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Je länger der Krieg dauert, Juli 28, 2006, 21:11

Posted by Lila in Land und Leute.
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desto weniger sehe ich fern, weil ich dem Fernsehen nicht glaube. Bei uns sind es die Leute von Miri Regev, der Armeesprecherin, die das zeigen und erzählen, was sie für richtig halten. (Wir haben schon eine richtige Allergie gegen die Frau entwickelt, ihre Vorgängerin fand ich eigentlich recht sympathisch, aber diese Miri… ach, und ich war mal fastbefreundet mit einem ehemaligen Armeesprecher, der bei den Hochbegabten unterrichtet hat, wüßte ja mal gern, was er zu dieser Miri sagt, und wie sie den Leuten links und rechts über den Mund fährt). Es ist nicht leicht, ihr überhaupt was zu glauben, wenn sie wegwerfend sagt, “südlich von Haifa braucht sich kein Bürger unsicher zu fühlen”. Oder was immer sie sagt.

Jeder Soldat, jeder Offizier kräht, was er will, einer widerspricht dem anderen, jeder Passant wird zum Experten, man weiß wirklich nicht mehr, was nun stimmt. Ich glaube, ich bin so ziemlich die letzte, die noch nicht gefragt worden ist, welche Strategie man einsetzen sollte. Einige Journalisten meinen, die Regierung geht zu zaghaft vor, aus Angst vor weiteren zivilen Opfern und den Medien der Welt, und fordern, jetzt aber drauf ohne Rücksicht auf Verluste. Andere dagegen rufen zu Verhandlungen und Einstellung der Kämpfe auf. Nur eines haben sie alle gemeinsam: sie sind unzufrieden mit der Regierung. Sehr schön. In meinem Kopf neutralisieren sie sich alle und ich glaube, auch sie wissen weniger, als sie gern zugeben würden.

Auf der libanesischen Seite sieht es nicht besser aus. Durch den Libanon werden die verschiedenen ausländischen Journalisten von Hisbollah-nahen Leuten geführt, und hier werden Vergleichsszenen verschiedener Sender gezeigt, immer mit dem dramatischen “bückt euch, die Israelis kommen!” Die einen sagen, Beirut sieht aus wie Dresden am Tage danach, die anderen sagen, es werden immer nur dieselben Ecken gefilmt, und es sieht mehr aus wie London nach den deutschen Angriffen. Mag sein, daß die Stadt aus immer denselben Winkeln gefilmt wird oder nicht, die Gesichter der Menschen sagen alles. Und die Worte? Wer meint, was er sagt, wer sagt etwas, weil er meint, er muß es sagen? Es wird so viel manipuliert, auf beiden Seiten, daß man wirklich am besten wartet, bis sich der Staub gelegt hat. Ich habe das Gefühl, es werden viele Dissertationen im Fachbereich Medien und Kommunikation geschrieben werden zum Thema “Information und Disinformation im Nahostkrieg 2006″.

Ich höre in den Nachrichten, daß eine Rakete auf die Wöchnerinnenstation und den Kreißsaal in Nahariya gefallen ist, wo ich Tertia geboren habe. (Auch damals fielen gerade Katyushas, ja ja.) Gut, daß die klugen Leute in Nahariya das gesamte Krankenhaus schon zu Beginn des Krieges in rieisge unterirdische Bunker verlegt haben, so ist niemandem was passiert.

In Afula, wo Y.s Schwester mit ihrer Familie wohnt (den vier lieben Nichten, die genau im Alter meiner Kinder sind), ist eine große syrische Rakete gefallen, vermutlich die erste Schwalbe eines Frühlings, auf den wir gern verzichten würden. Ich glaube, sie werden in den nächsten Tagen mehr von den Dingern losschicken. Und dann wird es hier noch netter und gemütlicher.

