Religion, Arbeit und die Religion der Arbeit Oktober 1, 2006, 17:50
Posted by Lila in Uncategorized.13 comments
Als ich in den Kibbuz kam, war der 1. Mai ein großer Feiertag. Es wurde nicht gearbeitet, am Tag vorher wurde in den Kindergärten das Lied von der roten Fahne gesungen, natürlich waren überall rote Fahnen gehißt, ein Bus des Kibbuz fuhr nach Tel Aviv, zur großen Demo, und stolz gingen die alten Leute voran, die zu ihrer Zeit in Wien oder Berlin schon in den 20er Jahren immer vorneweg marschierten. Der Erste Mai, da wurde nicht gearbeitet, da wurde die Religion der Arbeit zelebriert, die dem Kibbuznik alles andere ersetzte.
Die Generation der Großeltern meines Mannes war von einem Fleiß, der einfach nur staunen macht. Die gute Oma Lotte stand Tag für Tag an ihrer Drehbank, ja selbst als sie kaum noch laufen und stehen konnte, schaffte das Altersheim des Kibbuz eine alte Drehbank an, damit sie kleine Bleistifthalter und Vasen aus Olivenholz anfertigen konnte, die dann im Laden verkauft wurden - einer davon steht neben mir, während ich diese Zeilen schreibe, ein schlichtes kleines Kunstwerk, gefertigt von fleißigen Händen. Der Großvater war zwar ein legendäres mathematisches Genie (jawohl, so sehr, daß noch in seinen Urenkeln meine mathematische Talentlosigkeit mehr als kompensiert ist! danke, ihr genialen Gene!), aber er wies die Einladung einer Hochschule, dort zu unterrichten, entrüstet zurück - er wollte mit den Händen arbeiten, feste zupacken.
Auch meine Schwiegereltern sind fleißig wie die Bienen. Obwohl meine Schwiegermutter schon im Pensionsalter ist, arbeitet sie noch und hält nach wie vor den Kostümfundus des Kibbuz und der ganzen Umgebung in Schwung. Mein Schwiegervater brasselt den ganzen Tag rastlos in Haus und Garten, und wenn da nichts mehr zu brasseln ist, zieht er mit der Bohrmaschine durch die Häuser der Nachbarn, repariert und berät (er ist nicht mehr im Kibbuz, wo er selbstverständlich weiter arbeiten würde). Mein Mann ist ebenfalls sehr fleißig - ich ja bekanntlich weniger, wäre ich es, könnte ich nicht so viel bloggen!
Und meine großen Kinder arbeiten, nicht für eigenes Geld, sondern für die Kasse der Gemeinschaft. Primus arbeitet im Zoo der Schule, der ja zu einem landwirtschaftlichen Betrieb umfunktioniert wird, er hilft außerdem im Schafhaus und im Dining Room. Secundus kloppt Stunden ohne Ende im Schulzoo, viel mehr, als er bräuchte. Er ist begeistert von der Arbeit mit den Tieren und möchte gern Tierarzt werden. Tertia hat einen typischen Mädchen-Arbeitsplatz gewählt, trotz der Überzeugungsarbeit ihrer Brüder arbeitet sie lieber im Peuton, dem Kleinkindergarten, bei den Zweijährigen. Da hilft sie zweimal die Woche, die Kinder nachmittags zu wecken und zu versorgen, und die Kindergärtnerin hat mich extra angerufen und ihren Fleiß gelobt.
Das ist eben Kibbuz-Erziehung, wo schon von klein auf nicht gesagt wird, “wir spielen im Sand” oder “mit Bauklötzen”, sondern “wir arbeiten im Sand”. Gern wird auch gesagt, wenn ein Kind fragt, wo die Eltern sind, “der Vater arbeitet in der Fabrik, die Mutter arbeitet in der Gärtnerei, dein großer Bruder arbeitet in der Schule und du hier im Kindergarten”. Die Arbeit, das ist das höchste Gut. Wenn man über einen Menschen im Kibbuz den Stab brechen will, dann sagt man, “der kann nicht arbeiten” oder “die ist faul”. Kurz und brutal nennt man solche Leute Parasiten, parasitim: sie bekommen vom Kibbuz alles, geben aber nichts zurück.
