Pannen, Pleiten, Peinlichkeiten November 16, 2006, 9:37
Posted by Lila in Land und Leute.trackback
Normalerweise meide ich ja diese dreifachen Alliterationen, wie sie seit “Götter, Gräber und Gelehrte” in Umlauf sind. Doch wenn ich schon etwas schreibe, was mir eigentlich schon lange verkneife, dann kann ich auch gleich einen dämlichen Titel geben.
Ich höre immer wieder, wenn es um die verschiedenen Versagens-Szenarios der israelischen Armee mit tödlichem Ausgang geht, “sowas DARF einfach nicht vorkommen”, und ich selbst stöhne das auch oft genug. Das DARF nicht vorkommen! Wer eine Artilleriekanone bedient oder ähnliche Waffen, muß unendlich vorsichtig sein, muß seine Anweisung, GENAU auf die Abschußstelle der vorher abgefeuerten Qassam zu zielen, mit der größtmöglichen Präzision erfüllen. Sonst ereignen sich Katastrophen von albtraumhafen Ausmaßen, die man nicht ertragen kann – und die einem noch jahrelang nachgehen. Diese Forderung ist also selbstverständlich, gehört auch bei der Armee als Forderung an die Soldaten absolut dazu und jeder Soldat, dem ein Fehler unterläuft, muß sich auf eine Untersuchung, nötigenfalls auch einen Prozeß gefaßt machen. Ich persönlich kenne zwei Leute, die aufgrund solcher Fehler Haftstrafen verbüßt haben – und die sich eigentlich mental nie von dem Moment erholt haben, als ihnen klar wurde, daß durch ihre Schuld Unschuldige ums Leben kamen.
Aber wie gern höre ich, wenn Deutsche aus vollem Halse rufen:
Von einem Staat, der zivilisiert und demokratisch sein will, hochtechnologisiert und gebildet, wird mehr erwartet als von einem Haufen korrupter, selbstsüchtger Terroristen, und zwar ohne Wenn und Aber.
Es wird mehr erwartet als eine Generalsträne über ein fehlgeleitetes (und teures…) Geschoss. Es wird mehr erwartet als peinliches Schweigen und der Gedanke “Oh, das war jetzt wohl nicht so gut”. Es wird mehr erwartet als tumbe Vergeltungsschläge.“Das passiert leider manchmal”? Nein. Einem zivilisierten Staat passiert sowas nicht. Punkt.
So hier in einem Kommentar geschrieben, bestimmt von einem Leser, der nur einmal reingeguckt hat und sich nicht mehr sehen läßt. Ich habe mir die Antwort darauf verkniffen, aber nach den heutigen Nachrichten aus Deutschland antworte ich einfach mal. Nun definieren wir doch mal, was in einem zivilisierten Staat alles vorkommen darf und was nicht.
In einem zivilisierten Staat werden also Häftlinge von anderen Mithäftlingen zu Tode gefoltert, die Wärter merken nichts oder ignorieren es? In einem zivilisierten Staat sterben jährlich Dutzende, wenn nicht Hunderte von Kindern, weil das Jugend- oder Sozialamt sie bei drogenabhängigen, gewalttätigen Eltern gelasssen hat? In einem zivilisierten Staat werden junge Männer groß, die später als Soldaten mit Totenköpfen Fußball spielen? In einem zivilisierten Staat können Terroristen Anschläge auf das WTC vorbereiten, ohne daß jemand ihnen auf die Spur kommt? Oh ja, das geht alles, wir kritisieren ja nicht unser eigenes Land, sondern ein anderes. Und da verschieben sich dann die Maßstäbe ein bißchen, nicht wahr. Wir definieren einfach a priori, daß Israel KEIN zivilsiertes Land ist, Deutschland aber schon. Und dann sind Fehler, Pannen, Versagen und Unfähigkeit von israelischen Soldaten, Beamten und Bürgern Zeichen ihrer mangelnden Zivilisation, dieselben Versagen bei ihren deutschen Soldaten, Beamten und Bürgern dagegen einfach – na ja, Pannen, Pleiten, Peinlichkeiten.
