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Schwimmen mit Haifischen November 23, 2006, 19:47

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute.
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Ich wußte es schon seit Mai, doch seit gestern ist es raus: in unserer Fabrik wird entlassen auf Teufel komm raus. Im Mai saß ich nämlich in einer Sitzung der Kibbuzleitung, wo darüber diskutiert wurde, wie viele Entlassungen der neue Investor wohl verlangen würde, und wie man das durchziehen kann. Auch Y. hat davon gehört, bevor die Entlassungen ausgesprochen wurde. Es war für uns beide sehr schwierig - für mich aus der Ferne, und weil ich ganz und gar der Meinung bin, eine Kibbuz-Fabrik sollte wenigstens so weit wie möglich die Prinzipien der Kibbuzbewegung ehren und Arbeiter nicht ausbeuten - und Y. von ganz nah dran, weil er mit Leuten arbeitet, die noch nicht wußten, daß sie bald vor die Alternative gestellt werden, entweder durch eine Zeitarbeits-Agentur beschäftigt zu werden oder gar nicht. Und viel Erfolg beim weiteren Berufsleben.

Er rief mich gestern alle paar Stunden an und seine Stimme klang ganz traurig. Im Flur vor seinem Büro standen Leute, die schon zu seiner Kindheit in der Fabrik gearbeitet haben, und weinten. Y. hat, soweit es Arbeiter anging, die für seine Abteilung arbeiten, wie ein Löwe gekämpft und immer wieder gesagt, daß es keineswegs eine Effizienzsteigerung bedeutet, wenn man Arbeiter gehen läßt, die jede Maschine und jedes Produkt durch und durch kennen, und statt dessen zeitlich begrenzt dieses Wissen einkauft. Noch dazu von Agenturen, die ihre Leute ausbeuten können. Natürlich sind mal wieder vorwiegend blue collar workers davon betroffen, während die Büro-Etage unangetastet blieb. Der neue Investor will es so. Obwohl natürlich gestern das Gerücht umlief, daß heute auch die white collar workers dran sind.

Ähnlich war es auch, als ich im Altersheim arbeitete und dafür verantwortlich war. Irgendwann waren nicht mehr genügend Kibbuzniks da, die dort arbeiten wollten, und wir fingen an, durch eine Agentur für Pflegekräfte Leute zu beschäftigen. Das war mir immer unbehaglich, weil keine Verpflichtung unsererseits war, diese Arbeitskräfte vernünftig einzuarbeiten oder ihnen eine Chance zu geben, wenn etwas schiefging - gerade bei der Arbeit mit alten, kranken Leuten kann es dauern, bis sich eine neu angelernte Kraft eingearbeitet hat. Aber wenn man einfach anrufen kann und sagen, “hört mal, die Svetlana schickt mir aber nicht mehr”, dann geht einfach etwas verloren. Und die Svetlanas selbst, die ständig in Angst leben, weggeschickt zu werden, sind dann allzu bedacht darauf, es mir recht zu machen. Ich mochte das nicht, ich hätte mich lieber verpflichtet und den PflegerInnen das Gefühl gegeben, sie haben einen sicheren Platz. Mehrmals habe ich versucht durchzudrücken, daß Leute, mit denen ich gut zusammenarbeiten konnte, direkt vom Kibbuz angestellt würden, aber ein Mann in der Verwaltung hat mir erklärt, das geht nicht, es würde die Zusammenarbeit mit der Agentur beschädigen und es gibt nun mal die Entscheidung, mit der Agentur zu arbeiten. Und ich soll mich nicht um Dinge kümmern, die mich nichts angehen. Sicher richtig. Aber trotzdem gefiel es mir nicht.

Nun ist es so, daß in der Fabrik auch Leute arbeiten, für die es nicht immer Arbeit gibt - Wartungsspezialisten zum Beispiel. Wenn sie bei einer Agentur arbeiten, dann müssen Y. und seine Kollegen nicht immer Arbeit für sie aus der Luft schnappen, sondern sie können in ruhigeren Zeiten bei anderen Fabriken eingesetzt werden. Ich will sehr, sehr für sie hoffen, daß es so kommt - daß sich letzten Endes diese Entwicklung als positiv für sie selbst herausstellt, daß sie nicht weniger verdienen und mehr Möglichkeiten dazu haben. Doch wird die Agentur sie alle übernehmen?

