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Meinungen, hm Juli 26, 2006, 14:43

Posted by Lila in Uncategorized.
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1. Ich habe mir das mit den deutschen Soldaten noch mal durch den Kopf gehen lassen, habe gesehen, daß der Zentralrat der deutschen Juden und auch die Grünen protestieren. Vielleicht ist es nur mein schrecklicher Widerspruchsgeist, aber ich finde, man sollte in diesem Fall nicht den Bundeswehrsoldaten die Verbrechen der Wehrmacht aufbürden. Im Gegenteil, die Bundesrepublik hat sich so weit wie möglich von den Verbrechen der NS-Zeit distanziert, aber die moralische Verantwortung dafür übernommen.

Deutsche Volunteers arbeiten in israelischen Altersheimen, Kibbuzim und Heimen. Deutsche Touristen kommen, wenn sich andere Touristen nicht mehr hertrauen. Deutsche Politiker sind zuverlässige Demokraten. Und wenn deutsche U-Boote von der Howaldtswerft gut genug sind für uns, dann sollten ja wohl auch deutsche Soldaten gut genug sein. Ich halte die Kritik daran für überzogen. Deutsche Soldaten kommen schließlich nicht als Streit-, sondern als Friedensmacht in diese Gegend, so sie denn kommen.

Warum sollte man nun ausgerechnet die Deutschen davon ausschließen? Welchen Grund hat die deutsche Politik, die deutsche Gesellschaft gegeben, ihr zu mißtrauen? Wenn diese Truppe es schafft, hier Ruhe und Frieden zu schaffen (halevai, halevai, tfu tfu tfu), dann ist das sehr ehrenhaft, und wieso sollte man Deutschland diese Chance nicht geben? Ernst Uhrlau und Detlev Mehlis haben hier in der Gegend sehr gute und erfolgreiche Arbeit geleistet, Deutsche hin oder her. Nein, vielleicht ist es mein Deutsch-Anteil, aber ich finde, es besteht kein Grund, Deutschland zu mißtrauen. Und die Holocaust-Überlebenden? Ich kann ja nur von denen aus urteilen, die ich kenne - aber das sind viele Dutzende, und ich muß wohl nicht mehr betonen, welche Rolle sie in meinem Leben gespielt haben… würden sie wirklich Einspruch erheben, wenn Deutsche ihr Leben einsetzen, um ihre Grenze zu sichern?

Mal sehen, wie die Diskussion weitergeht. Hier hat gerade Emanuel Rosen über diese Idee ganz sachlich gesprochen und Deutschland in einem Atemzug mit Frankreich genannt. Vielleicht müßte man seinen Vater oder seine Oma fragen, ich weiß es nicht. Aber mir scheint, die Deutschen sollten nicht automatisch ausgeschlossen werden.

(Und gerade noch ein Kommentator: nennt Deutschland, Frankreich, Großbritannien in einem Atemzug. Er äußert Verständnis, daß sich keiner darum reißt, hinter der Hisbollah herzurennen und ihr die Raketen abzujagen, unter ständigem Feuer. Ist auch das Klinsmanns Verdienst, daß Deutschland ohne Unterton mit allen anderen europäischen Ländern genannt wird…?)

2. Gestern habe ich von David Grossman erzählt, heute veröffentlicht er in Ynet einen Artikel. Er sieht jetzt eine Chance, den Kampf mit der Hamas aufzuhören (der auch wirklich unbeachtet, aber blutig weiter tobt, ohne daß dort je etwas anderes in Sicht wäre außer einem weiteren Rückzug - wir wollen da nichts weiter als Ruhe!). Er meint, daß wir Hamas und Hisbollah nicht als gemeinsame Front sehen sollten, und daß es eine Chance geben könnte, auch mit den rhetorisch bärbeißigsten Hamasnikim zu einer Verständigung zu kommen.

Most Israeli and Palestinians understand that their fates are intertwined. Both have a clear interest in reaching a settlement and compromising on the most basic of principles. It is clear to both that at the end of the day this conflict has no military solution.

Das war jahrelang meine Rede, und ich möchte es immer noch glauben. Ich persönlich wäre zu wesentlich weitergehenden Kompromissen bereit als der Staat vermutlich sein wird… aber wenn es wirklich jetzt möglich wäre, dann muß es auch versucth werden. Es fällt mir schwer, das zu glauben, wenn ich an die Hamas denke, an Meshal, der sie steuert…. aber andererseits, wenn es um so wichtige Dinge geht, reicht es nicht, sich auf früher geäußerte Worte zu verlassen, sondern man muß regelmäßig vorfühlen, ob es nicht vielleicht doch möglich ist.. zumindest in Verhandlungen einzutreten.

