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Der Tag geht zu Ende, Juli 17, 2006, 22:22

Posted by Lila in Land und Leute.
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und ich merke, daß sich bei mir etwas verschiebt. Es hat ein paar Tage gedauert, aber ich habe die Situation akzeptiert. Mein Nervositätslevel ist gesunken. Ich habe interessante Dinge gelesen: Ein Interview mit dem Vermittler des Tennenbaum-Deals, dem Kenner des Nahen Ostens und sehr interessanten Detlef Mehlis, das wohl den meisten bereits bekannte Interview auf SPon, in dem Dan Diner erklärt, warum wir das Gefühl haben, jetzt müssen wir heftig reagieren, und einen Einblick in die Lage aus libanesischer Sicht. Auch das gehört dazu. Ich werde das nächste Mal, wenn ich nachts nicht schlafen kann, an die vielen denken, die nur wenige Kilometer von mir in noch viel größerer Angst und Unruhe wach liegen.

Gisela Dachs erklärt, weniger grundsätzlich als Diner, warum bei uns “das Wasser bis zur Seele steht”. Beide ergänzen sich eigentlich sehr schön. Und wer sich für sowas interessiert, der wird vielleicht an dem Bericht über die Silsal-Rakete Gefallen finden. Anfangs hieß es, eins unserer Flugzeuge ist abgeschossen worden, dann wucherten die Spekulationen.

Ich weiß, keiner glaubt mir mehr die Wundermären über meinen angetrauten Schlaufuchs, doch ein Blick reichte ihm, um zu knurren, “das ist eine Rakete, guck mal die Flugbahn an, wie die runtertaumelt, und zwar eine iranische mit großer Reichweite”. Ich wollte das nicht bloggen, es wäre auch zu doof gewesen, wenn er sich getäuscht hätte, aber sein Lächeln war Gold wert, als sich herausstellte, daß er natürlich richtig gesehen hatte. Eine Rakete mit 200 km Reichweite haben sie also schon rausgeholt in ihrem fein abgestuften Kunstwerk, die reinste Nadelmalerei, und hätten sie wohl auch abgeschossen, wären unsere Flugzeuge nicht schneller gewesen.

Bevor ich nun Quarta aus der Badewanne fische, in der sie singt und planscht, mich über die Küche hermache (wie viele Krümel fegen eigentlich andere Mütter abends aus der Küche??? da könnte man einen Geier mit füttern) und mir eine stille CD einlege (es wird wohl Satie sein müssen, oder ein bißchen fromme Lieder von Bach), da will ich doch etwas Grundsätzliches sagen.

Nasrallah hat eine Theorie, auf die seine gesamte Theorie aufbaut. Er hat sie uns oft genug dargelegt. Es ist die Theorie der Spinnweben. Laut Nasrallah sieht Israel von außen stark und kräftig aus (auf welchem Bein die Metapher arg hinkt, aber Nasrallah ist kein Literaturwissenschaftler), doch ist so leicht zu zerreißen wie Spinnweben. Das wiederholt er oft – Arachnophobie? Er wird die Hand nur heben müssen, um das Spinnennetz zu zerreißen.


Für ihn als religiösen Fanatiker gehören religiöser Fanatismus, Todesverherrlichung und Durchhaltevermögen (Sisu für die Finnen unter uns) unauflösbar zusammen. Daß Menschen, die auf Parties gehen, kurze Shorts durch die Stadt spazierenführen, vorehelichem Geschlechtsverkehr und anderen widernatürlichen Praktiken frönen, daß Menschen, die das Leben lieben und daraus keinen Hehl machen, daß also diese Weicheier ihm standhalten könnten, das glaubt er nicht.

