Nah und fern Juli 29, 2006, 22:57
Posted by Lila in Land und Leute.33 comments
Es ist ja ein bekanntes, aber absurdes Phänomen. Wenn man nur weit genug entfernt von einem fallenden Ziegelstein lebt, bildet man sich ein, dieser Ziegelstein muß partout dem Menschen auf den Kopf gefallen sein, den man dort kennt. Daheim dagegen kann es Ziegelsteine regnen, man fühlt sich ganz normal, “ach, was sollte uns schon passieren?”
Der zornige junge Mann, der in Seattle eine Frau erschossen und fünf weitere, teilweise sehr schwer verwundet hat, “weil er so eine Wut auf Israel hatte”, hat uns schwer erschreckt. Wir haben nämlich Familie in Seattle, in der jüdischen Gemeinde dort. Und so waren wir natürlich besorgt, daß es jemanden getroffen hat, den wir kennen. Was natürlich keineswegs so war. Die Verwandten in Seattle hingegen sind krank vor Sorge um uns, weil hier doch die Raketen fallen. Man versichert sich gegenseitig, “macht euch um uns mal keine Sorgen, wir passen schon auf uns auf - aber IHR, seid ja vorsichtig!!!”
Juden stehen überall an vorderster Front. Es reicht, an einer Synagoge, einem jüdischen Gemeindezentrum vorbeizugehen, den Polizeischutz zu sehen, damit die These vom “symmetrischen Haß” zerplatzt (”Juden und Muslims hassen einander gegenseitig gleich stark”, oder “Israelis und Araber hassen einander gleich stark”, je nach Anlaß). Es hat wohl den einen oder anderen irren Juden oder Israeli gegeben, einen Baruch Goldstein, also mir fallen auf Anhieb drei Gelegenheiten ein, in denen ein Jude bzw Israeli aus Haß auf Moslems bzw Araber zur Waffe gegriffen und getötet hat. Oh, und einmal wurde eine Gruppe Fanatiker festgenommen, bevor sie einen Anschlag auf eine Mädchenschule durchführen konnten, das weiß ich auch noch. Es gab bestimmt noch mehr. Es sind jedesmal Einzeltäter oder winzige Gruppen, die nichts mit dem Mainstream zu tun haben, Haßtäter, wie es sie in jeder Gesellschaft gibt. Sie werden als Kriminelle gesehen und im jüdischen Staat strafrechtlich verfolgt, als Terroristen bezeichnet und gelten als krasse Außenseiter. Es besteht trotz ihrer Existenz kein Grund, Moscheen in aller Welt mit Polizeischutz zu versehen.
Anneka-Anath hat neulich erzählt, daß in ihrer Gemeinde, in Schweden, fast ein Anschlag ausgeübt wurde - im friedlichen Schweden. In Norwegen wird Juden geraten, sich nicht mit Kippa oder Davidstern zu zeigen. Wir wissen schon seit Jahren, daß wir als Israelis im Ausland Ziel werden könnten - es sind schon genügend Anschläge auf Israelis auf Reisen geschehen.
Kurz, der Haß ist nicht symmetrisch. Ich glaube, insgesamt sind die westlichen Kulturen verhaßter, als sie selbst hassen - ich erinnere an die Unruhen um diese dämlichen Karikaturen, welche Haßflammen dem Westen da entgegenloderten. Die Dänen oder Deutschen konnten nicht mit demselben Haß antworten, nicht wahr? Man möchte nur, daß dieser Haß der anderen Seite aufhört, damit man sich verständigen kann, erklären kann, daß es gar nichts weiter auf sich hatte… aber der Haß ist so stark, daß diese Worte nicht durchdringen. Erinnert sich noch jemand, was das für ein Gefühl war, als man die haßverzerrten Gesichter um die brennende deutsche Flagge im Fernsehen sah, obwohl man eigentlich gar nichts weiter Böses wollte? Nur im Rahmen der Redefreiheit irgendjemand ein paar Karikaturen gezeichnet hat?
Haben wir, als nun Ehud Olmert als Amon Goeth gezeichnet wurde, in einer norwegischen Zeitung, angefangen, norwegische Touristen zu jagen oder norwegischen Lachs zu verbrennen? Na ja, kann man einwenden, Ehud Olmert ist nicht mit Mohammed zu vergleichen, von seiner Wichtigkeit her, aber nehmen wir mal das zweite Element der Karikatur, nämlich den Holocaust… und sagen wir mal, Holocaust-Vergleiche oder Späße treffen Juden und Israelis doch an einer sehr sensiblen Stelle… und mit besonderem Enthusiasmus wurde dieser weder sehr humor- noch geschmackvolle Scherz hier nicht begrüßt. Aber wir haben einfach nicht dieselben Reserven an Haß und Wut, jetzt rumzurennen, in die Luft zu ballern, die norwegische Botschaft anzuzünden oder in dramatischer Geste alle blonden Touristen zu bedrohen. Das können wir nicht, das geht nicht, das haben wir nicht in uns.
Hindert das irgendjemanden daran, an die These vom symmetrischen Haß zu glauben? Nee, man braucht nur in die Foren zu gucken, was ich ja schon eine Weile nicht mehr mache (und darum glaubt mir nicht!), da ist ein großer Anteil der nicht einmal bewußt Israel-feindlichen Aussprüche so in etwa, “na ja, die da unten sind ja wie zwei tollwütige Hunde ineinander verbissen, ich bin für niemanden und gegen niemanden, will nur, daß alle friedlich leben können, aber dazu sind diese beiden Kontrahenten wohl nicht imstande, wer kann da schon durchgucken”, jeder hat ja mal so Sprüche gehört. (Und nur nebenbei: mir sind diese Art Sätze viel lieber als viele andere Sprüche, denn wer so redet, gibt zu, daß er den Konflikt zu kompliziert findet und sich keine Meinung anmaßt - ist mir tausendmal lieber als die Allzuvielen, die keine Ahnung haben, was daherlallen und eine felsenfeste Meinung haben!)
Es müßte eigentlich reichen, an die vielen, vielen Seattle-Ereignisse zu denken, an die nicht abreißende Kette von Gewalttaten gegen jüdische und israelische Einrichtungen und Menschen, um zu empfinden, daß die Gleichung nicht stimmt. (Auch der Täter von Seattle war ein Einzeltäter und wohl kaum repräsentativ für den Mainstream der Muslims in den USA.) Außerhalb der jüdisch-israelischen Gemeinschaft aber wird die Bedrohung durch Haßtäter aller Art, organisierte oder spontane, oft nicht wahrgenommen (oder aber rationalisiert mit einem hilflosen “na irgendwas werden sie schon getan haben, daß sie so gehaßt werden” - was in dem Moment versagt, wo der Sprecher dieser Worte seine Flagge verbrannt sieht…). Doch für Menschen, die sich innerhalb dieser Gemeinschaft befinden, ist das Gefühl der gegenseitigen Sorge, ob nah oder fern, sehr vertraut. Juden und Israelis, ob in Lund, Sydney, Haifa oder Seattle, ob vor Zionismus glühend oder post-zionistisch inspiriert, wissen, daß sie jederzeit dazu herangezogen werden können, Rechnungen zu begleichen, die sie gar nicht aufgemacht haben - ob es der Tod Christi ist, die Finanzpolitik eines Fürsten, die Wirtschaftsprobleme eines Landes oder die militärische Strategie der israelischen Armee. Nah oder fern, irgendein Grund zur Sorge findet sich immer.
Also, paßt gut auf Euch auf! Um uns macht Euch keine Sorgen, hier passiert eh nichts, aber bei Euch….

