Routine tröstet, Juli 31, 2006, 19:24
Posted by Lila in Kunst.trackback
auch wenn ich nach wie vor die schlimmsten Befürchtungen für die Zukunft hege. Nicht nur für unsere übrigens, wer sind wir schon auf der Weltkarte? Aber wenn zukünftige Konflikte, wie es aussieht, zunehmend a la Nasrallah ausgetragen werden, dann wird es sehr finster… lieber nicht daran denken.
Ich genieße es, mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen als sonst - eigentlich fast rund um die Uhr. Daß Quarta die schönsten Aktivitäten und Fahrten ihrer Kindergruppe verstreichen läßt, um mit ihrer Schwester zu malen, zu basteln oder Geschichten zu lesen, das stört mich nicht - ich bin froh, daß ich sie um mich habe. Sie stören mich nicht sehr beim Arbeiten, sie haben sich dran gewöhnt, daß ein bestimmtes ernstes Gesicht und viele Stapel Papier um Mama herum bedeuten, “oh rühret, rühret nicht daran”.
Heute habe ich wieder die netten alten Leute unterrichtet, mich von ihnen verabschiedet für die Ferien (drei Wochen! auch das Bloggen wird dann seltener, weil wir viel unterwegs sein werden). Inzwischen bin ich mit dem Thema “Dreidimensionale Darstellung des menschlichen Körpers” an die Grenze zwischen altrömisch und frühchristlich geraten, was natürlich gar keine Grenze ist, weil die frühen Christen vollkommen römische Kunstwerke herstellen. Stilistisch ist kein Bruch zu erkennen, und auch ikonographisch nicht - aus einem Endymion wird einfach ein Jonas, fertig. Am besten zeigt man diese stilistische Kontinuität anhand von Sarkophagen. Ich habe also für diese Stunden heute meine Kenntnisse über Sarkophage aufgefrischt, was natürlich eine sehr heitere Materie ist, und auch mein Publikum hat sehr gekichert, als ich die Stunde eröffnete und ankündigte, daß wir uns heute mit einem besonders fröhlichen Gegenstand von unseren Sorgen ablenken - mit Sarkophagen.

Der Junius-Bassus-Sarkophag, römisch, 4. Jahrhundert
Mir geht es ja jedesmal so, daß ich in Themen, die mich nie besonders gefesselt haben, erst richtig einsteige, wenn ich sie unterrichte. Sarkophage aus dem 2., 3., 4., 5. Jahrhundert… die haben wir im Studium natürlich endlos durchgekaut, es gibt wohl keinen Kunsthistoriker, der beim Wort “Junius Bassus” nicht sofort an die plumpen, beschämten Gestalten von Adam und Eva denkt, wie sie mit ihren breiten Händen ihre Körper zu verdecken suchen… und besonders hat mich das nie gepackt, diese Dinger. Aber wie gesagt, wenn ich Unterricht vorbereite, dann immer, als gälte es mein Leben - dabei ist das ein Kurs für Rentner, die nie eine Prüfung abzulegen brauchen und ohne Zweifel auch mit weniger gründlicher Vorbereitung zufrieden wären. (Wobei sie natürlich von der Vorbereitung nichts bemerken - mein Motto beim Unterrichten ist, “auch wer nur ein Löffelchen verfüttert, muß einen großen Topf gekocht haben”).
Ich bin dann elegant von den Sarkophagen zu den gleichzeitigen oströmischen Elfenbeinarbeiten übergegangen, von denen es ja in Deutschland dank Theophanu eine ganz nette Sammlung gibt. Oh, sie sind sehr schön, und ich kann es nur aushalten, sie anzugucken, wenn ich mich von vornherein überzeuge, daß die armen Elefanten allesamt einen sanften Tod an Altersschwäche gestorben sind. Keiner von ihnen mußte sterben für diese Diptychen, oh nein, das rede ich mir erfolgreich ein und siehe da, es wirkt, ich kann sie angucken.

