“Ach, wart ihr mal süß!” Juli 21, 2006, 17:54
Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.8 comments
Mein spontaner Ausruf, als ich beim Kleiderschrank-Ausrümpeln die alten Babysachen entdecke. Ja, so gründlich gehen wir vor, wir sind geradezu im Rümpel-Rausch, danke, Nasrallah! (Und auch danke dafür, daß du mir die Zugriffszahlen so in die Höhe getrieben hast! Ich hoffe, du kommst nie dahinter, daß es sich bei diesem ganzen Konflikt um eine Intrige von ein paar verrückten Bloggern aus Israel und dem Libanon handelt, jetzt kann ich es ja verraten…. na ja, ganz so doll hatten wir uns das nicht vorgestellt… aber jetzt wäre doch der geeignete Zeitpunkt, mein Blog mit Werbung vollzupflastern, oder??? So viel Geld könnte ich mit diesem Blog verdienen!)
Schnell jedem Jungen den Anzug in die Hand gedrückt, mit dem ich sie aus dem Krankenhaus nach Hause gebracht habe, unvergeßliche Momente! Primus war damals schon blond, blauäugig und langbeinig.

Man sieht förmlich, wie geduldig er seiner Mama den Gefallen tut und den kleinen Anzug hochhält. Ja, da hat er mal reingepaßt! Er war ein großes Baby, mehr als 4 Kilo schwer, und wurde an einem sehr heißen Tag Ende Mai 1990 geboren.

Secundus dagegen wurde in einer bitterkalten Dezembernacht Ende 1991 geboren. Am Tag der Entlassung war gerade eine Gruppe von Lernschwestern im Säuglingszimmer, denen die Oberschwester der Wöchnerinnenstation zeigte, wie man ein Baby für die Entlassung nach Hause vorbereitet. Und das Demonstrationsbaby, das wie eine kleine hellblaue Wurst eingekleidet und verpackt wurde, war mein kleiner Secundus. Diese Geschichte ist meine Geheimwaffe, “wenn du jetzt nicht tust, was ich dir sage, erzähle ich noch mal von den Krankenschwestern!!!” Das wirkt immer. Sie standen nämlich alle um ihn rum und riefen, “oh wie süüüß! nein ist der niedlich! sind denn alle Babies so niedlich?” Aber nein, natürlich nicht. Eine peinlichere Geschichte gibt es nicht, findet Secundus.
Doch die Bravheit meiner Jungen, ihre Nachsicht mit der sentimentalen Mama ist schnell vorbei. Die Langeweile und aufgestaute Energie brechen sich Bahn.

Ach ja, Jungens… ich hoffe, der Krieg ist bald vorbei.
Tolle Ferien Juli 21, 2006, 16:37
Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen, Land und Leute.2 comments
haben meine Kinder. Ins Schwimmbad lasse ich sie im Moment nicht, ist das nun übervorsichtig oder vernünftig? Ausflüge in den Norden, wie wir es sonst im Sommer so gern am Wochenende machen, sind natürlich gerade nicht der Trumpf. Dabei lieben wir den Norden: Banias, die Golanhöhen, die Küste in der Nähe von Nahariya, die Örtchen in Galiäa, Zfat, das Hulatal… kann man überall im Moment nicht hin. Ih wie doof.
Wenn die Jungens von der Arbeit wiederkommen, beschäftige ich sie im Haus. Secundus ist furchtbar fleißig. Da gehen die Gene meiner Oma einen gewaltige Verbindung mit denen von Y.s Oma ein, ich hab daran keinen Anteil!!! Das waren die zwei fleißigsten Frauen, die ich je gesehen habe - an dem Berg Arbeit, den diese vier eifrigen Paar Hände in ihrem Leben geleistet haben, würden zehn starke Männer knacken! Secundus hat mir angeboten, mir einen Kräutergarten einzurichten. Im alten Haus hatte ich einen, aber die letzten Jahre waren irgendwie so hektisch und der Garten hier so anders, daß ich noch nicht entschieden habe, wo ich überhaupt was will - und irgendwie hab ich immer noch nichts im Garten außer Wiese und Obstbäumen. Der gute Junge arbeitet, seit der Schulzoo zu einer richtigen Landwirtschaft umfunktioniert worden ist und mit den Gewächshäusern der Schule zusammengelegt wurde, wie ein Bauernjunge und genießt das Ziegenmelken, Ausmisten und Ernten. Nee, das hat er nicht von mir! Nun, so buddelt er eifrig im Garten und würde gern mit seinem Vater nach Yagur fahren, Pflanzen kaufen. Er hat alle möglichen Ideen für den Garten. Aber nach Yagur fahren ist im Moment nicht SO eine gute Idee. Und auch aus dem Garten rufe ich ihn mit allen möglichen Ausreden ins Haus. Er ist ein sehr gefälliger Junge, das sind sie eigentlich außer Quarta alle, und kommt immer, wenn ich ihn rufe. Aber ich müßte mich mal entscheiden, was nun Sache ist: drin, Garten, wie weit lasse ich die Kinder von der Leine.
