Erlauscht Dezember 12, 2006, 4:15
Posted by Lila in Land und Leute.trackback
Manchmal sitze ich einfach nur da, vor einem Kaffee und mit dem Buch in der Hand, eigentlich auf dem Sprung - aber kann mich nicht losreißen von einem Gesprächsfetzen, den ich höre. Gestern: Studentin und Student unterhalten sich.
Sie: Übrigens hab ich gestern einen von deinen Soldaten kennengelernt
Er: Ach ja? Aus der regulären Dienstzeit oder vom Miluim?
Sie: Keine Ahnung. Ich stand in der Schlange vor der Studenten-Union, und er hörte, daß ich bei XX Diplom mache, und da fragte er mich nach dir.
Er: Verfahrenstechniker? Klein, schwarzes Haar?
Sie: Genau. Verfahrenstechnik.
Er: Klar kenn ich den. Ein netter Kerl. Ist der Sanitäter meiner Einheit. Achla gever. Kann ich mich voll drauf verlassen. Und ich mache dieses Semester eine Übung bei ihm, in Verfahrenstechnik.
Sie: Wie? Da haben sich im zivilen Leben die Hierarchien umgekehrt?
Er, achselzuckend: So ist das eben.
Nichts besonderes, so ein Gespräch, nur ein kleines Stückchen Leben. Die Armee ist überall, in der Armee gilt die eine Hierarchie, im zivilen Leben (”ezrachut”) andere, und man wechselt so hin und her. Der Commander wird zum Studenten, der Sanitäter zum Lehrer. Da die Hierarchien überall flach sind, geht das ganz lässig. Trotzdem würde ich gern mal zwei Szenen filmen und die Körpersprache vergleichen: die beiden Männer in der Armee und an der Uni. Wäre interessant.
Allles ist besser, als über Nachrichten zu schreiben. Daß Olmert ein Laberfritze ist, habe ich ja schon länger geseufzt (auf Ivrit nennt man das “ratz lesapper la-chevre”, “rennt los und erzählt es allen seinen Kumpeln”). Na ja, daß es in der “politischen Sphäre Israels” stürmt, hagelt und schneit, kommt viel häufiger vor als echter Sturm, Hagel und Schnee. Mir wäre umgekehrt natürlich viel lieber.
Daß einem Mann drei Kinder ermordet werden, ist zu entsetzlich, ich mußte aufstehen und weggehen, kann solche Nachrichten nicht mehr ertragen, egal wer der Täter, egal wer das Opfer ist. Mit hunderten von Kugeln durchsiebt. Racheakt am Vater. Nicht darüber nachdenken. Doch die Erinnerung an Tali Hatuel kommt wieder. Wer sie ermordet hat, hat auch keine Skrupel, arabische Kinder zu erschießen. Diese Mörder schrecken vor absolut nichts zurück, wenn ihnen jemand nicht paßt. Sie sind eine Geißel für ihr Volk und für ihre Nachbarn - es sind keine “normalen” Feinde, mit denen man irgendwie klarkommen kann. Die Mörder von heute sind mit der palästinensischen Regierung affiliert.
Und die Holocaust-Konferenz in Berlin? Mich interessiert das Thema, und sie ist wohl hochkarätig besetzt - es ist auch wichtig, daß sie deutliche Worte zu den Tatsachen fand. Aber wie viele Leute, die latent antisemitisch eingestellt sind, lassen sich von akademischen Konferenzen beeindrucken? Nun, das ist kein Grund, KEINE Konferenz abzuhalten, eher einer, ihre Wirkung nüchtern zu beurteilen. Daß Antisemitismus überhaupt noch ein Thema, außer für Historiker, ist! Traurig. Und daß Haniya gerade heute in Teheran ist, paßt auch ins Bild.


Ich habe heute morgen im “Deutschlandfunk” gehört, wie der arme israelische Botschafter mühsam versuchte, den Lapsus Olmerts zurechtzurücken - natürlich vergeblich. Der Geist ist aus der Flasche.
Was er natürlich inoffiziell immer schon war - gerade die zweideutigen Botschaften sollten ja unsere, haha, Abschreckung am Leben halten. Na, die Abschreckung ist sowieso im Eimer, und das nicht erst seit Libanon II Die Gelehrten streiten sich, ob es Yom Kippur geschehen ist oder eher - aber die Scheu vor uns bröckelt, und damit rückt der nächste Angriff, der nächste Krieg näher. Wäre auch ohne Olmerts Gelabere passiert. Es ist nur wieder typisch für ihn. Sehr peinlich, der Mann.
Die Idee mit der Holocaustkonferenz sagt mir eigentlich ziemlich zu - so als Gegenveranstaltung zu der, die jetzt in Teheran stattfindet… Vielmehr kann man gegen derartige Veranstaltungen wohl kaum machen.
Hab gestern zufällig das Interview im Fernsehen gesehen (Wie kommt ausgerechnet Sat.1 zu einem Interview mit Herrn Olmert? Ich dachte, nach Harald Schmidts Weggang sei dort niemand wichtiges mehr zu sehen. War also sehr erstatunt…
und mich dann auch spontan gefragt: Hat der nicht grad den israelischen Atomwaffenbesitz eingeräumt?
