Schwer zu erklären Juli 18, 2006, 23:12
Posted by Lila in Land und Leute.16 comments
aber ich will´s trotzdem mal versuchen. Wieso sind wir nicht begeistert von einem Waffenstillstand? (Ich höre gerade den sanften Amram Mitzna, auch er denkt so.) Es klingt doch so gut, ach, daß die Waffen schweigen und kein Unschuldiger mehr stirbt, unter Trümmern begraben wird oder von Splittern zerrissen! Ja, kein Fenster soll mehr zerspringen, wenn es nach mir ginge, auf der ganzen Welt. Aber ich muß zwischen meinen Träumen von einer besseren Welt und der Realität entscheiden. In diesem Fall geht es um die Zukunft der Region.
Wenn wir jetzt Waffenstillstand schließen, was haben wir dann gewonnen? Die Soldaten bleiben verschwunden, die Hisbollah hat uns die Zähne gezeigt und wir ihnen, nichts wird sich ändern. Wie ich schon oft erklärt habe, heißt Hudna nicht etwa Waffenstillstand als erster Schritt zum Frieden, sondern Gefechtspause, um neue Kräfte zu sammeln. So war es bisher immer, und der Ausbruch von Gewalt gegen Israel ist der Beweis, daß das nicht nur eine von Israels Paranoias ist. Welches Interesse können wir daran haben, der Hisbollah jetzt Gelegenheit zu geben, sich die Wunden zu lecken und das Arsenal wieder aufzustocken? Denn auch jetzt bekommt sie Nachschub von Syrien aus, was will uns dieses Zeichen sagen?
Nein, einen Waffenstillstand schließt man, wenn sich eine Lösung abzeichnet und der Kampf eigentlich beendet ist, wenn andere Wege zu einer Lösung führen. Doch zwischen uns und der Hisbollah geht es nicht um ein Abkommen, das man besser in Verhandlungsrunden erreicht, weil man keinen Menschen mehr bluten sehen möchte, keinen Taubenschlag mehr zerstört sehen will. (Hat euch dieser Taubenschlag auch so fertiggemacht?) Leider hat die Hisbollah keine Absichten, sich mit unserer Existenz auszusöhnen, sondern möchte einen Vernichtungskrieg führen - wobei die heutige Auseinandersetzung nur ein kleines Gefecht in diesem Krieg ist.
Die Lage ist also nicht mit anderen Kriegen zu vergleichen, in denen beide Seiten ein Interesse haben, zu einem Ausgleich zu kommen. Zum Beispiel zwei Staaten, die Krach um ein Gebiet haben, um die Vormacht kämpfen. Und die sich am Ende, Pack schlägt sich Pack verträgt sich, zusammensetzen und die Karten neu verteilen. Doch die Hisbollah will keine “zionistische Einheit”, wir sind kein Staat in ihren Augen und sie wollen nicht mit uns verhandeln. Ja sie haben auch keine Ansprüche gegen uns, kein Gebiet, das sie fordern können.
Wir haben auch kein Interesse daran, mit der Hisbollah in Verhandlungen einzutreten - wer ist die Hisbollah? Eine Terrorganisation, die von libanesischem Boden aus operiert. Welche Abkommen könnten wir mit ihnen treffen? Was könnten wir ihnen bieten? Kollektiven Selbstmord vor laufenden Kameras? Wofür wäre es denn wert, einen Waffenstillstand zu schließen? Abkommen schließt man mit Partnern, so wie mit Sadat oder Malik Hussein. Die halten sich auch dran. Aber wann hätte ein Terrorist je ein Abkommen um des Abkommens wegen gehalten - und nicht nur aus rein taktischen Erwägungen? Wie die Abkommen nach Invei Zaam gezeigt haben, kommt das dicke Ende hinterher.
Ja, wenn sich abzeichnet, daß ein internationaler Durchbruch bevorsteht, und eine echte Lösung sich abzeichnet - dann hoffe ich, daß ein Waffenstillstand geschlossen wird, weil es mir wirklich brennend leid tut, wie die Menschen bei uns und im Libanon leiden. Doch ich private, weichherzige Lila, ich kann keinen Staat führen. Olmert muß eiskalt durchkalkulieren, wenn ich jetzt Waffenstillstand mache, was ist in vier, fünf, sechs Jahren? Dieselbe Geschichte encore une fois, aber mit neuen, vielleicht nicht-konventionellen Waffen? Olmert muß nicht nur an heute denken, an die Erleichterung, die ein Schweigen der Waffen für alle bedeutet. Es ist eine schreckliche Entscheidung, und es sieht mir gar nicht ähnlich, dahinter zu stehen, aber es darf keinen taktischen Waffenstillstand geben. Nur einen echten.
