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Ein Brief November 12, 2006, 21:36

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Uncategorized.
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an alle Kibbuzmitglieder lag neulich auch in unserem Fach. Die Frau, die für die Volunteers verantwortlich ist, versucht den fahrenden Zug aufzuhalten und vielleicht doch noch die Abschaffung dieses Kibbuz-Mythos zu verhindern… doch ich habe das starke Gefühl, vergebens.

Unser Kibbuz war einer der ersten, die Volunteers aufnahmen, behauptet die Kibbuz-Maer, und die Oma meines Mannes eine der ersten Volunteer-Betreuer des Kibbuz. Sie hat noch viele Jahre den Kontakt mit den fruehen Volunteers gehalten, ja noch als sie schon sehr krank war, kamen noch Briefe und Karten mit Briefmarken aus aller Welt fuer sie an. Sie mochte besonders gern Volunteers aus deutschsprachigen Laendern, die ja nicht bei allen Mitgliedern zu Anfang gern gesehen waren. Aber irgendwann hatten auch die anfangs skeptischen Chaverim begriffen, dass die jungen Deutschen, die fuer ein paar Monate im Kibbuz Obst pfluecken oder Saecke mit Waschpulver fuellen, nicht das Problem sind…

Ich war nur fuer kurze Zeit Volunteer, und das zu einer Zeit, als die Diskussion “deutsche Volunteers - ja oder nein” laengst beendet war. Meiner Erfahrung nach waren besonders die aelteren Chaverim erfreut, einer jungen Deutschen, die mit grossem Interesse zuhoert, ihre Geschichten zu erzaehlen. Ja, ich weiss, ich “sollte eigentlich” ein Buch schreiben ueber die vielen Geschichten, die ich im Laufe der Jahre gehoert habe, aber dazu komme ich gerade nicht.

Ich habe mich unter den alten Chaverim wohler gefuehlt als unter den Volunteers. Ich war mit 23, 24 Jahren schon zu alt fuer die Klassenparty-Atmosphaere, und weder Togaparty noch Wettsaufen nach esoterischen angelsaechsichem Ritus (ich sag nur: fuzzy duck…) war mein Fall. Vermutlich haben mich die meisten als Spielverderberin gesehen und haben es nicht bedauert, dass ich schon schnell zu Y. verschwunden bin. Doch offiziell war ich auch dann noch Volunteer und den Pflichten der Dienst-Liste unterworfen. So musste ich meinen geliebten Arbeitsplatz im Kindergarten raeumen, um einer Studentin des Kibbuz Platz zu machen - einer Studentin des Fachbereichs, in dem ich spaeter manchmal unterrichten durfte.

Solche Perspektivwechsel hat mir das Volunteer-Dasein oefter beschert, es war fuer mich persoenlich heilsam, mal zu einer Slum-Bevoelkerung zu gehoeren und von vornherein verdaechtig zu sein. Ich habe es sonst ja immer zu gut gehabt, war immer fein im Glashaus etabliert. Als Volunteer lebte ich unter Rabauken, was allerdings schlicht eine Frage des Timings war - zu meiner Zeit waren nun mal gerade viele Rabauken Volunteers, waehrend zu anderen Zeiten ganz andere Gruppen da waren.

Ein geuebter Blick sieht schon beim Vorbeigehen am Volunteer-Viertel, wie die Gruppe gerade ist. Wenn alkoholisierte, halbbekleidete junge Menschen im Garten zwischen leeren Flaschen rumlungern - hm, sind wieder Englaender da? Oder doch Suedafrikaner? Wenn aber alles sauber und ordentlich ist und ueberall Blumenbeete entstehen, dann haben wir eine Gruppe adretter Schweizer Maedel oder emsiger Japaner. (Cum Grano salis bitte!)

