Aus dem Tagebuch einer Ameise: gestern September 22, 2006, 17:48
Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.trackback
5:30 Wecker klingelt. Den ersten Kaffee, oft bleibt es der einzige des Tages, trinken wir zusammen. Wir sitzen auf dem Sofa, gucken die dunkle Landschaft an, die Wolken, bereiten uns auf den Tag vor. Duschen, und kurz nach 6:00 geht Y. in die Fabrik, ich bereite den Frühstückstisch vor und beginne ab
6:45 mit dem Wecken der Kinder. Zuerst die Mädchen (warmer Kakao ans Bett, Mozart-CD - das hat sich zur Entzerrung der Morgennerven seit Jahren bei uns bewährt), die Jungen stehen ab
7:15 selbst auf. So gibt es auch keinen Streit um die zwei Bäder - bis die Jungen angeschlurft kommen, sind die Mädchen schon frisch und geputzt. Bis
7:30 muß Quarta fertig sein, inklusive Schulbrote (Pitta mit Butter und Tomaten), Zöpfe und Zubehör, denn dann fährt der Bus. Y. holt sie mit dem Tustus, dem Mofa, ab (Quarta nennt es Jerry). Für die Großen ist noch bis
8:00 Zeit, dann fährt auch ihr Bus. Sie fahren mit dem Rad zur Bushaltestelle. Ich hab´s heute gut, fahre erst später und habe so mehr Zeit für meine Morgenschicht. Betten machen, Schmutzwäsche einsammeln, Badezimmer saubermachen, die erste Wäsche läuft schon seit kurz nach 6, Spülmaschine ist auch schon voll, bleibt noch Zeit für mehr? Die Freundin, mit der ich zur Uni fahre, ruft an: ein Problem mit dem Auto, wir können erst später los, prima! ich reiße die Gardinen vom Schlafzimmerfenster und schmeiße sie in die Waschmaschine (die erste Ladung ist schon im Trockner). Treppe fegen paßt auch noch rein. Ja sogar noch ein paar Minuten ruhiges Sitzen auf der Gartenbank.
9:00 fahren wir los, beide mit vollem Programm. Wir verabreden uns, 11:00 ist Schluß, sie wird mich als Ausrede angeben und ich sie, wenn es Probleme geben sollte. Ich rase durch mein Programm, ergattere alles, was ich ergattern muß, um zuhause weiterzuarbeiten. Um
10:59 sind wir wieder auf dem Heimweg. Ich nehme mir vor, mir vor der Erledigung der Arbeit einen kleinen Luxus zu leisten und das Schlafzimmerfenster gründlich zu putzen, nicht immer nur so husch-husch, sondern richtig mit Bürste-in-Rille-Schrubben. Ich freu mich drauf. Danach die Büroarbeit.
11:40. Zuhause angekommen, überfliege ich meine Emails. Ach du liebe Güte. Große Not, ich muß bis 12:00 einen Text vorbereiten, um 12:00 ist wichtige Besprechung. Ade, Schlafzimmerfenster. Ich schreibe wie eine Irre.
12:03 geht der Text raus. Telefon, danke, beste aller Lilas. Oh bitte, gern geschehen. Was nun, Fensterputzen oder Büroarbeit? Brot vor Kunst, also Büro. Ich ackere und rase durch die Notizen und Pläne.
15:00. Arbeit beendet, alles abgeschickt, hurra. Endlich in die Gummihandschuhe. (Zwischendurch noch eine Maschine Wäsche gewaschen, gefaltet, weggeräumt, und drei Anrufe beantwortet). Die Großen kommen nach Hause, Tertia nur kurz: sie fährt zu ihrer besten Freundin im Nachbarkibbuz und bringt nur ihre Tasche nach Hause.
16:00. Während ich das Schlafzimmer saubermache, unterhalten sich Primus und Y. (der heute wegen des morgigen Feiertags schon früher nach Hause kam), fachsimpeln über Musik, während Y. sich aus den Arbeitsklamotten pellt. Primus wünscht sich eine CD, Y. kennt sie schon, sie schreiben Namen und Lieder auf. Dann lachen sie ein bißchen über mich, “so putzen sie in Deutschland: man nehme acht saubere Küchenhandtücher…”, und ich freue mich, daß Y. und sein Ältester Spaß haben. Zwei Tücher sind übrigens sauber geblieben.
