Drei Links Juli 23, 2006, 23:10
Posted by Lila in Land und Leute.7 comments
Ja, so bin ich, ich verlinke heute nur Artikel, über die ich mich nicht ärgern muß. In absteigender Folge der Lesedringlichkeitsempfehlung!
1. Gisela Dachs beschreibt in der ZEIT unseren Alltag, na ja, den Alltag der Angst in Tel Aviv. Ich finde sie immer lesenswert, sie ist nah dran, aber doch nicht so nah, daß ihr nicht manches auffiele, was anderen vielleicht entgeht. Sie kennt die Leute hier, sie weiß, welche Fragen sie stellen muß, und ich glaube zu spüren, daß sie auf Hebräisch interviewt, denn die Menschen erzählen ihr Dinge, die sie fremden, hektisch durchreisenden Journalisten nicht erzählen würden. Wer macht sich denn schon Gedanken um Holocaust-Überlebende, die so viele Kriege mitgemacht haben, was ihnen Nasrallahs Rhetorik für einen Schrecken in die Knochen jagt, und die Sirenen, und der Tod, und auch die manchmal aufscheinende Gleichgültigkeit der Welt für ihr Schicksal? Dachs hat daran gedacht, hat mit ihnen gesprochen. Das zeigt, meine ich, daß sie wirklich Format hat, auch als Mensch.
2. Niemand wird vor Überraschung aus dem Sessel kippen, wenn ich zugebe, daß ich schon bei der Überschrift von Matthias Küntzels Stück im SPon ein kleines, erleichtertes Seufzen nicht unterdrücken konnte. Warum Israel richtig reagiert. Ach, es ist gut, wenn die eigene immer wieder schwankende Überzeugung (wie kann richtig sein, was so viele Menschenleben zerstört???) durch rationale Argumente wieder aufgepäppelt wird, und wenn ein Beobachter der Versuchung widersteht, “ausgewogen” die Schuld zwischen Hisbollah und uns zu verteilen. Die Kritik wächst auch hier, und sie hat durchaus eloquente und ernstzunehmende Stimmen. Mal sehen, wem die Stimme der Geschichte eines Tages Recht geben wird, Küntzel oder Sarid. Ich würde eher auf K. wetten, aber ich schließe nicht aus, daß ich mich auch hier geirrt habe.
3. Und Dershowitz mag vielleicht ein allzu vorhersagbarer Unterstützer Israels sein, a predictable supporter, trotzdem mag sein Artikel in der JPost lesenswert sein: The predictable condemners. Dershowitz, mit erkennbarer US-amerikanischer Agenda, unterscheidet allgemein Strategie, Ziele und Vorgehensweise von Terrorismus vs. Demokratie.
The world must come to recognize the cynical way in which terrorists exploit civilian casualties. They launch anti-personnel rockets designed to maximize enemy civilian casualties, then they cry “human rights” when their own civilians - behind whom they are deliberately hiding - are killed by the democracies in the process of trying to prevent further acts of terrorism.
Terrorismus ist also Hamas-Hisbollah-bis Teheran, Demokratie sind wir. Dershowitz hat wenig Spezifisches zu unserem Konflikt zu sagen, den er als Paradigma und Vorläufer des High Noon zu sehen scheint. Vielleicht läßt sich sein Vergleich allzu großzügig auch auf andere Variationen des Konflikts zwischen Terror und Demokratie anwenden. Allgemeine Betrachtungen haben ja ihr Gutes, aber hm, er ist wohl doch eine Nummer zu großzügig beim Zumessen seiner Kampfanzüge in Einheitsgrößen, wenn diese kriegerische Metapher gestattet ist. Ich persönlich finde, aus einem Buch über die Caravaggisti kann man zwar durchaus über de la Tour lernen, aber eben nur über seine caravaggistischen Züge. Für alles, was darüber hinausgeht, muß man sich dann spezifisch auf de la Tour konzentrieren, da hilft nichts. Das ist beim Nahen Osten nicht anders, wenn man nur das Muster Terrorismus-Demokratie ausagiert sieht, schließt sich fast schon ein Zirkel.

Georges de la Tour, Maria Magdalena, ca. 1630…mehr als nur Caravaggist
Jedoch, als Argumentlieferant, wenn mal wieder mit den hohen zivilen Opferzahlen bewiesen werden soll, wie fies und skrupellos Israel ist… ist Dershowitz brauchbar. (Wenn ich Euch nicht genüge, heißt das, hrrr-hm).
Und hier noch ein Bild, das mich gerührt hat.

