Schwere Stunde Juli 19, 2006, 21:46
Posted by Lila in Land und Leute.trackback
Zwei kleine Jungen sind heute in Nazareth von einer Rakete getroffen worden und sind tot - Brüder. Sie spielten draußen, während den ganzen Tag die Raketen fielen. Sofort versammelten sich viele zornige israelische Araber und klagten: warum gab es bei ihnen keine Sirene? Warum hat keiner sie informiert? Warum wußten sie nichts von der Lage im Land?
Sie beschuldigen natürlich, wie sonst, die Regierung, die sie diskriminiert. Die Medien sympathisieren mit ihnen, wie könnte man auch anders, wenn man das Loch im Boden, das Blut am Boden sieht und an die Eltern denkt, die zwei kleine Jungens begraben müssen. Da fragt man doch sofort, warum? warum?
Aber trotzdem steigen die Fragen in mir auf. Wer fernsieht, und vielleicht mal was anderes als Al Jazeera, hat keine Probleme, auf allen Kanälen Informationen zu finden. Und wenn jemand meint, sein Ivrit reicht nicht aus, um die Informationen zu verstehen (aber beschweren können sie sich auf Ivrit, sie sprechen alle ausgezeichnetes Ivrit), dann kann man zum Beispiel im Internet Informationen finden. Es werden pausenlos Informationen gegeben, ja man hat Mühe, überhaupt was anderes zu empfangen.
Aber schlimmer finde ich, daß die arabischen Knesset-Abgeordneten und Bürgermeister ihre Wähler komplett im Stich gelassen haben. Jeder kennt die Bürgermeister von Sderot, Nahariya, Haifa - sie drängen sich geradezu ins Rampenlicht, um für ihre Bevölkerung die jeweils besten Startbedingungen beim Kampf ums Budget rauszuschinden, um allen klarzumachen, was ihre Stadt mitmacht, und um ihren Bürgern per Fernsehen Mut zuzusprechen und sie zu loben.
Die arabischen Bürgermeister, obwohl eindeutig in der Feuerlinie und von Anfang an betroffen, habe ich nicht gesehen, und bekanntlich pflüge ich alle Kanäle auf der Suche nach dem Update. Und bei der großen Sympathie der Medien für die arabischen Minderheiten bin ich sicher, wenn der Bürgermeister von Nazareth gewollt hätte, wäre er zur Primetime im Fernsehen gewesen, um seine Bürger zu informieren. Aber viele dieser Bürger haben sich anscheinend so weit abgekoppelt, daß sie nicht mal wußten, daß man an diesen Tagen kleine Kinder nicht draußen spielen läßt. (Natürlich kann trotzdem eine Rakete in ein Haus einschlagen - aber die kleinen Jungens wären noch am Leben, hätten die Eltern sie im Haus gehalten!)
Und die arabischen Politiker? Haben die sich auch stumm zurückgehalten? Aber nein, die hatten air time genug, aber die ging dafür drauf, die Regierung anzuklagen, sich mit der Hisbollah zu solidarisieren und ihre politischen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Keiner von ihnen hat den Mumm gehabt, zu sagen: Freunde, ob wir diese Juden nun mögen oder nicht, wir sitzen mit ihnen in einem Boot, und das Boot ist gerade Sturm. Und da verhält man sich folgendermaßen:….
Nein, ich will nicht verteidigen, was nicht zu verteidigen ist. Daß hier sämtliche Minderheiten-Sprachen nicht prominent genug vertreten sind, kann niemand leugnen - und äthiopische Neueinwanderer können viel weniger Ivrit als die Araber von Nazareth, die wohlhabend, gebildet und hier ansässig sind. Trotzdem gibt es keine regelmäßigen Durchsagen auf Amharit, oder auf Russisch, oder meinetwegen auch Deutsch. Es gibt auch viele alte Leute, die nur mit Mühe Ivrit verstehen.
