jump to navigation

Update vom Putzlieschen Juli 25, 2006, 16:35

Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute.
5 comments

Ein junges Mädchen ist in Kfar Mrar von einer Rakete getroffen worden - tot. Kfar Mrar ist in Israel bekannt, weil es der Heimatort von Azzam Azzam ist, dem patriotischen Drusen, der in Ägypten als Spion verhaftet wurde und dort jahrelang  im Gefängnis saß, bis die Regierung ihn freibekommen konnte (er war vermutlich unschuldig). Die Bilder von Azzam, der in die israelische Flagge gewickelt in seinem Dorf wieder ankam, machten ihn zu einer Figur der israelischen Alltagskultur. Außerdem gibt es manchmal starke Spannungen zwischen Christen und Drusen in diesem Dorf, das sind weniger frohe Nachrichten. Und heute ein 14 oder 15 Jahre altes Mädchen, wie schrecklich. (Ich habe vor zwei Wochen einen Vortrag in Karmiel gehalten und kam auf dem Rückweg an Kfar Mrar vorbei, bewunderte die schöne, gebirgige Landschaft).

Der Kibbuz ist voll mit Flüchtlingen aus dem Norden, ganze Familien, halbe Familien, Kinder und Jugendliche allein. Primus hat ein nettes Mädchen aus Kiriat Motzkin kennengelernt, so hat alles sein Gutes.

Ich weiß nicht, was aus dem Besuch von Rice werden soll, was als nächstes kommt. Die höflichen Worte, das Lächeln, das sind keine Anhaltspunkte für das, was hinter den Kulissen abläuft.

In Haifa fallen Raketen, in Kiriat Shmona, Nahariya, überall, den ganzen Tag. Mein Kopf kann im Moment nicht denken. Die Raketen werden aus Gebieten abgeschossen, in die unsere Armee noch nicht eingedrungen ist. Diese Gebiete sind so weit nördlich, da möchte niemand von uns enen Soldaten hinschicken, einen Fuß hinsetzen. Das Dilemma ist so unlösbar, daß meine einzige Zuflucht die Arbeit und Hausarbeit sind.

Inzwischen habe ich alle Räume, Schränke und Schubladen so gründlich umgepflügt, ausgerümpelt und saubergemacht, das eigentlich nichts mehr zu tun ist, obwohl die meisten von ihnen auch vorher ganz gut in Schuß waren. Aber nichts hilft so gut gegen die nächtliche Unruhe, wie häuslicher Fleiß. Immerhin arbeitet Y. normal, Tertia ist mit einer Freundin im Schwimmbad, Secundus spielt mit Quarta Superhirn, und wir bemühen uns mit Erfolg, eine Art Alltag aufrechtzuerhalten. Quarta war heute auch wieder im Kinderhaus, sie hat Spaß gehabt und war abgelenkt. Viele neue Kinder auch dort, der Kibbuz hat seine Pforten weit geöffnet. Ein Fünftel der Bevölkerung Israels ist geflohen, über eine Million Menschen.

In den zwei Wochen des Kriegs ist hier in unserer unmittelbaren Gegend noch nichts gefallen. Ich wiege mich in der Hoffnung, daß unsere Gegend verschont bleiben wird. Aber mich drauf verlassen? Nein, das kann ich nicht, in solche Seelenruhe hab ich mich noch nicht reingeputzt.

Lachen, Augenrollen, umschalten Juli 24, 2006, 23:25

Posted by Lila in Land und Leute.
13 comments

Sehr, sehr spaßig sind die Loopings, die hier im Fernsehen geschlagen werden. Ich habe ja unerreicht viele Stunden TV hinter mir, ich lasse das Ding oft beim Arbeiten auf stumm an, um die laufenden Schlagzeilen zu lesen, leider rennen die etwas zu schnell für mich… so daß ich warten muß, bis sie zum dritten Mal auftauchen, bis ich sie kapiere.

In Nachrichtensendungen und Magazinen ist das einzige Problem, die Fülle von Neuigkeiten irgendwie zu strukturieren und darzustellen. An Themen herrscht bekanntlich kein Mangel. Die Front, die Homefront, die wirtschaftliche Lage, die internationale Lage, die psychologischen Auswirkungen, Einschätzungen aller Art - die Experten geben sich die Klinken in die Hand, und zwischen vielen Gemeinplätzen findet sich auch immer mal eine Perle.

Ich habe mich vor Lachen gekullert, als eine Pädagogin in einem Ton, als hätte sie Amerika entdeckt, erklärte, wie man Kinder im Bunker beschäftigt. “Man läßt sie am besten machen, was sie auch sonst gern machen” Donnerwetter! ja und noch besser: “Zum Beispiel kann man sie malen lassen, fernsehen, Geschichten hören oder Musik” Oh ja, gut, daß sie eine Expertin eingeladen haben, auf DIESE Ideen wäre ja wohl keine Mama, kein Papa von allein gekommen. Buntstifte! was Sie nicht sagen.

Da ich von Militär weniger, wesentlich! weniger verstehe als von Buntstiften, fällt es mir schwerer, über all die Reservegenerale zu lachen, die durch mein Wohnzimmer fluten. Der eine ist pessimistisch, der andere optimistisch, und das ist dem Anchorman ganz egal, denn so geht die Sendezeit vorbei, während ich Mozart höre und auf die Schlagzeilen gucke. (Was? Raketen auf Tiberias? Sind das neue Raketen oder noch die von vor einer Stunde?) Zivilisten kommen auch, zunehmend mehr, aber die Männer haben eine wunderbare Zeit miteinander, sie fachsimpeln und hören sich gern reden. Na, ich sehe ja nur die Mundbewegungen und Augenbrauen. Besonders liebe ich die Fuchtler, die hier ja recht häufig sind. Ich sage ja immer schon, bevor man Nehemia Straßler reden läßt, sollte man ihm die Hände festbinden.

Aber ein echtes Problem sind die sogenannten Unterhaltungssendungen. Ein paar professionelle Lachsäcke sollen uns aufheitern, kleben sich Bärte an, lachen über die Ängste (”wenn die Nachbarin sich einen Pickel ausquetscht, rennt schon alles in den Bunker” “in Tel Aviv könnte Nasrallah endlich ein großes Problem lösen: die Parkplatzknappheit”), haha. Im Golfkrieg haben wir hysterisch gelacht, 1991 war die Satire im Fernsehen einfach wunderbar.

Auch die anderen Saddam-Krisen haben wir lachend vor dem Fernseher gesessen. Da wurde ja auch viel weniger gestorben, und wir hatten mit den Kämpfen nichts zu tun. Im Nachrichtenstudio wurde zum Irakkrieg ein lächerlicher in Form einer Karte des Irak aufgebaut, und in die Eröffnungssequenz wurden fiese Hubschrauber montiert, die uns ein Gefühl der wohligen Krise geben sollten. Das fiel in die Kategorie unfreiwillige Komik, hat mich aber recht sehr erheitert. Lauter Sandkastennapoleons im Studio, na sollen sie, da können sie keinen Ärger anrichten.
Während der Selbstmordattentate, dieser langen, schmerzhaften Zeit, lachten wir abends über Erez Tal und die wunderbar schrille Orna Bannai, weil unsere Augen von Tränen ausgedörrt waren. Ich glaube, ich habe in diesen Tagen jeden Abend bei den Nachrichten um unsere Opfer geweint. Wenn nach diesen Nachrichten hysterisch gelacht wurde, einmal pro Woche, habe ich gern mitgelacht. Danach habe ich wieder geweint. Aber irgendwie ging es, es war so absurd, so unterirdisch.

Aber diesmal bleibt einem jedes Lachen im Halse stecken. Das Leid ist auf beiden Seiten zu groß, zu unabsehbar, und wir können uns nirgends mehr sicher fühlen. Das sichere Zuhause, in dem man zu anderen Zeiten wenigstens abends auf dem Sofa lachen konnte, sieht merkwürdig brüchig aus. Die Atmosphäre in den Scherz-Studios, die ich aus Versehen auf der Suche nach der Neusten Neuigkeit angeklickt habe, war peinlich, zäh und unwitzig im qualvollsten Grade. Ob in einem Tel Aviver Studio oder auf einer Wiese an der Grenze zum Libanon, die Witze ziehen nicht. (Zwischendurch dann immer umschalten zu Menachem Horovit, der meldet “ein weiterer Katyushaschauer auf Kiriat Schmona, bisher nichts über Verletzte bekannt, ich informiere euch weiter, sobald ich was weiß… und jetzt zurück ins Studio zu Lachdichdumm…”

Nee, Leute, das geht nicht. Vielleicht hat da jemand drüber gelacht, mir taten die Standupistim einfach nur leid und ich bin schnell wieder auf “Oded Ben Amis Schlagzeilen, stumm, mit Mozart hinterlegt” umgestiegen.