Ja, das ist klassischer Kibbuz, das Arbeitsethos, auch wenn es schon längst aus der Mode ist, auch hier. Der erste Mai wird schon seit ein paar Jahren nicht mehr gefeiert. Man hat die alten Leute an diesem Tag nicht zur Arbeit gezwungen, wer wollte, konnte nach wie vor mit dem inzwischen zum Minibus geschrumpften Wagen des Kibbuz zur Demo fahren, aber die meisten Leute gingen und gehen am ersten Mai ganz normal arbeiten. Rote Fahnen habe ich hier schon ewig nicht mehr gesehen, die Illusionen des seligmachenden Kibbuz-Sozialismus (die ganze Welt ein solidarischer, flexibler, freundlicher, fairer Kibbuz!) sind zerstoben, keiner erinnert sich mehr richtig dran.
Doch als ich in den Kibbuz kam, war Yom Kippur, im Gegensatz zum 1. Mai, ein ganz normaler Arbeitstag. Es gab wohl ein paar Sonderlinge, die fasteten - der Kibbuz spendierte ihnen die Mahlzeit vorm Fasten, die mafseket, und die danach. Meine Schwiegermutte hatte jahrzehntelang das Pöstchen inne, die Liste der Fastenden zu führen, für sie das Essen zu bestellen und sie zu bewirten. Aber gearbeitet wurde. Ich weiß noch, wie seltsam ich es fand, als Volunteer, daß eine der Frauen an meinem Arbeitsplatz den ganzen Yom Kippur über Kopfschmerzen, Schwindel und alle möglichen Wehwehchen klagte. Sie lehnte sich dramatisch an die Wand, um zu zeigen, wie sehr sie litt. Ich dachte bei mir, “dann soll sie doch zuhause bleiben, wenn es für sie so wichtig ist, zu fasten - oder sich nicht beschweren, denn aus dem Fasten soll man doch keine große Demonstration machen”. Diese seltsame Einstellung zum Yom Kippur - arbeiten, fasten und klagen - machte mir großen Eindruck.
Inzwischen wird schon längst am Yom Kippur nicht gearbeitet. Ich weiß nicht, wie viele Leute im Kibbuz fasten, es gibt keine offiziellen Mahlzeiten mehr und keine Liste. Yom Kippur ist Privatsache. Ein engagierter Mann organisiert jedes Jahr eine Gesprächsrunde mit einem interessanten Menschen, in dem es manchmal um den Yom Kippur-Krieg geht, oft aber auch andere ernste Themen. Und es gibt sogar Kibbuzim, wie unsere Nachbarn in En Hashofet, die mit neuen Ritualen experimentieren. Die Religion der Arbeit hat ihren Reiz verloren, die Arbeit hat keinen religiösen Status mehr, und so suchen die Menschen nach neuen Inhalten. Sie wollen nicht orthodox religiös werden, aber sie wollen auch nicht gänzlich die Bindung an ihre Tradition verlieren.
Übrigens wird heute, einen Tag vor Yom Kippur, mit “tsom kal”, also “leichtes Fasten”, gegrüßt. Meine protestantische Seele versteht diesen Gruß nicht ganz. Wenn das Fasten leichtfällt, verliert es dann nicht an Wert? Gerade daß es nicht leichtfällt, daß es nicht die gewöhnliche Routine ist, das ist doch das Besondere daran. Egal wie oft mir das gläubige Juden schon erklärt haben, ich finde den Gruß noch immer merkwürdig. Natürlich wünsche ich keinem, an einem Tag mit Chamsinwinden und brüllender Hitze weder essen noch trinken zu dürfen, aber wenn es eine Tablette gäbe, die das Fasten zur Unmerklichkeit erleichtern würde, wäre das dann noch immer “gültig” als Yom Kippur- Fasten? Hm.