Aber wie immer stört es mich, wenn automatisch an allem, aber wirklich allem, die jüdische Mehrheit schuld sein soll. Ist denn niemals ein Araber imstande, sich hinzustellen, meinetwegen mit bedröppeltem Gesicht, und zu sagen: “liebe Familie Taluzi, ich als Bürgermeister von Nazareth hätte euch warnen sollen. Ich hätte euch erklären sollen, daß viele Raketen ohne vorherige Warnung fallen, daß es Fehlwarnungen gibt, daß alle im Haus bleiben müssen. Ich hätte die Bunker instand setzen lassen müssen, ich hätte gucken sollen, was Jacky Sabag in Nahariya und Yona Yahav in Haifa machen, und hätte es genauso machen sollen. Glaubt mir, liebe Bürger, ich werde alle Versäumnisse von anderen aufdecken und verfolgen, aber ich kann nicht verschweigen, daß ich Verantwortung hatte und versagt habe. Verzeiht mir, denn eure Söhne könnten nochleben, hätte ich meine Pflicht besser wahrgenommen. Und hätte ich die Sirene nicht abgestellt, damit sie am Holocaust-Gedenktag und am Soldaten-Gedenktag nicht heult . Oder hätte ich sie zumindest nach den ersten Raketen wieder angestellt.”
Und zur Frage, warum keine Sirene geheult hat. Das war keine Absicht, um Araber sterben zu lassen, und auch keine Nachlässigkeit von Seiten der Leute, die für das Warnsystem zuständig sind. Denn für die Sirene ist die Stadtverwaltung zuständig. Außerdem sind ähnliche Pannen überall vorgekommen: wenn Raketen auf Nahariya fielen, ging in Haifa die Sirene, und umgekehrt. Da ist keine böse Absicht dahinter. Es ist nun mal nicht wie im zweiten Weltkrieg, wo die Geschwader von Bombern langsam übers Land brummten und noch Zeit war, genauer zu warnen. Die Raketen fliegen schnell, keiner weiß genau, wo sie ankommen. Oft beschweren sich Leute, daß erst die Rakete kommt und dann die Sirene.
Aber hat jemand schon mal so einen Politiker reden gehört? Höchstens Yossi Sarid ist imstande, zu sagen, “ich war ein Idiot, aber das hat meine Frau ja immer schon gewußt”. Na, aber der ist ja wirklcih eine Ausnahme (und außerdem weiß er recht gut, daß er kein Idiot ist, und hat das nur kokett-zynisch dahingesagt).
Und dann kommen neue Bilder aus Nazareth. Die zornigen Menschenaufläufe toben durch die Straßen, von Schmerz und Wut zerrissen. Die Polizisten flehen sie geradezu an, sich in Sicherheit zu bringen, “das Home front commando hat angeordnet, daß keine Menschenmengen auflaufen sollen, das ist gefährlich!”, aber die Menschen hören nicht auf sie. Sie gehen nicht in die Häuser. Aber wenn jetzt eine Rakete auf sie fällt, chas ve chalila, wer wird es schuld sein? Bestimmt nicht die Leute selbst. Und das, das stört mich. Ich weiß nicht, ob das was mit der arabischen Mentalität zu tun hat, und ich weiß nicht, ob ich so politisch inkorrekte Dinge überhaupt sagen sollte.
Aber ich sage es doch: wenn ihr auf den Straßen von Israel große Familen seht, deren Kinder nicht angeschnallt sind, dann sind das fast immer arabische Kinder. (Und alle Studien weisen nach, daß das Risiko arabischer Kinder, im Straßenverkehr u sterben, fünfmal höher ist als das jüdischer Kinder.) Nein, nicht weil kein Geld für Kindersitze da ist - auch in großen teuren Autos werden Sicherheitsvorschriften mißachtet. Die Autofahrer in Israel haben alle eine Hummel in der Mütze, aber in arabischen Orten ist es geradezu selbstmörderisch. Immer wieder werden Kinder auch von Familienangehörigen überfahren, erst vor zwei Wochen. Es sind fast immer Araber (oder streng religiöse Familien, das ist wirklich so!!!). Ich verfolge das schon seit Jahren und kann keine vernünftige Erklärung finden.
Verkehrsregeln werden vielleicht als Einengung der persönlichen Freiheit angesehen oder aber als Diskriminierung (oh, da hab ich im alten Blog mal drüber geschrieben, such ich morgen), und ich wundere mich jedes Mal, warum die Gemeinde keine vernünftigen Bürgersteige baut. Nein, es ist nicht alles Diskriminierung, auch wenn ohne Zweifel Diskriminierung herrscht. Übrigens hat mein Schwiegervater einen guten Freund in einer arabischen Stadt, der zum Thema “unsere Verwaltung und Politiker” harte Worte zu sagen hat. Ich wünschte, er wäre Bürgermeister. Dann wäre das Unglück vielleicht zu vermeiden gewesen.