Wirklich komisch aber sind die Werbeeinblendungen. Ich stelle ja Werbung immer auf stumm, ich kann das Gedudel nicht ausstehen, das sich uns tückisch ins Ohr bohren will und dort Eier legt wie eine besonders fiese Schlupfwespe. Aber ich habe mich zu Blogzwecken dazu herabgelassen, von dieser Praktik einmal abzugeben (natürlich ohne die Kinder). Und was höre ich da?

“Auch in diesen schweren Zeiten lohnt es sich, der Bank Blabla Ihr Ersparnisse anzuvertrauen” “Wir halten alle zusammen. Die Zeiten sind schwer. Da braucht man einen zuverlässigen Kloreiniger” Und so weiter. Ernsthafte Musik, klopfend animierte Herzen. Das Lachen, das mir die Komiker nicht abringen können - der sonore Kloreinigerverkäufer zu Zeiten des Kriegs hat es mir entlockt.

Ärger Juli 24, 2006, 22:25

Posted by Lila in Uncategorized.
10 comments

Viele Leute in Israel ärgern sich, weil der Staat noch nicht offiziell den Kriegszustand ausgerufen hat. Dabei sind wir im Krieg. Aber solange noch offiziell Frieden ist, muß der Staat keine Entschädigungen zahlen für Leute, die ihre Arbeitsplätze verloren haben, weil sie aus Furcht vor Raketen zuhause geblieben sind. Chabib Issa Awad, der gestern gestorben ist, war auf dem Weg zur Arbeit, ein anderer Toter starb am Arbeitsplatz. Es ist also kein Wunder, daß die Leute zuhause bleiben. Aber sie tun es auf eigene Verantwortung. Wenn sie Glück haben, hat der Arbeitgeber Verständnis. Oder eben nicht.

Viele Häuser, Wohnungen und Autos sind kaputt, zerlöchert von Splittern. (Von den Menschenleben möchte ich gar nicht erst reden, und Hunderte von Verletzten). Keiner weiß, ob und wie entschädigt wird, zumindest beklagen sich viele Bürger, daß alles viel zu lange dauert. Das ist ja auch verständlich, wir waren ja gar nicht auf einen Krieg eingerichtet, und die Versicherungen kommen ja gar nicht mit der Arbeit hinterher.

Der Norden, der auf Tourismus aufgebaut hat, ist menschenleer. Firmen verlieren Millionen. Eigentlich müßte sich in so einer Situation der Finanzminister starkmachen und versuchen, Lösungen zu finden. Aber er ist unsichtbar, keiner weiß, wie es weitergehen soll. Ein Drittel des Landes liegt still, besonders für kleine und mittlere Betriebe fast unmöglich, diese Lage weiter durchzuhalten. Wir haben Glück, daß Y. in der Fabrik unseres Kibbuz arbeitet, nah an zuhause, nur einen Sprung mit dem Mofa entfernt. Und ich kann mir leisten, während der Semesterferien hier zu bleiben, manches geht per Telefon, anderes wird schlicht verschoben. Der Kibbuz fängt manches auf. Hier gibt es Lebensmittel, unsere Kibbuzbank, die sogenannte “Hauskasse”, funktioniert.

Aber was machen Leute in der Stadt? Die Eltern meiner liebsten Freundin sitzen seit Tagen in einem überfüllten Bunker in einem nicht wohlhabenden Viertel in Haifa. Der Bunker macht auch keinen sehr stabilen Eindruck. Es hat schon Einschläge ganz in ihrer Gegend gegeben. Meine Freundin wohnt in der Nähe von Tel Aviv, kann gerade nicht weg, macht sich große Sorgen. Die Eltern haben Probleme, einkaufen zu gehen, aber sie wollen auch nicht weg aus Haifa. Besonders der Vater hat erklärt, er geht nirgendwo anders hin. Aber sie sind Rentner, was machen Leute, die noch arbeiten?

Wer aus dem Norden flüchtet, kommt bei Freunden unter, bei Freiwilligen oder in Hotels. Die haben natürlich die Preise erhöht, sie wollen vermutlich die Zeit nutzen, bis sie selbst unter Beschuß kommen - außerdem haben viele ausländische Gäste abgesagt. Haben die Evakuierten das Recht, diese Ausgaben mal wiederzubekommen?

Es gibt viele wohltätige Einrichtungen, die Essen an Bunkerbewohner verteilen, ihnen helfen, Geld abzuheben oder mit Behörden zu verhandeln. Ja es gibt sogar Freiwillige, die sich um zurückgelassene Haustiere kümmern. Aber zumindest durch die Medien (die sich natürllich auch auf solche Geschichten stürzen) geht der Eindruck, daß für die Menschen nicht gesorgt ist.

Irgendwann wird sich dieser Ärger entladen, weil er keine klare Adresse hat. Es rächt sich nun, daß Olmert Schlüsselfunktionen mit blassen Unbekannten wie Hirschson besetzt hat, die zwar seine zuverlässigen Freunde sind und vielleicht auch sehr tüchtig, die aber keinerlei Kontakt zu den Leuten herstellen können, die jetzt Hilfe brauchen. Selbst wenn es nur eine richtig gute Show wäre - es würde die Moral heben.

Oh, schon wieder eine Rakete in Galiläa.  Waldbrände. Ich bin unkonzentriert und übermüdet, lasse die Kinder nur abends raus (nachts wird bis jetzt wenig geschossen), bin mit den Nerven ziemlich fertig. Die Kinder löchern sich und mich den ganzen Tag über, puh. Zwar gehen mir die Ideen noch nicht aus, was man alles zuhause machen kann, mir gehen die Nerven aus, sie den ganzen Tag auf recht engem Raum so zu sortieren, daß sie sich nicht total nerven. Sie sind ja normalerweise mit Schule, Tennis, Fußball, Zoo, Töpferkurs, Kinderhauskursen und Reitstunden recht ausgefüllt. Das fällt nun alles weg. Freunde aus anderen Kibbuzim und Yokneam kommen nicht mehr, jeder sitzt am liebsten zuhause (außerdem haben die Leute in Yokneam Schutzräume im Haus, die wollen ihre Kinder hier bestimmt nicht hinschicken…). Tertia wollte ihre beste Freundin besuchen, die in den Norden gezogen ist, ha ha.

Abends gehen die Kinder also raus, mit den Nachbarn und Nachbarsenkel durchs Teleskop Sterne beobachten, Fußball spielen oder einfach nur mit Freunden draußen sitzen. Ich hoffe, die nächtliche relative Ruhe hält weiter an.

Es sind Luxusprobleme, aber trotzdem nagen sie an mir.  Und an den Kindern wohl auch.

Klavierspieler III Juli 24, 2006, 16:52

Posted by Lila in Uncategorized.
1 comment so far

Ich habe gestern abend und heute früh von ihm erzählt, dem netten Südamerikaner mit dem Klavier, in Nesher. Nun kommt Y. nach Hause und erzählt mir, daß er der Bruder einer Nachbarin hier im Kibbuz ist. Die Welt ist klein, sagt man dazu… und das Klavier ist okay.

Was mich erschreckt, Juli 24, 2006, 14:58

Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis, Land und Leute.
11 comments

sind ja nicht die verschiedenen Meinungen, oder daß sie sich auf fragwürdige Informationen stützen. (Beispielsweise: wann wären wir je NICHT angegriffen worden, als wir schwach waren? 1948?? und haben wir nicht 1991 still dagesessen und uns beschießen lassen, ohne zu reagieren, trotz unserer angeborenen Brutalität? erinnert sich noch jemand daran?) Das passiert, das Feld ist auch so komplex, daß einem dauernd eine wichtige Information durch die Lappen geht.
Ich habe gestern das Bild eines Mannes am Klavier gezeigt. Heute früh wurde er im Fernsehen interviewt, mit seiner Frau. Er ist aus Südamerikan eingewandert und hat den charmanten Akzent, der damit einhergeht. (Oh Mann, wieso hab ich so einen doofen Akzent???) Beide klangen nett und freundlich, lächelten etwas. Die Fernsehtante fragte, “vorgestern wart ihr auf der Friedensdemo in Tel Aviv, gestern hat euch eine Rakete das Haus zerstört - würdet ihr wieder auf so eine Demo gehen?” “Aber klar”, meinten beide wie aus einem Munde, “wir sind ja gegen jede Art von Gewalt, wir finden, unser Staat hätte anders reagieren sollen, wir ändern doch unsere Haltung nicht, nur weil wir persönlich betroffen sind!” Sie meinten, ja, es ist schade, daß nun ihre Wohnung kaputt ist, sie sind froh, daß dem Hund Javier und ihnen nichts passiert sind, und sie werden alles wieder aufbauen. Aber den Feind hassen? Nein.