(Hingegen ist der Gruß gmar chatimah tova, der zwischen Rosh ha Shana und Yom Kippur benutzt wird, bedeutungsvoll und schön. Es ist schon etwas Besonderes, wenn sich Kollegen und Bekannte gegenseitig wünschen, ins Buch des Lebens eingetragen zu werden.)
Früher, als es nur einen Fernsehkanal gab, war zu Yom Kippur wirklich nur Schnee im Fernseher zu sehen. Wer schon so technologisch auf der Höhe war, ein Videogerät zu besitzen, der konnte sich zu Yom Kippur bei der Videothek des Kibbuz Filme ausleihen, um diesen Tag nicht in elender TV-losigkeit verbringen zu müssen, und auf dem Videokanal des Kibbuz ließ die dafür Verantwortliche den ganzen Tag Filme laufen. Das habe ich nie ganz kapiert, wieso sie den gesamten Yom Kippur mit einem wahren horror vacui Film um Film durchlaufen ließ. Ich finde die Enthaltsamkeit von Autofahren und Fernsehen auch für Nicht-Religiöse eine gute Gelegenheit, mal die eigenen Prioritäten zu überprüfen.
Der Gegensatz zwischen Religiösen und Nicht-Religiösen tritt am Yom Kippur schärfer als sonst zutage. Wer Auto fährt, wird schon mal von empörten Religiösen mit Steinen beworfen - so meiner Schwägerin passiert, die mit ihrer Tochter ins Krankenhaus fuhr, weil die sich beim Radfahren den Arm gebrochen hatte. Denn weil die Straßen so autoleer sind, sind viele Radler, Skateboarder und Inline-Skater unterwegs. Am Abend des Yom Kippur wird immer berichtet, wie oft Mada (Magen David Adom, der Rote Davidsstern) ausrücken mußte: so und so oft zu Leuten, die wegen Entkräftung umgekippt sind, und so und so oft zu Rad-Unfällen.
Wir mußten nur einmal in all den Jahren zu Yom Kippur Auto fahren: als Tertia in der Intensivstation des Krankenhauses in Nahariya lag und meine Muttermilch brauchte. Hätte jemand nach uns einen Stein geworfen, ich glaube, ich wäre wie eine Furie aus dem Auto gesprungen und ihm mit den Krallen ins Gesicht, kchchch. Aber nichts da, alles war ruhig, und im Norden, wo viele arabische Dörfer sind, fuhren sogar noch ein paar Autos. Natürlich würde ich nicht durch eine religiöse Gegend fahren, ich würde ja niemanden kränken wollen, aber daß auch schon mal Krankenschwestern und Ärzte auf dem Weg zur Arbeit beschimpft werden, finde ich schon schwer zu verstehen. Na ja, Rowdies gibt es eben leider überall, und sie verderben den Anderen den guten Ruf.
Das ist also Yom Kippur: ein stiller Tag, dessen religiöse Bedeutung durch die historische Erinnerung an den Yom Kippur-Krieg noch verstärkt wird. Denn wenn Israels Feinde es schaffen, Juden am höchsten Feiertag, einem Tag des Fastens und der Einkehr, anzugreifen (als Christ stelle man sich den Karfreitag vor), dann muß man wohl mit allem rechnen.
Bald geht er los, der Yom Kippur (im Judentum beginnt der Tag schon am Vorabend). Tsom kal ve gmar chatimah tova.
