Tag der offenen Tür September 8, 2010, 15:46
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Vor ein paar Tagen waren wir zum Elterntag im Grundausbildungslager der Nahal eingeladen. Unser Secundus ist ja „Nahlawi“, und weil wir bei Primus damals nicht kommen konnten, waren wir besonders gespannt.
Das Lager ist in Tel Arad, also gar nicht weit von Arad entfernt. Es war eine elende Juckelei bis da unten – erstmal bis in die alte Heimat in der Nähe des Kibbuz, dann auf den Highway Nr. 6, der dort in Ein Tut beginnt, und dann bis runter nach Bet Kama. Dort ist die Straße zuende. Über die Landstraßen richtig rein in die Wüste, und dann – die wirklich schön gelegene Basis. Rundherum kahle Wüstenberge – und nur die obersten Stockwerke der Hochhäuser von Arad sind zwischen zwei Gipfeln sichtbar. Wir parkten mit vielen anderen aufgeregten Eltern mitten in der Pampas, und Y. atmete tief durch, bevor wir durchs Tor gingen. Ich mußte grinsen: na, bist du in Feindesland? Er als alter Fallschirmjäger sieht die Nahal ja tatsächlich nicht gerade mit Begeisterung.
Verglichen mit Primus´ erster Basis Bisnam, auch da unten im Negev, sieht Tel Arad geradezu luxuriös aus. Ich schloß mich der Mütterkaravane an, die nach Toiletten suchte, währen die Männer mit lässigem Schritt zur Ausstellung von Waffen und Ausrüstung schlenderten. Da ich neue Orte nach dem Grundsatz „wie das Klo, so das Gros“ beurteile, war ich gespannt, aber die Mütter nickten sich überm Waschbecken anerkennend zu: die Toiletten sind okay!
Auf den ersten Blick sahen alle Rekruten gleich aus – alle mit dem „Brasselmaschinschen“ geschorene Haare, und alle entweder in Olivgrün (Nahal) oder Sandfarben (Shaldag). Ich dachte an die Szene bei James Herriot, nachdem er die Lämmchen impfen muß und sich verzweifelt fragt, wie er nun Mutterschafe und Lämmchen wieder zusammensortiert kriegt – doch ein Moment reicht, und schon haben sich die identisch aussehenden Tiere schon gefunden. Genauso war es mit den Rekruten und Eltern. Unser Secundus kam erst relativ spät, wir waren aber sehr früh, und so hatte ich Zeit, die Leute um mich herum zu begucken, was ja immer Spaß macht.
Manche Eltern und Kinder sehen sich ja lächerlich ähnlich. Papa und Sohn Drosselbart, Mutter und Sohn Rotbäckchen, manche Familien mit vielen kleinen Geschwistern dabei, und alle mit diesem glücklich-stolzen Gesichtsausdruck, den ich von so vielen Schulvorführungen und Kindergartenproduktionen kenne. Die Eltern sind stolz auf ihren Nachwuchs, die Söhne sind stolz, den Eltern ihren Wirkungskreis zu zeigen, wo sie sich auskennen und die Eltern nicht.
Die Mütter packen Picknickkörbe aus, die Väter bewegen sich lässig, um zu zeigen, daß sie, wenn sie nur wollten, all den Jungspunden zeigen könnten, wie man das macht, Armee.
Im Hintergrund lärmte eine Musikanlage Lieder aus der Rocky Horror Picture Show, unterlegt mit schönen neuen Texten, etwa so: Nahal ist prima, Nahal ist ne Wucht, mit Nahal macht das Kämpfen Spaß, ab in eure Zelte, mit dem Stiefelduft, mit Nahal macht Soldatsein Spaß…. Es gab Wasser, Säfte und Obst, und die älteren Soldaten und Soldatinnen standen grinsend um das Getümmel herum.
Schließlich gingen wir in Richtung Zelte, und dort kam uns Secundus schon entgegen. Er zeigte uns sein Zelt, wir setzten uns auf seine Pritsche und packten unser Picknick aus. Wir schüttelten vielen Eltern und Großeltern die Hand, die sich alle genauso besorgt und verwirrt umguckten wie wir. „Waaas, hier schläft unser Häseken, unter einer einfachen Zeltplane in der Wüste???“ Nun, mein Häseken hat sich ja schon vor Jahren von uns emanzipiert, im Internat mit seinen Freunden im Räuberlager gepennt und sein eigenes Zimmer im Kibbuz behalten, als wir umgezogen sind (er hat es noch). Lange bevor ich bereit war, ihn aus dem Nest zu lassen, hat er meine Gluckenflügel abgeschüttelt, und er ist viel reifer für die Armee als sein großer Bruder es war. Er hat uns stolz herumgeführt.
Dann hatten wir ein Treffen mit dem Mem-peh, Abkürzung für mefaked-pluga, company commander, wie mag sowas afu Deutsch heißen? Nur die Eltern, im Speisesaal, der gut gekühlt und sauber war und ein bißchen Kibbuz-mäßig. Der Saal war proppenvoll. Der Mem-peh erzählte uns ein paar Sachen über die IDF und ihre Werte (Menschenrechte, Ehrlichkeit, Kameradschaftlichkeit…), die Infanterie, die Nahal, über die verschiedenen Spezialeinheiten, Palsar, Palnat, Palchan, Gadsar…., und den jeweiligen Ablauf der Grundausbildung. Als er eine Weile gesprochen hatte, meinte er, jetzt können die Eltern Fragen stellen.
Und sofort brach ein Strom von Klagen über ihn herein: „mein Sohn hat mir erzählt, daß er zweimal kein Abendessen mehr gekriegt hat – es gab nur noch Birnen, als seine Gruppe vom Training wiederkam“, „mein Sohn hat gesagt, es gibt immer nur Hotdogs, und das paßt ja wohl mehr für einen Kindergeburtstag als für Soldaten“, „mein Sohn meint, es gibt immer nur Mais und Mais und Mais – wie soll er da das Training durchhalten?“
Es waren (natürlich?) nur Mütter, die diese Klagen vorbrachten. Der Mem-peh meinte, er ist bei allen Mahlzeiten dabei, und er erinnert sich nicht, daß es mal nur Birnen gegeben hätte. Aber er erklärte auch, wie es mit dem Essen zugeht, und versprach den besorgten Müttern, daß er sich darum kümmern wird, wenn es Klagen gibt – bat aber auch darum, daß die Jungens sich mit den Klagen direkt an ihn wenden.
Doch auch die Väter haben Klagen. „Mein Sohn hat mir erzählt, daß er einmal bei einer Übung viel Wasser trinken mußte – was bei der Hitze ja gut ist – aber daß er dann längere Zeit nicht austreten durfte!“ „Mir ist aufgefallen, daß die Soldaten hier gegen andere Einheiten aufgehetzt werden – alles außer Nahal finden sie unter aller Kritik! Sollen das Werte des IDF sein!“
Der Mem-peh antwortete allen freundlich und geduldig. Manchmal kann man bei einer Übung nicht nach Belieben alle austreten lassen, wann sie wollen. Und er erzieht die Rekruten zum Stolz auf ihre Einheit, ohne andere herabzusetzen, aber junge Soldaten gehen manchmal in ihrer Identifikation mit der Nahal zu weit. Das legt sich mit der Zeit von allein.
Irgendwann kamen auch sachlichere Fragen, so tat ich mich mit der intelligenten Frage hervor, wie die Ausbildung zum Sanitäter in der Nahal gehandhabt wird. Denn das ist ja Secundus´ Weg. Eine andere Mutter fragte, ob es Anhaltspunkte dafür gibt, daß die Palchan-Gruppe, die als Minen-Entschärfer ausgebildet werden, höhere Verletzungsraten haben als die anderen. Der Mem-peh sagt, nein, keineswegs, aber Y. und ich gucken uns bloß an. Mensch, was haben wir doch für Glück gehabt. Palchan- oh weh.