Ich kenne eine Menge Leute, die mit ihren Kindern und Koffern seit zwei Wochen unterwegs sind, jede Nacht woanders schlafen, nicht mehr nach Hause können. Obwohl es in den Medien, auch hier, oft so dargestellt wird, als wäre das ein netter kleiner Urlaub, ist es natürlich alles andere als das. Wer sein Haus zurückläßt, weiß nicht, ob und wie er es wiedersieht. Dieser Krieg wird länger dauern, als wir gedacht haben, und zu der Front im Süden (heute zwei verletzte Kinder, Kassam), der Front im Zentrum (täglich mindestens ein Massen-Anschlag vereitelt) und der Front im Norden (ich sehe gerade Peretz mit Kappe zwischen Soldaten, haha), verschärfen sich die Fronten auch international. Ich kann es der Welt nicht verdenken, auch ich kann die Bilder und Schicksale im Libanon kaum ertragen und möchte nur, daß das aufhört, aufhört, aufhört. Aber wenn wir jetzt einfach heute abend aufhören, was passiert? Die Hisbollah re-organisiert sich und in ein paar Monaten oder Jahren geht es wieder los. Und dann mit noch bessseren Waffen. Davon hat weder der Libanon was noch wir.

Ich kenne auch mehr und mehr Leute, die allzu nahe Bekanntschaft mit den Raketen gemacht haben. Hier fallen pro Tag um die hundert, gestern auf eine Konkurrenzfabrik in Kiriat Shmona, und richten Schaden an. Ich habe auch einige Artikel gelesen, besonders in Haaretz, die aus verschiedenen Blickwinkeln auf den Konflikt blicken und die ich eigentlich verlinken wollte, aber das mache ich nun doch nicht, das Internet ist so stockend heute abend.

Giora Eiland redet schon über Bedingungen, die Israel stellt, und andere, die Israel zu erfüllen bereit ist - alles Hypothesen. In welche Richtung wird sich das ganze Durcheinander entwickeln? Die Shaaba-Farmen sind ja eigentlich Syriens, und sollen deswegen laut UN erst im Rahmen eines Vertrags mit Syrien verhandelt werden. Ich habe nicht alles gehört, aber ich persönlich finde, ob es um dieses Stückchen Land geht oder Gefangenenaustausch, wir sollten diese Zugeständnisse Siniora gegenüber machen, damit sie ihn stärken - und nicht Nasrallah. Was immer wir tun können, um Siniora zu stärken,das sollten wir tun, und ich denke, das sieht auch die Regierung so. Sagen wir, ich hoffe es.

Oh, sie zeigen die alten Bilder von 1982 und dann von 2000, ich habe so gehofft, wir kehren nie mehr in den Libanon zurück. Irgendwo in einem deutschen Artikel habe ich gelesen, daß es Ausdruck israelischer Arroganz ist, wenn man sagt, “der libanesische Sumpf”. Dabei besagt dieser Ausdruck nichts als das Gefühl, dort verloren zu gehen, sich nicht gut genug auszukennen, zu versinken. Hat mit dem Image des Libanon selbst nichts zu tun - der Libanon galt und gilt hier als westlichstes Land des Nahen Ostens, Beirut als nahöstliches Paris, und wie Y. immer gesagt hat, “sie sind uns am ähnlichsten, und ohne die Hisbollah hätten wir einen sehr schönen Frieden mit ihnen machen können”. Der Sumpf, das ist eine Metapher für das Trauma des Kriegs dort. Nicht für das schöne Land selbst.
Ehud Yaari erinnert an die Attentate auf die amerikanischen und französischen Soldaten im Libanon, er glaubt nicht, daß eine internationale Truppe dort etwas ausrichten kann. Es wird auf jeden Fall Monate dauern, bis sich eine solche Truppe organisieren kann. Und dann? Alle reden sie, die Experten, und ich höre nichts davon. Es fällt mir schwer, ihre verschiedenen Einschätzungen, Vorhersagen und Analysen im Kopf zu behalten. Worte, Worte.
Dann eine Reportage von Itai Engel, der nach Metulla fährt. Er sieht auf dem Friedhof einen jungen Mann mit seiner Freundin. Es ist der Todestag seines Vaters. Niemand außer den beiden jungen Menschen ist zum Gedenktag gekommen. Die Katyushas fliegen nur so über ihre Köpfe. Die junge Frau hat Angst, der junge Mann ruft ihr Mut zu. Er küßt das Grab seines Vaters, entschuldigt sich dafür, daß er ihm keinen richtigen Gedenktag machen kann. Die junge Frau sitzt daneben, zuckt zusammen. “So ist das hier, so leben wir. Wir sind das gewöhnt hier in Metulla. Alles in Ordnung, ich grolle niemandem, auch das geht vorbei, macht nichts”, sagt er und streicht über den Grabstein seines Vaters. Ununterbrochen kracht es um sie herum. Ich denke an die Eltern von Gingits Freundin, die dort leben.