Sorgenvoll Oktober 1, 2006, 16:50
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Ich erzähle ja manchmal, nur ganz ansatzweise und mit gebotener Diskretion, von dem Familienarchiv, das ich im Auftrag eines Sohnes sichte, lese, übersetze und sortiere. Die Familie gehört zum, wie ich es nenne, jeckischen Adel, also allerfeinste, gebildete, einfach sympathische Menschen. Ihr Weg von Deutschland nach Israel ist exemplarisch, hochinteressant (sie kannten Gott und die Welt, man kommt beim Lesen geradezu ins ehrfürchtige Staunen - da hat man private Briefe hochberühmter Persönlichkeiten in der Hand!), und der Sohn und ich planen eigentlich, daraus mal ein Buch zu machen. Wenn es soweit ist, werde ich schamlos Werbung dafür machen!, aber noch ist es eben nicht so weit.
Der Sohn dieser Familie ist auch kein junger Hüpfer mehr, er ist so Mitte, Ende 60 und mehrfacher Großvater. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden, auch wenn unser Verhältnis mehrere Metamorphosen durchlaufen hat, in denen wir jeweils neue Umgangsformen finden mußten. Zuerst war er der von fern durch die Korridore schwebende Würdenträger der Hochschule, an der ich Studentin war - unsere erste Begegnung war, als er mir einen Preis überreichte. Danach war er mein Vorgesetzter, mit dem ich eng zusammenarbeitete und viele Stunden verbrachte, immer im gebührenden hierarchischen Abstand - trotz der starken persönlichen Sympathie, die uns von Anfang an verband. Und dann, nach meinem und seinem Ausscheiden aus der Hochschule (ich habe ihm gekündigt, er ist kurze Zeit später in den Ruhestand gegangen), hat er mich gebeten, ihm bei der Arbeit an diesen hochpersönlichen Materialien zu helfen. Und so sind wir uns im Laufe der Zeit immer näher gekommen, ohne die Distanz aufzugeben. Also eine rundum positive Beziehung.
Er war im Sommer in der Heimatstadt seiner Eltern, auf Spurensuche. Ich bekam vorgestern eine Mail von ihm, er ist zurück, und wie es mir geht, und wann wir uns treffen können. Gestern nacht antwortete ich ihm, innerlich erleichtert, daß er gesund ist, denn ich hatte eine ganze Weile nichts von ihm gehört und mir schon Sorgen gemacht. Nun hat seine Frau mir geantwortet. Er liegt im Krankenhaus, Herzinfarkt, wird Bypässe gelegt bekommen, könnte eine langwierige Sache werden.
Also, Daumen drücken, positive Energien senden, kleines Genesungsgebet, je nach Gusto, bitte. Dieser Mann und seine Geschichte und seine Familie liegen mir am Herzen, und je eher er wieder fit ist, desto besser.
Sehr, sehr interessant Oktober 1, 2006, 1:14
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fand ich das Interview mit dem scheidenden französischen Botschafter in Israel.
Der französische Botschafter in Israel hat einen schweren Stand. Ich als Deutsche betrachte natürlich die Franzosen und ihr schönes Land mit der althergebrachten Bewunderung, die deutsche Kultur so tief geprägt hat. Ich denke an C.D. Friedrichs haßerfüllte Ergüsse, an den Eifer der deutschen Damen, sich französisch zu kleiden, und wie elegant französische Lehnwörter im Gegensatz zu amerikanischen klingen. Wie habe ich es als Kind schon bedauert, daß Worte wie Trottoir, Coupe und Perron zur Zeit des Ersten Weltkriegs durch doitsche Worte ersetzt wurden… und wie liebe ich Chardin und Georges Moustaki. Wie leer wäre die Welt ohne französische Kultur und Sprache! Wie schön ist das Land, wie lecker seine Suppen… Ich denke an Paula Modersohn-Beckers begeisterte, hellsichtige Briefe aus Paris, an Liebermann und Hugo Tschudi, die französische Kunst kauften und nach Deutschland brachten, als das noch ganz ungewöhnlich, ja unpatriotisch war… und wie viel wir der französischen Kultur verdanken, auch im Sich-davon-Absetzen. So sehe ich als Deutsche Frankreich.