Es bleibt nur zu hoffen, daß wir zu unterscheiden wissen, wann das Waffenstillstandsangebot ein echtes ist. Ich traue mir zu abzuschätzen, daß der Moment noch nicht gekommen ist. Ich neige sonst nicht zu medizinischen Ekelmetaphern, aber mancher Furunkel muß eben schmerzhaft aufgeschnitten werden, ehe er verbunden wird. Daß der Furunkel so angeschwollen ist, das sind auch wir schuld. Aber nicht allein. Alle haben weggeguckt. Und jetzt haben wir die Bescherung.
Herrje, wer hätte gedacht, daß ich je so martialische Töne finde. Es fällt mir nicht leicht, so wie es Mitzna und Beilin nicht leichtfällt. Aber wir haben gerade den Unterschied zwischen trügerischer Ruhe und echtem Frieden kapiert, und diese Erkenntnis setzen wir nicht mehr aufs Spiel.
Ich weiß nicht, ob ich das überzeugend genug erklären konnte. Hoffentlich klingt es nicht zu monströs. Wir sind keine Unmenschen. Aber eine Scheinlösung hilft niemandem. Hilft das Bomben? Ach Gott, könnte ich nur sicher sein. Nennt man so etwas ausweglose Situation? Ich dachte mal, sowas gibt es nicht. Aber es scheint, das gibt esdoch.
PS: Und wie immer entdecke ich bei der abendlichen Presseschau einen Artikel zum selben Thema, ja sagt mal, bin ich denn so un-originell?
Bilder im Kopf Juli 18, 2006, 16:34
Posted by Lila in Uncategorized.1 comment so far
Ich bitte, die Bilder, die sich in meinem Kopf formen, fast von allein, nicht als politische Analysen zu verstehen, sondern einfach nur als Assoziationen, die sich mir aufdrängen.
Ich sehe Nasrallah vor mir, im Bunker. Für seine Obsession opfert er ein ganzes Volk. Er zeigt sich nicht mehr. Es geht ihm nur um seine Leute, und letzendlich nur um sich selbst. Vielleicht wird eines Tages mal ein Film gedreht, “Der Untergang”, über Nasrallahs letzte Tage im Bunker? (Und NEIN, ich bin nicht dafür, ihn per Bombe zu erledigen, sondern ich bin für einen Prozeß wie gegen Saddam - wenn ich auch den Himmel bitte, mir das ekle Bild eines Epithel-Abstrichs seiner Backen zu ersparen!!!!)
Und ein leichteres Bild. Ich sehe die schwarzrotgoldenen Flaggen, die sich in Deutschland während der WM auf einmal ganz normal und fröhlich zeigten. Ich sehe die blauweißen Flaggen, die wir sonst nur im Mai, zum Unabhängigkeitstag, an Autos und Balkons hissen - und sehe im Fernsehen, daß die Leute in Haifa sie wieder rausholen. Und ich erkenne die Macht dieser urtümlichen Symbole: ein Bild, ein visuelles Zeichen, das dem Menschen ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe symbolisiert. Wie stark sind diese Symbole, und wie stark diese drei Sehnsüchte: Sehnsucht nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Sehnsucht nach Persönlichkeit und Sehnsucht nach Gott (oder für Atheisten: nach einem gültigen Sinn). Eine Art magisches Dreieck, in dem sich unser Leben abspielt: Ich, die Anderen, die wie Ich sind, und das, was größer als Ich ist. Ein Dreieck, das wir immer symbolisch ausagieren, mit Flaggen, Bekreuzigen, Mesusaküssen und all unserer Selbstbehauptung…
Ich sehe die fröhlich oder trotzig gehißten Flaggen der beiden Völker, denen ich mich zugehörig fühle, auch die aller anderen, und staune über die Kraft der Symbole in einer Welt, die an die Kraft des Worts glaubt, ja sich oft über urtümliche Reflexe erhaben fühlt. Ich glaube, Bilder und Symbole sind mindestens eben so mächtig.
