Für die Fans Januar 2, 2007, 23:23
Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute.9 comments
der älteren Damen und Herren, die ich jeden Dienstag unterrichte, eine kleine Geschichte aus der Pause.
Ein Mann, dessen Lebensgeschichte ich ganz gut kenne (ist nämlich ein Buch drüber geschrieben worden), kommt in den Pausen gern zu mir, um zu plaudern. Er kommt aus Berlin, aus dem roten Wedding, und erinnert sich an Ereignisse, die wir in Geschichtsbüchern nachlesen müssen. Manchmal helfe ich ihm, deutsche Worte zu finden für seine Korrespondenz mit deutschen Behörden, die ihm eine Rente zahlen. Schwerstbehindert ist so ein Wort, das er auf Deutsch nicht kannte, und das ich ihm auf eine Serviette schrieb.
Heute kam er also wieder angeschlendert und erzählte mir von seinem bevorstehenden 87. Geburtstag. “Ja, und da wollte ich dir sagen, daß ich eigentlich bei dir zum ersten Mal im Leben das lerne, was ich immer lernen wollte. In Deutschland hat es mit dem Lernen nicht so geklappt, gerade als es interessant wurde, kamen die Nazis dran, und dann die Verfolgung, und die Flucht, und dann habe ich die Familie verloren, und dann die Einwanderung… irgendwie kam ich nie dazu, das zu lernen, was ich am liebsten gelernt hätte. Ich liebe Kunst nämlich. Und jetzt lerne ich bei dir schon vier Jahre lang, und eins baut sich so auf das andere auf, das macht richtig Spaß. Natürlich ist es schade, daß ich gar nichts mehr sehe, ich bin ja eigentlich zu 100% sehbehindert. Aber ich höre dich ja, und dann stelle ich mir die Bilder vor, und manche kenne ich ja auch. Da wollte ich dir doch mal für danken.” Und stillvergnügt ging er zu seinem Kaffeetisch zurück.
Ist das nicht seltsam? Wie beklagen wir uns über alle möglichen kleinen Ärgernisse. Und hier sitzt ein alter Mann, dem sein Lebenstraum, mehr über Kunst zu erfahren, erst im Alter von über 80 erfüllt wird, nachdem er es dank der NS-Herrschaft sein Leben lang schwer hatte - erfüllt, als er schon nichts mehr sehen kann. Und er freut sich noch drüber, bedankt sich bei mir.
Es ist nicht das erste Mal, daß ich das Gefühl habe, ich lerne bei diesen Menschen mehr, als ich lehren kann.