Und dann das israelische Frankreich-Bild. Es ist wirklich so: Holland, egal wie viele Holländer die Nazis unterstützt haben, Holland ist hier beliebt. Nur Dänemark, das ja wirklich eine fast einzigartige Stellung unter den europäischen Nationen einnimmt (ich glaube, nur Bulgarien war ähnlich loyal zu den Juden), ist noch beliebter. Ja, selbst den Deutschen glaubt man ihre neue Identität, und es bedeutet keinen Makel, in Israel Deutsche zu sein. Ich stoße jedenfalls praktisch nie auf Vorurteile oder Unfreundlichkeit, eher im Gegenteil. Aber Frankreich! Die Franzosen sind als eingefleischte Antisemiten, als unfreundliche Judenhasser, als blinde Geiseln in der Hand ihrer islamischen Minderheit verschrieen. Vielen Israelis geht beim Gespräch über Frankreich der Hut hoch. Die Geschichte ist sehr komplex, die Franzosen haben immer (und tun es auch heute noch) die arabischen Länder sehr stark unterstützt, und die Israelis wissen das. Automatisch nimmt die französische Regierung immer die arabische Seite, allein schon aus Opposition zu den Amerikanern (was niemand besser weiß als die Deutschen, die zwischen den beiden Verbündeten unglücklich hin- und herflattern müssen wie eine besorgte, plumpe Friedenstaube).
Ja, den französischen Botschafter beneide ich also nicht. Und desto mehr hat mich das Interview mit ihm beeindruckt. Oh ja, der Mann kennt Israel, und er hat einen Einblick in die israelische Seele gewonnen. Das rechne ich ihm hoch an, denn es ist nicht einfach. Ihm fällt auf, wie schlicht und rauh, ja roh hier viele Menschen leben - im Vergleich mit der französischen Oberschicht, der er angehört, ganz bestimmt. Was hier als verfeinert gilt, ist von billig-teuren Hollywood-Schinken abgeguckt, gänzlich stillos, ich habe das ja nach ein paar Hochzeits-Orgien schon mehrmals schaudernd zum Besten gegeben. Nouveau riche nennt man sowas, huh. Das gilt hier leider als gesellschaftliches Ideal - und es kann gut sein, daß auch in Deutschland viele junge Menschen schon nicht mehr wissen, daß man auch andere Idole haben kann als irgendwelche Models oder Schlagerprinzessinnen.
Dagegen sind die Intellektuellen in Israel meist arm und bescheiden, leben so, wie man sich vielleicht in Paris eine Studentenbude vorstellt - eine schlichte Wohnung voller Bücher. Na klar, es gibt auch in Jerusalem durchaus würdevolle Viertel mit schönen, stilvollen Häusern, in denen europäische Kultur überlebt - ich fühle mich zum Beispiel geehrt, in einem solchen Haus eine Leserin gefunden zu haben! Aber das ist eine kleine, stille Minderheit. (Ich kenne auch in Haifa, auf dem Carmel, durchaus solche Häuser, denen man anmerkt, daß ihre Bewohner gute Kunst und Musik und Bücher schätzen.)
In Europa gibt es nun mal in den meisten größeren Städten, Universitätsstädten oder sonstigen kulturellen Zentren, die bekannten Altbauwohnungen - manche davon bescheiden, manche aber richtige feine Stadtvillen. Sowas gibt es in Israel nicht. Die Städte sind entweder sehr alt, wie Tiberias oder Zefat, und haben enge, verwinkelte Gäßchen. Oder sie sind neu und voller Alu-Rolläden fürs Volk, in beigen, verkommenen Hochhäusern. Die Reicheren wohnen dann in den protzigen Villen, vor denen mir graust. Also, daß der französische Botschafter da manchmal schlucken muß, wenn er Leute besuchen geht, das kann ich mir gut vorstellen.