Ein Mann aus Haifa probiert, ob sein Klavier verstimmt ist. Erinnert das nicht an die Szene aus dem Libanon-Film, war es “Shtei etzbaot mi Zidon”, wo der Soldat durch das vom Krieg zerrissene Beirut läuft und aus einem Haus Klaviermusik hört, wie eine Vision einer anderen Welt? Herrje, Vered, wo war die Szene noch mal her???
Ich habe zwar noch Juli 23, 2006, 22:28
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis.3 comments
mindestens drei nett deprimierende Beiträge angefangen, aber das kann ich Euch nicht antun, ich schließe den Tag jetzt lächelnd.
Ich bin inzwischen im sogenannten akuten Wurzelspitzen-Stadium angekommen, metaphorisch zumindest. Jeder, der jemals starke Zahnschmerzen hatte, erinnert sich vielleicht noch, was man dann denkt. Nicht viel jedenfalls. Man quält sich so schrecklich mit diesem Schmerz, man möchte ihm davonlaufen, ihn anspringen, rausschmeißen, irgendwas, aber der Schmerz läuft, springt und schmeißt mit. Das Gehirn denkt nicht klar, aber eines ist vollkommen klar: wenn dieser Schmerz vorbei ist, dann ist die Welt gut. Warum wußte ich vorher nicht, wie gut ich es habe? Ich schwöre, wenn dieser Schmerz vorbei ist, dann freue ich mich an allem Guten, das ich habe. Dann genieße ich jeden Tag, ärgere mich nie mehr, verschwende keine kostbare Energie mehr auf Unsinn, ich nehme mir alles vor, schwöre heilige Schwüre. Oh, ich werde ein anderer Mensch, sobald nur dieser verdammte Schmerz nachläßt, wird mir das gar nicht schwerfallen.
Ja, so geht es mir jetzt. Ich habe das Gefühl, wenn dieser quälende Krieg mit seinen Opfern, Ängsten, düsteren Aussichten und schwindelerregenden Abgründen erst mal hinter uns liegt, dann werde ich auf der Stelle ein besserer Mensch. Oh, ich werde so gut, so dankbar sein, die Welt wird mir wie ein friedvoller Garten vorkommen, kein Prahlhans und kein Raucher (!) werden mich je wieder aus dem Gleichgewicht bringen.
Man weiß ja, was aus solchen Vorstellungen wird. Schon einen Tag nach Kriegsende werde ich mich wieder darüber ärgern, daß Leute mit dem Auto durch den Kibbuz fahren, daß Vegetarier ausgelacht oder vergessen werden und die Putzfrau meiner Nachbarin mir Schmutzpatschen in den Flur macht. Aber haltet das vor mir geheim, bitte, denn ich glaube fest an eine bessere Welt und eine bessere Lila jenseits dieser Explosion von Schmerz.
Meine katholischen Leser und Freunde Juli 23, 2006, 21:39
Posted by Lila in Uncategorized.6 comments
kennen wohl die erste palästinensische Heilige, Mirjam Baouardy aus Iblin. Ich kannte sie nicht, aber habe bei Scipio über sie gelesen und gleich mehr Informationen über sie gesucht. Fast hätte ich bei Scipio einen Kommentar hinterlassen, daß auch auf Iblin (auch Abalin geschrieben) Raketen fallen können, den Heimatort dieser Heiigen. Das ist nämlich gar nicht weit von uns. Ich habe es dann doch nicht getan.
Aber als ich heute hörte, daß ein Mann aus Iblin von einer Rakete getroffen worden ist, während er Auto fuhr… und im Fernsehen sein Bild sah, da dachte ich sofort an diese Heilige. Der dritte arabische Tote innerhalb Israels, der unser Schicksal teilt, im Guten und Bösen. Eine Familie sitzt jetzt in Iblin und trauert. Er hinterläßt eine Witwe, Kinder. Es tut mir sehr leid und weh, daß die Zahl der Toten steigt und steigt.
One person was killed while driving on a road near Haifa, while the other person killed was hurt by a rocket which directly hit a carpentry shop in the Haifa vicinity. A third rocket landed directly on a building in the town of Nesher but despite extensive damage no one was hurt. The man killed on a road near Haifa was identified as Awad Habib, 48, of Aabalin.
Doch eine Patronin des Nahen Ostens, die im Himmel ein gutes Wort für Frieden und Friedfertigkeit einlegt für ihre Heimatgegend, dürfte sich über ein paar Kerzen und Gebete freuen.

Danke an Scipio, Petra und alle anderen, die meinen Horizont erweitert haben.
Und hier ist noch mehr über Habib Awad und die Menschen in Iblin zu lesen:
A heavy atmosphere of mourning is hanging over the home of Habib Awad, in Aablin, near Kiryat Ata.