Gerade wird durchgesagt, daß sich viele arabische Bürger gemeldet haben und um arabische Heftchen gebeten haben, wie sie sich in Krisensituationen zu verhalten haben. In der Tat hätte das schon längst geschehen sollen - aber nicht auf Anregen der Bürger selbst, sondern ihrer gewählten Vertreter.
Ach ja, und zur Frage, warum sie keine Schutzräume haben: seit 1982 ist in Israel Vorschrift, in jedes neue Haus solche Räume einzubauen, Mamad heißen die Dinger. Unser Haus ist aus den 70er Jahren, und wir haben kein Mamad. In arabischen Städten wird oft ohne Genehmigung gebaut, und der Staat will sich nicht mit den arabischen Bürgern anlegen (was ja oft die Siedler so fuchst, die sagen: “was regt ihr euch über unser illegales Bauen auf, guckt mal, was in den arabischen Städten los ist!” aber da drücken die Behörden viel eher ein Auge zu, nicht nur arabische Behörden). Also liebe und mir von Herzen werte arabische Mitbürger, entscheidet euch: entweder ihr macht es wie die Juden und baut neue Häuser NUR mit Mamad (und was für prächtige Häuser stehen in den arabischen Städten!). Dann seid ihr geschützt. Oder macht so weiter wie bisher, baut wild und ohne Aufsicht, weil sich die Behörden nicht mit euch anlegen wollen und euch entgegenkommen wollen oder weswegen auch immer - aber dann beschwert euch auch nicht, daß ihr kein Mamad habt.
Erst ungenehmigt bauen und dann sich beklagen, daß ihr keine Schutzräume habt - das ist ein bißchen unfair.
Ja, auch in so schweren Stunden geht mir das durch den Kopf. Und glaube keiner, ich bin Opfern aus Nazareth gegenüber mitleidlos. Im Gegenteil. Ich habe eiskalte Angst bekommen und gedacht, “welche Familie? welche Familie?” Denn ich kenne gar nicht wenige Famillien in Nazareth, eine meiner liebsten Freundinnen vom Studium ist dort verheiratet, ich habe Dutzenden von StudentInnen dort und Y. KollegInnen, und wir können nie durch Nazareth gehen, ohne Bekannte zu treffen. Aber so wie ich es mir selbst nicht leicht mache, so mache ich es auch diesen Menschen nicht leicht.
Nichts ist hier so leicht, wie es aussieht. Ach, mein Nazareth beschossen.
PS: Es hat mir keine Ruhe gegeben, obwohl ich leider kein Arabisch kann, hab ich mal nachgeguckt, ob es wirklich keine arabischen Informationen gibt. (Übrigens hat auch uns niemand ein Heftchen verteilt, aber gut…) Also, auf einer amtlichen Website mit Informationen über Katastrophensitutionen gibt es einen Link zu identischen Seiten auf Ivrit und Arabisch. Ja, und da strande ich dann. Die Buben werden gerade begraben. Ach, eigentlich müßte man hinfahren, aber ich kann mich von meinen Kindern nicht losreißen. Aber ich denke dran.
Und nein, wir photographieren unsere Opfer nicht, obwohl wir im Laufe der Jahre zerrissene, verstümmelte Leichen en masse hätten vorweisen können, aber wir tun das nicht. Kavod la met, Respekt vor den Toten. Auch die Bilder der Brüder Taluzi werden nicht gezeigt werden.



liebe lila, das was du sagst ist politisch inkorrekt. gerade deshalb ist es wichtig das du es sagst ! lg, dirk
Danke für Deine Beiträge,
sie bringen mir die Situation viel näher als hier im TV.
Aber ich sage es mit Bauchschmerzen, wirklich. Da vermischen sich viele Arten von Unrecht zu einer entsetzlichen Katastrophe. Aber da ich das Gefühl hatte, ich kann ein paar Fäden in diesem Gewirr aufzeigen.
Ach, ich sehe gerade eine Reportage über Pekiin, auch eine arabische Stadt (dort übrigens heulen die Sirenen). Ach, die armen Menschen! Es ist der Horror. Eine schwangere Frau ist von der Terrasse geschleudert worden, hat ihr Baby zu früh bekommen, es geht dem Baby aber gut. In Nahariya, in dem riesigen unterirdischen Bunker des Krankenhauses, hat sie ihr Baby zur Welt gebracht. Die Reporterin fragt, wie sie den Kleinen nennen will. Die junge Mutter wischt sich die Tränen ab und sagt, “vielleicht Shalom”.