Nachdem sich alle ausgesprochen haben, kommen auch Lob und gute Worte. „Mein Sohn hat einen solchen Sprung getan, seit er bei der Armee ist! er hilft zuhause mit! er ist viel netter und selbständiger und will nicht mehr nur bedient werden!“, jubelt die Frau neben mir. Ein andere lobt die Nettigkeit der Ausbilder, von denen ihr Sohn begeistert ist. Ein Vater fragt, ob Rekruten, die weit entfernt leben, flexiblere Ankunftszeiten bewilligt bekommen können. Wir sehen uns wieder an. Weiter als Secundus hat es wohl keiner – wir leben wirklich am anderen Ende von Israel. Ja, die Mashakit tasch (Sozialarbeiterin der Einheit) kümmert sich um sowas, man muß sie nur ansprechen. Gut, da wird sich Secundus drum kümmern müssen.
Schließlich strömten die Eltern wieder raus in die Sonne. Draußen warteten die Jungens schon. „Na Mama, hast du mir auch keine Schande gemacht?“, knurrte Secundus. Wann hätte ich ihm je Schande gemacht? Verglichen mit den anderen Müttern war ich doch ganz dezent, das konnte Y. auch bestätigen. Wir erzählten ihm von den Birnen und Hotdogs und dem Austret-Problem, und er grinste bloß. Er regelt seine Sachen lieber selbst, und wir lassen ihn auch.
Dann fuhren wir zurück, mit Secundus. Er hatte ein freies Wochenende von Donnerstag bis Shabat – „chamshush“ genannt: chamishi, shishi, shabat. Verrückte Abkürzungen. Ich benutze sie schon selbst, ohne mit der Wimper zu zucken.
Es lief also ganz zivil ab – ohne Exerzieren oder andere Lustbarkeiten wie auf der Festwiese in Hultsfred. Diese Dinge werden wir wohl bei der offiziellen Verleihung der Nahal-Barette und der Vereidigung erleben.
Aber so bringe ich einen Meilenstein nach dem anderen hinter mich. Bald schon hat Secundus die Grundausbildung hinter sich. Dann geht er ins Bahad 10, wo auch sein Bruder den Sani-Kurs gemacht hat, und dann wird er, wie sein Bruder, seinen Dienst abwechselnd „in den Gebieten“ und den Golanhöhen absolvieren. Immer abwechselnd. Und, wie wie wir wohl wissen, Nahal unternimmt wesentlich riskantere Aktionen als Primus´ Luftabwehr-Einheit. Infanterie eben. Ich lerne, weil ich keine Wahl habe, jeden Tag so zu nehmen, wie er kommt. Wenn die Jungen anrufen und ich weiß, wo sie sind – gut. Wenn nicht – weniger gut, aber ich muß meinen Alltag trotzdem bewältigen, mein Herz in eiserne Ringe legen und warten, bis sie anrufen.
Früher war es einfach für Mama Ente, der innere Appell: alle vier im Kibbuz, nur in verschiedenen Kinderhäusern. Heute zähle ich mir auf, wo sie gerade alle sind. Tertia hat den Termin für ihre Einberufung schon: Februar 2012. Wie es aussieht, wird Primus bis dahin schon entlassen sein. Ich bin schon gespannt, wie es bei den Mädchen ist, ob man mehr oder weniger Angst um sie hat. Tertia will ja Mashakit tash werden, bei welcher Einheit, ist ihr egal. Quarta ist kämpferischer und will entweder Pilotin werden oder zu Caracal. Allein schon des Namens wegen…da steht mir wohl noch einiges bevor.
Der Herr des Rings September 8, 2010, 13:42
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I.
Wie wir unsere Trauringe kauften. Aus einem alten Eintrag:
Ich habe schon öfter erzählt, wie die Juweliers-Verkäuferin uns anstarrte, weil wir Englisch sprachen. „Ja ist Ihr Verlobter en Engländer?“, fragte sie in diesem herrlichen rheinischen Singsang. „Nein, ein Israeli“. Und sie, mit großen Augen: „DAS ist der Israeli? oh, wir haben Ihre Anzeige in der Zeitung gesehen und uns gefragt… Gabi, komm doch mal, hier ist der Israeli!“ Und sie staunten ihn an. „DEN“ Israeli.
Wir haben dann ganz einfache goldene Ringe genommen, und ich habe auch die deutsche Sitte, Namen und Hochzeitstag eingravieren zu lassen, übernommen – auch wenn das in Israel gar nicht üblich ist. (Ist sogar unerwünscht, Gravierungen im Ehering, glaube ich). Aber ich habe als Kind gern die Eheringe meiner Eltern angeguckt, und tatsächlich, auch meine Kinder haben das alle gern gemacht und wie ich früher gerätselt, warum nicht jeder seinen eigenen Namen am Finger trägt. Wenn wir die Ringe abnehmen, was wir selten tun, sieht man, wo sie hingehören. Wir können sie also gar nicht richtig abnehmen, unsere Finger sind auch ohne Ring beringt.
II.
Tatsächlich nahmen wir unsere Ringe nur selten vom Finger. Ich nur, wenn meine bei starker Hitze auftretenden Ödeme es unmöglich machen, etwas an den Fingern zu ertragen, und Y. nur, wenn er eine Arbeit in Angriff nimmt, bei der ein Ring gefährlich wäre. Und so geschah es vor etwa anderthalb Jahren, daß Y. mich verzweifelt anrief. Er war bei der Arbeit und auf einmal fiel ihm auf, beim Händewaschen, daß sein Ring weg war. Er suchte überall, seine Kollegen ebenfalls, doch der Ring blieb verschwunden. Inzwischen war er auf dem Weg nach Hause, und dort wollte er weitersuchen. Er wußte nicht mehr, wann und wo er ihn abgenommen hatte.
Ich saß gerade mit einer unverheirateten und gänzlich an Beziehungen uninteressierten Freundin im Auto, die etwas spöttisch lächelte, daß ich den armen Y. so beruhigen und trösten mußte. Sie fragte, ob er wirklich so traurig ist über den Verlust des Rings, oder ob er nicht eher Angst vor meiner Reaktion hat. Ich weiß nicht mehr, was ich ihr darauf geantwortet habe – so ein Ring ist ein greifbares Symbol für das unlogische Konzept „Ehe“ und gleichzeitig ein sentimentaler Gegenstand, der einen über Jahre hinweg begleitet. Aber beides sagt ihr nichts, und darum habe ich vermutlich gar nichts weiter erklärt.
Wir waren traurig und haben das Haus um und um gekrempelt. Nichts. Wir haben uns dann getröstet und gesagt, na gut, wir kaufen einen neuen Ring, wenn wir wieder in Deutschland sind und zu Woltz auf der Kölnstraße gehen können. Es ist ja nur ein Symbol. Und mein Ring ist ja noch da.
III.
Vor ein paar Tagen haben wir endlich, endlich, endlich unsere alte Wohnung im Kibbuz leergeräumt. Es waren zwar nur noch der Hängeboden und die kleine Kammer voll, aber WIE voll hatten wir die gestopft! Ein paar alte Regale waren auch noch da, außerdem Bilder, ein paar Regale und Lampen. Meine immer noch unverbandelte Freundin half mir beim Saubermachen, und wir waren gerade in der schönsten Schaffensfreude, als wir einen erstickten Juchzer aus dem ehemaligen Jungenszimmer hörten. Mit einem unbeschreiblichen Strahlen kam Y. angeschossen – auf der flachen Hand hielt er mir den Ehering entgegen. Der hatte sich auf dem obersten Regal versteckt, wo die Jungens früher ihren Tenniskram aufbewahrten. Weiß der Himmel, wie der Ring dorthin geraten ist, und wie die Jungen ihn übersehen haben, als sie ihr Zimmer leerräumten.
