Oi va voi Oktober 8, 2006, 23:56
Posted by Lila in Land und Leute.21 comments
Wenn Olmert wirklich Avigdor Lieberman in die Regierung reinnimmt, dann gehe ich in die innere Emigration. Am Ende macht auch noch Bibi das große Comeback. Ich sehe es mit Grausen. Wie froh war ich, daß diese Richtung bei den letzten Wahlen keinen Blumenpott gewinnen konnte. So sehr ich mich bemühe, Nachrichten aller Art zu ignorieren, heute abend muß es wohl sein. Oi va voi.
Und später: kurz vor acht habe ich Y. gefragt, ob er Nachrichten sehen will. Er meinte nur, “ach weißt du was, ich habe eigentlich keine Lust auf Liebermans Gesicht, komm, gucken wir weiter Hornblower”. Und das haben wir auch gemacht. Man möchte wirklich vor allem die Augen verschließen, was da noch auf uns zukommt. Dieser Krieg hätte nicht ungelegener kommen können, und sein Ausgang bedeutet für uns nur mehr Unsicherheit und Zukunftsangst, die die Leute dann in die Arme von Rattenfängern wie Lieberman treibt.
Natürlich ergibt galoppierender Eskapismus weniger Blogstoff, aber das müssen meine Leser mir verzeihen. Ich blogge viel lieber über Hornblower als über Lieberman oder Olmert. And now weather the lizard, Mr. Bush…
Erschreckend Oktober 8, 2006, 10:55
Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.5 comments
fand ich gestern bei einem Besuch in einem anderen Kibbuz, wohin es mit so einer Gemeinschaft kommen kann. Dieser Kibbuz war immer schon ärmer als unserer, sie haben wirtschaftlich ums Überleben gekämpft, aber als wir vor vielen Jahren unsere Freunde dort zum ersten Mal besuchten, war es noch ein richtiger Kibbuz: mit Kinderhäusern, Dining Room, großen Rasenflächen und Fahrrädern überall. Doch ziemlich bald änderte sich alles, der Kibbuz wurde privatisiert, und zwar auf die brutalste Art und Weise. Wenn man jetzt durch den Kibbuz geht, sieht man krasse Gegensätze. Die bescheidenen, typischen Kibbuzhäuser haben sich verändert: entweder sind sie zu smarten, teuren Pseudo-”Cottages” umgebaut, oder aber sie sind total runtergekommen und sehen furchtbar aus. Der Dining Room ist lange schon geschlossen, die Kinderhäuser teilweise auch (und nichts sieht fürchterlicher aus als ein verrottender Kinderspielplatz…), die Menschen sehen mißtrauisch und verbittert aus. Ältere Chaverim sind entlassen worden, viele jüngere haben den Kibbuz verlassen, neue Chaverim werden nicht aufgenommen, kurz: ein Bild des Schreckens. Unsere Freunde, beide im Kibbuz geboren und mit Haut und Haaren in der Landschaft verwurzelt, wollen nicht weg. Aber leicht haben sie es nicht. Als wir das alte Spiel “Kibbuzim-Vergleichen” durchgingen, warnten sie und ihre Gäste (die wir auch schon seit Jahren kennen) eindringlich: bei der Privatisierung springen alle Geister aus der Flasche, alle Skelette aus den Schränken. Die große Mehrheit der Leute denkt nur noch an sich, nur noch, “Was springt für mich dabei raus”. Die Zeit der alten Ideale ist zu lange her, der Übergang war wohl, im Falle unseres Kibbuz, so langsam und graduell, daß sich kaum noch jemand erinnert, wie es mal war.
Auf dem Heimweg waren wir ziemlich bedröppelt. Es ist ja schon übel genug, wie es bei uns aussieht - eine “Gewinnerseite” frohlockt und fordert, eine “Verliererseite” grollt und grämt sich. Doch immer noch gibt es Leute, die sich wohl erinnern, was ein Kibbuz eigentlich ist, und weswegen sie ursprünglich gekommen sind. Und ich habe das Gefühl, das ist nach wie vor die Mehrheit. Ich hoffe, es warten keine unangenehmen Überraschungen auf uns wie bei unseren Freunden…