Now is the time for Israel to initiate a new process with all sectors and factions of the Palestinian people. We must present serious proposals that will give the Palestinians real challenges and opportunities, and force them to decide if they want to compromise with us to live in peace, or if they are prepared to continue to be held captive to a fanatic, fundamentalist government.

Ein kleiner Hoffnungsstrahl in meinem müden Herzen. Und noch einer: wenn es je eine Regierung ohne Hardliner gab, eine absolut pragmatische Regierung ohne automatische Tabus, dann ist es die Regierung, die wir heute haben. Es gibt eine Anzahl Minister, von denen ich mir durchaus denken kann, daß sie imstande wären, die bestehenden Kontakte mit der PA zu intensivieren und eine solche grundsätzliche Entscheidung von Seiten der Palästinenser wahrzunehmen. Ich hoffe, sie lesen Ynet. Aber allzu große Hoffnungen habe ich nicht.

Kommentare»

1. kaltmamsell - Juli 26, 2006, 15:01

Deine Stimme wird gehört, Lila, wenn auch von jemand anderem vorgelesen, allerdings dann gleich im deutschen Radio:
http://www.jensscholz.com/2006_07_01_archive.htm#115385655516521655

2. hophnung - Juli 26, 2006, 15:07

oh, das ist aber eine schöne idee :-)

3. Lila - Juli 26, 2006, 15:19

Oh Schreck. Und das, ohne mir was davon zu sagen. Ganz schön keck, diese Radiofritzen. Haben sie hoffentlich mit rheinischem Akzent gelesen, Lilas Bütt???

4. hophnung - Juli 26, 2006, 15:31

hach, wat bin ich stolz auf dich!

aber bitte keinen rheinischen akzent…

ich nehm mal schnell reiss-aus ;-)

5. Yonatan - Juli 26, 2006, 15:36

Ich weiss zwar nicht, was aktuell aus ihrem Schicksal geworden ist, aber vom Grundsatz her gibt es bereits bewaffnete Deutsche, die in der Region ihren Dienst verrichten. Es handelt sich um den Grenzübergang Rafah, wo eigentlich 7 Polizeibeamte und 2 Zollbeamte sein sollten. Hat sich daran jemand gestört?

6. Lila - Juli 26, 2006, 15:37

Nicht daß ich wüßte. Es ist ein Job, um den ich sie nicht beneide - und wenn nur wegen der Hitze…

7. ein Jude - Juli 26, 2006, 16:11

Also ich finde die Idee mit den Türken und Ägyptern gut. Wenn die Soldaten der Friedenstruppen selbst Muslime sind, werden sie nicht so leicht in die Luft gejagt.

8. Lila - Juli 26, 2006, 16:32

Na, da wäre ich nicht so sicher. Wenn sie Muslime nicht der richtigen Richtung sind, werden sie genauso in die Luft gejagt wie alle anderen. Und wenn sie keine “Ketzer” sind, dann sind sie eben Shahidim.

9. hophnung - Juli 26, 2006, 16:51

was heisst shahidim?

10. Lila - Juli 26, 2006, 17:01

Shahid ist ein Märtyrer. Ein Hit im palästinensischen Fernsehen ist “1000 Shahidim auf dem Weg nach Jerusalem”. Nasrallah hat die beiden kleinen Jungen aus Nazareth posthum zu Shahidim erklärt. Ein Shahid stirbt im Jihad, also im gerechten Krieg gegen die Ungläubigen, und erhält dafür eine Belohnung im Himmel. Darum ist es Ziel vieler Gläubiger, als Shahid zu sterben, und in den palästinensischen Städten findet man die vielen Plakate, die ihre Shahidim verherrlichen.
http://albalagh.net/qa/shaheed.shtml

(Shahidim ist der hebraisierte Plural, auf arabisch heißt es Shuhada)

Da der Weg des Shahid ins Paradies gern durch unsere Autobusse, Einkaufszentren und Eisdielen führt, per Sprengstoffgürtel, nennen wir sie Terroristen.

http://en.wikipedia.org/wiki/Shaheed

11. hophnung - Juli 26, 2006, 17:13

>>Ein Hit im palästinensischen Fernsehen ist “1000 Shahidim auf dem Weg nach Jerusalem”

ist das etwa ein film????

seufz. aber danke für die übersetzung.

was bedeutet: ich fühle mit euch* auf iwrit? (sagt man das so: auf iwrit?)