Danach habe ich meinen alten Menschen unterrichtet, die einzige Arbeit außer Haus, die ich im Moment tun kann. Die meisten von ihnen Yekkes, jeder von ihnen durch den Zweiten Weltkrieg gezeichnet, und durch all die Kriege, die sie hinterher mitgemacht haben. Zumeist Frauen, in pastellfarbenen Strickjacken, wegen der Klimaanlage!, und mit weißem Haar. Während der Kaffeepause seufzen sie wieder, “was für eine schreckliche Situation, wieso hat die Hisbollah nur die armen Libanesen mit reingezogen, ja hätte das denn nicht anders gelöst werden können, hätte diese Bewaffnung doch mal international mehr Sorge ausgelöst…”. Keine Schlachtenbummler, nein.

Das sind typische Israelis, der Mann mit dem Klavier und meine alten Damen. Das ist der Ton, den ich um mich herum höre. Will ich andere Töne hören, muß ich nur ins Internet. Die Häme, die einem da manchmal entgegegenschlägt (wenn auch nur sehr sehr selten hier bei mir), dieses haßerfüllte “…und ich gönne es euch!”, das erschreckt mich. Und das ist nicht etwa, weil es von primitiv denkenden Menschen kommt, die nicht differenzieren können, die keine Empathiefähigkeit haben oder einen sehr engen Horizont. Bestimmt kann man überall auf der Welt solche Leute finden und von ihnen Haß-Statements hören, nichts dürfte leichter sein.

Doch von gebildeten, sozial engagierten, empathiefähigen Menschen diesen bebenden Haß zu hören, das erschreckt mich. Von Menschen, die liebevoll jedes geknickte Blättchen in ihrem Garten aufbinden, jeder Erdkröte energisch zu ihrem Biotop verhelfen - von Menschen, die für Hungernde spenden, sich gegen Unrecht engagieren, Menschen, die jeder Pfarrer gern in seiner Gemeinde sieht, weil sie kein Unrecht ertragen und bereit sind, sich einzusetzen - von denen kommt dann so eine übelriechende Häme.

Und sie kommt nur gegen Israel. Ich irre mich vielleicht, aber ich habe große Zweifel, ob irgendeine andere Gruppe auf der Welt solche Haßgefühle auslöst wie gerade Israel. Ich sehe nicht, daß zu anderen Themen oder Konflikten oder ungelösten Problemen so emotionale, aufgerührte, geradezu entfesselte Haßorgien kommen. Das schafft irgendwie nur der Nahostkonflikt, und wenn Yair Lapid es nicht kapiert, wie sollte ich das kapieren?

Diese Häme ruft unseren Toten ins Grab nach: “ich gönne es euch, ihr seid es selbst schuld, recht geschieht es euch”. Und das macht mich sprachlos. Ich weiß nicht, ob ich auf so etwas überhaupt antworten soll, oder nicht einfach mein Blog schließen soll, weil ich zu empfindlich für solche einfach nur bösen Worte bin, besonders, wenn ich in akuter Sorge und Angst bin. Ich hatte für einen Moment so eine Vision, daß uns etwas geschieht, und ich höre sie nicht nur im Libanon und im Gazastreifen lachen und Baklava kauen, sondern auch in meinem Heimatland. Triumph, Triumph!

Ich hoffe und bete nach wie vor, daß nichts in der Welt mich zu so zitterndem, bösem, hämischem Haß bewegen wird, nie. Gegen niemand. Ich hoffe und bete, daß ich weiter Mitleid empfinden kann mit anderen Opfern, die in diesen Konflikt verstrickt sind. Ich weiß nicht, was es ist, das gute, zivilsierte Menschen dazu bewegt, uns so stark und heftig und übelwollend zu hassen. Das sind Abgründe, die mich tiefer erschrecken als eine Rakete, die ein aufgehetzter Hisbollahmann auf mich richtet.

Wer hat eine Antwort? Juli 24, 2006, 0:46

Posted by Lila in Land und Leute.
68 comments

Yair Lapid fragt “warum hassen sie uns so sehr”? Bevor jemand eine vorschnelle Antwort gibt, sollte er Lapids Artikel lesen. Und dann versuchen, eine vernünftige Antwort zu geben.

Und DAS ist die Wurzel des Problems, dieser mörderische Haß gegen Israel, der vor nichts haltmacht. Nicht die entführten Soldaten oder Israels Bombardierung von Dahia oder eine UN-Resolution mehr oder weniger oder die Besatzung oder was weiß ich. Das Problem ist der glühende, kompromißlose, besessene Haß, der die arabische Welt aufzufressen scheint, der die Welt in Brand setzt und der von vielen Beobachtern gar nicht gesehen wird (oder auch von Lesern dieses Blogs, als “gegenseitiger Haß” verharmlost wird, eine alltägliche Sprachfigur). Aber die Asymmetrie des Hasses macht einen sprachlos.

Wäre die iranische Mannschaft bei der WM weitergekommen, dann wäre Ahmedinijad vielleicht sogar als Staatsgast empfangen worden, derselbe Mann, der tagtäglich verkündigt, daß er uns ausrotten will, wie eine hysterische Hausfrau auf Bazillenjagd. Es gibt zwar jedesmal den pflichtgemäßen Chor der Empörung, wenn er sich rhetorisch auf einen besonders kecken Ast vorwagt, aber so richtig am Ohr gepackt hat ihn noch keiner. Und auch die anderen Haßprediger nicht, die ihren Nachwuchs in giftem Haß gegen Israel erziehen, statt ihre eigene Zukunft anzupacken.

Und Yair Lapid beschäftigt sich nur mit der islamischen Welt. Ich kriege ja den Schock meines Lebens, wenn ich meine Nase aus dem Biotop meines Blogs rausstecke und lese, was in Foren, Blogs und Talkbacks an Gift gegen uns ausgegossen wird. Ich kann es nicht fassen, welche Energien des Hasses und der vollkommen aus der Luft gegriffenen Verleumdung selbst in scheinbar respektablen Presseorganen pulsieren, die sich dann in kleinen, häßlichen Seitenhieben Luft macht. Wieso hassen sie alle Israel so sehr? Wieso wird dieser Haß gleichzeitig ausgelebt UND geleugnet??? Ich kapiere es nicht. Yair Lapid, eitler Fernsehfatzke hin oder her, empfindet ebenfalls dieses fassungslose Grauen. Woher nährt sich dieser Haß?

Lest es und versucht, eine Antwort zu finden. Es ist nicht leicht. Ich finde keine.

Drei Links Juli 23, 2006, 23:10

Posted by Lila in Land und Leute.
7 comments

Ja, so bin ich, ich verlinke heute nur Artikel, über die ich mich nicht ärgern muß. In absteigender Folge der Lesedringlichkeitsempfehlung!

 

1. Gisela Dachs beschreibt in der ZEIT unseren Alltag, na ja, den Alltag der Angst in Tel Aviv. Ich finde sie immer lesenswert, sie ist nah dran, aber doch nicht so nah, daß ihr nicht manches auffiele, was anderen vielleicht entgeht. Sie kennt die Leute hier, sie weiß, welche Fragen sie stellen muß, und ich glaube zu spüren, daß sie auf Hebräisch interviewt, denn die Menschen erzählen ihr Dinge, die sie fremden, hektisch durchreisenden Journalisten nicht erzählen würden. Wer macht sich denn schon Gedanken um Holocaust-Überlebende, die so viele Kriege mitgemacht haben, was ihnen Nasrallahs Rhetorik für einen Schrecken in die Knochen jagt, und die Sirenen, und der Tod, und auch die manchmal aufscheinende Gleichgültigkeit der Welt für ihr Schicksal? Dachs hat daran gedacht, hat mit ihnen gesprochen. Das zeigt, meine ich, daß sie wirklich Format hat, auch als Mensch.