Ich habe ja bei der Erziehung meiner Kinder auf gewisse grundlegende Weltkenntnisse Wert gelegt, so daß sie alle irgendwann mal fröhlich im Kindergarten äußerten: “meine Mama sagt aber, der Ellbogen gehört nicht auf den Tisch” - und das zur Kindergärtnerin! Israel ist nun mal eine Pioniergesellschaft, das merkt man doch manchmal. Ins Theater gehen viele meiner Bekannten durchaus - Kibbuzniks und Hochschul-Mitarbeiter, eine Minderheit. Ich habe einmal den Fehler gemacht, auf eine Freundin zu hören und meine Kinder in eines der beliebten, schwer vermarkteten Kinder-Musicals mitzunehmen - und war entsetzt von der Picknick-Atmosphäre, als erstes wird das Bamba ausgepackt und die Schuhe ausgezogen!
Aber halt, das war ja gar nicht mein Thema, das Land der wilden Kerle. Sondern der französische Botschafter, der sich hier sowohl dem Haß gegen Frankreich als auch der allgemeinen Ungeschliffenheit ausgesetzt sah. (Ich denke mir, auch Deutschland ist ein bißchen ungeschliffener als Frankreich, das Gefühl hatte ich jedenfalls bei meinen zwei Austausch-Erfahrungen.)
Der Mann legt den Finger in die israelische Wunde, das muß ich zitieren.
More than anything else, the ambassador says, he does not agree with the fear he senses in Israel, but understands their roots. “Your traumas are too close,” he says. “You have a historical heritage of loss and insecure wanderings that passes through you even if it seems to us from the outside that you are a huge military power and an amazing center of thinking and creativity.”
Araud recalls a story from two years ago that he says amazes him to this day. “A very respectable conference was held in Paris on the subject of the Middle East in 2010. There were people there from the highest levels of academia in the world, Israelis as well, of course. But none of the speakers discussed Israel. It seemed obvious to me that really the problem of the Middle East in the coming years is not Israel at all. Is there any lack of dangerous places? Then suddenly an Israeli women diplomat came up to me, whose name I will not mention, looking very angry and insulted. I asked her what happened and she said: ‘I know why no one has mentioned Israel,’ she said. ‘Because none of you believes that Israel will be around in 2010.’
“I was shocked. Who thinks something like that? That was the first time, but not the last, that I heard this fear. For us, the Europeans, it is difficult, almost impossible, to understand such deep existential fear, but I recognize it as one of the strongest factors impacting thought and decision-making in Israel. Anyone taking this mood into consideration sees everything differently: the isolationism, the disengagement, the convergence, the building of a Great Wall of China between you and your neighbors. And if you add to this the weakness of the Israeli political system, which in recent years has gotten a great deal worse, and because of which it is hard for the government to make painful decisions - one can begin to understand the real picture.
Ja, das kann man kaum jemandem von außen klarmachen, jemandem in Europa, dessen Land nie bedroht wurde, nie in Frage gestellt wurde. Auch ich habe eine Weile gebraucht, aus dem satten, sicheren, großen, wirtschaftlich starken und allseits anerkannten Deutschland kommend, bis ich begriffen hatte, daß ich aus dem großen, sicheren Kreuzschiff in eine kippliges kleines Bötchen umgestiegen bin. Auch wenn die ganze Welt an dem Bötchen nur die Kanone sieht, die es mit Mühe mitschleppt, auch wenn es die Nußschale fast zum Sinken bringt… denn auf dem Meer gibt es viele, die sich an dem kleinen Bötchen stören.
Ich habe neulich, beim Hören des Liedes Kmo zemach bar,
Tomorrow, I’ll be so far away
Do not look for me.
Those who know forgiveness
Will forgive my having loved.
Time will put everything to rest
I am going my own way.
The one who loved me will return to your fields
From the desert.
And he’ll understand - I’ve lived among you
Like a wild flower.
. . . I will remember a look,
Hands touching my shoulders.
I will become a passing shadow in your fields
A concealed secret.