Meine skeptische Freundin fand den Zufall auch lustig, daß sie wohl Verlust als auch Fund des Rings miterlebt hatte und betrachtete uns mit einem nachsichtigen Lächeln. Und Y. trägt ihn seitdem ununterbrochen.
Q.e.d. September 8, 2010, 13:15
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Also sprach Abu Mazen:
Was folgert daraus sonnenklar?
Und noch eine Quak-Meldung September 7, 2010, 18:10
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Während ich noch den Kopf über das letzte Beispiel der Berichterstattung schüttle, die automatisch bereit ist, von Israel immer das Schlechteste anzunehmen, fällt mir noch ein Beispiel ein. (Wenn ich sie alle aufschreiben wollte, käm ich zu nichts mehr).
Wer erinnert sich noch? Vor einem Jahr zur schönsten Sommerloch-Zeit wurde in den deutschen Medien eine aus den israelischen Medien übernommene, aber verkürzte und verfälschte Meldung verbreitet.
SZ:
Schilder an Straßen in Israel sind bislang in drei Sprachen bedruckt. Verkehrsminister Katz möchte das ändern: Nur die hebräischen Ortsnamen sollen bleiben.
Das war schon mal falsch, denn Katz wollte nur die Transskribierung ändern – also hebräische Namen auf Arabisch schreiben statt wie bisher arabische Namen auf Arabisch. Also statt Al Quds auf Arabisch – Yerushalaim auf Arabisch. Bei den meisten anderen Städten außer Jerusalem wäre der Unterschied kaum bemerkbar.
Und daß die verflixte Transskribierung vereinheitlicht werden muß, ist jedem klar, der mal nach Caeasarea gefahren ist, das mal so, mal Kesariyya geschrieben wird – oder Akko, das auf anderen Schildern wieder Acre heißt, oder Tiberias, auch als Tveriyya ausgeschildert… allein schon die englischen Transskribierungen sind eine Reform wert. Ob es nicht doch lieber Tiberias als Tveriyya sein sollte, darüber mag man streiten. Aber solange auf deutschen Autobahnen noch Nürnberg und München ausgeschildert sind statt Nuremberg und Munich, kann man wohl schlecht dem durchgehend, wenn auch chaostisch, dreisprachig beschilderten Israel etwas vorwerfen.
Ulrich Sahm nahm sich des Themas sachlich und kenntnisreich an wie stets, aber er war wohl der einzige. Auch SPon setzte auf die falsche Darstellung, vielleicht, weil das Problem der Transskribierung und des allgemeinen Chaos in den Schildern hier zu komplex ist? (Die größte Lachnummer war das Schild „Natbag“ – in lateinischen Buchstaben das Akronym für den namal te´ufa Ben Gurion – nämlich den Flughafen in Lod! Welcher arme Tourist sollte so den Weg nach Hause finden???)
Ich kriegte sogar empörte Emails und schrieb auch was darüber, das habe ich dann aber wohl nicht veröffentlicht (ich finde es nicht).
Und nun, ein Jahr später? Welche Überraschung! Kein einziges Schild ist geändert worden. Das war auch nie beabsichtigt – Katz hatte höchstens vor, neue Schilder einheitlich zu beschriften, aber die alten Schilder waren nie in Gefahr, abmontiert und ersetzt zu werden. Nach wie vor sind alle Schilder dreisprachig. Ich habe kein einziges entdecken können, das nicht wenigstens zweisprachig ist. Was aus Katz´ Vorstoß geworden ist – keine Ahnung. In einem Ausschuß hängengeblieben, nie ratifiziert worden, kein Geld dafür, nur punktweise umgesetzt – ich weiß es nicht.
Aber die Leute, die vor einem Jahr so panisch gequakt haben? Ach, was interessiert sie ihr Quak von gestern.
Und warum interessiert es mich? Ich denke an die momentane selbstgerechte Empörung, die damals durch die Brustkörbe von Zeitungslesern wogte, und die ihren Niederschlag in Kommentaren fand, oder einfach nur in der weiteren Bestätigung einer bereits festgefügten negativen Meinung über Israel.
Wenn das einem Privatmenschen zustöße – die ständige Verbreitung negativer Halbwahrheiten oder Lügen, die nie richtiggestellt werden, die Interpretation aller Äußerungen und aller Handlungen in ein bestimmtes Muster, auch wenn die Realität ganz andere Erklärungen dafür gibt, das zwanghafte Aufblasen auch der kleinsten Meldung zur schlagzeilenwürdigen Sensation – dann würde man es systematischen Rufmord nennen. Wie nennt man es so? Qualitätsjournalismus.
Wetten? September 7, 2010, 17:30
Posted by Lila in Presseschau.7 comments
Yaakov Lozowick meint, diese Geschichte soll aufgegriffen werden, und das meine ich auch.
Vor ein paar Wochen ging es durch alle Medien, auch die deutschen: ein israelisches Gericht verurteilt einen Araber als Vergewaltiger, obwohl der Sex einvernehmlich war – aber der Araber sich der Frau gegenüber als Jude ausgegeben hatte!
Die SZ brachte die Geschichte:
Linke Israelis sprechen von einem Skandalurteil. Wäre auch ein Jude verurteilt worden, wenn ihn nach dem entsprechenden Trick eine Araberin nach einvernehmlichen Sex angezeigt hätte? Mit Sicherheit nein, lautet die Antwort.
die FAZ auch:
Nicht nur arabische Kommentatoren empören sich seit Tagen auch aus politischen Gründen über das Urteil. Wäre Ähnliches geschehen, wenn ein jüdischer Dudu sich als Araber ausgegeben hätte, um mit einer arabischen Frau zu schlafen, fragten sich manche.
natürlich SPon (sachlicher als sonst oft):
Die Richter erklärten, es handle sich nicht um einen „klassischen Vergewaltigungsfall unter Einsatz von Gewalt“. Das Vergehen sei aber schwer genug, um eine Gefängnisstrafe zu rechtfertigen. Die Angabe einer falschen Identität vor sexuellen Beziehungen kann in einigen Ländern als Vergewaltigung gewertet werden, unter anderem in den USA.
…und auch lokale Zeitungen fanden die Sache wichtig genug, um sie zu verbreiten. So die Augsburger Allgemeine, die wohl einfach die Agenturmeldung übernahm. Besonders nett sind auch hier die Kommentare:
Rassismus in seiner pefektesten Form. die sollen blos [sic] die Klappe halten und sich nicht über das Verhalten der restlichen Welt wundern.
Gut, das Urteil ist also gefällt, nicht wahr? Der Angeklagte exkulpiert, das Gericht für schuldig befunden.
Ich habe diese Sache damals nicht erwähnt, weil ich erstens anderes zu tun hatte und mir zweitens schwante, daß wir nicht alles wissen. Schließlich speiste sich die ganze Welle der Empörung aus einem einzigen mageren Artikel in Haaretz und einem Kommentar vor Gideon Levy, wenn wir der Meldung mal nachgehen.
Und so ist es denn auch, wir haben nur die eine Seite der Geschichte gehört – die des Manns, Sabbar Kashur. Er wischte die Anklage der Vergewaltigung mit den Worten vom Tisch: sie wollte es auch. Und das hat niemand überprüft. Heutzutage sollte das eigentlich nicht reichen, wenn es um Fälle sexueller Gewalt geht. Aber die Rassismuskarte trumpfte die Vergewaltigungskarte, und es dauerte eine ganze Weile, bis der Fall in seiner Gänze bekannt wurde.
Vikhtor Shikhman faßt die in den israelischen Medien (leider bisher nur auf Ivrit erschienenen) Einzelheiten zum Fall zusammen (Meirav Michaelis Kommentar bezieht sich auf diese Einzelheiten, Lisa Goldmann übersetzt einen Teil des Artikels, und Elizabeth Tsurkov hat den ganzen Artikel übersetzt ).