Das sind so meine HeldInnen des Alltags.
Ach Werner, das Fernsehen sollte man sich ganz abgewöhnen
Ich schlag hier auf der Couch schon fast Wurzeln, denke immer, wenn ich mal nicht hingucke, passiert noch eine Katastrophe…
„Wer fernsieht, … hat keine Probleme, auf allen Kanälen Informationen zu finden.“
Das gilt natürlich erstrecht für Israelis, und trotzdem wurden sie durch Sirenen gewarnt. Tut mir Leid, aber da kann ich meine Finger einfach nicht von der Tastatur lassen.
„Warum gab es bei ihnen keine Sirene?… Sie beschuldigen natürlich, wie sonst, die Regierung, die sie diskriminiert. Die Medien sympathisieren mit ihnen, wie könnte man auch anders“
Ja, Gott sei Dank! Ich stelle mir die Situation in Dtl. vor. Sirenen warnen vor Gefahr, alles strömt in die (nicht mehr vorhandenen) Bunker - äh nein, nicht alle, nicht die Leute (in der Hauptsache Türken) aus den Hochhausburgen, denn dort gibt es zwar überall Satellitenschüsseln, aber keine Sirenen… Ich kann die sagen, wie man es hier nennen würde, und wie es auch in den Zeitungen stünde. In Frankreich (dort wären es die Algerier) würden die Vorstädte brennen!
Du magst schildern, was viele denken (ist ja hier z.T. nicht anders). Pardon, ich finde das traurig. Ob „Araber“ oder nicht, welcher Religion auch immer: Sie sind Israeli, oder? Leben und arbeiten dort. Oder sind sie doch nur „Gäste“, die man lieber „draußen“ sähe?
Puuuh… Dirk sagte es: „politisch inkorrekt“, und natürlich zusätzlich politischer Sprengstoff.
Trackback von http://myblog.de/veguhadas
leider misslungen. Da habe ich einiges zu Israels fremdsprachigen Radiosendungen zusammengestellt.
@Piet: Doch, es gibt Sirenen in Nazareth. Aber die Stadtverwaltung wollte sie am Yom haSchoah und am Gedenktag für die gefallenen Soldaten Israels nicht ertönen lassen. Also wurden sie von der Zentralanlage losgekoppelt. Und, tja, dann hat einer vergessen, sie wieder zu verbinden.
Piet, in Pekiin haben die Sirenen geheult. Das ist Verantwortung der Stadtverwaltung. “Aravi israeli” ist die Selbstbezeichnung der meisten israelischen Araber oder arabischen Israelis, die ich kenne. Mach mir mit “deutschen Juden” oder “jüdischen Deutschen” bitte vor, wie man auf diesem Fettnäpfchenparcour mit jeder Version alle beleidigen kann. Ich benutze darum den Ausdruck, den meine arabischen Freunde selbst benutzen. Sie sehen sich selbst als Araber, sollten sie das nach den Regeln politischer Korrektheit, die in Deutschland gelten, nicht? Hast Du mal einen gefragt?
Lieber Piet, Bunker sind Verantwortung der Stadtverwaltung. Der Bürgermeister von Nazareth wurde gestern nacht noch interviewt. Wovon hat er geredet? Über die Bombardierungen im Libanon. Ich habe vor dem Fernseher gesessen und laut geschrien, “Ramzi ya madjnun, du bist nicht Außenminister! du sollst erstmal für deine Bürger sorgen!!!”
Denn, Piet, Deine Vorurteile gegen mich, die aus jeder Zeile Deines Beitrags sprechen (”sie ist Israelin, also hat sie was gegen die Araber”), machen es Dir unmöglich zu begreifen, daß ich geschrieben habe, was ich geschrieben habe, weil ich die Leute in Nazareth kenne und mag. Verstehst Du, für mich macht es null Unterschied, ob eine Rakete in Migdal Ha Emek fällt (Goldi!) oder Haifa (Dalit!) oder Nazareth (Lubna!). Ich habe geschrieben, was ich geschrieben habe, weill es mich wahnsinnig macht, wenn ich sehe, wie die Polizisten versuchen, die Bewohner Nazareths zu sicherem Verhalten zu bringen, und keiner auf sie hört.