Awad was killed this afternoon by a Katyusha rocket strike. His wife, Hifa, and other women sat under the family home near the community’s entrance. Almost everyone agrees that Hassan Nasrallah must be taken out.
Brother in law Haj said: “When a person is sick, he is given medicine to get better. What they did here is allow the cancer to spread. He (Nasrallah) should have been taken out before this damage occurred.”
Another resident added: “He destroyed Lebanon and now he is trying to destroy Israel.”
Habib’s brother, Philip, said that during the attack he was with his father, Isa, at the Kiryot medical center. “When the siren sounded we went down to the stairwell with everyone else, and one of the doctors told us that the rocket landed in Krayot. I didn’t attach much importance to that yet. But when I came home, I turned on the television and began to shake. They said there were two people killed, one in Nesher (which later turned out to be Haifa) and one in Kiryat Ata. I started to panic. My heart prophesied bad things. I called his wife; I heard her and the children crying. She told me he wasn’t answering the phone. I spoke with her wife, he is a police officer, and he told me to call again in 15 minutes. When I called again he told me he was on his way to me. Then I understood that my worst fears came true. That my brother was killed.”
Haj said he called his friend to clarify the identity of the casualty. “They didn’t know I was from Aablin. They told it me it was someone from my community. When they gave me the name I realized it was my brother in law. I asked them only to call me when they come to notify the family. When my sister saw me arrive with the police officers, she immediately understood what happened and burst out in shouts.”
Family members say Habib was a quiet person and loved by all family members. “All the people in the village knew him, loved him, and esteemed him. He everyone.”
Habib’s brother said he loved his work at the carpentry shop, in which he worked for close to 20 years. “A few days ago, when there was tension, I called Habib’s wife and asked him where he was. She told me he was at work, and I told her to call him immediately and tell him to go back home.”
Philip said: “There is no benefit in war. No leader and no agreement in the world will bring my brother back. There are no winners in war, but the simple person is the one who suffers.” Half of the residents of Aablin are Orthodox Christians and the other half are Muslims.
Habib left behind his wife – Hifa, and four children, a 15 year-old daughter, two sons aged 13 and 11, and a 5-year-old daughter. His funeral will be held Monday at 5 p.m. in Aablin.

Es würde mich nicht wundern, wenn Nasrallah auch ihn, wie schon die zwei kleinen Jungen aus Nazareth, zum Shahid erklärt, ihn in seine mörderische Ideologie einspannt. Damit würde er ihn zum zweiten Mal töten.
Zweierlei Qualm Juli 23, 2006, 20:23
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en Nachrichten sehen wir eine Etage in einem Hochhaus in Beirut. Es steht in Flammen, dicker schwarzer Qualm quillt aus den Fenstern. Während die Journalisten reden, bleibt das Bild dieser Flammen.Sie brennen stark, beständig, der Qualm ist dick wie Grießbrei und pechschwarz. Da sagt Studio-Experten, “dieser Qualm kommt mir komisch vor”. Wieso komisch? “So brennen Möbel eigentlich nicht”, meint der Mann im Fernsehen, “ich will ja nichts sagen, das letzte Mal, als ich was gesagt habe, hat Nasrallah es hinterher in einem Interview entkräftet, aber wer weiß, was da brennt…” Keiner weiß, was da brennt, außer Andeutungen sagt der Mann nichts, ich kann es nicht beurteilen. Doch das Haus ist ein Wohnhaus, schon leer, kaputte Fensterscheiben. Wo mögen die Menschen sein, die hier gewohnt haben? Kann es sein, daß unter ihnen einer wohnte, der die Wohnung als Lager für brennbare Stoffe aller Arten benutzte? Oder ist es eine Bücherwand, die da brennt, eine Sammlung schöner Kleider und Stoffe, was mag es sein?
Gleichzeitig steigt auch im Hula-Tal, dieser wunderbaren Perle Israels, Qualm zum Himmel auf. Dort brennt nach einem Raketeneinschlag der Wald. Ich denke an die wilden Tiere, die wieder Opfer unserer menschlichen Konflikte werden. Die Tiere tun mir leid, um die Bäume ist es mir sehr schade. (Ja, Elisabeth, ich war auch für die Kühe traurig, ich finde, Tiere müssen für unsere Ideen und Obsessionen so sehr leiden, da kann ich mich nicht drüber hinwegsetzen… auch wenn es so unwichtig erscheint…) Auch im Libanon brennt der Wald, da bin ich mir ziemlich sicher. Ja, auch während Menschen sterben, denke ich an die Schrecken dieser Brände, und an den hohen Preis, den niemand zählt - nicht nur in Menschenleben und Bruttosozialprodukt. Natürlich kann man Bäume und Tiere nicht gegen Menschenleben aufrechnen - aber mir tut es trotzdem weh zu sehen.
