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Eine wichtige Entscheidung Dezember 8, 2006, 9:03

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.
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steht heute an. Ich habe mal wieder Dienst an der Wahlurne, ausgerechnet bei so einer heiklen, viel diskutierten, kontroversen Abstimmung. Vermutlich werden wieder die Chaverim in Trauben um unseren Tisch stehen und lauthals streiten, das war ja schon öfter so, aber ich kann mich an keine Entscheidung erinnern, die so umstritten gewesen wäre wie diese.

In einer unserer Fabriken steht eine Neustrukturierung an - d.h., ein Investor “von außen” bietet uns an, in uns zu investieren. Damit würde das schon arg angenagte Mitspracherecht der Chaverim innerhalb der Fabrik endgültig vorbei sein - es ist auch heute schon nicht mehr das, was es mal war - als sich in der Cafeteria die Kibbuzmitglieder unter den Fabrikarbeitern trafen und abstimmten. Schon längst sind die einflußreichen Posten in der Fabrik mit “ßchirim”, also von außen kommenden und bezahlten Leuten, besetzt. Wir haben eine Partnerschaft mit einer internationalen Firma, die für uns die Materialien vertreibt. Und nun der Investor.

Die Entlassungswelle neulich, die nicht so hart traf wie gefürchtet, aber eben doch Entlassungen bedeutete, das war eine vorbereitende Maßnahme und gehörte wohl zu den Forderungen des Investors. Seitdem wird zweimal pro Woche in der Kibbuz-Vollversammlung über diesen Investor, seine Beteiligung, die Bedingungen, die Zukunftsperspektive und eventuelle Alternativen diskutiert. Und das,  während auch die Privatisierung des Kibbuz selbst noch ansteht! Alle sind leidenschaftlich bei der Sache. Y. meint, im Dining Room kam es zu stürmischen Szenen zwischen denen, die in der Beteiligung des Investors die letzte Rettung für eine seit Jahrzehnten falsch geführte Firma sehen, und denen, die darin den endgültigen Untergang sehen. Er versucht, so sachlich wie möglich an die Entscheidung heranzugehen. Ich habe natürlich keinerlei Bedenken, unsachlich zu urteilen - schließlich ist mein Urteil von keiner Sachkenntnis getrübt, ebensowenig wie das der meisten Stimmberechtigten.

Komischerweise ging es dem Kibbuz gut, solange ahnungslose Chaverim per Instinkt die Dinge steuerten - ich sehe noch die energische alte Frau mit der Alzheimerkrankheit vor mir, die zu allen Versammlungen ging, immer eifrig mitstimmte, ohne zu verstehen worum es ging, aber deren Stimme selbstverständlich immer mitgezählt wurde. Seitdem wir uns aber auf Außenstehende, auf Experten, auf Leute mit Hochschulabschlüssen in Management und BWL, auf teuer bezahlte Berater verlassen, geht die Kurve sacht doch unaufhaltsam abwärts. Was will mir das sagen?

Es sagt mir einerseits, daß der Markt zu Zeiten der vollkommenen Beteiligung der Chaverim an allen Entscheidungen anders aussah. Es war die Zeit des internationalen Boykotts,  der ja erst Mitte der 90er Jahre endete, und auch dann nicht mit einem Schlag. Bis dahin waren wir mit unseren Produkten der einäugige König. Seitdem hier auch die internationalen Marken, die uns vorher aus Furcht vor dem Boykott durch arabische Länder gemieden hatten, zu kaufen sind, ist es viel schwieriger geworden. Dann die schwierigen Jahre der Intifada, Schwächung des Shekel zwischendurch, als es furchtbar teuer war, Rohstoffe zu kaufen und hier zu produzieren, während importierte Konkurrenzware billiger war - und noch dazu mit dem Cachet “von draußen”, aus der großen Welt… das Israelis immer unwiderstehlich finden.  Jeder Streik der Hafenarbeiter, jedes Problem am Zoll… das merken wir.  Die guten Zeiten, in denen wir den Markt beherrschten, werden nicht wiederkommen. Was wird aber statt dessen kommen?

Wir leben so nah an der Fabrik - aus der Luft sieht der Kibbuz wie ein Anhängsel der Fabrik aus, nicht umgekehrt. Natürlich ist die Fabrik nicht die einzige, ja nicht einmal die hauptsächliche Einkommensquelle des Kibbuz - die Chaverim verdienen Geld, wir haben auch andere Unternehmen, und auch die Landwirtschaft bringt viel Geld, besonders die Zweige, auf die wir spezialisiert sind. Trotzdem wird den meisten beim Gedanken unbehaglich, daß in ein paar Jahren ein fremder Hausherr in der Fabrik dem Kibbuz den Geldhahn einfach zudrehen kann. Selbstverständlich ist die Alternative, daß die Fabrik pleite geht und der Geldhahn versiegt, keineswegs verlockender.

Kurz, es geht um Geld, um Einfluß, um die Zukunft des Kibbuz und seiner Mitglieder. Keiner weiß, wie es ausgehen wird. Aber wie immer haben alle eine Meinung. Ich wappne mich für die Abstimmung heute mittag. Es wird bestimmt eine Abstimmung mit Höchstbeteiligung.  Erst heute abend wird das Ergebnis ausgezählt und bekanntgegeben.

Kommentare»

1. kaltmamsell - Dezember 8, 2006, 20:38

Mir steht ja noch viel weniger Sachkenntnis im Weg als Dir, deshalb frisch von der Leber weg: Die Berater waren nicht die Ursache der Verschlechterung, sondern wurden als erstes Mittel dagegen sichtbar. Hinter den Kulissen war der Weg nach unten bereits klar, deshalb holten sich die Verantwortlichen Hilfe. Von außen sah man erst die Berater, dann die Verschlechterung. Aber die konnten gegen die anderen Faktoren, die Du nennst (verzweifelter Versuch, das Wort “Rahmenbedingungen” zu vermeiden), auch nichts machen.

2. Lila - Dezember 8, 2006, 21:15

Ja, aber ihre Schäfchen haben sie ins Trockene gebracht… unter vollmundigen Versprechungen. Selbstverständlich verstehst Du von diesen Dingen viel mehr als ich, “nur Lumpe sind bescheiden”.