Nein, es ist sinnlos. Wie kommst Du auf die hirnverbrannte Idee, ich sähe in Lubna, ihren Eltern, in all den Menschen, die ich dort kenn, Gäste, die ihc lieber draußen sähe? Piet, Dein Kommentar ist eigentlich eine bodenlose, bodenlose Frechheit, udn ich bin schlichtweg entsetzt.
Und Piet Du ABSOLUT AHUNUNGSLOSER Mann, meinst Du, für uns gehen die Sirenen? Das hab ich sogar im Beitrag erwähnt. Die Dinger fliegen so schnell, meist funktioniert die Sirene nicht, oder es ist ein Fehlalarm. Meinst Du, ich warte auf eine Sirene? Mir kann jederzeit eine Rakete einfach so auf den Kopf fallen. Ohne jede Vorwarnung.
Meinst Du, uns hat jemand einen Bunker gebaut? Ein Heftchen in die Hand gedrückt? Wir haben, wie alle Bürger auch, Zugang zu den Medien, und da werden wir mit Infos in ALLEN Sprachen zugeschüttet.
Aber es ist bequem, daß immer alles “die Regierung” schuld ist. Und als Mitbürgerin darf ich das auch mal sagen, daß mich das nervt. Als erstes sollten sich die Leute in Nazareth mal bei ihrem Bürgermeister beklagen, bevor sie sofort alles auf die Diskriminierung schieben. Aber die Medien hier fressen die Geschichte auch, ohne auch nur mal nachzufragen. Mit einer Opfermentalität tut sich aber keiner einen Gefallen.
Ach geht mir doch mit Eurer verdammten Political Correctness.
Liebe, liebe Lila, ich verstehe Deine Aufregung sehr gut, aber ich glaube, Piet hat Dich einfach mißverstanden, weil Du in Deinem Post zu erwähnen vergessen hattest, daß die Kommunen für die Sirenen zuständig sind. Wenn man das nicht dazu denkt, kann der Text schon komisch klingen.
Ach was, daß jemand, der mich seit Monaten kennt, mich einfach so abstempelt, das ärgert mich, und er hätte ja wenigstens nachfragen können. Und habt Ihr wirklich geglaubt, daß “mit Absicht” in arabischen Städten keine Sirenen eingesetzt werden, damit arabische Bürger umkommen? Dann fragt Euch selbst mal, wie Ihr drauf seid, und wie frisch Ihr nach der letzten Gehirnwäsche duftet.
Mit “Ihr” meine ich alle, die mich schon länger lesen und trotzdem wie Piet sofort die Araberrauseklerin in mir sahen. Sie kritisiert ihre arabischen Nachbarn, pfui! Bestimmt will sie Transfer! Nehmt ihr die Waffe weg!
Nee, da ärgere ich mich. Denkt doch, was Ihr wollt.
Und da lest es selbst>
http://www.haaretz.com/hasen/spages/740417.html
The rocket barrage shocked residents and emptied Nazareth’s streets. Until yesterday, the Nazarenes did not truly believe that Hassan Nasrallah and Hezbollah would try to hurt them. On the street near the Taluzi home, an argument broke out over the organization’s ability to aim the missiles.
“They just fire them, and only God knows where they will land,” one man said. “There’s no difference between Jews and Arabs here, no difference between blood and blood.”
Another man added: “He wouldn’t hurt Arabs if he knew, but sometimes they fire a missile and it lands a few meters from the target.”
Letzterer Mann hat wohl nicht mitgekriegt, wie viele arabische Orte schon beschossen worden sind, auch arabische Viertel in Haifa und Akko. Vermutlich haben sie das auf Al Jazeera nicht gemeldet.
Also Lila, wenn Du auf mich antwortest, sprich doch bitte auch mich an. Ich hatte die Auslassung gar nicht bemerkt, weil ich mir auch kaum vorstellen kann, daß die Installation von Sirenen zentral gesteuert würde, wozu denn.
Ich will nicht für Piet sprechen, er wird Dir bestimmt selbst antworten. Ich wollte Dich nur etwas beruhigen. In diesem Sinne noch dies: Ich glaube, Du hast mit etwas Verve geschrieben, und da ist das eben mal auch heftig angekommen. In Krisensituationen liegen die Nerven immer etwas schneller blank. Auch wenn wir hier lange nicht so darin stecken wie Du, aber in Deutschland sind zur Zeit auch ziemliche Temperaturen, und Klimaanlage ist hier noch nicht Standard, das mag auch eine Rolle spielen, da ist der Kopf nicht so kühl. Nimm es vielleicht so, hm?