Muse und Poet, byzantisches Elfenbein-Diptychon, 6. Jahrhundert
Der Vergleich zwischen weströmischer und oströmischer Form (Material, Proportion, Reliefhöhe, Aufteilung, Raumillusion, Licht und Schatten…) ist natürlich ein klassisches Thema, und es war eine ganz gute Stunde. Ich habe die ganze Zeit über kein einziges Mal an Raketen, unschuldige Tote, Nasrallah oder Bunker gedacht, und meine Zuhörer auch nicht. Am Ende kam wieder, wie fast jede Woche, jemand mit einer Geschichte zu mir.
Diesmal eine besonders nette Frau mit einem Lockenkopf, ganz jungen Augen und sportlicher Figur, die bestimmt schon über 80 ist, aber viel jünger wirkt. Sie meinte, “als du über die Elfenbeinarbeiten gesprochen hast, mußte ich an eine besonders schöne kleine Elfenbeinstatue im Haus meiner Eltern denken. Ich habe mir das nie überlegt, aber du hast recht, man kann ja mit Elfenbein so filigran schnitzen wie mit nichts sonst. Ich habe mir diese Arbeit als Kind immer stundenlang angeguckt, es war glaube ich das Schönste, was meine Eltern hatten”. Ich erinnerte mich an eine andere Zuhörerin, die geborene Münchnerin, die ja mal eine kleine Replikation einer makedonischen Bronzefigur mitgebracht hat, über die Zeiten aus dem Elternhaus gerettet (die Eltern werden sie in einem Münchner Museum gekauft haben, wo das Original steht), und fragte, ob sie die Figur noch hat. Da wurde ihr Gesicht ganz traurig, und sie sagte, “ach, ich habe ja alles zurückgelassen, meine Eltern und Geschwister… als ich aus Deutschland weggegangen bin. Da ist nichts und niemand übriggeblieben. Aber ich mußte da heute so dran denken, an diese Figur… die haben meine Eltern so geliebt”. Sprach´s und ging.
Ich konnte mir nicht helfen, ich habe mich hinterher gefragt, ob diese Figur nicht irgendwo überlebt hat, ob sie nicht jemand mitgenommen, gekauft, gestohlen oder ersteigert hat. Das sind Schicksale, die ich da vor mir sitzen habe, jeder einzelne Mensch von ihnen. Ich wußte zu Anfang gar nicht, wie viele Yekke ich da im Publikum sitzen habe, weil ich ja nur Hebräisch mit ihnen spreche - auch wenn sie mich auf Deutsch ansprechen, ich antworte aus reiner Gewohnheit immer Ivrit. Ach ja, meine Gruppe. Sie meinen, ich lenke sie von ihren Sorgen ab, aber in Wirklichkeit geben sie mir viel mehr, als ich ihnen.


fg
Liebe Lila,
was die Befürchtungen angeht, ist es, glaube ich, auf Dauer keine gute Idee nicht daran zu denken, im Gegenteil wäre es gut, mehr darüber zu denken. Was namentlich die Gefahren des islamistischen Extremismus angeht, kann es doch nur hilfreich sein, Klarheit und Differenziertheit hinsichtlich der komplexen Motivationen zu gewinnen. Dieser Ha’aretz-Artikel ist gleicher Meinung:
http://haaretz.com/hasen/spages/744064.html
Die Gefahr ist ja nicht ganz von der Hand zu weisen, daß undifferenzierte westliche Ängste vor “dem Islam” Selffulfilling-prophecy-Effekte erzeugen. Um so wichtiger wird es sein, differenzieren zu können. Übrigens glaube ich durchaus, daß es kein Zufall ist, daß islamisches Back-to-the-roots sich mit furchtbarer Gewalt verbindet — wenn wir einfach an sein erstes Jahrhundert denken (für das der alte Hegel die Formel La religion et la terreur gefunden hat). Nur muß ja nicht plötzlich alles back to the roots gehen.
Wärst Du mit Deinen historischen Neigungen und Deinen religiösen Interessen nicht eigentlich prädestiniert, Dir die Geschichte des Islams in seinen verschiedenen Verzweigungen genauer anzuschauen?
Was aber den Trost angeht, glaube ich nicht, daß er in erster Linie aus der Routine kommt. Es scheint mir im Gegenteil das Neue, Unvorgedachte und Unerwartete und die dem Neuen vorausgehende Spannung, die noch unbekannten Möglichkeiten, was absorbiert und dann bereichert, wenn es sich erfüllt. Meinst Du nicht auch?