Einen Teil bestimmt nicht- die Leute, die “zu alt” sind (darunter auch eine ganze Anzahl Kibbuzmitglieder, es werden durchaus nicht nur Leute “von draußen” entlassen). Das höre ich besonders ungern, weil ich genau gestern selbst ein Gespräch hatte, in dem mir klipp und klar gesagt wurde, “du bist brillant und hast alle Voraussetzungen für den Posten, aber mit 42 bist du zu alt. Wir wissen, daß wir keine Bessere als dich finden werden, aber du bist zu alt”. Für mich war das zwar mehr eine narzißtische Kränkung als ein echtes Unglück, weil ich nicht wirklich auf der Suche bin und die Unterhaltung mir noch viele andere, darunter sehr positive Dinge, brachte - aber brutal ist das schon. Na gut, dann bin ich eben 42, aber ich weiß eben auch vieles, für das man erstmal 42 werden muß. Die Mengen von Wissen, die man aufnimmt, die lassen sich gerade in den Geisteswissenschaften nicht schneller reinschieben - auch wenn es Frühstarter gibt. Aber manches verstehe ich heute erst, auch wenn ich es mit 25 schon gewußt oder gelernt habe. Mancher Groschen fällt eben erst mit zunehmender Reife und kann durch Fleiß oder Brillanz nicht beschleunigt werden. Aber darum geht es eben bei der Besetzung von Stellen nicht. Und daß ich gern anderen eine gute Vorlage gebe (es haben schon mehrere Leute mit meinen Ideen ganz nette Pokale gewonnen…), selbst aber davor zage, mich ins Rampenlicht zu begeben - dafür kann ich niemand anders verantwortlich machen.

Tja, Y.s Berichte, die alle paar Stunden bei mir einliefen, waren also nicht dazu angetan, meine Stimmung zu heben. “Zu alt” in der Fabrik bedeutet aber nicht 42 (auch für Neueinstellungen nicht unbedingt - auch in der Industrie zählt Erfahrung doch noch manchmal…), sondern Rentenalter. Früher gab es das für Kibbuzniks nicht - sie arbeiteten weiter, bis sie keine Lust mehr hatten oder krank wurden, und selbst als sie schon sehr alt und krank war, stand bzw saß Y.s Oma noch an der Drehbank - einer, die von der geschützten Werkstatt extra für sie angeschafft wurde, nachdem sie in der Fabrik nicht länger arbeiten konnte. So blieb das schockartige Ausscheiden mit der bitteren Erkenntnis, daß jeder ersetzbar ist, Kibbuzniks erspart.

Aber in der Fabrik weht ein kalter Wind. Respekt für die Alten, für die Gründergeneration, und der Wunsch, sie zu schonen, spielt natürlich keine Rolle - das muß der Kibbuz dann auffangen, deswegen gab es von Anfang an Beratungen zwischen der Leitung der Fabrik und dem Kibbuz, wo die Entlassenen dann eingesetzt werden.

Ich weiß nicht, ob die Experten, die sagen, Entlassungen sind das Mittel der Wahl, um ein Unternehmen wieder auf die Beine zu stellen, recht haben oder nicht. Ich verstehe nichts von BWL und den diversen Theorien. Ich weiß nicht, ob es nicht doch sinnvoller ist, die ständig wachsenden Gehälter des Vorstands, ihre enorm teuren Statussymbol-Autos und die dauernden Forderungen nach Büro-Umbau ein bißchen einzudämmen. Da sehe ich Laienperson durchaus Raum für Einsparungen, ohne daß jemand nach Hause gehen müßte. Daß wir nun wie alle anderen auch die Manager in Hummer-Jeeps durch Shimshit fahren lassen, die erprobten Arbeiter aus Nazareth und Migdal Ha Emek aber nach Hause schicken, tja, muß das sein? Oder kriegt man heutzutage ohne diese Reverenz ans goldene Kalb keine guten Führungskräfte mehr? Oder war das schon immer so, nur daß früher die Statussymbole einfach weniger sichtbar waren? Ich weiß es nicht, mag mir kein Urteil anmaßen, ich verstehe davon ja wirklich nichts und würde die Meinung eines solchen Managers zu las meninas auch nur mit Vorsicht genießen (mit Neugier allerdings, mit Neugier!).

Y. meint, vermutlich zu Recht, daß niemand was davon hat, wenn die Fabrik zusammenbricht, und daß es wirklich im Moment schwierig ist - Rohstoffe sind teuer, auch wenn der Shekel sich erholt, und müssen erst mal verzollt werden, der Wettbewerb gegen die internationalen Multis, die in den letzten Jahren auf den kleinen israelischen Markt drängen, ist brutal. Nun wird also gekürzt und entlassen. Mir hat seit Mai davor gegraut, und Y. noch mehr. Er kennt die Fabrik seit seiner Kindheit und hat ein ganz anderes Verhältnis zu ihr als die Manager von draußen oder der neue Investor. Vielleicht braucht man beides. Noch ist eine ganze Schicht von Leuten wie Y. in der Fabrik - zwischen der neuen Managerschicht und den Arbeitern, mit einem Fuß im Büro und einem in der Produktionshalle. Kibbuzniks, die zwischen Armee und Studium an den Maschinen gearbeitet habe, die die Geschichte eines jeden Produkts kennen und sich noch erinnern, wie der isländische Ingenieur in den 70er Jahren extra angereist ist, um eine besondere Produktionslinie zu entwerfen, patentiert und einzigartig, und ohne die Erinnerung an den Isländer und seine Erklärungen kaum zu reparieren. Thorgeyers Röhre heißt das.