Frisch nach Gehirnwäsche duften habe übrigens ich auch noch nicht gehört, zu schön.
Lieber Anmerker, Kind des Friedens, wie, meinst Du wohl, funktioniert das mit dem Alarm im Krieg? Denk mal nach.
Bei so kurzen Entfernungen ist Alarm fast unmoeglich. Kannst Du Dir ernsthaft vorstellen, da sitzt jemand und sagt, “ach wat, sind ja bloss Araber, lass mal, die muessen wir nicht warnen”. Nu be emet!
Und bei fast allen Zielen hier hiess es, ach, die werden schon nichts abbekommen. Meinst Du, die Bunker in Carmiel sind benutzbar? Da haben viele Stadtverwaltungen geschlampt. Selbst wo welche sind, stehen sie unter Wasser. Von Zeit zu Zeit wurde darueber geklagt, aber keiner hat was dagegen getan. Das hat mit Diskriminierung nichts zu tun.
Ach du meine Güte, da habe ich ja was angerichtet - gleich vorne weg: Um Himmels Willen, Lila, nicht im Traum wäre ich auf den Gedanken gekommen, dich eine Rassistin zu schimpfen!
Gerade deswegen aber, gerade weil ich deine Beiträge hier ja schon eine Weile lese, war ich einigermaßen fassungslos (daher meine tatsächlich impulsive Reaktion, die ich durch Dirks Kommentar („politisch inkorrekt“) bestätigt sah, als ich eben diesen Beitrag las! Denn in der Tat hatte ich deinen Beitrag so interpretiert, dass „der Staat“ (im Allgemeinen, unabhängig von Verwaltungsebenen) für Bau, Verteilung und Betrieb der Sirenen zuständig sei, hier aber Sirenen wohl gar nicht erst montiert worden wären, was nun zum Tod zweier Kinder geführt hätte. Wäre es an dem, wäre es ein Skandal, der zu Recht beklagt gehörte. Und so hatte ich auch den Protest dieser Menschen gegen „die Regierung“ (auch hier den Staat im Allgemeinen, aber vielleicht ist das perspektivisch zu deutsch gedacht?) verstanden. In einer solchen Konstellation hätte ich deine geschriebene Solidarität mit diesen Menschen erwartet und las nun, dass sie quasi selber Schuld seien an ihrer Situation. Dass war der Grund für meine deutlichen Worte! Kein „Grundverdacht“ oder irgendwie soetwas! Sondern die aus einem Missverständnis heraus entstandene heftige Reaktion auf einen (eben falsch gedeuteten) deftigen Artikel.
Ach, wäre ich doch eher wieder am Rechner gewesen, aber ich hatte einen Unfall und sitze nun selber ziemlich lädiert davor… nun auch noch bedröbbelt!
Liebe Lila, entschuldige bitte, wenn ich dich verletzt habe, das lag wirklich nicht in meiner Absicht!
Danke Vered für die Aufklärung und Anmerker für die vorweggenommenen Erklärungen (sind übrigens hier noch immer schwüle 36° draußen *stöhn*).
Liebe, liebe Lila, was hat das mit mir zu tun???
Ich habe mich beschwert, daß Du mich nicht ansprichst in Deiner vorigen Antwort auf mich. Warum? Weil Du ein Kollektiv ansprichst, zu dem ich nicht gehöre, zum Beispiel: “Und habt Ihr wirklich geglaubt, daß ‘mit Absicht’ in arabischen Städten keine Sirenen eingesetzt werden, damit arabische Bürger umkommen?” Ich hatte dergleichen nicht geglaubt. Und ich hatte Dich nicht falsch verstanden. Ich wollte Dir nur erklären, daß Piet Dich falsch verstanden haben könnte. Und ich bin zu dieser Erklärung gelangt, indem ich nach der Wahrnehmung Deiner Empörung Deinen ursprünglichen Post noch einmal überflogen habe. Ich habe nicht das Bedürfnis, ständig Partei zu ergreifen oder mir irgendwelche identitätsstiftenden Zugehörigkeiten zu bestätigen. Ich bin, der ich bin. So wenig ich Katholik sein muß, um den Vatikan gegen eine falsche Auslegung seiner Äußerungen zu verteidigen, so wenig ich mit den Siedlern von Gush Katif übereinstimmen muß, um sie verstehen zu wollen, so wenig muß ich mit Piet übereinstimmen, um Dich über seine Reaktionen zu beruhigen zu versuchen.