Ich habe damals das Zimmer mit einer netten Kanadierin geteilt, deren Konflikte mit den US-Maedchen von nebenan mich viel, viel gelehrt haben. Ich habe mit Gruppen groelender, brotwerfender Rowdies gefruehstueckt, deren liebstes Thema war, “who puked this red stuff in front of our room?” Ich habe hilflosen Nachbarinnen den Raum gewischt, auf die israelische Art, die ich im Kindergarten gelernt hatte. Ich habe eigentlich diese Zeit genossen, auch wenn ich da nicht ganz reingepasst habe.

Jahrelang, so lange ich noch im Kibbuz gearbeitet habe, habe ich auch Volunteers beschaeftigt und mich gern um sie gekuemmert. Zahllose Volunteers habe ich schon durch den Kibbuz gefuehrt, nach Hause eingeladen, und manchmal war der Abschied sehr, sehr schwierig. Eine sehr Nette, die den Nachnamen eines NS-Verbrechers trug und die sich im Kibbuz sehr wohl fuehlte, die war nett! Eine Hollaenderin, von Beruf Krankenschwester, mit der ich wunderbar zusammenarbeitete - sie wurde spaeter krank und aergerte sich ganz zu Recht, dass die Krankenschwester des Kibbuz bei jedem Unwohlsein weiblicher Volunteers sofort den Schwangerschaftstest aus der Schublade holte. Eine ganze Reihe netter, fleissiger Britinnen, von denen eine spaeter meine Schwaegerin wurde. Eine Australierin, die mir ueber ihre Liebesgeschichte mit einem Kibbuzniks so viele Einzelheiten erzaehlte, dass ich jahrelang rot wurde, wenn ich ihn sah - besonders, nachdem diese grosse Leidenschaft beendet war.

Ich muesste eigentlich zum Volunteers quarter gehen und photographieren, bevor dieses Denkmal verschwindet. Kapieren denn die Leute, die heutzutage im Kibbuz entscheiden, gar nicht, wie schoen und wichtig diese Einrichtung ist? Nicht nur wegen der legendaeren Volunteer girls - obwohl wir ja nur ganz durchschnittliche Maedchen aus aller Welt waren, hat uns dieser Status in den Augen der jungen Kibbuzniks sofort eine Aura unwiderstehlicher weiblicher Anziehungskraft verliehen. “Mitnadvot zurueck in den Kibbuz!” forderte ein Graffiti im ersten Golfkrieg 1991 (war auch nicht der erste…), nicht etwa mitnadvim - die jungen Kibbuzniks forderten ausdruecklich weibliche Volunteers ein. Y.s Onkel erzaehlte mir spaeter, dass die ganze Familie einer nach dem anderen in die Kueche gepilgert kam, nachdem Y. sich in mich verliebt hatte, um mich zu begutachten. Ich war ja nicht seine erste Volunteer-Freundin und sie waren wohl neugierig, stellten sich wer weiss was vor. (Wenn ich Israelis erzaehle, wie viele deutsche Maenner von der Schoenheit der israelischen Frauen schwaermen, gucken sie etwas doof.)

Ach ja, mit Volunteers muss man eben mehr anfangen als mit Zeitarbeitern. Die Betreuer organisieren ihnen Ausfluege, Vortraege, erklaeren ihnen den Kibbuz, sorgen sich um sie, wenn sie krank sind, Heimweh haben, einer von ihnen in den Laden einbricht und ein anderer gleich ganz hierbleiben will. Heute leben im Kibbuz viele wie ich, zumeist Frauen, die als Volunteer gekommen und hiergeblieben sind. Wir sind eine Gruppe, die mit Respekt betrachtet wird - allerdings verdanken wir das ein paar sehr ruehrigen Frauen, die unseren Ruf befestigt haben. Bei uns sind es nur Frauen - die Paare der Konstellation “maennlicher Volunteer und Tochter des Kibbuz” sind alle im Ausland. In anderen Kibbuzim ist das anders.

