Beklemmungen Januar 8, 2007, 20:47
Posted by Lila in Land und Leute.62 comments
Mein häusliches und berufliches Glück kann mich nicht darüber hinwegtäuschen, daß unsere Situation nach wie vor ernst ist. Die Diskussion um den Artikel von Benny Morris kann nicht weggewischt werden. Wir stehen einem grimmigen Feind gegenüber, der seine Absichten nicht groß verhüllt, die Welt ringt die Hände - und würde alles tun, um uns davon abzuhalten, uns zu verteidigen. Wie unsere Selbstverteidigung aussehen sollte? Ich weiß es nicht, ich bin keine Anhängerin von Problemlösung per Luftwaffe, aber wir haben keine politisch-diplomatischen Druckmittel - die stehen anderen Ländern und Organisationen zur Verfügung, aber nicht uns - sollen wir mal mit einem Boykott drohen, hm? Da würde die Welt aber in den Schühchen schlottern, wenn der israelische Gigant zum Schlag ausholt… was also sollen wir tun?
Die Bedrohung, in der wir ständig leben, ist anscheinend für Bürger stabiler westlicher Staaten einfach nicht nachzuvollziehen. Wer gemütlich am Frühstückstisch mit der Zeitung raschelt, irgendwo in einer europäischen Stadt, der kann sich nicht vorstellen, wie es ist, in einem Staat zu leben, der noch nie, noch nie ohne Bedrohung gelebt hat.
In Haaretz stand heute ein erschütternder kleiner Artikel über die Vatikim, die alten Leute eines Kibbuz im Süden. Da fallen die Qassams, oh wunderbarer Waffenstillstand!, und die alten Kibbuzniks, deren Häuser beschossen werden, haben nicht mehr die flinken Beine, die man braucht, um schnell in den Bunker zu hechten. Das sind genau dieselben fleißigen, freundlichen, durch und durch bewundernswerten alten Kibbuzniks wie die, mit denen ich hier lebe. Jeder von ihnen hat vermutlich eine Lebensgeschichte, die in Deutschland als Bestseller verkäuflich wäre - Geschichten von Flucht, Kampf, Aufbau, Idealen, Fehleinschätzungen, Treue und Großmut. Und nun müssen sie um ihr Leben fürchten, weil die international anerkannte Definition eines Waffenstillstands den Abschuß von Raketen auf Zivilbevölkerung nur dann goutiert, wenn es mit Absicht geschieht - Pannen wie Bet Hanoun werden streng verurteilt, absichtlicher Beschuß dagegen fällt in die Grauzone des Unerwünschten, aber nicht wirklich Aggressiven.
Wie man das kapieren soll? Es ist beklemmend, einfach beklemmend. Es tut mir leid, wenn ich seit dem Krieg wesentlich düsterer gestimmt bin, seltener blogge und nicht auf jeden Köder anspringe. Ich habe das furchtbare Gefühl, daß sich eine Schlinge um uns zusammenzieht. Und keiner wird uns helfen. Die einen werden hämisch lachen, wenn es mit uns zu Ende geht, oder Mahnwachen für die Angreifer halten. Die anderen werden es schrecklich finden und sich immer an uns erinnern. Aber helfen? Eingreifen? Die nukleare Bewaffnung Irans stoppen? Energisch und unmißverständlich? Es sich mit diesem ölreichen Land und anderen islamischen Ländern gleich dazu vermasseln? Wofür? Für uns? Die paar ruppigen, struppigen Israelis in ihrem winzigen, rohstoffarmen Land, mit ihren traumatischen Erinnerungen und ratlosen Politikern? Vergeßt es.
Und damit niemand erst fragt: nein, wir gehen nicht weg. Nein, ich nehme meinen Mann nicht mit in das Land, in dem seine Urgroßeltern Selbstmord begehen mußten, um der Deportation und dem Mord zu entgehen, und in dem viele andere Familienmitglieder dem Mord nicht entgingen. Wir bleiben hier, mit allen anderen Israelis. Wir werden unsere Haut versuchen, so teuer wie möglich zu verkaufen - aber an manchen Tagen glaube ich nicht, daß das reichen wird.
Hoffen wir, daß das nur Unkenrufe sind, daß meine Intuition sich irrt und nichts passiert. Aber Benny Morris (dessen Original-Artikel man ruhig von Anfang bis Ende lesen sollte) hat genau das Szenario ausgemalt, das ich in meinem Kopf immer wieder sehe - auch wenn niemand außer uns glaubt, daß es eintreffen könnte. Ich habe 1991 Sirenen gehört, ich habe unzählig oft das Wort pigua gehört, ich habe letzten Sommer miterlebt - ich kann mir alles vorstellen. Leider.