Das Opfer ist eine Frau, die durch sexuelle Gewalt in der Jugend traumatisiert ist, die in Prositution abgerutscht ist, und die darum vor Gericht nicht als glaubwürdig galt – obwohl ärztliche Untersuchungen eindeutig zeigten, daß sie vergewaltigt worden war (der Vergewaltiger hat sie nackt in einem Treppenhaus zurückgelassen). Die Frau ist wohl psychisch labil, weswegen sich ihre Anwälte auf einen Kompromiß einließen. Die Anklage sollte auf „rape by deception“ runtergestuft werden, aber der Angeklagte sollte eine Haftstrafe dafür bekommen.
Sobald der Angeklagte frei herumlaufen konnte, gab er Interviews, in denen er seine Version der Geschichte zum Besten gab – die von allen Medien hüben und drüben mit großem Interesse aufgenommen und verbreitet wurde, siehe oben. Niemand widersprach ihm – die Wahrheit war nur Leuten bekannt, die von Berufs wegen darüber schweigen mußten.
Ich würde ja zu gern sehen, wie die Journalisten all der Zeitungen, die ich oben zitiert habe, nun ihre Hüte fressen und statt der einfach-plakativen „Israelisches Gericht fällt rassistisches Urteil“-Geschichte eine Richtigstellung publizieren. Genauso unübersehbar wie ihren ersten Beitrag zum Thema. Wie sieht die Geschichte dann aus?
Seelisch schwer geschädigte und aus der Bahn geworfene jüdische Israelin wird von Araber vergewaltigt, der hinterher in den Medien eine ihn selbst entlastende Lügengeschichte verbreitet – und wir alle, alle haben mitgeholfen und nicht kritisch nachgefragt.
So etwa. Das wäre menschlich anständig dem Opfer gegenüber.
Aber da können wir lange drauf warten. Ich habe schon manche Wette verloren, aber ich bin bereit zu wetten, daß in keinem der oben erwähnten Organe die ganze häßliche, traurige und schwierige Geschichte noch einmal aufgerollt wird. Bei der Google-News Suche unter Sabbar Kashur finden sich im Moment nur Artikel von Ende Juli. Wer hält dagegen?
(Und Gruß an Silke, die ich, wie beim Hasen und Igel, schon überall vorfinde! Und Shining City hat die Geschichte viel eher entdeckt als ich – Hut ab! Hab ich gerade erst entdeckt.)
Nur zur Erinnerung… September 1, 2010, 14:07
Posted by Lila in Presseschau.50 comments
… es ist dieselbe Hamas, die den Anschlag gestern abend in Hebron verübt hat und ausgelassen feiert – und die die Farce auf See inszeniert hat. Mit diesen Menschen hat sich jeder solidarisiert, der die Lüge von den „Hilfsgütern“ weiter verbreitet hat. So gesehen kein Wunder, daß die Welle internationaler Empörung, die damals so hysterisch durch die Medien und sogar Parlamente rollte, diesmal ausbleibt.
1. September September 1, 2010, 13:51
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bedeutet automatisch: erster Schultag nach den Sommerferien. Beide Mädchen sind heute früh seufzend wieder losgezogen, insgeheim froh, die Freundinnen und Freunde wiederzutreffen, aber auch übermüdet. Ja, wenn man sich erst mal angewöhnt hat, bis in die Puppen im Bett zu lesen! Das wird sich aber schnell wieder einpendeln.
Tertias letztes Schuljahr ist damit angebrochen, nächsten Sommer macht sie Abitur. Auch Quarta, 6. Schuljahr, wird nächstes Jahr von der Schule Abschied nehmen – die Grundschule dauert hier sechs Jahre. Sie hat heute ein Mädchen aus der ersten Klasse in Empfang genommen. Alle Sechstkläßler sind Mentoren für Schulanfänger, und Quarta meint, „ihr“ Mädchen ist sehr nett. Als die Mutter wegging, hat sie wohl geweint, und Quarta hat sie getröstet. Ich kann kaum glauben, daß ihr eigener Schulanfang nun schon so weit zurückliegt.
Die neue Klassenlehrerin ist wohl strenger als die bisherige. Ich kann das nicht schlimm finden, Quarta stöhnt natürlich. Auch Tertia klagt über einen unmöglichen Stundenplan und doofe Lehrer. Ich staune aber, wie schnell sich die beiden in ihren neuen Schulen zurechtgefunden haben. Das ging doch wirklich alles, tfu tfu tfu, sehr glatt.
Für mich bedeutet diese Zeit, in der die Schule schon angefangen hat, das Semester aber noch nicht, daß ichmorgens sehr viel schaffe. Irgendwann rufen die Mädchen dann an und brüllen ins Handy (aus dem ein Höllenlärm dringt): ich steig gerade in den Bus! gibt es was zu essen?, und dann weiß ich: der Countdown zum Mittagessen läuft. Ich genieße es, mittags mit den Mädchen zu essen und zu hören, was sie erzählen. Ich bin doch ein sehr häuslicher Mensch. Meine Freundin, die vor ein paar Tagen erstmals hier war, fragte mich etwas verstört, ob es mir hier nicht zu einsam ist. Ich hab gesagt, nein. Ich habe die wichtigsten Menschen um mich herum, mehr bedarf´s nicht.
Ball flachhalten August 30, 2010, 13:45
Posted by Lila in Uncategorized.93 comments
Zu diesem Wasserglas-Tsunami namens Sarrazin-Äußerungen möchte ich eigentlich nichts sagen, nur eines: das jüdische Gen. Ach ach ach, da hat es einer gewagt, davon auszugehen, daß Juden, eine endogame Gruppe, genetische Gemeinsamkeiten haben! Rassismus-Alarm! (Nur blöd, daß Juden gar keine Rasse sind, was…) Gut, daß das die Ärzte nicht wußten, die mich während meiner Schwangerschaften intensiv gepiekst haben, um die genetische Krankheit Tay-Sachs auszuschließen. Die ist nämlich bei ashkenasischen Juden ziemlich verbreitet. Und mein Mann ist somit gefährdet, diese Krankheit weiterzugeben.
Wirklich, politische Korrektheit ist ja schön und gut und es fühlt sich bestimmt toll an, rundherum politisch korrekt zu sein und keinerlei Unterschiede zwischen Menschen anzuerkennen. Aber man kann es auch zu weit treiben. Selbstverständlich ist es ein Unterschied, ob man einer ethnischen Gruppe en bloc Geiz, Faulheit, Lügenhaftigkeit oder sonstige Charakterfehler unterstellt – oder ob man der Tatsache ins Gesicht sieht, daß eine relativ kleine, endogame Gruppe im Laufe der Zeit einen besonderen Genpool bilden kann.
Vor allem, weil bis vor kurzem Konversionen im Judentum alles andere als erwünscht waren – und auch heute sind sie es nur bei zionistischen und pragmatischen Juden. Für viele traditionellere Juden sind Konvertiten jedenfalls nicht „echt“ – es fehlt der Stallgeruch. Sie würden ihre Kinder nicht mit Konvertiten verheiraten. Auch Neu-Religiöse heiraten ja meist untereinander, wegen der Gesetze zur Reinhaltung der Ehe (bnei-nidda-Furcht bei Ultra-Orthodoxen). Im Laufe der Jahrhunderte haben Juden nun mal vorzugsweise Jüdinnen geheiratet – oder, wenn sie nichtjüdisch geheiratet haben, sind sie oft vorher christlich geworden und haben die jüdische Gemeinschaft verlassen.
Was das allerdings für Gene in diesem Pool sind und wie die sich auswirken, das ist wieder eine andere Frage. Ob es an ihnen liegt oder nicht doch der traditionellen jüdischen Hochachtung vor Lernen und kritischem Nachfragen, daß es so viele jüdische Nobelpreisträger gibt…?