Anmerkungen Juli 18, 2006, 14:03
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Was mir so durch den Kopf geht.
1. Es ist sehr sinnvoll, daß die Medien nicht sofort genau durchgeben, wo eine Rakete gefallen ist. Sonst macht sich ein harmloser Journalist zum Helfer der Hisbollah. “So, südliches Hadar? Dann müssen wir wohl ein bißchen mehr links halten…” Darum besser nichts Genaues sagen, obwohl wir alle wissen wollen, ob das nun genau da ist, wo die Eltern von D. wohnen. Ebenfalls ist es sinnvoll, nicht großartig anzukündigen, daß die Bewohner von Nahariya nun eine Bunkerpause kriegen, um Einkäufe zu erledigen. Die Hisbollah wäre ja dumm, das nicht als Einladung zu verstehen - und sofort Nahariya aufs Korn zu nehmen. Desgleichen ist es überflüssig, groß anzukündigen, wo die Luftwaffe nächste Nacht hinzielt - so ein nun-mem-Abwehrkommando ist mobil und kann sich gut darauf einrichten. Diese militärische Zensur, die so wichtigtuerisch und überflüssig aussieht, hat also ihre sinnvollen Gründe.
2. Hut ab vor MaDa (Magen David Adom, der Rote Davidsstern) und den anderen Rettungsdiensten. Sie sind in Windeseile an jedem Ort. Klar, durch die jahrelangen Anschläge sind diese Dienste sehr routiniert und tüchtig. Ich frage mich manchmal, ob besonders die Palästinenser nicht auch so viele Verluste haben, weil sie ihre Verletzten so absolut amateurhaft und brutal ins Krankenhaus schaffen. Man sieht ja immer wieder, wie sie ihre Verletzten “retten” - es sieht vielleicht malerisch aus, aber sie hätten ein bißchen von dem vielen Geld, das sie erhalten haben, in tüchtige Rettungsdienste investieren können. Der Konflikt zieht sich lange genug hin, daß sie da wirklich Kräfte hätten reinstecken sollen - so wie wir es gemacht hatten. Das rettet wirklich Menschenleben. Daß es im Libanon nicht so gut klappt, kann ich sehr gut verstehen - schließlich trifft dieser Konflikt den Libanon völlig unvorbereitet. Aber wie wichtig gute Rettungskräfte und Krankenhäuser sind, das ist kaum zu überschätzen. Es senkt die Opferzahlen.
3. Als wir die Bilder aus Beirut sahen, meinte Y., der mich am Ende seiner Mittagspause für ein gemeinsames Täßchen Kaffee besuchen kam: “Beirut kehrt in die 70er Jahre zurück. Ist das traurig zu sehen. Ach, ist das traurig”. Das fühle ich auch.
4. Es hat mir gestern in den Fingern gejuckt, die pro-israelischen Demonstrationen in Rom und New York (mir stiegen beim Anblick die Tränen in die Augen, danke! ihr lieben Demonstranten) mit den pro-menschlichen in Tel Aviv und den anti-israelischen Demonstrationen wie in Berlin zu vergleichen. Von der Atmosphäre, den Schlagworten, der allgemeinen Haltung dahinter. Ich hab mir das am Ende aber nicht angetan. Die Palästinenser haben das Recht, in Deutschland zu demonstrieren, das ist auch gut so. Daß sie diese Freiheit dazu nutzen, uns den Tod zu wünschen, paßt nur allzusehr zu ihrer generellen Linie - sie wünschen uns den Tod stärker, als sie sich selbst ein friedliches, schönes Leben wünschen. Wenn ich solche Schreierein höre, kommt es mir manchmal wie eine Krankheit vor, wie ein Mensch, der so besessen ist von einer Idee, daß er bereit ist, sich selbst um Gesundheit und Leben dafür zu bringen. Ja, Ihr könnt ruhig sagen, daß das aber eine arrogante Haltung ist. Aber so sehen sie mir nun mal aus, wenn ich sie durch Berlin marschieren sehe und die meisten Plakate uns den Tod wünschen, statt Frieden der ganzen Gegend - so wie das die Plakate in Tel Aviv taten. (Hm, hab ich doch mehr drüber geschrieben, als ich wollte!)