 

2. Niemand wird vor Überraschung aus dem Sessel kippen, wenn ich zugebe, daß ich schon bei der Überschrift von Matthias Küntzels Stück im SPon ein kleines, erleichtertes Seufzen nicht unterdrücken konnte. Warum Israel richtig reagiert. Ach, es ist gut, wenn die eigene immer wieder schwankende Überzeugung (wie kann richtig sein, was so viele Menschenleben zerstört???) durch rationale Argumente wieder aufgepäppelt wird, und wenn ein Beobachter der Versuchung widersteht, “ausgewogen” die Schuld zwischen Hisbollah und uns zu verteilen. Die Kritik wächst auch hier, und sie hat durchaus eloquente und ernstzunehmende Stimmen. Mal sehen, wem die Stimme der Geschichte eines Tages Recht geben wird, Küntzel oder Sarid. Ich würde eher auf K. wetten, aber ich schließe nicht aus, daß ich mich auch hier geirrt habe.

 

3. Und Dershowitz mag vielleicht ein allzu vorhersagbarer Unterstützer Israels sein, a predictable supporter, trotzdem mag sein Artikel in der JPost lesenswert sein: The predictable condemners. Dershowitz, mit erkennbarer US-amerikanischer Agenda, unterscheidet allgemein Strategie, Ziele und Vorgehensweise von Terrorismus vs. Demokratie.

 

 

The world must come to recognize the cynical way in which terrorists exploit civilian casualties. They launch anti-personnel rockets designed to maximize enemy civilian casualties, then they cry “human rights” when their own civilians - behind whom they are deliberately hiding - are killed by the democracies in the process of trying to prevent further acts of terrorism.

 

Terrorismus ist also Hamas-Hisbollah-bis Teheran, Demokratie sind wir. Dershowitz hat wenig Spezifisches zu unserem Konflikt zu sagen, den er als Paradigma und Vorläufer des High Noon zu sehen scheint. Vielleicht läßt sich sein Vergleich allzu großzügig auch auf andere Variationen des Konflikts zwischen Terror und Demokratie anwenden. Allgemeine Betrachtungen haben ja ihr Gutes, aber hm, er ist wohl doch eine Nummer zu großzügig beim Zumessen seiner Kampfanzüge in Einheitsgrößen, wenn diese kriegerische Metapher gestattet ist. Ich persönlich finde, aus einem Buch über die Caravaggisti kann man zwar durchaus über de la Tour lernen, aber eben nur über seine caravaggistischen Züge. Für alles, was darüber hinausgeht, muß man sich dann spezifisch auf de la Tour konzentrieren, da hilft nichts. Das ist beim Nahen Osten nicht anders, wenn man nur das Muster Terrorismus-Demokratie ausagiert sieht, schließt sich fast schon ein Zirkel.

 

delatour.jpg
Georges de la Tour, Maria Magdalena, ca. 1630…mehr als nur Caravaggist

Jedoch, als Argumentlieferant, wenn mal wieder mit den hohen zivilen Opferzahlen bewiesen werden soll, wie fies und skrupellos Israel ist… ist Dershowitz brauchbar. (Wenn ich Euch nicht genüge, heißt das, hrrr-hm).

 

Und hier noch ein Bild, das mich gerührt hat.

 

ramilevine.jpg

 

Ein Mann aus Haifa probiert, ob sein Klavier verstimmt ist. Erinnert das nicht an die Szene aus dem Libanon-Film, war es “Shtei etzbaot mi Zidon”, wo der Soldat durch das vom Krieg zerrissene Beirut läuft und aus einem Haus Klaviermusik hört, wie eine Vision einer anderen Welt? Herrje, Vered, wo war die Szene noch mal her???

Ich habe zwar noch Juli 23, 2006, 22:28

Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis.
3 comments

mindestens drei nett deprimierende Beiträge angefangen, aber das kann ich Euch nicht antun, ich schließe den Tag jetzt lächelnd.

Ich bin inzwischen im sogenannten akuten Wurzelspitzen-Stadium angekommen, metaphorisch zumindest. Jeder, der jemals starke Zahnschmerzen hatte, erinnert sich vielleicht noch, was man dann denkt. Nicht viel jedenfalls. Man quält sich so schrecklich mit diesem Schmerz, man möchte ihm davonlaufen, ihn anspringen, rausschmeißen, irgendwas, aber der Schmerz läuft, springt und schmeißt mit. Das Gehirn denkt nicht klar, aber eines ist vollkommen klar: wenn dieser Schmerz vorbei ist, dann ist die Welt gut. Warum wußte ich vorher nicht, wie gut ich es habe? Ich schwöre, wenn dieser Schmerz vorbei ist, dann freue ich mich an allem Guten, das ich habe. Dann genieße ich jeden Tag, ärgere mich nie mehr, verschwende keine kostbare Energie mehr auf Unsinn, ich nehme mir alles vor, schwöre heilige Schwüre. Oh, ich werde ein anderer Mensch, sobald nur dieser verdammte Schmerz nachläßt, wird mir das gar nicht schwerfallen.

Ja, so geht es mir jetzt. Ich habe das Gefühl, wenn dieser quälende Krieg mit seinen Opfern, Ängsten, düsteren Aussichten und schwindelerregenden Abgründen erst mal hinter uns liegt, dann werde ich auf der Stelle ein besserer Mensch. Oh, ich werde so gut, so dankbar sein, die Welt wird mir wie ein friedvoller Garten vorkommen, kein Prahlhans und kein Raucher (!) werden mich je wieder aus dem Gleichgewicht bringen.

Man weiß ja, was aus solchen Vorstellungen wird. Schon einen Tag nach Kriegsende werde ich mich wieder darüber ärgern, daß  Leute mit dem Auto durch den Kibbuz fahren, daß Vegetarier ausgelacht oder vergessen werden und die Putzfrau meiner Nachbarin mir Schmutzpatschen in den Flur macht. Aber haltet das vor mir geheim, bitte, denn ich glaube fest an eine bessere Welt und eine bessere Lila jenseits dieser Explosion von Schmerz.

Meine katholischen Leser und Freunde Juli 23, 2006, 21:39

Posted by Lila in Uncategorized.
6 comments

kennen wohl die erste palästinensische Heilige, Mirjam Baouardy aus Iblin. Ich kannte sie nicht, aber habe bei Scipio über sie gelesen und gleich mehr Informationen über sie gesucht. Fast hätte ich bei Scipio einen Kommentar hinterlassen, daß auch auf Iblin (auch Abalin geschrieben) Raketen fallen können, den Heimatort dieser Heiigen. Das ist nämlich gar nicht weit von uns. Ich habe es dann doch nicht getan.

Aber als ich heute hörte, daß ein Mann aus Iblin von einer Rakete getroffen worden ist, während er Auto fuhr… und im Fernsehen sein Bild sah, da dachte ich sofort an diese Heilige. Der dritte arabische Tote innerhalb Israels, der unser Schicksal teilt, im Guten und Bösen. Eine Familie sitzt jetzt in Iblin und trauert. Er hinterläßt eine Witwe, Kinder. Es tut mir sehr leid und weh, daß die Zahl der Toten steigt und steigt.

One person was killed while driving on a road near Haifa, while the other person killed was hurt by a rocket which directly hit a carpentry shop in the Haifa vicinity. A third rocket landed directly on a building in the town of Nesher but despite extensive damage no one was hurt. The man killed on a road near Haifa was identified as Awad Habib, 48, of Aabalin.

Doch eine Patronin des Nahen Ostens, die im Himmel ein gutes Wort für Frieden und Friedfertigkeit einlegt für ihre Heimatgegend, dürfte sich über ein paar Kerzen und Gebete freuen.

Danke an Scipio, Petra und alle anderen, die meinen Horizont erweitert haben.

Und hier ist noch mehr über Habib Awad und die Menschen in Iblin zu lesen:

A heavy atmosphere of mourning is hanging over the home of Habib Awad, in Aablin, near Kiryat Ata.

 Awad was killed this afternoon by a Katyusha rocket strike. His wife, Hifa, and other women sat under the family home near the community’s entrance. Almost everyone agrees that Hassan Nasrallah must be taken out.

