Questions of meaning Dezember 9, 2006, 22:02
Posted by Lila in Kunst.9 comments
heißt das Buch, das ich gerade lese. Wer sich mit dem 17. Jahrhundert beschäftigt, ja überhaupt mit Kunst der Vormoderne oder Frühmoderne, der kommt nicht drumherum, sich grundsätzlich die Frage zu stellen: wie halt ich´s mit den Symbolen? Seit Panofsky sieht man im Kunsthistoriker jemanden, der sich vor ein Bild stellt und sagt: die Kerze bedeutet Gott, das Brot verweist auf das Meßopfer, der Apfel auf den Sündenfall, der Hund bedeutet Treue, die Pappel den Übergang ins Reich des Todes… bis vom Bild selbst nichts mehr übrig ist als ein Haufen unzusammenhängender Dinge, die alle auf irgendetwas verweisen, aber keiner weiß mehr, worauf. (Oh ja, solche Interpretationen gibt es.)
Damit konkurriert nur das noch elendere Zerrbild des Kunsthistorikers seit Freud: jemand, der sich vor ein Bild stellt und sämtliche sichtbaren Gegenstände als Geschlechtsteile, Phantasien oder Komplexe interpretiert… womit man dann kein Stilleben mehr ohne Erröten betrachten kann. In jedem Fall kommen Interpretationen dabei raus, wo man sich vorstellen kann, wie sich der Künstler beim Zuhören baß erstaunt, amüsiert oder aber geärgert hätte. Und die Laien lachen sich kauptt und sagen: was ist denn das fürn Beruf?
Natürlich ist das nicht der Sinn der Sache, und Panofsky hat das auch nicht so gemeint. Aber jedesmal, wenn ich van Eycks Arnolfini-Porträt zeige, weiß irgendein Schlaufuchs, der Kunstgeschichte als Abifach hatte, daß die einzelne Kerze im Kronleuchter auf die Gegenwart Gottes verweist. Woher er das weiß? Ja, das hat er gelernt. Und wie kann er das belegen? (Ich frage aber nicht fies nach, sondern sehr nett, ehrlich!) Daß es irgendwo geschrieben steht, bedeutet gar nichts. Panofsky hatte Gründe für diese Interpretation, und die muß man erstmal nachvollziehen, um die Interpretation zu übernehmen. Oder eben nicht.
Ich habe ja neulich von den Emblembüchern erzählt, die ja alltägliche Gegenstände in einen symbolischen Zusammenhang verweisen, verbal und bildlich. Läusekamm und Besen werden dort als Waffen im Kampf gegen Unsauberkeit, im übertragenen Sinne gegen den Schmutz der Sünde gepriesen. Und so weiter. Es ist also nicht vollkommen abwegig, beim Betrachten eines Bilds aus dem 17. Jahrhundert, ob Niederlande oder Italien, auch diese symbolischen Konventionen im Kopf zu behalten. (Ja, manche von ihnen kennen wir ja selbst noch: stand nicht im Poesiealbum “Sei wie das Veilchen im Moose…” - so daß wir sofort den Unterschied wahrnehmen, den ein Veilchen oder aber eine Rose in der Hand eines gemalten Mädchens bedeuten. Und daß ein Schädel auf einem Bild etwas bedeutet, hat wohl selten jemand bezweifelt…)
Doch wie weit geht man damit? De Jongh stellt sich die Frage immer wieder und beantwortet sie nach bestem Wissen und Gewissen. Seine Aufsätze, die ich schon länger kenne (und die ich mir in Buchform im Rijksmuseum gekauft habe, passenderweise!), sind gute Beispiele für eine Interpretation, die den symbolischen Bezug sucht, aber nicht zwanghaft. De Jongh kennt vermutlich jedes Emblembuch, jeden moralischen Kupferstich oder Holzschnitt, jeden in Bildform verbreiteten Sinnspruch, die damals in Umlauf waren - und kann so die Wandlungen eines Motivs verfolgen, das sich aus dem emblematischen Zusammenhang löst, selbstständig wird und dann in Stilleben oder Genrebildern auftaucht.
Sein Aufsatz über den Besen zum Beispiel - das klingt auf den ersten Blick wie ein lächerlich übertriebenes Suchen nach Bedeutung, und in der Tat hat Schama in den unendlich vielen Besen auf holländischen Interieurs nichts weiter gesehen als ein Symptom des Reinlichkeitszwangs der calvinistischen Bürgersleute. (Ich lese Schamas sämtliche Bücher sehr, sehr gern - ich glaube, sämtliche Bestseller über das 17. Jahrhundert haben sich ausgiebig bei ihm bedient!)