Wie selbstgerecht muß ein Mensch sein, um diese doppelten Maßstäbe anzulegen? Aus vollem Halse uns zu kritisieren, die wir seit Jahrzehnten angegriffen und bedroht werden, nie zur Ruhe kommen, oft kurzsichtig und hektisch reagieren und vor Überforderung manchmal das Augenmaß verlieren – während man selbst in einem reichen, unbedrohten, riesigen Land lebt und eigentlich viel mehr Reserven hat, Pannen jeder Art zu vermeiden, und viel weniger Gelegenheiten, auf Leben und Tod zu versagen?
Wir haben keine Wahl, wir sind in diesen Konflikt gezwungen worden. Wer das nicht glaubt oder schon vergessen hat, der lese unsere Unabhängigkeitserklärung nach.
Wir wenden uns – selbst inmitten mörderischer Angriffe, denen wir seit Monaten ausgesetzt sind – an die in Israel lebenden Araber mit dem Aufrufe, den Frieden zu wahren und sich aufgrund voller bürgerlicher Gleichberechtigung und entsprechender Vertretung in allen provisorischen und permanenten Organen des Staates an seinem Aufbau zu beteiligen.
Wir bieten allen unseren Nachbarstaaten und ihren Völkern die Hand zum Frieden den und guter Nachbarschaft und rufen zur Zusammenarbeit und gegenseitigen Hilfe mit dem selbständigen jüdischen Volk in seiner Heimat auf. Der Staat Israel ist bereit, seinen Beitrag bei gemeinsamen Bemühungen um den Fortschritt des gesamten Nahen Ostens zu leisten.
Wer diese Hand gesucht hat, wie Ägypten oder Jordanien, hat sie nach wie vor ausgestreckt gefunden. Der Fortschritt im Nahen Osten ist eine schöne Vision, die endlich in Erfüllung gehen sollte, doch leider träumen nicht alle davon. Haben die Leute, denen über das Versagen eines Artilleristen in Südisrael voller Empörung die Adern schwellen (als ob wir hier Juhu darüber schreien würden), schon ganz vergessen, wie wir jahrelang, jahrzehntelang unsere Toten begraben haben, die von Bomben zerrissen wurden, absichtlich in unseren Busse, Restaurants und Einkaufszentren gezündet? Da schwellen die Adern schon weitaus weniger, das sind ja “selbstsüchtige Terroristen”, mein Gott, wer regt sich schon über sowas auf? Die kann man eben nicht mitzählen, fertig, da kommt keine echte Empörung auf.
Nicht wahr, so ist das. Es ist eigentlich nicht nur ein doppelter Maßstab, es ist ein dreifacher. Der Maßstab, der an Deutschland angelegt wird, besagt: grundsätzlich zivilisiert, bedauernswertes Versagen menschlicher Wesen ändert daran gar nichts, sowas passiert eben. Der Maßstab für Israel: wollen ja gern zivilisiert sein, dann müssen sie sich aber auch gefallen lassen, daß ihnen die Zivilisiertheit abgesprochen wird, wenn menschliche Wesen versagen. Der Maßstab für die Palästinenser: sie wären ja gern zivilisiert, wenn ihre Unterdrückung durch die Israelis das nicht verhinderte. Solange sie es noch nicht sind, ist es nur verständlich, daß sie ihrem gerechten Zorn durch Selbstmordattentate Ausdruck verleihen, da braucht man sich weder zu wundern noch aufzuregen.
Niemand in Israel hat nach den Katastrophen von Kfar Kana oder Bet Chanun oder Hebron oder sonstwo mit den Achseln gezuckt und gemeint, “tja, wo gehobelt wird, fallen Späne, wo ist die nächste Action?”Es besteht keine Notwendigkeit, uns international an den Pranger zu stellen, weil wir uns da schon ganz von allein hinbegeben. Alle Verantwortlichen entschuldigen sich, die Öffentlichkeit und die Medien in Israel sind entsetzt und rufen nach Untersuchung, und vor lauter Schuldbewußtsein und grauenvollem Bedauern bietet Israel kleine, doch gutgemeinte Hilfen an: Opfer werden in israelische Krankenhäuser gebracht, Israelis spenden für die Überlebenden. Und trotzdem muß natürlich eine internationale offizielle Verurteilung erfolgen, damit den Israelis klar wird, wie abstoßend, unmenschlich und inakzeptabel sie sind.