Brother in law Haj said: “When a person is sick, he is given medicine to get better. What they did here is allow the cancer to spread. He (Nasrallah) should have been taken out before this damage occurred.”

 Another resident added: “He destroyed Lebanon and now he is trying to destroy Israel.”

 Habib’s brother, Philip, said that during the attack he was with his father, Isa, at the Kiryot medical center. “When the siren sounded we went down to the stairwell with everyone else, and one of the doctors told us that the rocket landed in Krayot. I didn’t attach much importance to that yet. But when I came home, I turned on the television and began to shake. They said there were two people killed, one in Nesher (which later turned out to be Haifa) and one in Kiryat Ata. I started to panic. My heart prophesied bad things. I called his wife; I heard her and the children crying. She told me he wasn’t answering the phone. I spoke with her wife, he is a police officer, and he told me to call again in 15 minutes. When I called again he told me he was on his way to me. Then I understood that my worst fears came true. That my brother was killed.”

Haj said he called his friend to clarify the identity of the casualty. “They didn’t know I was from Aablin. They told it me it was someone from my community. When they gave me the name I realized it was my brother in law. I asked them only to call me when they come to notify the family. When my sister saw me arrive with the police officers, she immediately understood what happened and burst out in shouts.”

Family members say Habib was a quiet person and loved by all family members. “All the people in the village knew him, loved him, and esteemed him. He everyone.”

Habib’s brother said he loved his work at the carpentry shop, in which he worked for close to 20 years. “A few days ago, when there was tension, I called Habib’s wife and asked him where he was. She told me he was at work, and I told her to call him immediately and tell him to go back home.”

Philip said: “There is no benefit in war. No leader and no agreement in the world will bring my brother back. There are no winners in war, but the simple person is the one who suffers.” Half of the residents of Aablin are Orthodox Christians and the other half are Muslims.

Habib left behind his wife – Hifa, and four children, a 15 year-old daughter, two sons aged 13 and 11, and a 5-year-old daughter. His funeral will be held Monday at 5 p.m. in Aablin.

habib-awad.jpg

Es würde mich nicht wundern, wenn Nasrallah auch ihn, wie schon die zwei kleinen Jungen aus Nazareth, zum Shahid erklärt, ihn in seine mörderische Ideologie einspannt. Damit würde er ihn zum zweiten Mal töten.

Zweierlei Qualm Juli 23, 2006, 20:23

Posted by Lila in Land und Leute.
1 comment so far

en Nachrichten sehen wir eine Etage in einem Hochhaus in Beirut. Es steht in Flammen, dicker schwarzer Qualm quillt aus den Fenstern. Während die Journalisten reden, bleibt das Bild dieser Flammen.Sie brennen stark, beständig, der Qualm ist dick wie Grießbrei und pechschwarz. Da sagt Studio-Experten, “dieser Qualm kommt mir komisch vor”. Wieso komisch? “So brennen Möbel eigentlich nicht”, meint der Mann im Fernsehen, “ich will ja nichts sagen, das letzte Mal, als ich was gesagt habe, hat Nasrallah es hinterher in einem Interview entkräftet, aber wer weiß, was da brennt…” Keiner weiß, was da brennt, außer Andeutungen sagt der Mann nichts, ich kann es nicht beurteilen. Doch das Haus ist ein Wohnhaus, schon leer, kaputte Fensterscheiben. Wo mögen die Menschen sein, die hier gewohnt haben? Kann es sein, daß unter ihnen einer wohnte, der die Wohnung als Lager für brennbare Stoffe aller Arten benutzte? Oder ist es eine Bücherwand, die da brennt, eine Sammlung schöner Kleider und Stoffe, was mag es sein?

Gleichzeitig steigt auch im Hula-Tal, dieser wunderbaren Perle Israels, Qualm zum Himmel auf. Dort brennt nach einem Raketeneinschlag der Wald. Ich denke an die wilden Tiere, die wieder Opfer unserer menschlichen Konflikte werden. Die Tiere tun mir leid, um die Bäume ist es mir sehr schade. (Ja, Elisabeth, ich war auch für die Kühe traurig, ich finde, Tiere müssen für unsere Ideen und Obsessionen so sehr leiden, da kann ich mich nicht drüber hinwegsetzen… auch wenn es so unwichtig erscheint…) Auch im Libanon brennt der Wald, da bin ich mir ziemlich sicher. Ja, auch während Menschen sterben, denke ich an die Schrecken dieser Brände, und an den hohen Preis, den niemand zählt - nicht nur in Menschenleben und Bruttosozialprodukt. Natürlich kann man Bäume und Tiere nicht gegen Menschenleben aufrechnen - aber mir tut es trotzdem weh zu sehen.

Traurig Juli 23, 2006, 20:03

Posted by Lila in Uncategorized.
16 comments

Ich weiß nicht mal warum, aber ich kann nicht aufhören, über das Schicksal dieses einen Soldaten zu weinen, wo jeden Tag

so viele Menschen auf allen Seiten sterben.

Yonatan heißt er, wie mein Lieblingsheld der Bibel. Er ist als Junge aus der Ukraine allein nach Israel gekommen, mit einem Programm namens “Naaleh”, das heißt “laßt uns Aliyah machen”, aber ist auch wieder eines dieser Akronyme…. es bedeutet, daß jüdische Jugendliche aus der früheren Sowjetunion nach Israel kommen, hier zumeist von Kibbuzfamilien “adoptiert” werden, Ivrit lernen und versuchen, sich hier einzuleben. Viele holen hinterher die Familie nach. Auch hier bei uns im Kibbuz ist so eine Gruppe.

Der junge Mann aus der Ukraine ist bei den Kämpfen im Norden umgekommen, und vermutlich hat sich der Kampf so lange hingezogen, weil die anderen Soldaten seine Leiche bergen wollten. Unter ständigem Feuer nicht einfach. Aber es gilt der Grundsatz: keiner wird zurückgelassen, lebendig oder tot. Erst spät wurde überhaupt bekanntgegeben, daß es einen fünften Toten gibt - erst, nachdem die Mutter in der Ukraine gefunden und benachrichtigt war. Denn die Nachricht von einem gefallenen Soldaten ohne Name versetzt uns alle in Schrecken, jeder fragt sich, wer ist es, wer ist es….

Der junge Mann namens Yonatan ist also tot. Seine Mutter und die Adoptiveltern in Kibbuz Lahav im Süden müssen nun entscheiden, wo er begraben wird. Wäre es hier in der Nähe, ich würde zu seiner Beerdigung gehen, ich habe das Gefühl, diese Jungen geben für uns ihr Leben - um uns zu schützen. In den Augen der Welt sind sie hartherzige Bösewichte, “Aggessoren”, aber in meinen Augen sind sie tapfere Kinder, die wir großgezogen haben und nun schweren, schweren Herzens in den Krieg schicken, weil wir keine Wahl haben. En brera, keine Wahl. Für mich ist dieses junge Gesicht das Gesicht des Preises, den wir für diesen Staat zahlen. Danke, Yonatan, daß Du aus der Ukraine allein hierhergekommen bist, daß Du Dich zu Egoz, einer Eliteeinheit, gemeldet hast, und daß Du an unserer Nordgrenze gegen die Hizbollah gekämpft hast. יהיה זכרו ברוך

Eine Geschichte nach meinem Herzen Juli 23, 2006, 0:51

Posted by Lila in Land und Leute.
40 comments

Wie ermutigend, daß heute nacht viele Menschen gegen Israel marschieren, in Bremen, Düsseldorf und anderswo. Es gehört ja dieser Tage echte Zivilcourage dazu, uns zu verurteilen und sich damit dem Mainstream todesmutig entgegenzuwerfen. Ich bin sicher, die Demonstranten werden im guten Gewissen ihrer moralischen Überlegenheit von uns fordern, jegliche Gegenwehr sofort einzustellen. (Na ja, nach neusten Berichten sind es weniger als in Tel Aviv demonstrieren…)
Wie gut, daß sie nicht wissen, wie unmenschlich wir wirklich sind. Eine verletzte Libanesin, die auf rätselhafte Weise an der Nordgrenze zwischen die Fronten geriet (obwohl das Dorf eigentlich geräumt war, genau wie das israelische auf der anderen Seite der Grenze), wurde doch tatsächlich mit zionistischer Tücke gekidnappt und in ein Krankenhaus verschleppt, in Zfat. Dort wird sie nun behandelt und es geht ihr schon ein bißchen besser. Und man stelle sich vor: der Staat der Rassisten mißbraucht doch tatsächlich einen Araber als Oberarzt der Notaufnahme! Ja, denn studieren dürfen die Araber dort nicht, nur niedrige Handlangerjobs leisten, Oberarzt der Notaufnahme, es ist eine wahre Demütigung.