Wie gesagt, ich kann nicht beurteilen, was Sarrazin über Migranten in Deutschland sagt – ich habe nur anekdotische Evidenzen anzubieten, die ja nicht viel wert sind. Im Laufe der vielen Jahre, die meine Mutter als Hauptschullehrerin verbracht hat, haben wir jedenfalls eine riesige Vielfalt an Begabungen bei Migrantenkindern festgestellt, und bei meinen moslemischen Studenten kann ich keine mindere Intelligenz feststellen. Na ja, im politisch inkorrekten Volksmund haben die Palästinenser den Ruf, besonders intelligent zu sein – was sie bei anderen Arabern unbeliebt macht. Wer kann sowas prüfen?
Aber wie sich alle auf einen Politiker stürzen, wenn der mal das Wort JUDE in den Mund nimmt, das ist schon drollig. The German doth protest too much me thinks…
Wochenende August 29, 2010, 9:43
Posted by Lila in Uncategorized.5 comments
Wir hatten gestern einen vollgestopften Tag. Schwiegereltern und Verwandte waren hier, um Tertias 17. Geburtstag zu feiern – das bedeutet Kochen und Backen wie Alma Svensson. Außerdem hatte ich beide Söhne hier, die ihre vollgestopften Taschen und Wäschesäcke entleerten. Primus´ Wäsche ist noch erträglich, weil er gerade einen Kurs macht und nicht besonders physisch belastet wird, aber Secundus hat zwei Wochen Grundausbildung in der Wüste hinter sich. Auf seinen Uniformen hatten sich Salzkrusten gebildet, aber richtig dicke – so hat er geschwitzt. Er trinkt sieben Liter Wasser pro Tag, trägt seinen Sonnenhut und schmiert sich mit Ultrasol ein, so hält er die Hitze gut aus. Bald hat er die Grundausbildung schon hinter sich – weil er ja gleich zum Sani-Kurs geschickt wird, macht er eine kurze Intensiv-Grundausbildung. Durch das gemeinsame Interesse an der Arbeit als Sanitäter haben sich die beiden Brüder einander wieder angenähert – der Abstand war doch sehr groß in den letzten Jahren, jetzt ist er wieder geschrumpft.
Es war schön, alle vier mal zuhause zu haben. So oft habe ich das Vergnügen ja nicht. Heute früh sind sie losgefahren – leider nicht zur gleichen Zeit. Secundus mußte in den Negev und ist deswegen schon um halb sechs mit Y. mitgefahren – um die Bahn kurz vor sechs zu erreichen. Primus war gegen acht weg – er muß nach Hadera, das ist nicht so weit. Ich warte auf eine Gelegenheit, sie beide mal gleichzeitig in Uniform zu erwischen, dann mach ich ein Bild. Ich kann kaum glauben, daß diese kräftigen jungen Männer meine kleinen Purzel sind, die noch vor kurzem auf dem Teppich saßen und die Playmobil-Ritter um die Ritterburg arrangierten. Wer kleine Kinder hat – genießen!!! Bald schon gucken sie von luftiger Höhe auf einen herab, meinen nachsichtig „kleine Mama, wenn du mich in den Arm nehmen mußt, zieh vorher die Gummihandschuhe aus“ und „das muß nicht gebügelt werden, du spinnst ja, niemand hat gebügelte T-shirts bei der Armee“ und „laß mich mal machen, die Pizzen, sonst werden sie nicht lecker“.
Primus meint übrigens, daß er sich an seine Kindheit überhaupt nicht mehr erinnert. Bis zur 5., 6. Klasse, sagt er, hat er nur sehr undeutliche Erinnerungen. Y. und ich haben gestöhnt, als er das sagte. Und dafür haben wir uns so ins Zeug gelegt, als er klein war! Ich habe Mobiles gebastelt, Schlaflieder gesungen und stundenlang vorgelesen oder Lotto gespielt. Wir haben die Kinder in den Affenwald in Yodfat und auf die Aaland-Inseln mitgenommen. Hätten wir uns alles sparen können! Wir hätten ihn bis zum 5. Schuljahr einfach ins Ställchen setzen können, mit einem Zwieback in der Hand und ein paar Pixie-Büchern. Er hätte sich auch daran nicht erinnert, nehme ich an… aber wir hatten gar kein Ställchen. Und irgendwann erinnert er sich vielleicht doch wieder.
Trauriger Abschied August 29, 2010, 9:27
Posted by Lila in Kibbutz, Kinder, Katzen.add a comment
Vor ein paar Tagen war im Kibbuz eine traurige Beerdigung. Eine sehr nette Frau, mit der ich durch ihre Eltern und Söhne und gemeinsame Freundinnen vielfach verbunden war und die ich immer sehr mochte, ist gestorben. Sie war alleinerziehende Mutter, ihre Söhne stehen nun ganz allein da. Der Ältere ist in Primus´ Alter (ich habe ihn im Babyhaus betreut, war ein süßes Kerlchen), der Jüngere ist einer von Secundus´ besten Freunden. Die Mutter war schon seit vielen Jahren sehr krank, und wegen der schweren Grunderkrankung wurde wohl eine akute schwere andere Erkrankung übersehen. Als die Zweiterkrankung entdeckt wurde, war es schon zu spät. Innerhalb weniger Wochen starb sie.
Ich habe sie im März das letzte Mal gesehen, als sie zu meinem Vortrag im Kibbuz kam. Hätte ich nur gewußt, wie krank sie ist! Wir haben uns immer gefreut, wenn wir uns gesehen haben. Sie hat nie geklagt, obwohl sie seit vielen Jahren im Rollstuhl saß, auf fremde Hilfe angewiesen war, oft Schmerzen hatte und wußte, daß keine Heilung in Sicht ist. Wenn man sie gefragt hat: wie geht es dir?, hat sie immer gelächelt und gesagt: prima, danke, und dir? Sie war sehr stolz auf ihre Söhne. Ihre Eltern, auch nicht mehr jung, werden sich weiter um die Jungen kümmern.
Es war eine der traurigsten Beerdigungen seit langem. Der jüngere Sohn hatte sich schwarze Wintersachen angezogen – in der brütenden Hitze, die selbst auf dem schattig-kühlen Friedhof herrschte, stand er in Sweatshirt und langen Hosen. Es ist nicht üblich, sich bei Kibbuz-Beerdigungen schwarz zu kleiden – der Sekretär, der eine Grabrede hielt, kam in Shorts und einem ausgeleierten T-shirt, dazu Sandalen. Ich weiß nicht, ob der Sohn die schwarzen Sachen aus Trauer gewählt hat. Secundus erzählte mir hinterher, daß sein Freund sich so warm angezogen hatte, weil ihm bitterkalt war. Der arme Junge bibberte vor Kälte und zog sich mehrere Schichten Kleidung an, weil ihm so kalt war. Es war so traurig, ihn so zu sehen.
In solchen Situationen bewährt sich aber der Kibbuz, so wenig ich ihn auch vermisse (gefühlte hundertmal wurde ich gefragt, ob ich den Kibbuz vermisse, und die Antwort ist immer: NEIN, so seltsam das ist!). Die Familie wird von der Gemeinschaft aufgefangen, und die Mutter wird nicht vergessen werden. Aber ersetzen kann sie niemand.