Wann wäre so eine Verurteilung je nach einem Selbstmordattentat erfolgt? Vielleicht erinnert sich einer meiner Leser, mir fällt es gerade nicht ein. Dabei war mein Entsetzen, als in Yagur und Haifa ganze Familien begraben wurden, nicht weniger groß als über Bet Chanun, vielleicht, wie es nun einmal menschlich ist, größer, weil ich einen Teil der Opfer kannte (und wage einer, einen Stein auf mich zu werfen deswegen – jede Heuchelei muß irgendwo auch mal ihr Ende haben, und jeder Mensch trauert um Bekannte mehr als um Unbekannte!). Und das waren Menschen, die in voller Absicht getötet wurden. Die Attentäterin saß am Nebentisch, sie sah die kleine Noya mit ihrer Familie, bevor sie sich entschloß, die Bombe zu töten. Das war also nicht mal eine Panne, es war volle Absicht.
Ach ja, ich weiß. Nicht alle denken in diesen schlichten Maßstäben, und nicht alle sind imstande, so einfach und elegant von Maßstab zu Maßstab zu wechseln. Warum ich das also trotzdem geschrieben habe? Erstmal, um es von der Seele zu haben, auch wenn ich mich schon mit Grausen auf besonders ätzende Kommentare gefaßt mache. Außerdem, weil ich jedem deutschen Leser mal ein Gefühl dafür vermitteln will, wie angenehm es ist, die eigene schmutzige Wäsche, die man ja gar nicht sauber reden will, von anderen ins Gesicht geschleudert zu bekommen. Nicht wahr, das liest sich nicht angenehm, man wird in die Defensive gedrängt und fühlt sich doppelt schrecklich: wegen der entsetzlichen Ereignisse und wegen der Vorwürfe von anderen, die einem unterstellen, daß man das toll findet.
So geht es uns in Israel jeden Tag.
Kommentare
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Ich finde esgut, dass wir in Deutschland durch dieses Blog mal erfahren, wie in Israel mit Armeeaktionen umgegangen wird, bei denen es zivile Opfer gegeben hat. Ich stimme natürlich voll zu, dass es keinerlei Entschuldigung für Selbstmordattentäter gibt, auch kein Verständnis. Sie entziehen sich des Problems, mit ihrem Tun und den Folgen leben zu müssen.
Es gibt nur einen eher theoretischen Punkt, den ich gern anmerken möchte: Es gibt oft einen Unterschied zwischen offiziellen Dokumenten wie einer Unabhängigkeitserklärung, und der tatsächlichen Staatspraxis. Israel war vom ersten Augenblick an bedroht und bekämpft. Aber das mit der Gleichberechtigung arabischer Israelis wurde doch zumindest am anfang nicht konsequent betrieben? Es gibt Leute, die noch heute behaupten, ihre Heimat, die in Israel lag, hätten sie verlassen müssen.
Es ist keine Frage, dass Israel ein zivilisiertes Land ist. Der Konflikt ist alt und kompliziert, gewachsen und kaum zu entflechten. Und ich glaube, dass es nur wenige Menschen gibt, die ihn vollständig verstehen, wenn das überhaupt möglich ist.
Lieber Jens, na klar, es gibt immer und überall einen Unterschied zwischen vollmundigen Behauptungen und der Praxis, ich verweise auf den Gleichberechtigungsparagraphen des deutschen Grundgesetzes…. und trotzdem verdienen viele Frauen weniger als Männer in derselben Position etc. Wäre es schön auf der Welt, wenn alle berechtigten moralischen Forderungen so einfach umzusetzen wären!