Abseits davon: Den Körpersprache-Vergleich würd ich auch gern sehen
hi lila,
das mit dem “lauschen” kenne ich —- ist auch ein hobby von mir !!
ja, und das der naechste krieg naeher rueckt, wer mag das bestreiten ??
ich fand es gestern spannend zu lesen das syrien seine kriegsvorbereitungen auf diplomatischen und militaerischen wegen weiterbetreibt. auch diplomatie kann also eine form der kriegsvorbereitung sein ….
herzliche gruesse,
grenzgaenger
Mein Mann sagte nur drei Dinge zu dem Olmert-Interview.
1. Die Sache mit der Abschreckung und dem “Geheimnis” war sowieso schon längst passe.
2. Olmert ist ein Idiott (Idiot auf Ivrit), auch das wußten wir schon.
3. Kaffee, Lila?
Sat.1 kenne ich gar nicht, hatte in D. keinen Fernseher und war dann schon weg, als diese ganzen neumodlischen Sender aufkamen. Erinnere mich aus meiner Jugend an alte B-movies mit Edward G. Robinson auf WDR 2 oder 3, ah, those were the days.
Hallo Lila,
Du schreibst ja echt voll lustig.
Da sollte ich mal öfer vorbeikommen…
Grüße vom Beobachter
ich bin zwar nicht lila, aber was ist “voll lustig” ?
Kann mir jemand sagen, worin der “Lapsus” Olmerts liegen soll? Dass er jetzt die Wahrheit sagt? Dass er das sagt, was jeder eh’ “weiss”?
Anscheinend labert da noch einer:
http://oraclesyndicate.twoday.net/stories/3039774/
@Beobachter: Galgenhumor ist aber auf Dauer auch nicht so das Wahre.
@kranich05: Das macht Olmerts Fauxpas ob der zeitlichen Nähe latürnich besonders “reizvoll”.
Gregor - haargenau.
Kranich - sie labern alle.
mkb - hey, wer will mir da meinen Galgenhumor nehmen? Ich freue mich ja schon,wenn er als solcher erkannt wird.
Vielleicht ist das alles gar nicht so wichtig. Aber es ist ein Verstoß gegen die Spielregeln. Und sowas erregt manchmal mehr Aufsehen als ein echter Skandal.
Vielleicht war das beabsichtigt, eine Warnung - eigentlich an Iran?
Ja, vielleicht - eben deswegen war es ja so dumm. Olmert hat ja kein Geheimnis verraten, aber er hat wieder getan, was er vor dem Libanonkrieg praktiziert hat: drohen (offen oder indirekt), ohne daß man Taten folgen läßt. Es ist aber immer verkehrt, Drohungen oder Versprechungen einfach so zu äußern. Damit entleert man das eigene Wort und macht sich lächerlich. Und Olmert macht das am laufenden Band, der Mann kann die Klappe einfach nicht halten, er droht und verspricht am laufenden Band.
Kein Wunder, daß seine Kinder nicht auf ihn hören.Die wissen: keine Sorge, da wird sowieso nichts draus.
Das kann mir nicht gefallen, und es gefällt weder rechten noch linken Israelis. Rechts sagt “droh nicht, tu was”, und links sagt, “drohen hilft nicht”. Na so ähnlich.
“Unterschichtenfernsehen”, so wird es gern kolportiert. Vor allem von Harald Schmidt, quasi ja Herrn Olmerts direkter Vorgänger dort (spät abends und am nächsten Tag allerorten Gesprächsthema).
Drohungen sind schön und gut, allerdings die kurzfristigste Form der Machtausübung, solange von ihnen kein Lernprozess ausgeht, wenn ich da mal so den Soziologen in mir sprechen lassen darf. Und sie wahrzumachen bedeutet stets einen Machtverlust. Sonst hätte man sie ja nicht wahrmachen müssen.
Mal richtig gut erklärt, so gut, wie ich es nie könnte. Man möchte dem SPon-Mann die Hand schütteln (er ist mir schon öfter positiv aufgefallen).
http://www.spiegel.de/politik/debatte/0,1518,454313,00.html
Nein, es war wohl keine direkte Drohung wenn auch taz und Süddeutsche es dafür gehalten haben und es mich bei Olmert ebenfalls nicht überraschen würde, wie voll er den Mund nimmt… es war wohl einfach nur unüberlegte Großsprecherei.
Genau das also, was Israel jetzt braucht. Hätte mir jemand vor fünf Jahren prophezeit, daß ich den nun folgenden Satz mal hinschreibe, hätte ich ihn für verrückt erklärt, ausgelacht oder ihn zum Duell gefordert. Hier kommt´s.
ICH HABE BITTERE SEHNSUCHT NACH ARIEL SHARON:
[...] Erlauscht von Lila [...]
Dieses ganz unmilitärisch entspannte Verhältnis zu Hierarchien ist wirklich eine der beeindruckendsten Dinge an Tzahal. Das gibt es so wohl nirgendwo sonst auf der Welt.