12. Lila - Juli 26, 2006, 17:42

Neee, das ist ein Lied. Ein richtiger Ohrwurm. Es wurde hier ein paarmal gesendet, sie haben auch einen Clip. Es gibt dort jede Menge solcher Lieder und Clips, und nachdem sie das Lied mit den 1000 Shahidim hier im Fernsehen gezeigt haben, hatte ich Mühe, dieses Lied wieder aus dem Kopf zu kriegen.

Auf der Suche nach dem Clip habe ich ein Kuriosum gefunden, schon etwas angestaubt: eine Website der niederländischen Likud (!), wußte nicht, daß es sowas gibt. Sie haben Aussprüche von Arafat zum Thema Jihad und Shahada gesammelt, alles Sachen, die hier im Fernsehen gezeigt wurden, aber im Westen seltener. Die Aufrufe zum Jihad hat er nämlich meist auf arabisch gesagt, dagegen auf Englisch zum Frieden aufgerufen. So daß viele Beobachter im Westen einfach nicht fassen konnten, daß wir diesem friedliebenden Mann so mürrisch gegenüberstanden.
http://www.likud.nl/extr45.html

Hier ist noch so ein Link:
http://www.worldnetdaily.com/news/article.asp?ARTICLE_ID=40967

Und hier ist Memri, eine gute Quelle:
http://www.memri.de/uebersetzungen_analysen/2002_02_AMJ/pa_arafat_interviews_03_04_02.html

Und Du siehst mal wieder, wie schwach mein Zahlensinn entwickelt ist, erröt, es waren eine Million Märtyrer, nicht tausend!
http://nlarchiv.israel.de/2002_html/08/220802a.htm

Ich habe zu meinem großen Bedauern und Entsetzen selbst oft genug die Originale gesehen, sonst hätte ich gedacht, diese Sachen sind erfunden, das kann doch nicht wahr sein. (Auch weil diese Websites von einem pro-israelischen Eifer sind, der andere Seiten der palästinensischen Gesellschaft ganz verschweigt.) Aber wenn Du die Bilder von strahlenden palästinensischen Kindern siehst, die mit Waffen und Flaggen wedeln, dann denk Dir dazu, daß sie durch solche Videos und Lieder aufgehetzt worden sind. Ein trauriges Schicksal für ein Kind, wenn es auf die Frage, “was willst du denn mal werden?”, sagt, “Shahid”.

Hier war mal ein erschütternder Film über die Kinder der Westbank. Da haben die alle so geantwortet. Ich glaube, da war ich etwa drei Tage lang hinterher fix und fertig. Sie taten mir so leid, diese Kinder, denen nie jemand gesagt hat, daß es sich zu lohnt zu leben - nicht nur zu sterben.

Natürlich tun wir nichts dazu, dieses Fieber abzukühlen. Nur, wie sollten wir das auch schaffen? Gegen religiösen Wahn, der mit unseren Taten wenig zu tun hat, kommen wir nicht an. Übrigens stimmt das genau zu dem Nasrallah-Zitat im SPon:
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,427814,00.html

“Wir lieben den Tod”. Es ist schwer, wenn man selbst das Leben liebt, gegen die zu kämpfen, die den Tod lieben. Man kann eigentlich nur verlieren.

Das alles sind Sachen, die normalerweise in den westlichen Medien nicht erwähnt werden und den Menschen nicht bekannt sind, die nicht verstehen, wieso dieser Konflikt noch nicht gelöst ist. Und die annehmen, es kann nur an Israel liegen.

13. hophnung - Juli 26, 2006, 21:09

oh je.

es scheint mir oft so, als würden diese menschen jenseits eurer grenzen in einer komplett anderen welt leben. diese welt ist nicht meine und auch nicht deine, weder vieler deutscher noch der amerikaner.

ich kann mich in sowas überhaupt nicht hineinversetzen, und dabei kann ich das in der regel eigentlich ganz gut. mich in menschen zu hinein zu versetzen. aber das hat so unglaublich perverse züge, dass es mir vorkommt wie ein spielfilm im kino. eine gespielte szene a la: so würden menschen in einem paralleluniversum über ihr leben und die welt denken.

ich bin froh, dieser tage kein politiker zu sein, der eine kühle lösung finden muss. so viel geld könnte mir gar keiner zahlen. ich weiss auch gar nicht, ob man eine potenzielle lösung überhaupt mit geld aufwiegen könnte. wohl eher nicht.