Bei den Ereignissen des Unabhängigkeitskriegs ist vieles erforscht, und noch mehr unerforscht. Ich habe viel darüber gelesen, und auch von Zeitzeugen erzählt bekommen, und das Bild ist sehr kompliziert und vielschichtig, so wie ich das sehe.
Es gab Orte, in denen die Armee die Leute wirklich brutal vertrieben hat, Tanturra ist ein berühmtes Beispiel. Es gab Orte, in denen die Leute freiwillig gegangen sind, da ihnen ihre politischen Führer versprachen, daß sie bald wiederkommen können, sobald die Juden vertrieben sind – so ist in einem Dorf hier in der Nähe eine alte Frau zurückgeblieben, die meinte, “in ein paar Tagen kommen die alle sowieso wieder, wenn die Juden besiegt sind”, und die Leute aus dem Kibbuz haben sie dann zu ihrer Familie geschafft. Sie sind nie wiedergekommen. Und es gab auch Orte, wo einfach niemand geflohen ist und die Leute bis heute leben – davon kenne ich jede Menge, natürlich. Unsere Nachbarstadt Umm el Fachm ist ein Beispiel, aber noch viele andere Orte in Galiläa und anderswo.
Es steht zu vermuten, daß die Flüchtlinge in den meisten Fällen nicht hätten fliehen müssen. Und Gleichberechtigung? Tja, kommt drauf an, wie man die definiert. Da muß ich mal separat zu posten. Insgesamt haben es die Araber, ebenso wie die orientalischen Juden, schwerer, sich in Israel zu behaupten, als Juden, das zu bestreiten wäre Heuchelei. Aber das liegt an so vielen verschiedenen Faktoren, das man kaum mit ein paar Sätzen umreißen kann, woran es liegt. Ich habe oft genug mit arabischen Studenten und Bekannten darüber diskutiert. Was hält einen zurück auf dem Weg nach oben? Will man überhaupt nach Oben? Was ist Oben?
Jede Erleichterung kann man auch als Diskriminierung definieren, siehe Schutzgesetze für Frauen. Daß nicht alle Araber in die Armee einberufen werden, ist das nun ein Privileg oder eine Diskriminierung? Und so weiter.
Ein gutes Beispiel für die Dilemmata war im Krieg die Sache mit den Sirenen in Nazareth. Der arabische Bürgermeister von Nazareth hatte die Sirenen abschalten lassen, weil er die Sirenentöne am Shoah-Gedenktag und Soldaten-Gedenktag nicht in seiner Stadt haben wollte. Das war seines Amtes und die Sache der Bürger, da hat ihm keiner reingeredet. Als der Krieg ausbrach, waren die Leute in Nazareth sicher, daß sie nicht gefährdet sind und ließen die Sierenen ausgeschaltet. Da die Berichterstattung per Radio und Fernsehen so schnell war wie die Vorwarnzeit der sirenen, war das eine durchaus vertretbare Sache, schließlich ging es da nur um Minuten, und da es in Nazareth sowieso keine Schutzräume und Bunker gibt, machte es auch nicht SO viel Unterschied. (Warum es keine Schutzräume gibt? Weil trotz gesetzlicher Vorschrift die Bürger von Nazareth keine bauen, obwohl die in jedem Haus sein müßten, und der Staat Israel ihnen die Freiheit läßt, gegen diese Vorschriften zu verstoßen… sonst käme es zu endlosen Unruhen, wenn die Bauaufsicht Haus für Haus in Nazareth durchkämmen würde! Eine pragmatische Entscheidung zugunsten inneren Friedens.)
Dann kamen die Kinder einer Familie in Nazareth durch eine Katyusha um, weil sie zur Zeit der Bombardierung draußen spielten – und die Bürger von Nazareth schrieen laut, “Diskriminierung! Warum gibt es bei uns keine Sirenenwarnung? Der Staat Israel setzt uns Todesgefahren aus!”
wir haben also die Wahl, auf welche Art und Weise wir die Empfindlichkeiten der Minderheit verletzen – durch Gewährenlasssen oder Bestehen auf Einhalten der allgemeinen Regeln.
wieder eine Situation, in der man, wie man es auch macht, es eigentlich nur verkehrt machen kann.