Noch eine Geschichte zu Y. und seiner Arbeit, bevor ich mich an meine eigene Arbeit begebe… an den Stapel, der still auf mich wartet. In der Zeit, als er für die sog. Infrastruktur der Fabrik verantwortlich war, mußten in einer Abteilung neue Toiletten errichtet werden - genauer gesagt, eine zusäztliche Damentoilette, weil eine Frau eingestellt wurde. Irgendjemand hatte eine irrsinnig teure Idee ersonnen, mit Boden-aufreißen und Rohrverlegung und allem Drum und Dran. Y. sah sich die Stelle an und meinte, “hm, soweit ich mich aus meiner Kindheit erinnere, stand hier mal eine kleine Baracke, in der produziert wurde. Da müßte doch noch Kanalisation liegen”. Ging ins Archiv und suchte eine alte Karte raus, und in der Tat: die alte Kanalisation war noch da, mußte nur mit geringen Kosten auf Vordermann gebracht werden und die Damentoilette steht immer noch (obwohl schon längst keine Frau mehr in der Abteilung arbeitet - aber es könnte ja mal wieder eine kommen).

So, und jetzt ist es aber wirklich gut mit unseren Sorgen. Was die Überschrift bedeutet? Na, es gibt doch Delphin-Therapien, nicht wahr, wo man mit diesen Meersäugern schwimmt und ganz glücklich wird? In der Fabrik wird eben gerade die Haifisch-Therapie durchgezogen, ein ganz neuartiges Konzept. Übrigens ist Y. heute erleichtert nach Hause gekommen, weil er mit dem Leiter der Agentur gesprochen hat, ihm warm alle Leute empfohlen hat, die die Fabrik entlassen hat, und der Mann gesagt hat, die übernimmt er alle.

Kommentare»

1. mona lisa - November 23, 2006, 21:09

Manchmal zahlt sich Hartnäckigkeit - sich auch für andere einzusetzen - doch aus,man muss auf jeden Fall davon überzeugt sein, dass es sich lohnt, alles zu versuchen.

Ich habe heute in der Zeitung erfahren, dass man mit 50 bereits zu den Senioren gehört, für die andere - selbstverständlich Jüngere - Treffen bei Kaffe und Kuchen arrangieren und über die Zeitung herzlich dazu einladen. Nein danke. —-Vielelicht, wenn ich irgendwann einmal wirklich nicht mehr weiß, wei ich meine Zeit sinnvoll verbringen kann.

2. Lila - November 23, 2006, 21:19

Y. hat gerade mit seinem besten Mitarbeiter (einem Christen aus Nazareth) telefoniert. Der ist von der Agentur zu denselben Bedingungen uebernommen worden und hat sich bei Y. bedankt, obwohl er das mehr seiner eigenen Tuechtigkeit zu verdanken hat. Kleine Siege!

3. mona lisa - November 23, 2006, 21:34

Aber wichtige Siege! Siege, die nötig sind, damit man weiter macht.

4. Loco - November 23, 2006, 22:28

Wohin soll das eigentlcih noch führen? Diese Geldhörigkeit mit Namen “shareholder value” ist der Mammon, dem wir unsere Kinder, unsere Eltern, uns selbst opfern… und die kleine heile Welt des Kibbuz, die sicher nie so heil war, aber manchmal doch ein bißchen heiler scheinen mochte als das, was anderswo zu finden war, die verschwindet auf einmal. Geopfert auf irgendwelchen Altären…
Dein Mann hat meine volle Hochachtung, daß er sich so für seine Leute einsetzt.

5. Piet - November 24, 2006, 0:04

Ach shareholder value… Obwohl ich der Ansicht bin, dass der stakeholder value -> http://de.wikipedia.org/wiki/Stakeholder_Value leider viel zu häufig hintansteht, sollte man schon im Blick haben, dass ein Betrieb im Interesse aller wirtschaftlich arbeiten muss. Ob die Entscheidung der Fabrik nun richtig und notwendig war, lässt sich von außen so ohne Weiteres nicht beurteilen, aber ich rechne es jedem Unternehmen hoch an, wenn es sich um seine Mitarbeiter so kümmert, wie es hier offensichtlich geschehen ist. Wenn sich also Y für seine Kollegen engagiert, spricht das 1. für seinen feinen Charakter, aber möglicherweise 2. auch für eine Unternehmensführung, die eine Kultur des Mit- und Füreinanders ermöglicht, vielleicht sogar fördert. Da das leider nicht selbstverständlich ist, freue ich mich für die untergekommenen Mitarbeiter um so mehr!