Ich werde mal versuchen, an der Geschichte dranzubleiben. Jetzt kann man für diese arme Frau nur noch eines hoffen: daß sie in Zfat nicht von einer Katyusha getroffen wird. Die fallen da nämlich dicht, und sogar das Krankenhaus wurde vor ein paar Tagen beschädigt.

Abendnachrichten Juli 22, 2006, 23:42

Posted by Lila in Land und Leute.
6 comments

Ich muß unwillkürlich grinsen, wenn ich den Artikel in SPon lese, über die Artillerie. Anscheinend haben sie oben an der Nordgrenze die ausländischen Korrespondenten eingeladen und ihnen ein bißchen gezeigt, wie das so geht mit den Totachim, wie heißen die Dinger auf Deutsch? Artilleriekanonen. Es ist schon verrückt, dieser Armeeslang, der uns hier bis zum Überdruß aus den Medien entgegenschallte. In den ersten Tagen war es ganz unerträglich, da war kein Zivilist im Fernsehen zu sehen, inzwischen hat sich das etwas entspannt. Ja sogar Frauen ohne Uniform wurden schon wieder gesichtet, ahoi! Auch deswegen gucke ich in letzter Zeit ganz gern Channel 10, da ist die ZivilistInnendichte höher.

Doch ich sehe, daß Gebauer gut zugehört hat. Ido Nechushtan heißt der General, mit dem er gesprochen hat. Nechuschtan (Nechoschet) heißt übrigens Kupfer, und ich kann mir gut vorstellen, daß Nechuschtans Großeltern noch irgendwo in Deutschland gelebt haben und Kupferberg hießen… Da das Hebräische keinen Unterschied zwischen den Buchstaben P und F kennt, wird ein anderer bekannter Mann in der Armee (herrje, was macht der noch mal?) “Couperwaasser” genannt, obwohl auch seine Großeltern bestimmt Kupferwasser hießen. Doch das nur nebenher, ich habe nun mal ein Ohr für Namen und kann mich still beömmeln, wenn es heißt, Couperwaasser. Außerdem kennt vielleicht jemand die Zeile aus Yerushalaim shel zahav, shel nechoshet ve shel or…


Ich möchte aber doch, von meinem allwissenden Spezialisten für Zahal en gros und en detail hinzufügen, daß heutzutage kein Schuß einfach so abgegeben wird. Im Gegensatz zu den idyllischen Szenen in Kriegsfilmen, der beliebten Karnevalsverkleidung Kaubeu oder der populären Vorstellung vom Krieg ballern die Artilleristen nicht einfach so rum (im typisch israelischen Blutrausch, oder wie? ist das Wort zufällig gewählt, oder klingen da nicht doch die Mazzot nach, die ja bekanntlich mit Blut von Christenbabies auch erst so richtig knackig schmecken….jammi…). Alles ist technologisch gesteuert, um Fehlschüsse so gering wie möglich zu halten. Wenn eine Katyusha abgefeuert wird, wird ihre Abschußbahn per Radar aufgezeichnet und analysiert, um genau festzulegen, von wo aus sie abgefeuert wurde. Dieser Punkt, genau per GPS bestimmt, wird dann per Computerterminal als Ziel gewählt und genau dorthin gefeuert. Kein Schuß, über den die Soldaten nicht Rechenschaft abgelegen könnten. Die Vorstellung, daß wie im Ersten oder Zweiten Weltkrieg Bombenteppiche gelegt werden, daß es den Israelis egal ist, wer da unten wohnt, muß also korrigiert werden. Daß natürlich trotzdem nur fehlbare Menschen diese Technologie bedienen, ist klar.
Allerdings sagt Ido auch klipp und klar: wer auf einer Bombe schläft, der ist Ziel. Puh. Die armen Menschen, die ahnungs- und schuldlos auf Nasrallahs Bomben schlafen gegangen sind und von unseren Bomben geweckt werden, die tun mir so leid, ich kriege sie nicht aus dem Kopf. Auch Y. sagt, “betzaar rav”, mit großem Bedauern. Der Unterschied zwischen ihnen und uns ist nicht grundsätzlich, wie ich schon gestern festgestellt habe: auch Verluste der israelischen Zivilbevölkerung sind einkalkuliert.

Und die Stimmung, die ist genauso, wie ich sie heute früh in meinem Kommentar zum eiskalten Rücken beschrieben habe. Am Ziel aber ließ auch er (Peretz) keinen Zweifel. “Wir kämpfen diesen Krieg, der uns aufgezwungen wurden, bis zum Ende”. Dieses Gefühl haben wir auch, allerdings weiß der liebe Himmel, wann das Ende ist. Und sogar meine Einschätzung, daß Nasrallah uns viel besser versteht als der Westen, und daß er sein Späßchen hat an dem Krieg, sogar die bestätigt sich in diesem Artikel: Es gehe ihm (Nasrallah) gut, die Hizbollah freue sich auf den weiteren Kampf mit der israelischen Armee.

Ich glaube ihm ohne weiteres, daß das stimmt. Die Hisbollah besteht aus skrupellosen Guerillakämpfern (sie haben bisher jedenfalls noch keine Warnungen abgegeben, bevor sie geschossen haben), aber kämpfen können sie. Wir gürten unsere Lenden und wissen, daß wir Soldaten verlieren können. Wir wissen genau, welche jungen Vettern, Neffen und Freunde der Familie wo kämpfen. Y., der für viele junge Soldaten im Kibbuz ein Ansprechpartner ist, hat schon mehrere von “seinen” Jungens angerufen. Die meisten jungen Kibbuzniks dienen ja in Sonder- und Eliteeinheiten und sind damit in großer Gefahr. Ich weiß, daß die Soldaten mich Zivilistin schützen sollen, aber mir ist dabei sehr, sehr unbehaglich. Überhaupt, in einer Gesellschaft zu leben, in der mein Leben ohne Einsatz anderer stets gefährdet ist! Das ist schrecklich.

Der mentale Übergang von friedlich zu finster-entschlossen, den ich sogar an mir selbst feststelle (wobei er bei mir sehr mild ist und ich nach wie vor vom Charakter her mehr zu hoffnungsvollem Trödeln und Kommunikationsversuchen neige…) widerspiegelt sich auf ebenfalls unwiderstehliche Art und Weise in unserem Verteidigungsminister, dem linken, friedensbewegten, immer etwas unbeholfenen Amir Peretz. Ich habe das Gefühl, dieser Mann wird eines Tages auf diese Phase in seinem Leben mit großen Augen zurückblicken und sagen, “Mensch, was ist da bloß in mich gefahren, ich habe ja gedacht, gesprochen, gehandelt wie ein Militär!” Mir hat der Spruch gefallen, In every field of dry brush a match is hiding, says Amir Peretz, and one day it will be lit and ignite a big fire. The match happened to be lit on my shift, and it’s my job to put out the flames. Me, of all people, he says - a man of peace and of morality, who wants to improve relations, who talked about building a diplomatic axis that would vanquish the violence. It turns out that I am the one who in these two months have had to handle what other defense ministers wouldn’t see in 20 years.

Ja, das ist Ironie des Schicksals, wirklich. Amir Peretz, der kleine Feuerwehrmann. (Hoffentlich kann er seinen Drang zum Streiken diesmal bezähmen!!!) Alle Verteidigungsminister vor ihm waren Männer mit dicken Falafeln auf der Schulter. Nur einmal war Dalia Rabin, die Tochter von Itzhak, stellvertretende Verteidigungsministerin, da war der Mythos ihres Vaters sogar stark genug, das “Handicap” ihres Geschlechts zu überwinden. Nun, mit der heutigen Generation von Karriereoffizierinnen könnten wir irgendwann auch mal eine Frau in diesem Posten sehen (eine Frau OHNE militärische Erfahrung hätte natürlich nicht die Spur einer Chance, man kann ja nicht alle Hürden auf einmal überspringen! und Frauen müssen ja sowieso besser qualifiziert sein als Männer, um dieselbe Stellung zu erlangen - in der Politik zumindest).