Good-bye, I have lived among you
Like a wild flower.
auf einmal ein ganz starkes böses Vorgefühl gehabt. Ich hatte das Gefühl, dies ist das Lied, das das Volk Israel den anderen Völkern singt. Wie eine wilde Blume, von vielen wegen Stachligkeit und Unansehnlichkeit unbeachtet oder gar gehaßt, geht die Blume unter, stirbt aus. Es war kurz nach dem Krieg, als ich trotz meiner relativen Einsamkeit im Haus, im Kibbuz, in meiner engeren Umgebung, ganz stark das Gefühl der Verbindung zu ganz Israel hatte, nicht zum Staat, zum Volk. Und ich hatte eben das Gefühl, auch wenn das Volk Israel vor dem Untergang steht, wird das niemanden kümmern.
In meiner persönlichen Geschichte fallen mir zu der furchterregenden Leichtigkeit, mit der sich die Anderen Israel wegdenken, vor allem zwei verlorene Freundschaften ein. Das eine war ein Journalist, heute bei einer großen Zeitung schreibend, den ich vom Studium kannte. Wir haben zusammen im zweiten Semester ein Referat gehalten, und seitdem waren wir Freunde. Auch als er schon Journalist war und ich junge Mutter im Kibbuz, haben wir uns noch geschrieben. Irgendwann ließ er dann in einem Brief über den Nahostkonflikt einen, wie er es nannte, “historischen Stoßseufzer” los. Wie viel leichter es doch auf der Welt wäre, wenn es Israel nie gegeben hätte. Ich weiß noch, wie ich wie angewurzelt vor den Postfächern stand, mit diesem Brief in der Hand. Wenn es Israel nie gegeben hätte? Dann gäbe es auch keine Juden mehr. Ohne den Staat, seine Armee im Rücken, hätten Judenhasser aller Art ihren Willen gehabt und Hitlers Werk wäre vollendet worden. Und mein guter, kluger, begabter, freundlicher ehemaliger Kommilitone konnte das einfach so hinschreiben. Die Freundschaft wollte danach nicht mehr recht gedeihen.
Noch früher und abrupter endete eine andere, tiefere Freundschaft. Ich hatte in Berlin drei gute Freundinnen, von denen mir nur noch zwei erhalten geblieben sind. Die dritte kam mir abhanden, oder ich ihr. Sie war, ist auch heute noch, eine schöne, kluge, sehr begabte Frau (hat auch große Karriere gemacht und dürfte vielen meiner Leser bekannt sein - ich war wirklich die Pfeife meines Freundeskreises und bin bis heute gänzlich unberühmt!). Als ich etwas über ein Jahr in Israel lebte, noch vor meiner Heirat, schickte sie mir eine Theaterkritik zu. Sie hatte ein Stück inszeniert, und die Kritiker lobten ihren genialen Einfall, zwei Rollen mit einem Schauspieler zu besetzen. Es handelte sich um einen Offizier der SS und einen glühenden Zionisten. Nett, nicht wahr? Eine elegante Art, die alte Gleichung “was die Nazis den Juden angetan haben, tun heute die Israelis den Palästinensern an” ins Bild zu setzen. Oder auch die UN-Resolution “Zionismus = Rassismus”, die ja auch im Vorwurf “Israel ist ein Apartheidsstaat” weiterlebt.
Ich habe dieser Freundin nie erklärt, warum die Freundschaft vorbei war. Ich konnte es nicht. Ein gemeinsamer Freund hat mich später mal besucht, mir auch gesagt, daß sie sehr gekränkt war und so - aber ich konnte kein Wort herausbringen. Ich glaube, ich könnte es bis heute nicht. Manchmal sehe ich mir im Internet Interviews mit ihr an, sehe, wie sie älter geworden ist und noch schöner als früher, und wie ihr Ruhm sie umstrahlt - und ich kann ihr diese Sache nicht verzeihen.