Danke, Jane Austen August 24, 2010, 10:49
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Heute vor 17 Jahren lag ich mit einer schweren Eklampsie im Intensivbereich des Kreißsaals in einem mir unbekannten Krankenhaus (Nahariya). Ich war in der 32. Woche schwanger, ich wußte, daß das Kind in meinem Bauch schon länger nicht mehr wuchs, und ich wußte, daß der Kaiserschnitt nur eine Sache von Stunden ist. Ich wußte, daß ich in das unbekannte Krankenhaus gebracht worden war, weil in Haifa kein Platz mehr für Frühgeburten war – alle Plätze in der Neonatologischen Intensivstation waren belegt. Seit zwei Wochen lag ich flach auf dem Rücken, an allerlei Kabeln und Schläuchen, während zuhause Primus (3 Jahre) und Secundus (1,5 Jahre alt, noch in Windeln) Sehnsucht nach ihrer plötzlich verschwundenen Mama hatten.
Trotzdem habe ich es nicht als schlimm in Erinnerung. Die Ärzte flößten mir Vertrauen ein und die Hebamme kümmerte sich so rührend um mich, daß ich Tertia ihren Namen gab (den ich immer schon schön fand). Ich habe gern die vielen Laute um mich herum mitangehört, konnte viele Geburten akustisch mitverfolgen und mich freuen, wenn dieser unbeschreibliche Erstschrei wieder und wieder durch den Kreißsaal ging. Außerdem hatte ich meine sämtlichen Bände Jane Austen dabei, und das hat mich gerettet. Niemand kann sich hängen lassen, wenn er Anne Elliot oder Fanny Price mit den Augen folgt. Ich war vergnügt und optimistisch und habe noch mit dem Anästhesisten über deutsches Bier gesprochen (wovon ich ja nichts verstehe), während sie mir den Bauch einpinselten und abdeckten.
Wir haben Glück gehabt. Unsere Tertia wurde per Kaiserschnitt heute vor 17 Jahren geboren, klein und mager, aber ansonsten gesund und munter. Sie wog zwar nur 1200 gr, hatte aber einen Apgar von 9 und verbrachte problemlose sechs Wochen unter der Obhut des wunderbarsten medizinischen Teams, das man sich nur vorstellen konnte. Es war nicht leicht, Stillen und Bindung und Geborgenheit und alles andere in Gang zu kriegen, aber wir haben es geschafft. Heute sieht man ihr nichts mehr an von den Problemen, die sich später einstellten, und alle ärztlichen Untersuchungen haben ihr gute Gesundheit bestätigt. Sie war ein spatzenmageres Kind und ist jetzt eine sehr schlanke junge Dame, aber gesund dabei und von gutem Appetit. Es ist nicht mehr zu erkennen, daß ihr Start ins Leben außerhalb der Gebärmutter weniger idyllisch und einfach war als der anderer Kinder. Eher ist sie ein bißchen zäher und härter im Nehmen als andere.
Auch ich habe mich von Eklampsie und Kaiserschnitt gut erholt – das Photoalbum zeigt, daß ich bereits zwei Wochen nach der OP meine Jungens hochheben konnte. Die vierte Geburt ist auch wieder normal verlaufen, ich brauchte keinen zweiten Kaiserschnitt.
Ja, wir haben Glück gehabt und ich danke den Menschen und himmlischen Mächten, die uns geholfen haben, und Jane Austen ganz besonders.
Und ich kann gut nachfühlen, wie schlimm die Angst und Trauer der Eltern sein müssen, die in Mainz um ihre Frühgeborenen bangen oder sie begraben müssen. Ich weiß nicht, inwieweit sich andere das vorstellen können – viele meinen ja, eine Frühgeburt ist noch kein vollwertiger Mensch, braucht keinen Namen und keine Ansprache und wird bedauernd, aber resigniert begraben. Aber für die Mutter, die noch wund ist von der Geburt und unter Schuldgefühlen leidet, daß ihr Körper dem Kind die natürliche Umgebung versagt hat, ist nichts qualvoller anzusehen als Babys Kampf um jeden Atemzug, jedes Tröpfchen Nahrung. Man hat ja in dem Stadium noch gar nicht mit der Abtrennung begonnen, die sich schrittweise über Monate und teilweise über Jahre hinzieht – und die wohl nie vollständig gelingt (also mir zumindest nicht, weder mutter- noch kindseits!). Ich denke an alle Beteiligten.
Und herzlichen Glückwunsch, Tertia!
Komische Geschichte August 17, 2010, 19:25
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die sich gerade in Tel Aviv abspielt.
Vor einer Stunde ist ein Palästinenser in die türkische Botschaft in Tel Aviv gekommen und hat unter der (falschen) Behauptung, ein abservierter Kollaborateur und darum bedroht zu sein, um politisches Asyl gebeten. Die Türken waren nicht begeistert, die Situation lief aus dem Ruder, und die türkischen Sicherheitsbeamten schossen auf den Palästinenser (ich weiß nicht, ob der mit Knüppel ausgestattet war
). Er wurde verletzt, wohl nicht schwer.
Die Türken haben die Botschaft abgeriegelt und lassen die Leute vom Rettungsdienst Magen David nicht rein. Ist das nicht der größte Witz? Die Israelis bitten die Türken, sie zu einem Palästinenser zu lassen, der ihre Hilfe braucht – die Türken weigern sich. Gut, daß der Mann nicht schwer verletzt ist – sonst wäre die Verzögerung wirklich gefährlich.
Ich möchte nicht wissen, wie die Schlagzeilen aussähen, wenn es umgekehrt wäre – Erdogans Frau würde wieder bittere, bittere Tränen weinen über den armen Palästinenser… Mal sehen, wie die Geschichte in anderen Medien behandelt wird. Und wie sie erstmal heute weitergeht.
Nächtliches Dilemma August 17, 2010, 7:05
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Wir ächzen schon wieder unter einer Hitzewelle. Nicht, als ob zwischen Hitzewelle und Hitzewelle ein nett kühles Gewitterchen läge oder ein paar frische Nächte – normal heiß ist mir immer noch viel zu heiß, aber Hitzwellen-Heiß ist praktisch unerträglich. Die Nächte sind am schlimmsten. Es ist so schwül und fies und klebrig und heiß, daß man am liebsten in einer Wanne voll kalten Wassers übernachten möchte. Mit Eiswürfeln.
Mein liebster Y. und ich sind in fast allen Fragen einer Meinung und wir leiden auch gleichermaßen unter der Hitze. Jedoch sind unsere Vorstellungen von einer erträglichen Nacht während einer Hitzewelle gänzlich verschieden. Er bevorzugt geschlossene Rolläden und Klimaanlage (auf 24 Grad). Ich offene Fenster und Ventilator (auf höchster Stufe). Wir schlafen also mit der Fernbedienung der Klimaanlage zwischen den Kopfkissen. Ich knips sie aus, er knipst sie an. Auch einen Ventilator mit Fernbedienung haben wir inzwischen, oh Wunder der Neuzeit, und den knipse ich an, er aber knipst ihn aus. Gut, daß die Rolläden keine Fernbedienung haben, so bleiben sie auf halber Höhe.
Aber egal wie wir die Nacht verbringen, wir wachen morgens wie gerädert auf. In Schweiß gebadet, mit krummem Rücken und schmerzenden Knochen. Der Hals tut weh, die Augen auch. Ich schiebe unsere Moleste auf die Klimaanlage, Y. gibt dem Ventilator die Schuld.
Und wenn ich Y. um sechs Uhr früh zum Auto bringe und danach mein Basilikum streicheln gehe, dann stöhne ich schon – die Hitze ist unerträglich. Mitte August – wer weiß, wann die Temperaturen endlich runtergehen. Erstmal kommen die Chamsin-Wellen im Herbst – da werde ich mich noch nach Schwüle sehnen, wenn die Trockenheit einem die Augäpfel zu Blätterteig dörrt.