Die jungen Leute, die hier Jahrzehnte hindurch in ihren Arbeitsklamotten mit uns gegessen, gearbeitet und gefeiert haben - die werden uns sehr fehlen. Ich habe schon oft leuchtende Augen gesehen, wenn jemand hoerte, dass ich aus einem Kibbuz komme, “oh, I used to be a volunteer in Kibbuz Ramat hachnassa in the Seventies!” Die Entscheidung, diese Volunteers einfach abzuschaffen, kann nur jemand treffen, der sich seiner so sicher ist, dass er meint, wir brauchen keine Freunde ausserhalb.

Und da es bekanntlich kein Thema gibt, das ich nicht unter dem Motto “Schuldgefuehle” abfeiern kann - ich bedaure es sehr, dass ich mich in den letzten Jahren gar nicht mehr richtig um junge Volunteers kuemmern konnte. Hoffentlich finde ich noch die Zeit, sie noch mal zu besuchen…. denn ich glaube nicht, dass der leidenschaftliche Brief die Abschaffung der Volunteers verhindern kann. Obwohl ich mich mal umhoeren werde, was ich zu diesem Behufe tun kann.

Nicht Tjost und nicht Buhurt, November 12, 2006, 20:40

Posted by Lila in Bloggen.
4 comments

zu dem man sich mit eingelegter Lanze, zugeklapptem Visier und wehender Fahne im Schlachtross-Galopp begibt. Sondern ein ganz persoenliches Blog, in dem eine Privatperson ganz ohne Ruestung ihre Gedanken und kleinen Erlebnisse und grossen Sorgen aufschreibt.

So war es bis jetzt, und so bleibt es auch. Wer zum ersten Mal hierherkommt und sich nach dem Lesen des ersten Abschnitts gleich munter ins Getuemmel stuerzt, froh, endlich mal einer Israelin sagen zu koennen, was er schon mal immer zum Thema Israel sagen wollte - der soll sich lieber weiter in Foren balgen. Ich bin dafuer nicht gemacht, mein Testosteronspiegel ist ganz niedrig, ich bin von Natur aus eher konfliktscheu — deswegen blogge ich ja. Fuer mich ist naemlich der ganze verflixte Nahostkonflikt kein intellektuelles Abenteuer oder politisches Strategiespiel, sondern meine mit Gesichtern und Geschichten gefuellte Wirklichkeit, mal schoen, mal schmerzhaft, und immer sehr kompliziert.

Ich mache meine deutschen Leser nicht fuer alles verantwortlich, was in Deutschland schieflaeuft, lastet mir also bitte nicht Lieberman an. Ehrlich, ich mag ja viel auf dem Gewissen haben, aber den… den hab nicht ich in die Regierung berufen.  Ich habe auch nicht das Kommando ueber die Armee oder das Aussenministerium.  Ich weiss, ich weiss, musste ich nicht extra sagen, ist mir nur so rausgerutscht.

Vielen Dank fuer die lieben guten Wuensche.  Ich  glaube nicht, dass mir der Ruhm zu Kopf steigt — solcher Ruhm ist normalerweise kurzlebig und mein Blog nicht fuer jeden interessant. Waehrend des Kriegs hatte ich auch mehr Aufmerksamkeit, als mein ungeruestetes Blog-Ich vertragen konnte, und ich habe mich halt ein bisschen zurueckgezogen. Ausserdem habe ich im Moment eine so stressgeladene Phase, dass ich heute nicht mal am eigenen Computer schreiben kann — daher die umlautlosen Umlaute. Ich habe nicht viel Zeit zum Bloggen. Und a propos Erwartungen… ach, ich habe schon ganz andere Erwartungen im Leben enttaeuscht als die, die mir hier begegnen.

Ironie des Schicksals, dass ich, die jedem Wettstreit sorgsam aus dem Wege geht, nun einen gewinne. Wie sagte meine Oma immer, wenn sie beim Romme uns alle mit einem Handspiel in den Abgrund befoerderte? “Ach Kinder, das war ohne Willen”… aber Rungholt bleibt Rungholt, keine Sorge. Ich kann gar nicht anders.