Doppelte Maßstäbe? Nö. Denn jedem, der Dtl. in den von dir benannten Punkten als unzivilisiert kritisieren würde, oder richtiger als unmenschlich, würde ich sofort zustimmen! Es _darf_ in einem zivilisierten Staat nicht vorkommen, dass Kinder grausames Leid bis in ihren frühen Tod erfahren müssen, es _darf_ in keinem Land der Welt „national befreite“ Zonen geben, als Schimpfwort benutzte Juden-Rufe, explodierende Armuts-Zahlen, zunehmende Vertreibung von Obdachlosen (sie „stören“ das Weihnachtsgeschäft), steigende Zahlen von Kindern in Suppenküchen, etc. Es ist eine Schande für dieses reiche Land!
Wir haben einen großen Verbündeten, der sagt, er würde nicht foltern: Nur die Simulation der Ertränkens, „Ernährungsanpassung“ (sprich tage- bis wochenlanger Nahrungsentzug), Kälte-, Hitzeschocks, etc. Alles Verstöße gegen die Genfer Konventionen. Warum haben mich die „Schädel-Fotos“ nur nicht gewundert? Nur rechtfertigt es die natürlich nicht!
Nein, man kann weder durch Krieg rechtfertigen („wo gehobelt wird…“), noch durch Vergleiche relativieren: Eine grausame Handlung bleibt eine grausame Handlung, ob sie nun von Deutschen oder Amerikanern, von Israeli oder Palästinensern begangen werden. Sie bleiben zu verurteilen, sie dürfen nicht passieren! Wir sprechen hier schließlich nicht von einem verlorenen Skatspiel, wo man gucken kann, ob es einfach Pech war oder unkonzentriertes Verhalten am nahenden Morgen!
Wenn es also eine Häufung von „tragischen Fehlern“ gibt (wie die auf Dt. Schiffe oder franz. Piloten), dann muss man möglicherweise viel genauer hinsehen, bis weit in die Führungsebenen hinein. Nicht weil es um Israel geht, sondern um Menschenleben. Und um Menschen, die möglicherweise mit ihrer Schuld ein Leben lang klar kommen müssen.
Übrigens gehen meine Vermutungen bzgl. der „tragischen Fehler“ ja in ganz andere Richtungen, aber vielleicht habe ich auch nur zu viel James Bond gesehen… ich bin ja auch kein Soldat.
Jetzt hätten mich die Vermutungen doch schon interessiert, ob Bond oder nicht.
@Lila: Die Sache mit Nazareth, dem Bürgermeister und den Sirenen habe ich schon gelesen. Und ja: Dass man Schutz und Förderung als Diskriminierung Anderer verstehen kann, das kenne ich als behinderter Mensch auch sehr gut. Abe da läuft es oft umgekehrt. Da diskriminiert man behinderte Menschen und sagt, man will ihnen etwas nicht zumuten, und man sagt eigentlich: Die können das gar nicht. Das ist ziemlich kompliziert. Ich nehme einfach an, dass es immer darauf ankommt, wer in einem bestimmten Fall das Sagen hat, wie beispielsweise in eurem Unabhängigkeitskrieg.
Im Grunde hat Piet hier natürlich recht: Keine Grausamkeit darf ohne Verurteilung bleiben. Ich denke, man darf Israel nur nicht lauter oder leiser verurteilen, weil es sich um Israel handelt. Viele Deutsche haben Israel lange überhaupt nicht verurteilt, sie glaubten, es stehe ihnen nicht zu. Als ich das erstemal die Politik der israelischen Regierung öffentlich, also in der Schule noch, kritisiert und unverständlich genannt habe, hieß es: Das sagst du als Deutscher? Ja, das tue ich. Ich tue es auch bei der deutschen, britischen, amerikanischen und russischen regierung, und der französischen natürlich auch. Andererseits haben dann die RAF-Terroristen, die die Fehler der Väter sühnen wollten, bestrafen wollten, diese Fehler mit ihrem Hass auf Israel wiederholt. Nicht jede Kritik an Israel ist eine überhebliche, bösartige Kritik. Aber man soll und muss sich mal wirklich die Menschen anhören, die dort leben. Darum finde ich auch dieses Blog so faszinierend. Man kriegt einen größeren Blickwinkel.