Vermischtes, Häßliches (zumeist) August 17, 2010, 6:19
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Wie dumm, gemein und gedankenlos kann ein Mensch sein? Offenbar recht sehr, wie das Beispiel dieser Ex-Soldatin zeigt. Es mag ja sein, daß die Armeezeit die beste Zeit ihres Lebens war – nehmen wir an, in der Schule war sie isoliert, eine schöne Reise hat sie nie gemacht, und seit ihrer Entlassung hat sie nur Mißerfolge. Da mag sie die Armee wohl genossen haben, aber welche Aspekte des Diensts genau? Macht über Festgenommene zu haben, ihr Recht auf Schutz der Privatsphäre zu verletzen, sie im Nachhinein noch einmal zu demütigen? Pfui Teufel.
Ich weiß wohl, daß ohne die Arbeit der Armee, die ständig Hinweisen auf terroristische Aktivitäten nachgeht, die Terrorwelle nicht gestoppt worden wäre – dies und der Schutzzaun, zwei nötige, aber unerfreuliche Maßnahmen, denen wir die Rückkehr zur Normalität verdanken, aber auf die viele Israelis gern verzichten würden, sobald es geht. (Im letzten Monat waren wieder zahlreiche vereitelte Anschläge – die Terror-Organisationen haben durchaus noch nicht genug.) Aber damit noch strunzen? Geschmacklos und widerlich.
Klüglich hat sie mit der Veröffentlichung der Bilder gewartet, bis sie aus der Armee entlassen war, denn sonst säße sie schon im Militärknast. Dann könnte sie mal sehen, wie sich das von der anderen Seite anfühlt.
[Update: die junge Frau ist schwer gekränkt und versteht nicht, wie jemand sich über die Bilder aufregen kann. Sie war nett zu den Palästinensern! sie hat ihnen zu essen und zu trinken gegeben! Und sie ärgert sich sehr über die Armee, von der sie sich im Stich gelassen fühlt. Hätte sie nur nie in dieser gräßlichen Armee gedient! Das finde ich auch.]
Auch häßlich: der Innenminister, noch ein schmieriger Shas-Politiker, mit seinem Feldzug gegen die Kinder illegaler ausländischer Arbeiter. 400 von ihnen will er ausweisen lassen, Sara Netanyahu hat sich mit einem Brief dagegen verwandt, auch Aliza Olmert engagiert sich für die Kinder. Ich erinnere mich noch genau an die Zeiten, als Palästinenser aus den Gebieten in Israel jobbten. Während der Intifada griffen einige von ihnen ihre israelischen Arbeitgeber mit Messern an oder halfen bei der Vorbereitung von Anschlägen. So entdeckte Israel die billigen Arbeitskräfte aus Thailand und den Philippinen. Es war allen klar, oder hätte allen klar sein sollen, daß Menschen kommen, wenn man Arbeitskräfte ruft. Und jetzt haben diese Menschen Familien. Der Innenminister erklärte in der Knesset, daß sie hier fettes Geld verdient haben und nun den Kindern erklären sollen: die Ferien sind vorbei, wir fahren zurück zu Oma und Opa.
Sehr schön. Ich möchte gern sehen, wie er winselt, wenn die USA, Kanada und Deutschland jetzt die jungen Israelis ausweisen lassen, die illegalerweise die Einkaufszentren mit ihren Büdchen überschwemmen, wo sie Poster, Kosmetika vom Toten Meer und Schund aller Art verscherbeln. Die meisten von ihnen haben keine Arbeitserlaubnis. Dann wird Yishai sich empören und rufen: Antisemitismus! Holocaust! Diese Bilder sind empörend! und so weiter.
Dieses Kleben am Prozeduralen angesichts menschlicher Schicksale, kommt Yishai das nicht bekannt vor? Sonst waren es die Juden, die um Aufenthaltserlaubnisse und Visen bangen mußten. Die israelische Bevölkerung ist gespalten – ungefähr halbe-halbe.
Das Thema Shas ist überhaupt übelkeiterregend – als der korrupte Ex-Minister Benizri seinen ersten Hafturlaub antrat (ein Tag), marschierten bei ihm sofort die prominenten Rabbis und Politiker von Shas auf, „um ihn zu stärken“. Es sah mehr aus wie eine Demonstration der Solidarität. Das wäre schön und menschlich bemerkenswert, wenn es mit einer Anerkennung seiner Schuld verbunden wäre. Aber sie sehen Benizri wie ein unschuldiges Opferlamm.
Es gibt auch bessere Nachrichten. So traurig und überflüssig der Tod der palästinensischen Schülerin Abir vor drei Jahren war – das Rechtssystem funktioniert, der Staat wird den Eltern eine Entschädigung zahlen. Das ist zwar kein Trost und bringt das Kind nicht zurück, aber immerhin ist es tröstlich, daß das Prinzip „Verantwortung übernehmen“ doch noch irgendwo funktioniert.
Und eine Forschergruppe in Jerusalem beschäftigt sich näher mit dem Hormon Oxytozin, das Wehen auslöst und mütterliche Gefühle sowie Einschießen der Muttermilch in Gang bringt. Oxytozin spielt aber auch bei Männern eine wichtige Rolle. Junge Väter erleben ebenfalls eine Oxytozin-Schwemme, und je mehr Hautkontakt sie zu ihrem Baby haben, desto mehr. Was wiederum den Oxytozinspiegel erhöht. Überhaupt scheint dieses Hormon die Empathie- und Kommunikationsfähigkeit zu verbessern. Es ist der Kitt, der unsere menschlichen Bindungen zusammenhält. Ach, wie schön wäre es, wenn es dieses Wundermittel auf Verschreibung gäbe… manchen Menschen fehlt das Hormon gänzlich.
Nicht viel Zeit, August 11, 2010, 20:31
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obwohl mir schon einiges im Kopf rumgeht… aber leider ist der Schreibtisch voll und ich muß ihn leer arbeiten, bis die Mädchen wiederkommen.
Die waren übrigens mit meiner Mutter und meinen Geschwistern in Paris, das war schon lange ihr Traum.Tertia war im Louvre von den griechischen Statuen begeistert. Ich freue mich, daß sie dafür einen Sinn hat. Und Quarta im Park von Versailles: „SO einen großen Garten braucht niemand“. Stimmt!
Ich bin gerade etwas sprachlos, August 6, 2010, 18:23
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was man nicht alles in deutschen Tageszeitungen veröffentlichen darf.
Zusammen mit zwei Freundinnen bin ich in einem afrikanischen Tücherladen [in Paris] und bewundere die vielen Stoffe. Der Ladenbesitzer nickt uns zu. Er ist vielleicht fünfzig, etwas rundlich, trägt eine bunte Stoffkappe und hat ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Wir lächeln zurück.
Während ich mir den Kikoi um die Hüften wickle, spricht Maya mit dem Ladenbesitzer. „Er ist jüdischer Marokkaner!“, übersetzt sie. Sofort frage ich ihn: „Wie ist das Verhältnis zwischen jüdischen und muslimischen Marokkanern?“ Lächelnd hält er den Daumen hoch. „Sehr gut. Sehr gut. Wir sind alle Brüder. Ich bin Marokkaner, hundert Prozent Marokkaner“, erklärt er in gebrochenem Englisch. Ich erfahre, dass seine Vorfahren damals vor der spanischen Inquisition nach Marokko geflohen sind. Ich würde gerne weiterfragen. Dazu kommt es aber nicht.
So weit, so gut. Es ist zwar seltsam, daß die beiden edlen jungen Frauen (eine Deutsche, eine deutsche Türkin) lächeln und der Jude nur breit grinsen kann, aber lassen wir es dahingehen. Oh, und auch daß die Türkin „sofort“ eine Frage nach seiner Herkunft und seinem Verhältnis zu Moslems stellt – hm, ein bißchen unhöflich, denn wofür muß der Mann sich vor seinen Kunden rechtfertigen?, aber nehmen wir an, es ist Interesse.