5. Ich suche jetzt mal nicht nach Links und Bildern, sondern wende mich wieder der Arbeit zu.
Nichts mitgekriegt Juli 18, 2006, 9:51
Posted by Lila in Land und Leute.16 comments
habe ich vom Katuyshabeschuß der letzten Nacht. Bei uns war es ruhig, ich habe viel Schlaf nachgeholt und nun muß ich Arbeit nachholen. Macht nichts, ausgeschlafen geht alles viel besser.
Zur Bodenoffensive, so wenig ich von militärischen Sachen verstehe: das ist eigentlich unser bete noire. Der “libanesische Sumpf” sitzt uns so in den Knochen, daß wir alles lieber machen würden als Bodentruppen in den Libanon schicken. Als zu Anfang der Kämpfe einige unkten, “ohne Bodentruppen können wir die Hisbollah nicht unschädlich machen, man kann nicht alles aus der Luft machen”, da waren die Reaktionen sehr heftig. Eine Bodenoffensive? Niemals. Wir haben dort zahllose Soldaten verloren, da gehen wir nie wieder rein.
Aber es sieht so aus, als hätte die Luftwaffe alles, was aus der Luft beschossen werden kann, zerstört - dabei auch jede Menge Ziele, die nicht nur von der Hisbollah genutzt werden, und damit das ganze libanesische Volk treffen. Von den vielen zivilen Opfern, die trotz Abwerfen von Flugblättern etc natürlich trotzdem getroffen wurden - das ist ja das große Problem aller Operationen aus der Luft. Die Waffenlager unter Privathäusern, in denen die Hisbollah ihr beachtliches Potential lagert, können vielleicht nur von Infanteristen aufgespürt und zerstört werden - aber mir graut bei dem Gedanken an den Preis, den auch eine solche Aktion fordern würde.
Diese ganze Geschichte steckt so voller Dilemmata, daß man keine Option zu Ende zu denken wagt, zumindest nicht, wenn man mein Privileg teilt und keine Entscheidungen treffen muß. Daß wir uns nicht leisten können, weitere Raketen in der Hand der Hisbollah zu sehen, ist wohl klar - die Hisbollah setzt diese Dinger nämlich gegen uns ein, sie sind nicht nur zur Dekoration, Abschreckung (wovor eigentlcih?) oder Belebung der Wirtschaft. Sondern sie sind dafür gedacht, mir im passenden Moment aufs störende Köpfchen zu fallen.
Tja, und eine internationale Truppe? Nun, lieber deutscher Leser, sage mir ehrlich, bist Du bereit, Deinen Sohn, Neffen oder Freund in einem Truppentransporter von Dörfchen zu Dörfchen zu schicken, um von Haus zu Haus nach Waffenlagern zu fahnden, unter ständigem Beschuß von Scharfschützen, Handgranaten und im Boden versteckten Minen? Aus was für Leuten sollte eine solche Truppe sich zusammensetzen? Außer uns hat niemand Lust, sich mit der Hisbollah anzulegen, und auch wir haben es ja eigentlich nicht, wollten es ja so lange wie möglich vermeiden und müssen es nun.
Die einzigen, deren Eigeninteresse sie an unsere Seite hätte zwingen sollen, wären da nicht ein paar Bomben zuviel gefallen, das sind wohl die Libanesen. Die Regierung und Armee des Libanon sollten nach allen Gesetzen der Logik jetzt zu Olmert sagen: paß auf, du hast es nach Deinen Methoden allein versucht, nun laß es uns mal gemeinsam versuchen, und zwar ohne unsere Bevölkerung zu prügeln, wo die Hisbollah gemeint ist. Und so wie die Südlibanesische Armee jahrzehntelang mit Zahal zusammengearbeitet hat. (Übrigens könnte ich mir denken, daß manche Veteranen der Zadal bei einer solchen Bodenoffensive oder Zusammenarbeit gern mitmachen würden.)
Das wäre der einzige gangbare Ausweg, aber ich weiß, daß weder die Regierung in Beirut noch die Armee die Macht dafür hat, sich aktiv gegen die Hisbollah zu stellen. Sehr, sehr schade. So schade, daß ich eigentlich keine Worte dafür habe.