17:15 Zeit zum Abendessenmachen. Was steht auf der Wunschliste? Frikadellen mit Pinienkernen. Dazu gibt es Salat, Brot, und für Tertia und mich, die kein Fleisch essen, überbackenes Gemüse. Zwischendurch noch eine Ladung Wäsche, aus allen Schultaschen die leeren Wasserflaschen eingesammelt, gespült, neu gefüllt. Quartas beste Freundin kommt zu Besuch. Hausaufgaben? Briefe von der Schule? Post durchgeguckt, Arzttermine, Einladungen, und wieder das elende Telefon. Während alles schmurgelt, blubbert, zieht: Tisch decken, Küche post-Kochen saubermachen. Y. ist einkaufen gegangen (im Kibbuz-Laden, das geht mit dem Jerry), Quarta füllt Klopapier nach und leert Mülleimer, Primus schreibt am Computer seine Hausarbeit über den Propheten Jeremias, Secundus geht Fußball spielen, “aber nur kurz, wir essen gleich!”. Y. bringt mir einen Strauß Rosen mit.
18:30 Endlich Frieden: Abendessen. Wir bleiben lange sitzen. Primus erzählt von seinen Freunden. Secundus möchte einen Schluck Arrak probieren, den haben wir für Gäste aus Nazareth gekauft, aber es ist viel übriggeblieben. Es ist guter libanesischer Arrak, aber ich mag ihn nicht. Secundus auch nicht, verzieht das Gesicht, als er an Y.s Glas nippt. Er lädt Quarta zum Schach ein, mit den Herr-der-Ringe-Schachfiguren. Nach dem zweiten Matt hat Quarta keine Lust mehr. Ich stelle für Tertia Essen zur Seite, sie ist noch bei Danielle. Quartas Freundin geht nach Hause. Y. sieht auf einmal ganz grau aus, er hatte eine mörderische Woche. Ich schicke ihn ins Bett, Secundus zum Mülleimer und Quarta in die Badewanne. Küche post-Mahlzeit aufräumen, zwischendurch die letzte Wäsche falten und wegräumen, fegen, wischen, Kühlschrank durchsehen: was ist oll, was fehlt? Aufschreiben!
19:45 Tertia kommt wieder, macht sich über ihr Essen her. Quarta spielt in der Wanne mit ihren Plastiktieren, Secundus hat sich eine DVD mit einem alten Musikfilm angemacht (HaLehaka, Die Truppe), Primus hämmert auf die Tastatur: ICQ. Y. schläft tief und fest. Primus bestellt mir Grüße von meiner kleinen Schwester, mit der er per ICQ kommuniziert.
20:15 Das Haus wird still. Alles ist sauber und aufgeräumt, auch Bäder und Wohnzimmer. Quarta ist im Bett und hört die Geschichte von der kleinen Hexe (nein, ich habe nicht jeden Abend Power zum Vorlesen wie früher bei den Großen, wenn ich zu kaputt bin, gibt es eine Cassette). Tertia erzählt mir von ihrer Freundin, deren Eltern geschieden sind, und wie überlastet die Mutter ist, und daß sie geholfen hat, auf die kleinen Brüder aufzupassen. Tertia hat Origami mit ihnen gefaltet und sie lange gut beschäftigt. Sie sagt, Danielles Mutter sieht so müde aus, und der Vater ist so weit weg.
21:00 Ich bin schon mit einem Bein im Bett, da ruft eine Freundin an. Wir geraten ins Quasseln. Während wir uns unterhalten, werde ich wieder hellwach. Tertia geht ins Bett und liest Anne of the Green Gables auf Hebräisch, Secundus geht ebenfalls schlafen und liest Artemis Fowl, ebenfalls auf Hebräisch. Gut, daß morgen Ferien sind, da verzichte ich auf Schultaschen-Überprüfen und Sachen-für-Quarta-Rauslegen. Oh, aber ich habe morgens einen Arzttermin hier im Kibbuz. Alle Unterlagen zusammensuchen.