Es ist schwer vorstellbar, daß dieser hochintelligente und über Israel beeindruckend gut informierte Mann sich so irren sollte. Erstens mal ist Israel gar nicht so hedonistisch, wie es einen manche Blogs, Filme oder Zeitschriften glauben machen wollen. Meine Freundinnen zum Beispiel, die in kecken Hemden rumlaufen, mit Friseuren zum Spaß anbandeln oder allein Kinder aufziehen, küssen die Mesusa und beten. Viele Israelis, wenn man die Fassade ein bißchen ankratzt, sind den jüdischen Werten sehr verbunden, selbst wenn sie wenig über ihr Judentum wissen oder am Shabat Auto fahren oder schon mal unkoschere Wurst essen. Aber wir sind keine Gesellschaft von Nihilisten, es herrscht eine Art säkularer Konsens, in dem die Armee, die Fahne, der Davidstern, die Lieder zu Yom ha Zikaron und das Prinzip “steh auf und lern dein Land kennen” feste Ecksteine sind.

Ganz davon zu schweigen, daß große Teile der israelischen Bevölkerung fromm, mehr oder weniger, und traditionell lebend, mehr oder weniger sind. Weder ein drusischer Offizier noch eine orthodoxe Mutter von sieben Kindern noch auch ein hart arbeitender Kibbuznik oder Moshavnik, der seit 30 Jahren im selben Flanellhemd rumläuft, entsprechen dem hedonistischen Bild, das Nasrallah von uns hat. Vielleicht macht sein eigener 100%iger religiöser Fanatismus ihn blind für die Nuancen, die eine junge Frau in bauchfreiem Shirt in Tel Aviv und ihre traditionell lebende jemenitische Mutter in Alt-Yokneam unterscheiden, und für die festen Fäden, die sie verbinden. Fester als Spinnweben. Oder sagen wir: Spinnweben sind ohnehin schon fester, als Nasrallah glaubt.

Aber er wird uns nicht kleinkriegen. Ich hab vorhin einen Bericht aus Afula gesehen, Ilans Falafel. Ilan wirbelt Falafelbällchen durch die Luft, sie landen in schönem Bogen im Pita, die Sirene heult, doch keines der Bällchen reißt aus dem Bogen aus. Ilans Hand bleibt ruhig. Nein, Nasrallah, wir sind bis jetzt nicht zerbrochen, und wir zerbrechen auch jetzt nicht. Wir sind im Krieg, seit meine Schwiegergroßmutter während der Schwangerschaft auf Wachrunde mit ihrem Gewehr in eine Grube fiel, seit mein Schwiegervater sich durch Beschuß auf den Heimweg machte, um seinen Vater zu begraben, seit mein Mann sah, wie seine Kameraden aus Versehen von der eigenen Luftwaffe beschossen worden. Wir sind aber noch da. Und Nasrallah, wir bleiben auch hier. Mit dem Zerteilen von Spinnweben hat man noch keine Spinne daran gehindert, nicht noch am selben Abend eifrig ihren Faden aufs neue zu spannen.

Danke, Nasrallah, für eine Metapher, eine Einsicht und die indirekte Art und Weise, mit der du mir wieder Mut gemacht hast. Obwohl du es bestimmt nicht so beabsichtigt hast.

Äh bäh, Schweinerei, da hatte natürlich schon jemand vor mir die Idee. Nu, macht nichts. Ich geh gleich mal vergleichen, na ja, er ist ein bißchen weniger literarisch als ich…. aber ich unterschreib´s trotzdem.

He is not familiar enough with Israeli society. Nasrallah miscalculated the public’s staying power. For someone claiming to know us better than anyone, he figured that if the relatively sheltered residents of Sderot, are supposedly “quivering” from the Qassam attacks – then residents of Haifa and other cities in the north would flee their supposedly unprotected cities in the north en masse. Israel’s staying power and determination have surprised Nasrallah, but he’ll never admit it.