Einen Lichtblick aber gibt es: heute abend wird eine Extrasendung von Eretz Nehederet ausgestrahlt, und wir freuen uns. Es ist eine Satiresendung, scharfe politische Satire und genialer Klamauk, die zur Pflichtstunde der Nation wurde. Weil sie freitagabends gezeigt wurde, wenn also religiöse Juden keinen Fernseher anmachen, machte sich der gewichtige Mafdal-Abgeordnete Shaul Yahalom dafür stark, eine Wiederholung in der Wochenmitte zu zeigen. Dabei hat sich Eretz Nehederet grausam über ihn lustig gemacht, ihn als schlafende Perserkatze gezeigt, unvergeßliche Bilder! Aber Yahalom bewies menschliche Größe und meinte, “ohne Eretz Nehederet kann man am alltäglichen Diskurs nicht teilnehmen, das muß man sich angucken”. Eretz nehederet heißt übrigens “wunderbares Land” und ist ein alter Liedtitel. Die Schlußworte sind immer, mit ironischem Blick, “und vergeßt nicht - wir haben ein wunderbares Land”.

Update: Nee, ich kann bald aufhören zu bloggen, mir scheint, mir gehen die Ideen aus. Ich sehe gerade bei SPon, daß sie beschreiben, wie das so abläuft mit der all inclusive Betreuung für Journalisten, bei uns und im Libanon. Aber es ist schon eine Schweinerei, daß sie noch nicht zu mir gefunden haben. Ich glaub, ich schicke der Miri mal eine Mail und beschwere mich! Ich will auch auf die Liste! Oder muß ich dafür erstmal ausgebombt werden…? Ach nee, da verzichte ich doch auf den Ruhm…

Kommentare»

1. Stephan Fröhder - Juli 29, 2006, 2:14

…”je länger der Krieg dauert” - Hat schon einmal jemand darüber nachgedacht, dass dieser Krieg vielleicht gar nicht zu gewinnen ist? Ganz ohne politischen oder moralischen Streit: Ich glaube, dass sich die Militärs hier - nicht zum ersten Mal - verrechnet haben. Wenn sich das, je länger der Krieg dauert, herausstellen sollte: Was bleibt dann übrig, als auf die Vorschläge der *Verrückten* zurückzugreifen, die schon zu Anfang gegen den eingeschlagenen Weg waren, angefangen beim Waffenstillstand…(Warum lässt sich die Zivilbevölkerung einen solchen ‘Test’ gefallen?) Mit den besten Wünschen für Sie, Ihre Familie, Ihre Freunde, Ihre Nachbarn…Stephan Fröhder 28.7.2006

2. Lila - Juli 29, 2006, 10:15

Aber selbstverständlich wissen wir, daß der Krieg letztendlich nicht zu gewinnen ist. Egal was wir getan hätten, militärisch scharf reagiert (wie geschehen), militärisch low key (wie all die Male zuvor), diplomatisch oder sonstwie - im Endeffekt können wir diesen Krieg nicht gewinnen. Zumindest nicht allein. Und niemand ist bereit, verständlicherweise, seine Nase da reinzustecken.

Es hätte ja nicht geholfen, nach dem casus belli weiterhin das alte Spielchen (Erpressung und Nachgeben) zu spielen. Die Waffen sind da, und die Hisbollah hätte sie eingesetzt. Wie sie sich unter der Nase der UNIFIL so bewaffnen konnten? Das frage ich mich auch. Die Frage war nur, WANN Teheran und Damaskus durch ihren verlängerten Arm im Libanon,die Hisbollah, zuschlagen. Nichts, was wir hätten tun können, hätte das verhindert - unsere Nordgrenze ist international anerkannt, wir haben den letzten Fußbreit Bodens dort geräumt.

Es ist mein altes Mantra, das sich leider als richtig herausstellt: nicht was Israel TUT ist der Grund für die Aggression, sondern daß Israel EXISTIERT. Und darum ist der Krieg nicht zu gewinnen. Wir wissen das durchaus.