Ganz zu schweigen von den vielen, vielen Gesprächen, die ich ja auch hier oft genug wiedergekäut habe, in denen mir grausam klarwurde, daß für viele Europäer, ja für viele Deutsche Israel ein Land ohne Legitimation ist - als einziger Staat der Welt. Alle anderen Staaten, egal wie geschaffen, von wem, unter welchen Umständen, als Nachfolgestaaten welcher Gebilde auch immer, alle anderen Staaten haben undiskutiertes, unbestrittenes Lebensrecht. Doch das Recht der Juden auf einen Staat in ihrem Heimatland, das steht zur Disposition. Und das Recht der Juden auf Leben und Unversehrtheit ebenfalls. Kein Tag vergeht ohne antisemitische Parolen oder Taten irgendwo. Die Juden sollen es gewesen sein, ob Twin Towers, ob Irakkrieg, irgendwie sind es immer “der Mossad”, “die Israelis” oder eben gleich “die Juden”, die dahinterstecken. Dahinter steht eine solche Aggressionsmacht, daß ich erschrecke.
Nein nein, das darf man natürlich auch nicht sagen, denn das heißt dann gleich “Antisemitismuskeule” und man wird ja wohl noch Israel kritisieren… herrje, ich kritisiere Israel ja oft genug selbst. Aber ich habe nun mal im Laufe der Jahre einen Riecher dafür entwickelt, wo jemand Israel sachlich und fair kritisiert, und wo jemand seine Ressentiments und Vorurteile auslebt. Irgendwie riecht man den Unterschied. Gerade die aggressiv vorgetragene Selbstverteidigung gegen etwaige Antisemitismus-Keulen (die man beim Anderen selbstverständlich voraussetzt) ist kein schlechter Indikator.
Zu diesem Sumpf der Ressentiments paßt dann auch gern eine gewissse Unwissenheit. “Die Israelis sollen den Palästinensern das Land zurückgeben”, heißt es dann. Zurück? Die Israelis können das Land den Jordaniern “zurück”geben, einen Staat Palästina hat es nie gegeben, und das hat nicht Israel so entschieden. Oder die Leute machen sich vollkommen unrealistische Vorstellungen von Israels Macht und Größe - weil sie noch nie eine Karte angeguckt haben, auf der man sehen kann, wie ungemütlich groß und nah unsere Feinde uns auf der Pelle sitzen, und wie wenig Platz wir hier haben, und wie hart die Grenzen sind, an die wir stoßen. Und was der Mißverständnisse noch mehr sind.
Und dabei sind die Deutschen noch unter den Europäern, wie Israelis gern anerkennen, israel-freundlich. Zwar meinten neulich bei einer Umfrage 61%, daß Deutschland Israel beim Kampf gegen den Terror nicht zu helfen brauchte - aber das bedeutet auch, daß immerhin fast 40% dafür sind, Israel zu helfen! Und das finde ich viel. Selbst mit 5% plus oder minus, das ist ein besseres Ergebnis, als ich erwartet hätte. Allerdings ist in den Niederlanden, und das bestätigen mir auch Bekannte, das Klima viel Israel-freundlicher als es im Sommer in Deutschland war - aber im Vergleich mit Frankreich oder Großbritannien, wo wir als Feind Nummer Eins gelten, ist Deutschland ein guter Partner. Deutsche Außenpolitiker sind fair und berechenbar, da kann Israel nicht meckern.
Aber Frankreich? Die Affronts der französischen Politiker gegen Israel sind Legion. Französische Juden klagen über brutalen Antisemitismus von allen Seiten. Nein, ich beneide den französischen Botschafter nicht, der gleichzeitig gegen das miese Image Frankreichs in Israel UND gegen das noch miesere Ansehen Israels in Frankreich angehen muß, und der sich über beides ärgert. Und deswegen, aus dieser doppelten Defensive gesehen, finde ich das Interview (hab ich doch noch irgendwie den Bogen wieder zurückgefunden!) so interessant.