Damit sie sich nicht langweilen, wenn sie zu Hause sind, räumen sie ihr Zimmer um und aus. Auch bei den Jungen haben wir massenweise Sachen aussortiert, für die sie nun zu groß sind. Sie haben ihre Betten umgestellt, mit Y. neue Lampen installiert, und es ist wirklich kein Kinderzimmer mehr. Hätte ich mal für jedes Kind ein Zimmer! Aber das ist der Preis für unsere Kibbuz-Idylle: relativ wenig Wohnraum, wenn auch praktisch geschnitten, idyllisch gelegen, still, mit großem Garten. Manchmal teilen sie gern die Zimmer, manchmal nervt es sie. Nun, auch Y. und ich teilen unser Zimmer, ich habe mich mit meinen Büchern wie eine Krake über das ganze Haus ausgebreitet, aber so richtig Platz hat keiner von uns. Na ja, da lernt man das Rücksichtnehmen, wer weiß, wozu es gut ist. Und da wir alle Leseratten sind, ersetzt ein gutes Buch die Einsamkeit.
So, und jetzt hat Quarta Reitstunde. “Papa, was machen wir, wenn eine Katyusha kommt?” “Dann laufen wir schnell zur Werkstatt, da ist eine tiefe Grube. Das ist der sicherste Platz im Kibbuz!” “Na gut”. Das sagt sie übrigens immer auf Deutsch, naaagut. Ich verlasse mich auf Y., der die ganze Reitstunde dabeisein wird. Naagut.
Ich gucke von Zeit zu Zeit auf die Schlagzeilen bei Haaretz, erschrecke, daß in Haifa und in ganz Galiäa die Raketen fallen, aber es lähmt mich nicht mehr wie zu Anfang. Ich weiß nicht, ob bei uns was passieren wird, aber das werde ich schon merken, wenn es so weit ist. Ich würde Sonntag nur zu gern in die UB fahren, ein bißchen arbeiten, ich muß das nächste Semester vorbereiten! Die UB sollte Sonntag geöffnet werden, aber wer weiß, ob das auch geschieht. Ich habe Sehnsucht nach der ollen, häßlichen Uni, auf die ich sonst so schimpfe. Sehnsucht besonders nach dem geliebten Museum Hecht. Ich habe das Gefühl, wenn ich die Sarkophage und Büsten wiedersehe, dann werde ich innerlich ruhiger.
Die Fernsehbilder aus dieser Stadt, die ich wirklich mag, sind nicht schön. Na klar, kein Vergleich mit Beirut, ich vergleiche auch nicht. Auch in Haifa laufen die Leute wie die Irren zusammen, und die Polizisten versuchen vergebens, sie wenigstens beim Sirenenschall zurückzutreiben. Aber sag mal einem Israeli, was er machen soll, noch dazu, wenn er eine Kamera auf sich gerichtet sieht! Auch in diesen alten Stadtvierteln in Haifa gibt es keine Bunker, und wenn, dann weiß keiner, wo sie sind, und sie sind nicht zu gebrauchen. Tja, es scheint, als wären die Stadtverwaltungen damit überfordert, die Bilder aus Zfat und Carmiel waren ebenfalls ziemlich eklig, was die Bunker anging. Die Klos… ich erspare euch die Beschreibung. Am besten sind Leute mit Häusern dran, die in den letzten 20 Jahren gebaut wurden und alle einen Schutzraum haben, so wie Bert und Yael in Nesher, mein Schwiegervater, Y.s Tante, sehr viele andere Leute, die ich kenne.
Da unten in Haifa ist es schön. Alte bröcklige Häuser von bestechender Häßlichkeit, eine gemischte Bevölkerung, die hektisch-friedlich durcheinander wuselt, es laufen fromme Juden, maronitische (sprich libanesische) Christen, Menschen aller Glaubensrichtungen und Schattierungen durcheinander. Ich habe auch dort arabische und jüdische Freundinnen, die haben den Lärm der Einschläge bestimmt gehört.
Ach ja, und komisch war es auch, wie der Reporter geheimnisvoll meinte, er könnte den genauen Einschlagsort nicht sagen… was ja logisch sein mag, aber nicht sehr gut kommt, wenn man es unter einem deutlich sichtbaren Straßenschild äußert. Ja, und der Springbrunnen, nu wirklich, den kennt wohl wirklich jeder, der jemals in Haifa war! Aber ich verrate nichts, nein nein. Von mir habt Ihr das nicht gehört.