14. tw_24 - Juli 28, 2006, 0:12

Unvorstellbar: Deutsche Soldaten als “Beschützer” Israels? Noch hat niemand danach gerufen, insofern ist die politische Diskussion in Deutschland darüber eher ein Zeichen deutscher Überheblichkeit. Man würde gern, um so endgültig die Vergangenheit zu beerdigen. Gewichtiger wiegt aber doch die Frage, weshalb plötzlich Deutsche tatsächlich denken, sie dürften an einer “Friedenstruppe” sich beteiligen.

Die Süddeutsche Zeitung gibt eine Antwort: “Hassan Nasrallah hält nach eigenen Worten eine deutsche Vermittlung im Konflikt zwischen seiner Miliz und Israel für möglich. In der Frage eines Austausch der zwei entführten israelischen Soldaten gegen inhaftierte Hisbollah-Kämpfer bleibe ‘der deutsche Kanal gültig’, sagte Nasrallah der libanesischen Zeitung Es Safir veröffentlichten Interview.”

Besser noch als zur Hisbollah sind die deutschen Beziehungen zum Iran - die Bundesrepublik Deutschland ist dessen Handelspartner seit Jahrzehnten, der beste mindestens innerhalb der EU noch dazu. Solch gute Beziehungen - 2004 freute sich die deutsche Wirtschaft über ein Wachstum der Exporte in den Iran um 33 Prozent, 2005 sollte ein Volumen von 4 Milliarden Euro erreicht werden - fallen nicht vom Himmel. Sie sind wahrlich verdient.

Verdient durch Zusammenarbeit und folgenlosen “kritischen Dialog” mit den erklärten Feinden Israels. Ich glaube nicht, daß deutsche Soldaten unter diesen Vorbedingungen den eindeutigen Auftrag bekämen, tatsächlich für Israel(s Existenz) sich einzusetzen. Gerade sie wären wahrscheinlich so nutzlos wie die UNIFIL-Beobachter, die keinen Anschlag auf Israel verhinderten, weil sie ja sonst in der Tat nicht mehr als “ehrliche Makler” gelten würden, sondern als parteiisch.

Damit wäre es dann aber aus mit den profitablen Geschäften mit dem Iran und der gesamten “islamischen Welt”, die ja Deutschland gerade deshalb mag, weil es einem Hitler die willigen Helfer stellte. Der deutsche Gruß ist doch auch bei Hamas, Hisbollah & Co. nicht unbeliebt. Also: Deutsche Soldaten aus nach Nazis benannten Kasernen würden wohl eher den Eindruck eines “Judenghettos Israel” verstärken als die bürgerliche Demokratie Israel wirklich gegen ihre äußeren Feinde zu beschützen.

15. Lila - Juli 28, 2006, 0:33

TW 24, ja, ich habe ja selbst oft genug über die deutsch-iranische Connection geschrieben, und daß die Sympathien eines Teils der arabischen Welt sich nicht von Beethoven oder der Königin Luise herleiten, sonder von weniger verdaulichen Teilen der deutschen Vergangenheit… das ist leider wahr.

Ich merke bei diesem Thema ja so sehr, wie gespalten meine Identität ist. Als Deutsche stimme ich Dir komplett zu, als Israelin sage ich, “ach was, laß sie doch kommen”. Aber natürlich will in Wirklichkeit keiner kommen, so daß meine gespaltenen Meinungen zu dem Thema total irrelevant sind. Wer wird so blöd sein, sich in den Libanon zu begeben, den die Hisbollah im Laufe von sechs Jahren in eine einzige Sprengfalle verwandelt hat? Wir sind ja leider gezwungen, gegen die Hisbollah zu kämpfen, aber besonderen Spaß macht es nicht. Und würde es auch Deutschen nicht machen.

Übrigens: gibt es wirklich noch Kasernen, die nach NS-Figuren benannt sind? Ist ja furchtbar, ich dachte, die hätten sie alle längst umbenannt.

Ja ja, diese UNIFIL-Einsätze waren ein trauriger Witz. Aber so reagiert die Welt, wenn es um Angriffe aus Israel geht. Um die Welt zu wecken , müssen wir reagieren, dann haben wir sie alle am Hals.

Hat jemand einen guten Vorschlag, der NICHT auf Appeasement herausläuft? Ich leider nicht. Und ich bedaure das sehr, sehr.