Ja, so ist das also mit dem militärischen Denken. Interessant, daß sämtliche Diplomaten, die nun ihrerseits eine friedliche Offensive starten, mit den Israelis, Ägyptern, Palästinensern (Abu Mazen) und allen möglichen sehr sympathischen Leuten sprechen wollen, die allesamt an einer rationalen Lösung interessiert sind - aber nicht mit Teheran, die hinter den Kulissen an allen Strippen zieht, die aufs Ganze geht und in ein paar Jahren auch für den Westen zu einer Bedrohung wird. Das erinnert doch sehr stark an den uralten Witz von dem Mann, der unter der Laterne ein Fünfmarkstück (ja, sooo alt ist der Witz schon) sucht. Warum unter der Laterne, wenn er das Geld doch in der finsteren Gasse verloren hat? Ja, in der Gasse, da sieht man doch nichts.

Nicht wahr, so ist es. Die Ägypter würden die Kämpfe sofort stoppen, so sie könnten. Man braucht sie nicht zu animieren, sie haben selbst kein Interesse daran, daß fanatische Moslems Israel von der Landkarte wischen und hier ein Mullahland einrichten. Da braucht keiner sie von zu überzeugen. Doch ist es leichter, mit den Ägyptern zu reden als mit Teheran. An denen verbrennt man sich lieber nicht die Finger. Auch das amüsiert mich. Was wird aus dieser Initiative rauskommen? Ich wage mal eine Voraussage und sage, wie manch anderes historische Ereignis. Aber vielleicht irre ich mich ja - ich würde mich sehr gern irren, sehr gern das Schießen beendet, die Entführten zuhause und Libanon in einem neuen, friedlichen Aufschwung sehen - ohne Hisbollah in Moscheen, Schulen und Tiefgaragen.

Tja, eigentlich ist mir nicht besser als gestern.

Aber ich habe einen leckeren, ganz einfachen Käsekuchen gemacht, natürlich aus dem Internet, das heißt, eigentlich hat ihn natürlich Quarta gemacht, und ich durfte ein bißchen helfen. Auf dem Blech gebacken, mit Sauerkirschen bestreut, schmeckt er gar nicht schlecht. Das war doch mal ein Lichtblick. Sonst noch Lichtblicke? Oh ja, unter der Couch kann man den Boden lecken und macht ihn dadurch höchstens schmutziger, denn sauberer kann er nicht mehr werden. Und alle meine Freundinnen haben ebenfalls den Putzfimmel, wir lachen am Telefon drüber. Der Streß und die Sorge entladen sich in diesen kleinen Versuchen, das eigene Nest wenn schon nicht sicher, na dann wenigstens sauber zu wissen. Ist doch mal ein Thema für eine Promotion in Psychologie, findet Ihr nicht? Statistisch an Reinigungsmittelverbrauch gekoppelt… würde die Industrie vermutlich sogar sponsern. Los, Leute!

Bentele ist fies zu mir Juli 22, 2006, 14:36

Posted by Lila in Bloggen.
2 comments

Bloggen zu Zeiten des Nahostkriegs, das ist wohl das heiße Thema im Moment. Bloggen ist ja nichts Ernstes, deshalb wird einfach husch-husch bei Truth laid Bear nachgeguckt, was für Blogs es in Israel und im Libanon gibt, und dann schnell ein Artikel zusammengeschustert.

Da ich nicht auf englisch blogge, werde ich natürlich nicht erwähnt, sooo viel Zeit hatte Bentele für seinen Artikel ja nicht, daß er auf den diversen Blogrolls mal rumgeguckt hätte, ob es nicht auch deutsche Blogs aus Israel gibt - außer Vered und mir fällt mir gerade keiner ein, aber auch Armin ist ein Deutscher in Israel. Wäre doch mal nett gewesen, oder? Na ja, es ging ihnen wohl in erster Linie um Blogs, wo Israelis mit Libanesen diskutieren.

Außerdem ist dem Autor nicht aufgefallen, daß Aussie Dave zwar Australier ist, aber keineswegs tausende Kilometer vom Krisenherd entfernt bloggt. das ist lachhaft. Hätte Bentele sich die Mühe gemacht, Daves Blog auch mal anzugucken, hätte er begriffen, daß Dave ein australischer Jude in Israel ist. Steht nämlich ausdrücklich im Header: Inside the mind of an Ozraeli. Sogar eine Landkarte von Israel ist noch dabei. Neee, also manchmal habe ich keine Geduld für diese Fachleute, die dann auf Konferenzen sich drüber auslassen, was für Sandkastenkinder Blogger doch sind, wie unsauber sie recherchieren und einfach einer vom anderen abschreiben.

Na, dann gebt mir mal das rote Förmchen und die Schippe, ich mach euch jetzt ´nen schönen Matschkuchen mit Stöckchen drin.

Eiskalt den Rücken runtergelaufen… Juli 22, 2006, 0:33

Posted by Lila in Land und Leute.
17 comments

…ist mir bei der Lektüre von Josef Joffes Analyse für die ZEIT. Wenn seine Sicht der Dinge stimmt, dann sind wir in der Tat wieder 1948 angelangt, dann haben wir mit diesem Krieg keine Neuauflage der regionalen, letztendlich von rationalen Überlegungen bestimmten Konflikte, sondern dann sprechen Ahmedinijad und Nasrallah einfach nur aus, was sie wirklich wollen und eines Tages erreichen wollen: Israels Vernichtung. Uäh, das sage ich zwar auch immer, aber trotzdem ist es gräßlich, das so zu lesen. Wenn ich es sage, kann es ja immerhin sein, daß ich mich irre, aber Joffe schreibt mit bezwingender Eindringlichkeit. Gruslig!

Hossein Schariatmadari, den Chef der Chamenei-treuen Kayhan. »Der Angriff der Hisbollah«, antwortet er in der Ausgabe vom 16. Juli, »eröffnet ein neues Kapitel im Kampf gegen Israel, der das regionale Kräftegleichgewicht zugunsten der islamischen Welt verändern wird. Weitere Attacken werden sehr bald zu (Israels) Vernichtung führen.«

Nehmen wir mal an, die meinen das ernst - warum sollten wir ihnen das eigentlich nicht glauben? Gegen wen sollten sie denn eine eventuelle Atombombe einsetzen, wenn nicht gegen uns? Gegen Nordkorea oder Nordirland? Das sind doch alles keine Geheimnisse, diese Rhetorik hören wir schon seit einiger Zeit, wir mit Beklemmung, die Welt mit wegwerfendem Handwedeln. (Oft denke ich an die Geschichte mit Osirak - und wie gut es damals war, daß Israel trotz der internationalen Verurteilung den Bau einer irakischen Atombombe verhinderte. Hat sich wohl einer der damaligen Kritiker neuerdings noch mal damit auseinandergesetzt? Wir sind vielleicht paranoid, was aber nicht zwangsläufig heißt, daß uns nicht doch einer ans Leben will… Aber aber, Politiker und Journalisten sind doch keine Wissenschaftler, die ihre Urteile bei Kenntnis neuer Fakten revidieren müssen!)

Nehmen wir mal an, Iran gelingt, was Irak nicht geschafft hat. Wir sind alle weg, verdampft, haben uns in Luft aufgelöst, Israel ist weg. Ja und nu? Was die Palästinenser davon haben sollen, weiß ich nicht - vielleicht gefällt vielen von ihnen der Terror der Hisbollah, aber wollen sie wirklich in einem Mullah-Staat leben? Dann bleibt ja auch von ihren Aspirationen und Träumen nichts übrig. Ich glaube auch nicht, daß sich eine Regierung a la Iran auf der Nase rumtanzen läßt wie wir oder wie Abu Mazen. Da müßte pariert werden. Mein Traum wäre das nicht, und ich glaube, auch viele Palästinenser müßten sich überlegen, daß es vielleicht doch nicht das Wahre ist.
Da der Außendruck in beiden Gesellschaften, bei den Palästinensern und uns, so stark ist, vertagen wir wohl alle so manche innere Auseinandersetzung - auch bei uns ist die grundsätzliche Entscheidung über die Gestalt des Staates in endgültigen Grenzen noch nicht durchgestanden. Aber wer glaubt, er muß aus Sympathie mit den Palästinensern “gegen” die Israelis halten wie ein treuer Schlachtenbummler, der hat vielleicht doch diesen Krieg noch nicht ganz begriffen. Da, glaube ich, legt Joffe einen Finger in eine schmerzende Wunde. Wie soll ein palästinensischer Staat aussehen, wie soll er regiert werden, und wie soll man zurechtkommen, wenn wirklich Israel nicht mehr als Sündenbock in Frage kommt? Bange Fragen.

