp verpaßt ist oder wirklich grottenschlecht. (Secundus hat doch tatsächlich in einem Bibeltest nur 23 Punkte geholt! Familien-Tiefstrekord). Die Noten meiner Kinder bewegen sich meist in den 80ern und 90ern, ein paarmal auch 72 oder 74. Also kein Beinbruch. Übrigens belohnen wir gute Noten nicht, dafür sind sie nicht wichtig genug. Der Lohn des Lernens liegt in der Freude, sein Wissen zu erweitern, und im Stolz auf Erreichtes. (Sie haben sogar ihre Durchschnitte ausgerechnet - zwischen 80 und 85, absolut okay.)
Sehr süß auch Primus´ Kommentare beim Vorlesen aller Zeugnisse. “Ofer, den hatte ich auch - der ist ein Genie” “Ruth, die Geschichtslehrerin - die ist ja süß, die mag uns gern, den Tembel und mich!” (sie unterrichtet beide und wir mögen sie alle gern - und ja, meine Söhne nennen sich gegenseitig der Tembel). Daß Primus Ruth gern mag, weiß ich. Als wir auf dem Elternsprechtag auf unseren Termin bei ihr warteten, flüsterte Primus mir zu, “guck mal die Ruth, sie lächelt immer, die ist meine Lieblingslehrerin!” Das sagte er ihr auch im Gespräch, und Ruth, eine ältere, wohlgesetzte, wirklich stets freundliche Dame, freute sich darüber sehr. Sie wurde sogar etwas rot.
Den Zorn auf Lehrer, die hilflose Wut, das Lästern - das kenne ich von meinen Kindern nicht. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, daß sie ja selbst Lehrerkinder und -enkel sind, oder ob es nicht doch diese besondere Atmosphäre ihrer Schule ist. Also, ich geh da selbst gern hin. (Obwohl die englische Homepage fürchterlich ist, verlinke ich sie… denn die Inhalte, die dort beschrieben werden, löst die Schule wirklich ein.)
PS: ich bin immer noch bettlägerig, die Mädchen auch. Hohes Fieber und Schüttelfrost sind Gott sei Dank vorbei. Igitt, waren das zwei gräßliche Tage!