De Jongh macht es sich nicht so einfach, er treibt Bibelzitate mit der Besen-Metapher auf, religiöse Drucke, moralische Ermahnungen, beeindruckend viel Material. Der Besen, der das Herz säubert, ist in den meisten Fällen der Glaube. Doch wenn ich noch so viele Bilder vom Besen, der das Herz von Kröten und Schlangen reinigt, gesehen habe - heißt das dann, daß auch die Besen, die bei Vermeer, Hoogstraten, Elinga herumstehen oder -fegen, eine geistliche Bedeutung haben? (WebMuseum hat eine andere Interpretation für den Besen - ohne de Jongh damit zu widersprechen, denn der zur Seite gelegte Besen erfüllt ja seine Funktion nicht.) De Jongh treibt also so viele symbolisch-moralische Besen und kehrende Mägde auf, daß man ab sofort selbst den eigenen Besen mit anderen Augen sieht und sich beim Treppefegen sogleich tugendhaft vorkommt.
Jan Baptist Bedaux, dessen Arbeit ich bewundere, steht auf der anderen Seite und ist eher skeptisch. Für ihn sind die von de Jongh (oder auch Panofsky) zusammengetragenen Symbol-Vorfahren nicht relevant, wenn sich der Zusammenhang nicht aus dem Bild selbst ergibt. Hinter den mehrfachen Gegenseitig-Zitaten verbirgt sich eine akademische Auseinandersetzung, die mir nicht gleichgültig sein kann, auch wenn ich nicht aktiv in sie eingreife. Selbst wenn ich in der abgelegensten Ecke der Welt schreibe oder unterrichte, muß ich doch Verantwortung übernehmen für jede Interpretation, die ich wage. Ich persönlich neige eher dazu, symbolische Vorläufer oder Vorbilder mit einer Prise Salz zu genießen und meine Interpretation nicht daran aufzuhängen. So sehr ich die Emblembücher genieße und mit ihrer Hilfe versuche, das visuelle Bewußtsein des 17. Jahrhunderts zu entschlüsseln - so vorsichtig bin ich selbst bei Auslegungen. Aber das ist meine persönliche, nach Jahren der Arbeit noch immer eher zage Haltung. Es verdirbt mir nicht die Freude an de Jonghs bienenfleißig gesammelten Belege für die Bedeutung von Sphäre und Würfel, Frau Welt oder den Vogelsteller.
Mich persönlich interessieren formale Aspekte (ohne eine solide Formalanalyse kann man bei mir nicht landen, und ich habe schon manches hochgestochene theoretische Buch entnervt in die Ecke gefeuert, weil mir schien, die Autoren ließen sich bei ihrer schweifenden Theoriebildung vom Kunstwerk, über das sie doch was sagen wollten, nur marginal stören….), mich interessieren Licht und Schatten, Komposition, Format, Sichtachsen, Farben, all diese Dinge.
Dann interessiert mich sehr die Arbeitsweise des Künstlers, egal in welchem Medium - womit arbeitet er oder sie, und wie? Das alles ergibt sich einfach aus der Betrachtung des Bilds selbst. Aber irgendwann kommt dann die Stunde der Wahrheit - wie interpretiere ich nun inhaltlich? Ist ein Blumenstilleben nur ein sorgfältig arrangiertes Spiel von Formen und Farben, ist es ein Dokument der Tulipomania und der Zuchtgeschichte der einzelnen Blumen, ist es ein Zusammenklang der Blumensprachen-Bedeutung einer jeden einzelnen Blume, ist es ein einfacher Ausweg für weniger gute Maler oder schlecht ausgebildete Malerinnen, oder ist es ein Memento mori? Weil doch Blumen so schnell verwelken, und sie so oft mit eindeutigen Memento-mori-Motiven (Sanduhren, Totenschädeln) zusammen auftauchen? Kann ich die Informationen aus dem einen Medium ins andere übertragen?

Es bleibt einem nicht erspart, bei jedem einzelnen Bild oder anderen Kunstwerk die ganze Werkzeugkiste noch mal aufzumachen und sich an die Arbeit zu begeben. Aber das ist ja gerade der Spaß an der Sache.