Hey, Anmerker, ich hab Dich sogar Kind des Friedens genannt.
Ich glaube, ich werde jetzt die originale Post verbessern, damit kein Leser ernstlich glaubt, der israelische Staat läßt seine arabischen Bürger verkimmeln.
Und Piet, wenn Du geglaubt hast, daß ich nicht die Partei von Leuten ergreifen würde, wenn sie so behandelt werden, dann finde ich das, äh, erstaunlich. Aber wenn ich Dir sage, be-ima-sheli, daß es unlogisch, aber typisch ist, erst Sicherheitsvorschriften zu ignorieren und dann den Staat dafür anzuklagen, dann glaub mir, das ist so. (Und nein, nicht nur die Araber tun das, das ist israelischer Volkssport.) Und das nervt.
Ich habe übrigens über ähnliche Phänomene im Kibbuz wesentlich schärfer geschrieben, “Es sollte doch mal jemand…” Aber da die Araber in Israel wirklich auch mit Diskriminerung zu kämpfen haben, gehe ich mit ihnen nicht so scharf ins Gericht wie mit meinen Kibbuzniks. Sie nerven mich auch weniger.
Aber trotzdem, ich werde ja wohl mal meine Verblüffung kundtun dürfen, wenn ein Mann aus Nazareth in fließendem, absolut akzentfreiem Ivrit ins Mikro schreit, “und keiner hat mir Informationen auf Arabisch übermittelt!” Ich schone die Absurditäten dieser Bevölkerungsgruppe normalerweise, weil ich mir schon denken kann, daß ich dann geteert und gefedert werde. (SO schlecht für den Teint).
Erinnere Dich bitte dran, daß ich als Christin hier selbst Minderheit bin, und daß die Menschen, mit denen ich am schnellsten einen Draht finde, 1. alte Yekkes, 2. Drusen und 3. christliche Araber sind.
Und hier ist es gar nicht so heiß. Wäre ich nicht in Erwartung der nächsten bösen Nachricht, ginge es mir besser.
Ja, Kind des Friedens, sorry, Lila, aber Pazifist bin ich auch nicht, das ist nur ein anderes Deiner Klischees. Und wenn Du Dein “Denk mal nach” an ein “Kind des Friedens” richtest, ist es dann passender? Du unterstellst mir Gedanken, die ich nicht habe und die bei mir zu vermuten ich nicht wüßte Anlaß gegeben zu haben. Oder wolltest Du sagen, als “Kind des Friedens” könne ich doch eben mal Prügel einstecken, die mir gar nicht gelten sollten?
Oha, da habe ich aber voll ins Fettnäpfchen getreten. So war es nicht gemeint. Mit “Kind des Friedens” meinte ich, daß Du im Frieden geboren und aufgewachsen bist. Du hast Dir nie darüber Gedanken machen müssen, wie ein Frühwarnsystem für Raketen funktioniert, ob da nicht vielleicht eine Transuse am Radar sitzt oder die Rakete gar nicht vom System erfaßt wird, und ob Dir Zeit bleibt, einen schlafenden Mann und vier schlafende Kinder eine Treppe runterzuzerren, um ein dünnes Dach mehr zwischen Dir und Nasrallahs Betthupferl zu wissen. Das war alles.
Und denk mal nach habe ich geschrieben, weil Y. mir genau erklärt hat, wie das System funktioniert, aber vorwurfsvoll meinte, “also ALLES brauchst du nun auch nicht zu bloggen, laß uns noch ein paar militärische Geheimnisse”. Du kannst Dir also selbst denken, wer für diese Frühwarnungen verantwortlich ist.
Aha, und zu welchem Thema zwischen uns gehört das jetzt? Über Raketenwarnungen habe ich nichts gesagt, oder?
Lila, Piet hatte Dich mißverstanden, Du schienst sehr aufgebracht und verletzt und ich habe mir gedacht, ich sollte Dich schon einmal etwas beruhigen. Vielleicht bin ich einfach der Falsche dazu.
Und außerdem, Lila, Du widersprichst Dir. Erst sagst Du: “ich hab Dich sogar Kind des Friedens genannt.” Und dann: “Mit ‘Kind des Friedens’ meinte ich, daß Du im Frieden geboren und aufgewachsen bist.” Was heißt dann “sogar”?