Dann sind wir uns ja einig, das habe ich immer gern
Oh ja, und der Bond… her mit der Vermutung!!!
Liebe Lila!
Ich stimme dir von ganzem Herzen zu!
Und für alle Besserwissis habe ich einen Tip: Zieht euch mal die Rede von Wolf Biermann rein, die er im Oktober in Jerusalem gehalten hat. Die Zeitung “Die Zeit” hat diese Rede am 26.10.2006 (Nr.44) abgedruckt. Habe ich im Internet gefunden.
Die habe ich schon längst verlinkt…. er hat sie auch in Haifa, bei uns an der Uni gehalten.
http://rungholt.wordpress.com/2006/10/30/verlinkt/
War leider abends, da konnte ich nicht hin.
Und zum Thema israelische Oeffentlichkeit:
http://www.israelnews.net/story/26de0179fe4f6f69
Israelische Buerger schalten Kondolenzanzeigen in israelischen Zeitungen fuer die Opfer von Bet Chanun.
@ Lila
Wenn es trotz Raketen, Selbstmordanschlägen, Krieg usw. einen Vorteil gibt, in Israel zu leben, dann beispielsweise den hier: Du bist weit genug weg von Deutschland und musst nicht so viel Mist zur Kenntnis nehmen, wie ich.
Nach meiner Erfahrung hat 9/11 viele Deutsche beunruhigt. Djerba, Bali, Madrid, London etc. haben das noch verstärkt. Was das mit Israel zu tun hat? Der Nahost-Konflikt gilt als Auslöser dieser Anschläge. Das kann man gerade heute wieder mal in der Frankfurter Rundschau von 25 deutschen Gelehrten lesen: “Der 11. September 2001 hat endgültig klar gemacht, dass wir uns auf dem Weg in einen neuen hochexplosiven Ost-West-Konflikt befinden, der weitaus schwerer unter Kontrolle zu halten sein wird als der alte mit seinen streng zentralisierten und verlässlichen Kommandostrukturen. Obwohl der transnationale Terrorismus viele Quellen hat, ist unverkennbar, dass eine Hauptquelle der zunehmenden terroristischen Energie der ungelöste Nahostkonflikt ist. (Dass manchen autoritären oder diktatorischen arabischen Regimen das Offenhalten dieser Quelle sehr gelegen kommt, weil es hilft, von den eigenen internen politischen Problemen abzulenken, schmälert das Gewicht dieser Einsicht nicht.)” Quelle: http://www.fr-online.de/doku/?em_cnt=1009679&em_cnt_page=1
Es gibt so etwas, das man vielleicht als leichten Antiisraelismus bezeichnen kann. Die Methode ist denkbar einfach und schützt trotzdem wirkungsvoll vor dem Etikett “Antiisraelismus”. Man bezeichnet sich als Freund Israels, man ist besorgt um Israel und man will Israel helfen. Diese Hilfe besteht in der freundschaftlichen Kritik. Man wird ja schließlich noch seinen Freund kritisieren dürfen, wenn der einen Fehler begeht, oder? Und wenn der kritisierte Freund einem vorwirft, man wäre kein echter Freund, kann man sogar noch beleidigt sein. Israel hat somit viele Freunde. Sie loben Israel selten. Wenn Israel sich nicht wehrt, ist es richtig, warum sollten sie loben? Wehrt Israel sich, ist es immer falsch. Rücksichtslos, menschenrechtswidrig, unverhältnismäßig, völkerrechtswidrig.
Dein Zitat aus dem Kommentar eines Leser ist ein tolles Beispiel dafür. Es wird nicht anerkannt, dass in Israel Entsetzen über den Vorfall herrscht. Das wird bewusst als “Generalsträne” und “peinliches Schweigen” herabgewürdigt.