Kommentare

1. ein Jude - Juli 17, 2006, 23:52

(Achtung Sarkasmus) Also der Nasrallah hat das ja völlig richtig analysiert. Das Problem ist die Tznius der Frauen. Besonders das Tragen roter Kleidung und von Hosen, während die Araberinnen mit Hidschab rumlaufen, verschiebt zur Zeit die Sympathien G’ttes. Während es Israel nicht mal hinkriegt, die historische Bibelkritik zu unterbinden, werden Beleidigungen des Islam in der arabischen Welt selbstverständlich mit Volksaufständen, Steinigung und ähnlichem beantwortet. Auch werden die nach Halacha auch für Araber bindenden Mitzwes aus dem Bund mit Abraham selbstversträndlich vorbildlich erfüllt. Angesichts dieser glasklaren Tatsachen ist es dann doch leicht verwunderlich, dass Herrn Nasrallah der eigentliche Anlass des Krieges entgangen ist: Die für August geplante Weltschwulenparade in Jerusalem. Grosse Tzadikkim und Rebben haben ja schon lange angekündigt, dass die Strafe des Ewigen kommen werde, sollte die Parade nicht schleunigst verboten werden. Und da die Araber den charedischen Kampf gegen die Schwulenparade so vorbildlich unterstützt haben, wird Ihnen nun die Ehre erwiesen, als Werkzeug der Strafe G’ttes zu wirken.
——————

So weit die Satire, das Traurige ist, dass tatsächlich einige den Krieg so interpretieren… zum Beispiel hier http://lazerbrody.typepad.com/lazer_beams/2006/07/jerusalem_post_.html

2. Lila - Juli 17, 2006, 23:56

EinJude, Du bist wunderbar!!! Ich allein bin schon für soo viel Elend verantwortlich…

3. B.L.O.G. - Bissige Liberale ohne Gnade » Nachrichten aus Israel - Juli 18, 2006, 12:00

[...] Eben erst ist sie auf unsere Blogroll gerutscht, und schon komme ich nicht umhin, noch einmal gesondert auf sie zu verweisen: Lila aus einem israelischen Kibbuz. Mit ihren “Letters from Rungholt” bietet sie die beste Art Nachrichten, die es wohl gibt: Berichte vom Ort des Geschehens, hinter denen trotz persönlichen Betroffenseins immer ein klarer Kopf steckt. So, wie hier wieder zu lesen ist. [...]

4. Lila - Juli 20, 2006, 16:07

Da Frauen Deiner Meinung nach nicht lehren sollen (so habe ich das zumindest verstanden, auf Deiner Seite), wird es Dich vielleicht nicht interessieren, daß ich diesen Vers durchaus anders verstehe. Ich würde eher sagen: Menschen haben das Unheil angerichtet, aber bei Gott ist Hilfe. Psalm 130.

5. Lila - Juli 20, 2006, 18:22

Danke für das Kompliment, aus dem Mädchenalter bin ich schon eine Weile raus… und Matronen durften schon den Mund aufmachen, auch zu biblischen Zeiten. (”Sie tut ihren Mund auf mit Weisheit, und auf ihrer Zunge ist gütige Weisung.” Nicht als ob das auf mich zuträfe… aber danach streben kann ich ja mal, alt genug bin ich.)

Und ich habe sofort eine neugierige Frage. Liest Du die Bibel eigentlich im Originaltext? Und wenn nicht, wie wählst Du eine gute Übersetzung? Ich hab mir nämlich schnell meine alte Biblia Hebraica geschnappt und den Vers nachgelesen, und war wieder verblüfft, daß die dort benutzten Worte wirklich noch in täglichem Gebrauch sind (hätte ich mich schon dran gewöhnen sollen!), und auch, wie sehr die Eindeutschung mit ihren ordnenden Eingriffen sich dem Original doch nur annähert.

Ich glaube, falls Du noch kein Bibelhebräisch (oder -griechisch) studiert hast, könnte Dir das große Freude machen. Ich habe, seit ich das Original lesen kann (so schwierig das bei manchen Büchern ist), noch keine deutsche Übersetzung gefunden, die mir den Urtext wirklich vermitteln könnte. Er hat etwas Machtvolles, hm, ich kanns nicht genau sagen.

War nur eine kleine Frage.

6. grenzgaenge - Juli 4, 2008, 11:50

kurz vor schabbes noch der hinweis auf den neuen juedischen alamanach zum thema “israel”. herausgeberin ist wieder gisela dachs. das spricht fuer qualitaet. ich habe mein exemplar gleich bei amazon bestellt :-)

http://buecher.hagalil.com/2008/05/almanach/


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