Zitat: “Also Lila, wenn Du auf mich antwortest, sprich doch bitte auch mich an. Ich hatte die Auslassung gar nicht bemerkt, weil ich mir auch kaum vorstellen kann, daß die Installation von Sirenen zentral gesteuert würde, wozu denn.”
Es ist doch nun mal so, daß Leute wie Du und ich, die im Frieden geboren und aufgewachsen sind, sich über solche Sachen keine Gedanken machen. Meinst Du, ich hätte das gewußt, bevor Klug-Mann mir das erklärt hat? Vered wußte es schon vorher, garantiert.
Ich war in der Tat verletzt, aber hast Du nicht bemerkt, daß Du mich schon sehr nett beruhigt hattest, bevor der arme Piet in die Wolfsgrube meines Zorns gefallen ist? Ich grolle eben immer noch ein bißchen nach, damit der Umschwung nicht zu kraß ist.
Dieser String gehört ins dickste Buch der Welt, nämlich “Mißverständnisse zwischen Wohlmeinenden”.
Es kränkt mich eben nichts mehr, als mich in das ewige Schema der “haßerfüllten Nachbarn” zu pressen, wo ich doch unter dem mir entgegengebrachten Haß so sehr und schmerzhaft leide, wo ich mich über jedes Zeichen von NIcht-Haß sehr freue und selbst wirklich nicht in die Sünde des Hassens verfallen möchte. Nie. Ich möchte nicht hassen, nie. Wäre es nicht mißverständlich oder cheesy, hätte ich mich mit Nickname sogar Antigone genannt.
http://www.zitate.tv/zitate-detail-2229.htm
Übrigens bist Du auch “voll ins Fettnäpfchen getreten” mit dem “Kind des Friedens”, denn ähnlich hast Du Dich unmotivierterweise schon öfters geäußert, und ich habe es stets ertragen, ohne es zu ernst zu nehmen, oder?
Überschneidung: Nr. 20 und 22 mit Nr. 21.
Schön, Lila, daß ich Dich doch beruhigt habe, aber wenn die Folgen so sind, muß ich’s mir das nächste Mal überlegen. Tut mir leid, aber ist so.
Gute Nacht.
Och Anmerker, nicht rumgrummeln…
Wenn ich mein Posting aus Lilas Perspektive lese, war er in der Tat unschön. So ist das leider manchmal mit der Kommunikation, die auf’s Schriftliche beschränkt sehr missverständlich sein kann. Aus dieser Rage heraus sagt man vielleicht auch mal etwas, was man dann nicht auf die Goldwaage legen sollte, selbst wenn man in dem einen oder anderen Punkt nicht immer übereinstimmt.
Dass ich Lila mit meinem Posting verletzt habe, tut mir wirklich Leid. Vielleicht kannst du ihre Reaktion auch aus dieser Perspektive sehen? Denn möglicherweise hast du etwas abbekommen, was aus der Stimmung heraus eher mir gegolten hätte, dann müsste ich mir diesen Schuh eben anziehen. Zumindest habe ich gelernt, dass ich in der Tat das nächste mal per Mail nachfrage. Man sollte einen Menschen doch zunächst mit dem wahrnehmen, mit dem man ihn bis dahin kennengelernt hat.
In einem Blog menschelt es eben, dann kann man sich, das ist das Schöne, auch wieder vertragen, wenn es gekracht hat. Dir auch eine gute Nacht,
Gruß, p.
Danke, Piet, aber Du siehst ja selbst, daß Lila mit Ihrem letzten Kommentar mir immer noch einreden will, ich könne ihren ursprünglichen Post gar nicht verstanden haben, weil ich nicht das israelische Warnsystem studiert habe. Absurdistan. Meine Nerven sind vielleicht einfach zu schwach dafür, diese Art von Dankbarkeit zu genießen — ich habe ja gesagt, ich bin vielleicht der Falsche. Ich werde hierzu nichts mehr sagen.
Doch noch eins, da ich hier gerade etwas nachschaue: In Nr. 22 habe ich den intendierten Sinn völlig entstellt, indem ich ein “nicht” vergessen habe. Es sollte nämlich heißen: “Im übrigen bist Du auch nicht ‘voll ins Fettnäpfchen getreten’ …” — Nur für den Historiker, der Dein Blog einmal auswertet.
Lieber Anmerker, dieser Historiker ist ohnehin doomed und kann mir nur leidtun…