3. grenzgaenge - Juli 29, 2006, 20:43

liebste lila, es kribbelt ja fast in meinem fingern, aber diesmal werde ich mich beherrschen, keine sorge. ich werde jetzt nicht ueber g..menschen und v……. pazifismus schreiben, nein ! du kannst dir deinen teil denken ….. nur eine frage, LIEBER herr froehder, wer sind denn die “*verrueckten* ganz konkret ? und haetten sie einen anderen vorschlag wie dem nicht gerade g..menschlichen treiben der hisbollah begegnet werden kann ? (aber bitte nicht mit onkel kofi und den sieben zwergen - entschuldigung *zynismus aus*) also, es ist ja wirklich so das den menschen im nahen osten frieden zu wuenschen ist, aber so wie die situation zur zeit ist kaempft israel m.E. immer noch oder schon wieder um seine existenz. (das ist natuerlich die meinung eines unbedeutenden nichtdenkers - *zynismus aus*) ich wuesste jedenfalls nicht wie israel um seine existenz kaempfen soll wenn es angegriffen wird. das die (boesen) militaers sich “wieder mal verrechnet haben” ist natuerlich eine legitime meinung, aber dann sollte man auch ein gegenkonzept anbieten. wie sollte ein “waffenstillstand” denn konkret aussehen ? und wer soll mit wem ganz konkret einen waffenstillstand schliessen ? israel mit der hisbollah ? israel mit der hisbollah und der hamas ? oder mit keiner der beiden organisationen ? mir waere keine der beiden varianten geheuer, denn damit wuerde israel seinen eigenen untergang besiedeln - wieder m.E. ! wie sie sehen, herr froehder, kann ich mich mit dem pazifismus nicht anfreunden, er ist mir gerade in dieser zeit zu fern der realitaet. tut mir leid ! uebrigens stelle ich fest das den freunden in israel solche “gut gemeinten” oder auch ohne anfuehrungsstriche gut gemeinten ratschlaege langsam, gewaltig auf den nerv geben. vielleicht sollte man einfach mal aufhoeren ratschlaege zu erteilen und zu versuchen es besser zu wissen, weitab der israelischen realitaet ? herzliche gruesse, der grenzgaenger

4. Stephan Fröhder - Juli 29, 2006, 21:26

Lieber ‘grenzgaenger’ - Danke für Ihre Antwort. Ratschlaege, Besserwissen - Sie haben völlig Recht: Wirklich “weitab der israelischen realitaet” ! Aber ganz ganz vielleicht.. :-) … ist die israelische Realität ja auch nur ein Teil der Wirklichkeit. Und: So dumm sind die Beobachter des Nahostkrieges nun auch wieder nicht, dass es sich nicht lohnen würde…Ebenso herzliche Grüße aus Deutschland - Ihr Stephan Fröhder

5. Lila - Juli 29, 2006, 22:13

Grenzgänger, ich hatte nicht das Gefühl, daß Stephan gute Lehren geben wollte. Er erkennt, und ich glaube, wir erkennen das alle, daß wir in einer Lage sind, in der wir nicht richtig klassisch gewinnen können, a la veni, vidi, vici. Es ist eine Art der Kriegsführung, in der andere Regeln gelten als im Krieg Armee gegen Armee. Über Sieg oder Niederlage entscheiden hinterher die Verhandlungen, mit Kanonen und Flugzeugen können wir nicht gewinnen. Was wir allerdings können: es Nasrallah so schwer wie möglich, am besten UNmöglich machen, hinterher zu sagen: wir haben gewonnen. Denn wenn Nasrallah als Sieger aus der Sache hervorgeht, haben nicht nur wir in Israel verloren, sondern alle Nicht-Nasrallahs. Und das ist eine ganze Menge Volk.

Und grundsätzlich: beides hat seine Meriten, Innensicht und Außensicht. Besonders in einer Lage wie jetzt, wo es für Israel allein keinen Ausweg gibt - und wo Israel einen Kampf kämpft, der ja in einem viel weiteren Zusammenhang steht (wenn man die Erklärungen der Islamisten ernstnimmt, und ich finde, das sollte man). Wenn die Ratschläge, Ideen, Vorschläge nicht aus Häme und Übelwollen oder aber aus Ignoranz und Vorurteil gegeben werden - warum nicht zuhören? Wir geben ja auch gern aller Welt Ratschläge ;-)

6. grenzgaenge - Juli 30, 2006, 14:13

liebe lila,

nun habe ich schon so vorsichtig geschrieben. ich will herrn froehder doch gar nicht unterstellen das seine ratschlaege nicht gut gemeint sind, nur denke ich halt man sollte sich mit ratschlaegen zurueckhalten wenn man ein paar tausend kilometer weit weg sitzt - egal ob sie gut oder schlecht gemeint sind. das ist alles !

dein grenzgaenger