Kleine Peinlichkeiten Oktober 31, 2006, 14:23
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis.trackback
Da lernt man sich kennen und ist sich eigentlich sofort sympathisch. Sie ist Britin, ich Deutsche, sie ist jünger, ich etwas älter, aber beide sind wir mit Kibbuzniks verheiratet, und wir erkennen viele Gemeinsamkeiten. Unser Kontakt ist arbeitsbedingt und sporadisch, auch nicht sehr tiefschürfend, aber wir trinken zusammen einen Kaffee, wenn wir nur Zeit dafür finden. In gemütlicher Atmosphäre strunzen wir, halb ironisch, mit unseren Ehemännern, den struppigen Trophäen, und den Kindern. So kenne ich sie.
Ich habe sie ein halbes Jahr nicht gesehen, nicht viel für so eine oberflächliche Bekanntschaft. Kaum sitzen wir wieder in unserer Kaffee-Ecke im alten Lehrerzimmer, und ich frage sie, wie´s ihr geht, da erzählt sie mir schon von Trennung und Scheidung, und wie unerträglich dieser Mann ist, wie sie das Leben im Kibbuz haßt und die Arbeit, und eine Menge Einzelheiten prasseln über mich herein. Ich erschrecke, kann nichts bieten außer empathischer Miene, Zuhören und Nicken. Sie will zurück in ihre alte Heimat, die Kinder will sie mitnehmen, sie ist zornig, entschlossen, ich tue einen Blick hinter eine Fassade. Dann muß sie weg, ich auch.
Das ist inzwischen wieder ein halbes Jahr her. Wo mag sie sein, noch in ihrem Kibbuz im Süden oder doch zurück in Europa? und die Kinder? und der Mann? Ich weiß nicht, was vorgefallen ist, wie jemand anders ihre Geschichte erzählen würde, es interessiert mich auch nicht, ich will es gar nicht wissen.
Aber zu denken gibt es einem doch. Wie wenig zeigen wir einander doch von unserem wirklichen Leben. Und ich habe wieder einmal deutlich erkannt, was wohl zu meinem Charakter gehört: ich nehme Leuten ihre Selbstdarstellung grundsätzlich ab. Ich versuche nicht, hinter Fassaden zu gucken. Wenn es nicht unumgänglich ist, hinterfrage ich die Persönlichkeiten nicht, die sich mir präsentieren. Das hat Vorteile, weil sich manche Menschen mit mir wohlfühlen, die von anderen verurteilt werden, oder denen sonst niemand die grandiosen Geschichten über sich selbst glaubt. Das hat auch Nachteile, weil ich manchmal auf die Fresse falle - obwohl in krassen Fällen, in denen der Unterschied zwischen Fassade und Gerippe bedrohlich ist, mein Instinkt einsetzt und mich warnt. Aber es irritiert und stört mich, wenn mir klarwird, wie abgrundtief wir alle voneinander getrennt sind. Mir ist lieber, diesen Abgrund durch Akzeptieren und Stillhalten zu überbrücken als durch Analyse und Durchschauen. Doch das ist wohl individuell verschieden.
Jedenfalls war dieses Gespräch, dieser Ausbruch im Lehrerzimmer eine Peinlichkeit, für sie und für mich. Und trotzdem hoffe ich, sie noch einmal zu treffen, um zu sehen, ob sie ihre Fassade wieder restauriert hat. Ich würde es ihr wünschen.



Du hast das Beste getan, was du konntest - du hast zugehört. Das hatte deine Bekannte in jenem Augenblick nötig. Peinlich? Peinlich ist es vielleicht für sie, aber für dich?? Du hast dich schliesslich nicht in diese Situation gebracht.
Wo sie jetzt ist? Vielleicht in ihrem Kibbuz, ausgesöhnt mit ihrem Mann und zufrieden mit ihrem Leben. Vielleicht war das bloss so eine Aufwallung, ein dummer Moment, Balagan mit den Hormonen oder so, wie es jedem/ jeder mal passieren kann.Dann gäbe sie wohl viel drum, das Gespräch ungeschehen zu machen. Also Schwamm drüber! Und wenn´s ernst galt - na ja, dann wirst du sie wohl nicht wieder sehen.
Hm, für mich lag die Peinlichkeit darin, sehen zu müssen, wie nah unter der Oberfläche, der hübschen, all die häßlichen Dinge lauern. Und wie wenig die Bilder stimmen, die wir uns voneinander machen. Was vermutlich nur gut ist… denn wer könnte das sonst aushalten.