Neee, das meine ich nicht. Mich tröstet Routine, ich liebe den Alltag und kann auf Neues gut verzichten. Tut mir leid, daß ich so langweilig bin. Die Zukunft interessiert mich nicht die Bohne, mich interessiert das 17. Jahrhundert, und das ist einfach Charaktersache. Ich bin zufrieden, wenn der neue Tag keine Katastrophen bringt, und vergiß nicht, ich bin für das Wohlergehen von vier Kindern zuständig. Und Kinder brauchen eine feste Routine, gerade weil sie von allein ins Neue drängen.
Und hast Du wirklich den Eindruck, ich denke nicht über unsere Probleme nach? Ich habe einfach keine Lust, nur darüber zu bloggen.
Ich habe übrigens niemals etwas gegen “den Islam” gesagt. Ich benutze entweder den Ausdruck “Islamismus” oder “fundamentalistischer Islam”, ist Dir das nicht aufgefallen? Und ich habe genug über den Islam gelernt, ein ganzer Teil meines Studiums war dem Islam und seiner Kultur gewidmet.
Ich bin nicht sicher, daß der Islamismus einfach nur ein back to the roots des Islam ist, ich glaube, das ist viel komplizierter. Aber von diesen Fragen verstehe ich nicht viel, und es gibt schon genügend Leute, die über Sachen reden, von denen sie ncihts verstehen, da möchte ich nicht auch noch damit anfangen.
All das ändert übrigens nichts daran, daß sich der Islamismus die Vernichtung Israels und aller Juden auf die Fahnen geschrieben hat. Das ist fast der einzige Punkt, in dem sie sich einig sind, die Sunniten, Shiiten, Wahabiten und was weiß ich wer.
Nein, daß Du nicht über Eure Probleme nachdächtest und nur darüber bloggen solltest, habe ich nicht gemeint. Ich habe Dir auch nicht unterstellt, von “dem Islam” zu reden, aber es wird unter Umständen genug Leute geben, die so reden wollen, und dann sind Argumente nicht schlecht, daher meine Anregung.
Und mit der Routine bin ich mir sicher, daß Putzen Dich nicht so gut tröstet wie Kunstgeschichte und ihre Unterweisung. Warum? Weil bei der Kunstgeschichte die Routine nur die Grundlage ist, die Bündelung der Konzentration und der Spannung, die Grundlage für Neues, ein wenig Neues, aber Neues. Ein Stundenaufbau, der vorher noch nicht in der Welt war, und dann passieren eben diese Sachen, daß jemand etwas zu erzählen anfängt — das hat die Frau ja nicht gegen die Langeweile getan. So meine ich das.
weisst du, was mich noch (also ganz persönlich) interessieren würde? wie ein leben im kibbuz aussieht. ich weiss, man kann sowas auf dutzenden seiten nachlesen..aber mich interessiert deine sicht
p.s. diesen artikel hier fand ich im übrigen überhaupt nicht ‘langweilig’. im gegenteil.
liebe grüsse aus frankfurt
von sonja
Tja, liebe Sonja, da gab es mal bei blogg.de ein Blog mit gaaanz viel Material, Geschichten und Bildern, das hat jemand dooferweise einfach so gelöscht… aber ich hoffe, ich kann die Archive mit Christians Hilfe irgendwo wieder ins Netz stellen, dann kannst Du das alles da nachlesen. Es lebt sich sehr gut im Kibbuz, sehr ruhig und familienzentriert und individualistisch, man muß auf einiges verzichten (Statussymbole zum Beispiel), was für mich kein Verzicht ist, und man bekommt dafür sehr viel, das sich nicht mit Geld aufwiegen läßt.
na dann marsch marsch, christian
ich habe schon ein paar mal nach kibbuz-bildern gegoogelt.. irgendwie siehts dort total gemütlich aus!
und ich denke, dass es wirklich ein leichtes ist, auf statussymbole zu verzichten, wenn jeder es tut. den gedanken ‘ein leben ohne statussymbole’ muss ich gleich mal weiterdenken, wenn ich von der arbeit komme.
die fotos sind wirklich wunderschön, ich mag solche bilder total