Bevor ich mich endgültig Juli 21, 2006, 11:24
Posted by Lila in Bloggen, Land und Leute.5 comments
meinen hausmütterlichen und sonstigen Pflichten widme, möchte ich noch mal auf Lisa Goldmanns Blog und vor allem ihre Flickr-Seite hinweisen. Lisa ist aus Kanada eingewandert, ist Journalistin, pflegt ihre Kontakte zu Kollegen aus der arabischen Welt (erinnert sich noch jemand an den Besuch des iranischen Bloggers Hoder in Israel? Lisa hat ihn eingeladen), ist so ziemlich der unvoreingenommenste und warmherzigste Mensch, der in dieser an netten Menschen nicht armen Blogosphäre schreibt, und ich habe das Gefühl, ich kenne sie. Als ich ihr waches, schönes Gesicht neulich nach einem Anschlag in Tel Aviv im Fernsehen sah, rief ich unwillkürlich, “oh, die kenne ich!”, obwohl ich sie nur vom Bloggen kenne.
“On the Face ” ist übrigens, wenn ich recht verstehe, eine ironische wörtliche Übersetzung des hebräischen Slangausdrucks “al ha panim”, das oft die Antwort ist, wenn man fragt, “wie geht´s”. “Auf dem Gesicht (liegend)” ist die drastische Antwort, eine andere gern genutzte Möglichkeit ist “al tishal”, “frag lieber nicht”. Manche Israelis benutzen “on the face” angeblich als Antwort, wenn man sie fragt, “how are you”, aber ich weiß nicht, ob das nicht nur urban myth ist…
Lisas Bilder sind ein guter Einstieg in die Vielfalt, die Israel ist.
Und ein lesenswerter Artikel, und wenn nur, um mehr Adressen zu finden, wo Israelis und Libanesen miteinander blogsprechen, in der JPost. Oder hatte ich den neulich schon…? Hab jetzt keine Zeit zum Checken. Und dann ist hier auch gleich noch mal Amis Seite, auf der ebenfalls miteinander geredet wird. Kleine Tropfen der Menschlichkeit in einem Meer der Hoffnungslosigkeit - jeder davon kostbar.
Im Rahmen der Mädchenzimmer-Aufräumaktion Juli 21, 2006, 11:07
Posted by Lila in Edle Selbsterkenntnis, Kibbutz, Kinder, Katzen.2 comments
habe ich die alte Aaland-Flagge wiedergefunden. Sie war in der Kiste mit Verkleidungen, die wir gerade radikal reduzieren. Die Flagge habe ich zusammengefaltet und zu den anderen Flaggen in eine Schublade gelegt. Es ging mir, als ich die Schublade zumachte, so scharf durchs Herz. Was würde ich nicht dafür geben, auf so einer friedlichen Insel zu leben, ohne mir Sorgen machen zu müssen um eine so grausame Region wie den Nahen Osten, ohne bis auf den Tod gehaßt zu werden, ohne diese ganzen entsetzlichen historischen Gewichte, die mir an Armen und Beinen hängen. Ach, geliebte Aaland-Inseln, da wäre ich jetzt gern. Aber es ist eine Illusion, wir können unserem Schicksal nicht entfliehen, wir bleiben, wer wir sind, auch wenn wir woanders leben. Trotzdem, diese Flagge bedeutet für mich einen friedlichen, stillen Ort, unabhängig von den größeren Mächten, die ihrerseits friedlich ihren Anspruch auf Aaland haben: die eine kulturell, die andere politisch. Doch Aaland liegt ruhig im Meer und hißt die eigene kleine Flagge.

Schön wie ein Engel Juli 21, 2006, 10:18
Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.5 comments
Meine Jüngste trägt einen schönen Namen, der in Israel besonders durch ein Lied bekannt ist,”Quarta, du bist schön wie ein Engel…” Gestern trat im Fernsehen ein Sänger auf und sang dieses Lied. Als es angekündigt wurde, wurde unser Mädchen ganz aufgeregt. Sie flitzte durchs Haus und rief alle vor den Fernseher. Dann hörte sie andächtig zu und hatte anscheinend das Gefühl, daß der Sänger sie direkt anspricht. Als er sang, “Quarta, du hast mich so enttäuscht”, machte sie ein betrübtes Gesicht, und als er ihr versicherte, daß sie schön wie ein Engel ist, strahlte sie wieder.
Das war so nett, wir waren ganz gerührt, und haben uns hinterher gratuliert, ihr einen so wohlklingenden Namen gegeben zu haben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn Leute beim Hören meines Namens sofort ein bestimmtes Lied anstimmen, aber im Gegensatz zu “meinem” Namenslied ist Quartas Lied ein Kompliment. 