22:00 Ich gehe ins Bett, nehme mir Margaret Kings Buch über Frauen der Renaissance mit, als Bettlektüre. Ich habe es den ganzen Tag mit mir rumgeschleppt und keine Zeit zum Lesen gehabt, wie gräßlich. Lucius dreht durch, beißt mir in den Fuß, rast wie ein Besessener durchs Haus, bis ich ihn rausschmeiße. Da schnurrt er, aber ich schmeiße ihn trotzdem raus. Ich bin wieder wach, kündige Primus an, daß in einer halben Stunde Schluß ist (der Computer der Kinder steht in einer Nische vor unserem Schlafzimmer - wir haben bewußt die Kinderzimmer computer- und fernsehfrei gehalten).
22:50 Primus hat aufgegeben und ist ins Bett gegangen, mit einem Band Science Fiction. Puh. Ich gucke mir die Notizen an, die ich den ganzen Tag gemacht habe, um diesen Eintrag schreiben zu können. Hätte ich noch mehr in den Tag quetschen können? Oft komme ich erst gegen 15:00 nach Hause, dann bin ich weniger flexibel als an Tagen, an denen ich Arbeit mit nach Hause nehme. Während des Semesters habe ich viel mehr Arbeit und das Telefon klingelt dauernd. Wenn ich blogge, quetsche ich das irgendwie noch rein, statt Lesen oder statt einer Runde Putzen oder statt Telefonquassel. Manchmal bin ich krank, dann muß Y. zu seinem eigenen auch noch mein Pensum übernehmen, zumindest einen Teil. Wie machen Städter das, die zum Einkaufen weiter weg müssen als wir, die wir hier im Kibbuz alles haben, was man für jeden Tag braucht? Wie machen alleinerziehende Eltern wie Danielles Mutter das, die niemand entlastet? Ich weiß es nicht. Aber das ist das Leben, so wollte ich es haben, und nun habe ich es, genieße es und bin dankbar dafür.
Das war der vorletzte Tag des alten Jahres, der vorletzte Tag des Elul. Heute ist der letzte Tag. Ich habe in letzer Minute einen Rosh-HaShana-Gruß rausgeschickt, und nun gehen wir zur jährlichen Rosh-HaShana-Zeremonie am Ende des Kibbuz. Ich liebe diese Zeremonie, wenn die Sonne untergeht und man innehält. Das letzte Jahr hat uns als Land Krieg, Leid und den Verlust liebgewordener Illusionen gebracht. Doch als Familie hat das letzte Jahr uns nur Gutes gebracht.


Wie die Städter das machen? Wir sind doch geradezu verwöhnt mit (Super-)märkten um uns herum, ist zu Fuß gut zu erledigen. Wenn ich den Einkaufszettel nicht schon wieder auf dem Küchentisch habe liegen lassen, erledige ich die Einkäufe auf dem Weg nach Hause.
Ich frage mich immer, wie die armen Vorstädter das regeln (v.a. mit zwar geschriebenen, aber vergessenen Einkaufszetteln…)
Allerdings frage ich mich jedes mal, wie man sich auf Tätigkeiten wie Bügeln oder Fensterputzen freuen kann. Nicht, dass das nicht getan werden müsste, nur freuen… ich glaube, das käme mir wirklich als Letztes in den Sinn. Dann koche ich doch lieber.
oh mein Gott…..bis 8 Uhr morgens schaffe ich grad mal regelmäßig zu atmen……
Mamma mia, so was von vollgepackt; du musst viel Power haben.
Nee, ich habe gar nicht viel Power, und nicht jeder Tag sieht so aus. Sobald ich nicht mit Gewalt frueh ins Bett gehe, bin ich am naechsten Tag nicht zu gebrauchen und schleppe mich nur rum.Aber mein Mann ist ein Morgenmensch, das bringt mich dann notgedrungen dann auch auf Touren…