Die Quelle dieses Antiisraelismus muss übrigens nicht immer eine direkte Ablehnung des Staates Israel oder der Juden sein. Viele Deutsche wollen vielmehr ungestört Konsumieren, Reisen und Leben. Das ist nach 9/11 gefährlicher geworden. Nur minimal, aber im Englischen gibt es ja inzwischen mit gutem Grund den Ausdruck “german angst”. Du hast mit einigen Beispielen kritisch auf den Zivilisationsstand meines Heimatlandes hingewiesen. Unser größter Fehler ist unsere Mutlosigkeit. Wir trauen uns ja schon kaum, moslemischen Einwanderern abzuverlangen, deutsch zu lernen, ihre Frauen nicht zu unterdrücken und sich irgendwie zu integrieren. Der Berliner Tagesspiegel berichtete heute von einer Auseinandersetzung der Polizei mit einer Menschengruppe von 80 bis100 Personen. Die Polizei hatte zwei Tatverdächtige festgenommen. Da ich zu faul bin, das zusammenzufassen: “Erst als Bereitschaftspolizei mit weiteren 40 Beamten eintrifft, ist Ruhe auf der Straße. Zwei Polizisten werden durch Schläge verletzt. In ihrer offiziellen Darstellung verschweigt die Polizei, dass außer dem deutschen Raubopfer alle anderen Beteiligten an der Aufruhr aus türkischen oder arabischen Familien stammen. Die zwei festgenommenen türkische Jungen hatten Anton G. geschlagen und beraubt. Erst vor zwei Wochen hatten im gleichen Kiez etwa 100 Türken die Feuerwehr beim Löschen bedrängt (siehe Kasten unten). Wie es bei der Polizei hieß, gebe es inzwischen bestimmte Viertel in der Stadt, in denen die Polizei bei Einsätzen nur in doppelter Stärke anrückt. Ein Anrufer beim Polizeinotruf 110, der kürzlich eine nächtliche Schlägerei melden wollte, wurde gefragt: ‘Sind da Araber beteiligt?’” Quelle: http://www.tagesspiegel.de/berlin/archiv/16.11.2006/2900901.asp
Da muss ihr doch verstehen können, welche Ängste und Gefahren der Widerstand Israels gegen seine Vernichtung für uns in Deutschland bedeutet, oder? Und da erwartet ihr von uns Unterstützung? Schaut euch doch bitte an, was die USA davon haben: Hass und den weltweit. Das könnt ihr uns wirklich nicht zumuten.
Und nun eine Frage: Muss man eigentlich Jude sein, um nach Israel auswandern zu können? Ich meine, nur mal so für alle Fälle gefragt…
Oh ja, man muss nur irgendwie den Nahostkonflikt beenden und dann herrscht weltweit Friede Freude Eierkuchen… _Das_ ist wirklich mit eine der bescheuertsten Annahmen weltweit, die uns da von einigen Politikern und einem Großteil der Presse aufgetischt wird. Wenn das wirklich der Wahrheit entsprechen würde, müßte man sich fragen, weshalb nicht ganz Europa und Amerika sich militärisch beteiligen – und zwar außerhalb der “Friedensmissionen”, sondern mal so richtig militärisch. Denn ist es vielleicht so, dass sie vielleicht gar keinen weltweiten Frieden wünschen oder nicht richtig dran interessiert sind?!? (Vorsicht: Ironie)
[...] Pannen, Pleiten, Peinlichkeiten « Letters from Rungholt Lila versucht abermals, sich der deutschen Verlogenheit gegen Israel zu erwehren. Das tun viele, aber niemand tut es so nachdenklich und bewundernswert gefasst wie sie. (tags: blog lila rungholt israel terrorismus Deutschland Deutsch) [...]
Vielen Dank für diesen Beitrag. Das ist das Kernproblem der Deutschen im Umgang mit Nahost und den USA: Die Selbstgerechtigkeit. Sie schützt wirkungsvoll vor besserer Einsicht. Es ist bitter nötig, dagegenzuhalten.