Traurig Juli 23, 2006, 20:03
Posted by Lila in Uncategorized.16 comments
Ich weiß nicht mal warum, aber ich kann nicht aufhören, über das Schicksal dieses einen Soldaten zu weinen, wo jeden Tag
so viele Menschen auf allen Seiten sterben
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Yonatan heißt er, wie mein Lieblingsheld der Bibel. Er ist als Junge aus der Ukraine allein nach Israel gekommen, mit einem Programm namens “Naaleh”, das heißt “laßt uns Aliyah machen”, aber ist auch wieder eines dieser Akronyme…. es bedeutet, daß jüdische Jugendliche aus der früheren Sowjetunion nach Israel kommen, hier zumeist von Kibbuzfamilien “adoptiert” werden, Ivrit lernen und versuchen, sich hier einzuleben. Viele holen hinterher die Familie nach. Auch hier bei uns im Kibbuz ist so eine Gruppe.
Der junge Mann aus der Ukraine ist bei den Kämpfen im Norden umgekommen, und vermutlich hat sich der Kampf so lange hingezogen, weil die anderen Soldaten seine Leiche bergen wollten. Unter ständigem Feuer nicht einfach. Aber es gilt der Grundsatz: keiner wird zurückgelassen, lebendig oder tot. Erst spät wurde überhaupt bekanntgegeben, daß es einen fünften Toten gibt - erst, nachdem die Mutter in der Ukraine gefunden und benachrichtigt war. Denn die Nachricht von einem gefallenen Soldaten ohne Name versetzt uns alle in Schrecken, jeder fragt sich, wer ist es, wer ist es….
Der junge Mann namens Yonatan ist also tot. Seine Mutter und die Adoptiveltern in Kibbuz Lahav im Süden müssen nun entscheiden, wo er begraben wird. Wäre es hier in der Nähe, ich würde zu seiner Beerdigung gehen, ich habe das Gefühl, diese Jungen geben für uns ihr Leben - um uns zu schützen. In den Augen der Welt sind sie hartherzige Bösewichte, “Aggessoren”, aber in meinen Augen sind sie tapfere Kinder, die wir großgezogen haben und nun schweren, schweren Herzens in den Krieg schicken, weil wir keine Wahl haben. En brera, keine Wahl. Für mich ist dieses junge Gesicht das Gesicht des Preises, den wir für diesen Staat zahlen. Danke, Yonatan, daß Du aus der Ukraine allein hierhergekommen bist, daß Du Dich zu Egoz, einer Eliteeinheit, gemeldet hast, und daß Du an unserer Nordgrenze gegen die Hizbollah gekämpft hast. יהיה זכרו ברוך
Eine Geschichte nach meinem Herzen Juli 23, 2006, 0:51
Posted by Lila in Land und Leute.40 comments
Wie ermutigend, daß heute nacht viele Menschen gegen Israel marschieren, in Bremen, Düsseldorf und anderswo. Es gehört ja dieser Tage echte Zivilcourage dazu, uns zu verurteilen und sich damit dem Mainstream todesmutig entgegenzuwerfen. Ich bin sicher, die Demonstranten werden im guten Gewissen ihrer moralischen Überlegenheit von uns fordern, jegliche Gegenwehr sofort einzustellen. (Na ja, nach neusten Berichten sind es weniger als in Tel Aviv demonstrieren…)
Wie gut, daß sie nicht wissen, wie unmenschlich wir wirklich sind. Eine verletzte Libanesin, die auf rätselhafte Weise an der Nordgrenze zwischen die Fronten geriet (obwohl das Dorf eigentlich geräumt war, genau wie das israelische auf der anderen Seite der Grenze), wurde doch tatsächlich mit zionistischer Tücke gekidnappt und in ein Krankenhaus verschleppt, in Zfat. Dort wird sie nun behandelt und es geht ihr schon ein bißchen besser. Und man stelle sich vor: der Staat der Rassisten mißbraucht doch tatsächlich einen Araber als Oberarzt der Notaufnahme! Ja, denn studieren dürfen die Araber dort nicht, nur niedrige Handlangerjobs leisten, Oberarzt der Notaufnahme, es ist eine wahre Demütigung.
Ich werde mal versuchen, an der Geschichte dranzubleiben. Jetzt kann man für diese arme Frau nur noch eines hoffen: daß sie in Zfat nicht von einer Katyusha getroffen wird. Die fallen da nämlich dicht, und sogar das Krankenhaus wurde vor ein paar Tagen beschädigt.