Doch zurück zum größeren Bild, wie Joffe es sieht.

Im »klassischen« Nahost-Konflikt wurde die Bühne beherrscht von Potentaten wie Nasser, al-Sadat, al-Assad senior und König Hussein; die haben zwar gegenüber Israel häufig fehlkalkuliert, aber doch halbwegs rationale Interessen verfolgt, die irgendwann zum Ausgleich führten. Die Verweigerer und Terroristen – Fatah, Muslimbrüder, Hamas, Hisbollah – blieben draußen, wo sie das Foyer unsicher machten oder gnadenlos von den Regimen verfolgt wurden. Heute aber hält Hisbollah (»Partei Gottes«) 25 von 128 Sitzen im Beiruter Parlament, stellt Hamas die Regierung in Gaza. Die Extremisten stehen also plötzlich in der Mitte der Bühne – wie seit 1979 die Chomeinisten in Teheran. Und dort sind Revolutionäre, nicht bloß Revisionisten am Werk.

Es war möglich, mit den Feinden der verschiedenen Kriege Frieden zu machen, ja mit ein bißchen Verhandlungsgeschick unsererseits und ein bißchen mehr Flexibilität von beiden Seiten wäre sogar Syrien an den Tisch, auf den grünen Rasen, ja zum Handschlag gelockt worden… Doch die neuen Feinde, die sehen ihr Ziel nicht am Verhandlungstisch und auf dem grünen Rasen. (Ich weiß auch nicht, ob so viele Palästinenser das wirklich wollten, wie Joffe annimmt und wie ich bis Oktober 2000 auch fest geglaubt habe). Sie wollen bis ans bittere Ende, wie Joffe auch überzeugend genug ausführt. Das ist keine Rhetorik, die meinen das.

Wie wird die Partie ausgehen? Nur eines ist sicher: Auch die Gotteskrieger zwischen Gaza und Teheran werden an Israel scheitern – wie ihre arabischen Brüder in den Kriegen seit 1948/49. Genauso sicher aber ist auch das Ende des Friedensprozesses, solange die Revolutionäre in Teheran an der Macht sind. Und die Bombe wird auch niemand verhindern, weil die Iraner gerade bewiesen haben, wie einfach sie westliche Druck-und-Zug-Pläne durchkreuzen können. Vergangene Woche traf sich Chefunterhändler Larijani in Brüssel mit Vertretern Deutschlands, Englands, Frankreichs und Russlands. Ergebnis: null. Dann flogen die Iraner nach Damaskus. Tags darauf entfesselte Hisbollah den Krieg gegen Israel.

Und wir haben mit voller Kraft zurückgeschlagen. So wie die Hisbollah die Zivilbevölkerung mißachtet und als Schutzschild und Geisel mißbraucht haben, so hat nun auch unsere Armee zwar mit Bedauern, zwar mit Warnungen und möglichst genauer Planung, aber eben doch mit brutaler Gewalt die Ziele angegriffen, die sie für nötig hielt - auf die Gefahr hin, daß Zivilisten sterben. Und sie sterben. Ob dem Piloten das leid tut oder nicht, macht für das Opfer keinen Unterschied mehr. Und für die Welt, die die Bilder der Opfer sieht, ebenfalls nicht.

Dabei richtet sich diese Art der Erbarmungslosigkeit im Überlebenskampf unseres Staates auch gegen uns. Seit dem ersten Tag heißt es, “der Kampf wird lang und schwer, und er wird Opfer kosten, besonders in der Zivilbevölkerung”. Würden wir unsere Toten filmen, dann würde vielleicht auch jemand begreifen, daß auch unsere Toten nicht einfach nur durch ein X auf der Stirn ausgelöscht wurden, steril und unblutig. Aber das machen wir nicht. Und die Armee sagt uns klipp und klar, daß wir da durchmüssen.

“We must change our way of thinking. Human life is important, but we are at war, and it costs human lives. We won’t count the dead at present, only at the end. We’ll cry for the dead and will encourage the fighters. There are more places like Meron A-Ras, and unfortunately we’ll have to reach them.”

Damit sind unsere Toten gemeint, nicht die der anderen Seite. Solche Töne hat man hier lange nicht gehört, sie gehören gar nicht ins übliche Repertoire der Armee. So sieht es also aus. Wir sterben, ihr sterbt. Wir zielen auf militärische Ziele und nehmen Kollateralschäden in Kauf, ihr zielt auf alles, was sich hier regt. Mal sehen, wer den längeren Atem hat.

Natürlich fällt die Welt uns in den Arm, wer hätte etwas anderes erwartet? Wir sind ein Staat, wir müssen uns an die Regeln halten. Notwehr schön und gut, aber nicht Freistil. Das ist ja auch verständlich. Daß trotz Kritik weitergekämpft wird, und zwar nach den brutalen und wohl unmenschlichen Regeln dieses Kriegs, ist tragisch, aber unvermeidlich. Was würde passieren, wenn wir wirkllich die Waffen niederlegten? Nun, dasselbe, was pasiert ist, als die Armee an der Nordgrenze von Panzern auf leichtere Fahrzeuge umgestiegen ist - kurze Zeit später knallte es. Wer hat den Mut, uns zu raten, auf den Kampf zu verzichten, nachzugeben, Nasrallah nachzugeben? Oh, den Mut haben viele, es kostet sie nichts.

Und auf unseren Grabstein schreiben sie dann, “Anscheinend war doch was dran an ihrer Sorge, von der Landkarte gelöscht zu werden. Ruhet in Frieden, wenigstens hier”.

Nein nein, ich weiß, ich übertreibe, das Bild mit dem Grabstein hat mich verlockt. So weit wird es nicht kommen. Ich denke mir, auch auf Nasrallah wird Druck ausgeübt. Nur hört man darüber nichts. Es ist den Staaten, die den Druck auf ihn ausüben, wohl eher peinlich - schließlich ist der Mann ein Held der arabischen Straße.

Mit genügend internationalem Druck, mit einer genügend kräftigen Bilanz der Armee in Bezug auf Waffenlager (”X% der Waffen der Hisbollah vernichtet”), ja mithilfe europäischer Staaten, die ihre Industrie nicht mehr als Waffenlieferanten für iranische Waffenkammern agieren lassen - dann wird es vielleicht zu einer Art Lösung kommen. Aber wie lange kann das dauern? Mehrere Wochen. Bis dahin krabbeln unsere Soldaten im Libanon von Sprengsatz zu Falle zu Scharfschützenstand, wir begraben jeden Tag sommersprossige Jungens, die Flüchtlinge aus dem Libanon ziehen ins Elend, unter Hinterlassung ihrer Toten, die Welt verurteilt uns einstimmig wie ein dröhnender Chor, am Himmel rattern die Helikopter vielleicht seltener als jetzt, aber fast alle Männer sind im Krieg, ich sitze und warte weiterhin auf die Rakete, die meinem Narrenparadies ein Ende macht, und die Toten werden zu reinen Nummern auf einer immer längeren Liste, beidseitig. Tolle Aussichten, wirklich.
Nachgeben verbietet sich, hat keinen Wert bei einem Feind wie Nasrallah. Weiterkämpfen macht uns noch verhaßter, als wir ohnehin schon sind, und setzt uns jeden Tag noch schlimmer ins Unrecht. Was sollen wir machen?

Wenn mich diese Frage schon nicht schlafen läßt, was ist dann mit Perez, der diese Art von Einsätzen haßt, mit Olmert, dessen Tochter auf Friedensdemos geht…? Nur Halutz, der bleibt cool. Der setzt einfach seine Sonnenbrille auf…
Wenn mir jemand von einem Jahr gesagt hätte, wie es ausgeht, ich hätte es nicht geglaubt. In der Tat HAT mir jemand gesagt, wie es ausgeht, aber ich habe ihm nicht geglaubt. Ich war dazu einfach nicht imstande. Egal wie ich mir die Zukunft ausmale, egal wie weit ich Joffe Recht gebe - es läuft mir eiskalt den Rücken runter.