Was der Besitzer erzählt, erinnert Maya an eine Theorie, die wir kürzlich in einem Comic über Palästina lasen: Nicht die Religion, sondern die ethnische Herkunft von „weißen“ Israeliten sei Grund für die rassistische Politik Israels. Juden aus Nordafrika seien unvoreingenommener gegenüber Palästinensern. „Wären alle in Israel so wie der Verkäufer, könnte man dort in Frieden leben“, sagt Maya zu mir.
Auf die Idee, daß Theorien aus Comics vielleicht nicht die reinste Quelle sind, aus der Wissen fließen kann, kommen die beiden arroganten Mädel nicht. Sie unterhalten sich auf Deutsch und tauschen ihre Meinung aus.
Wobei ich nur anmerken möchte: es gibt auch die genau umgekehrte These, durch Wahlergebnisse eher gestützt (1977!), daß Juden aus orientalischen Ländern wesentlich skeptischer Arabern gegenüber sind, während „weiße Israeliten“ oft mit den Klischees vom edlen Wilden an den Konflikt herangehen und manchmal naive Vorstellungen davon haben, wie man ihn beenden kann.
Ich kann über sämtliche „weißen“ Kibbuzniks der Gründergeneration nur sagen, daß sie Araber mit absoluter Bewunderung und Sympathie betrachteten, Arabisch lernten, sich für Rechte arabischer Frauen, Kinder und Nachbarn einsetzten, und daß sie der festen Meinung waren, mit etwas gutem Willen könnte man wohl zusammenleben. Es ist mir schon öfter passiert, daß ich ältere Araber im Norden treffe, und die bei Nennung des Kibbuz sagen: ach, ich erinnere mich an die Marika! die hat meiner Frau damals geholfen, eine Ausbildungsstelle zu finden, und dann bei der Geschäftsgründung. Das war eine feine Frau! oder so ähnlich.
Die linken Parteien in Israel sind meist von Ashkenazim bevölkert, mir fällt gerade kein Meretz-Politiker ein, der nicht ashkanasischer Herkunft wäre (zumindest für die Generationen, für die das noch von Bedeutung war – in der jungen Generation ist es nicht mehr auszumachen, wer was ist, weil alle sich miteinander verheiratet haben – charakteristisch für rassistische Gesellschaften, nicht wahr….). Beim Likud dagegen sind besonders viele orientalische Mitglieder und langsam auch Spitzenpolitiker. Hm. Die Comic-Theorie hält also ihr Wasser nicht sehr gut. Lest andere Comics, Mädels!
Beim Schlagwort „Israel“ richtet sich der Verkäufer auf. „Israel?“ Eben noch freundlich, ist er nun angespannt. Er möchte eine Übersetzung, Maya kommt dieser Bitte nach. Er antwortet sichtlich erbost. Ich verstehe nicht viel Französisch, aber genug: Die Araber hätten so viel Land und die Juden wollten nur ein bisschen Platz zum Leben.
Und was ist daran sachlich falsch? Erstens kann ich gut verstehen, daß es den Mann nervös macht, wenn zwei Frauen, eine davon verschleierte Moslemin, über Israel reden, in einer Sprache, die er nicht versteht. Und wenn man sich die Karte mal anguckt und bedenkt, daß hier immer Juden gelebt haben, ist nicht von der Hand zu weisen, daß im Rahmen der Neuverteilung ehemaliger Kolonien und Mandatsgebiete auch die Juden einen Anspruch anzumelden hatten. Eine Karte zeigt wieder mal, daß sie dabei keineswegs schrappig waren.

Man kann Israel darauf kaum finden, so winzig ist es. Drumherum: arabische oder moslemische Staaten. Kein Grund also, gleich pampig zu werden, Mädels.
„Es ist das Heimatland der Palästinenser“, entgegne ich. „Keiner darf sie dort verjagen.“
Was auch niemand vorhat. In der Unabhängigkeitserklärung Israels, die ich ja schon x-mal verlinkt habe, wird das Recht aller Bürger, in ihrer Heimat zu leben, ausdrücklich garantiert. Daß in dem darauffolgenden Krieg, den die Nachbarn am folgenden Tag anzettelten, Menschen ihr Heim verloren, ist tragisch, aber leider für Kriege typisch. Es ist gewissermaßen das Risiko, das man eingeht, wenn man einen Krieg anfängt. Das sollte man zumindest bedenken.
Und Heimatland der Palästinenser? Schon, es kommt nur darauf an, wie man Palästinenser definiert. Die heutige Sprachregelung, mit der nur Araber als Palästinenser gelten, ist sehr modern – ja jünger als ich (und ich bin zwar kein spring chicken mehr, aber mit dem Alter, den zB das Wort „Jude“ oder „Judäa“ hat, kann ich trotzdem nicht konkurrieren!). Jeder regelmäßige Leser meines Blogs weiß, daß mein geschätzter Schwiegervater als Palestinian geboren wurde – nämlich als Palestinian Jew.
Es gab Palestinian Arabs und Palestinian Jews, die im Mandatsgebiet lebten. Und manche von ihnen lebten schon Generationen hier, andere, sowohl Juden als auch Araber, wanderten aus anderen Gegenden ein. Seit dem 18., 19. Jahrhundert hat die Gegend hier, die ja damals zum großen Osmanischen Reich gehörte, viele Einwanderungswellen gesehen. So einfach ist es also nicht. Und wenn man vergleicht, wer zuerst hier ist – nun, auch die Kanaaniter werden wohl nicht die ersten gewesen sein. Aber die Idee, daß die palestinian Arabs die ersten hier waren, kann man wohl nicht ernstnehmen, so populär sie auch sein mag. Aber selbst wenn es so wäre – was spräche gegen ein friedliches Zusammenleben, wie wir es im Moment praktizieren?
Und wie geht die dramatische Szene weiter?
„Nein, ich möchte alles wissen“, fordert der Verkäufer sie dann auf. Einmal sagt er etwas auf Französisch, woraufhin Maya entrüstet und schnell antwortet. Nun schaltet sich auch Mathilde ein, legt mir ihre Hand auf den Rücken. Wir sollten lieber gehen. Wir machen uns auf den Weg zum Ausgang.
Will ich mein Kikoi immer noch haben? Der Verkäufer sieht mein Grübeln und nimmt mir die Tüte aus der Hand. „No problem, no problem“, wiederholt er. Während er das Tuch aus der Tüte nimmt, sagt Maya zu mir: „Toll, jetzt sind wir Antisemiten.“
Toll, wirklich. Der Mann hat zu ihr gesagt, auf Französisch, daß das antisemitische Reden sind. Da ist Maya entrüstet und beleidigt. Nein nein, das ist kein Antisemitismus, ganz bestimmt nicht! Das sind doch nur die Fakten, oder, über die weißen Israeliten und ihren Rassismus?
Mich trifft das tief. „Sag ihm, ich habe kein Problem“, raunze ich. „Er hat anscheinend eines.“ Kritisch kuckt mich der Verkäufer an. Dann lacht er freundlich, auf einmal wäre es ganz leicht, zu der friedlichen Stimmung von vorhin zurückzukehren.
Auch die Türkin ist nun gekränkt. Die Antisemitismuskeule! Empörend! Das kann nur Problem des Juden sein. Daß die Mädchen, statt ihren Stoff zu kaufen und wieder zu gehen, eine Diskussion angefangen haben und dem armen Mann dabei sämtliche Klischees über Israel aufgehalst haben, das ist nicht etwa ihr Problem – nein nein, das ist das Problem des Juden.
Aber ich will das Thema Palästina nicht so schnell zu den Akten legen und bitte Maya um eine letzte Übersetzung: „Kein Land auf dem Blut eines anderen.“ Der Verkäufer lacht und sagt: „inschallah, inschallah.“
In der Tat Inshallah. Weder auf dem Blut der Opfer von Hebron (das war der erste Akt der Aggression zwischen Juden und Arabern – für Leute, die davon noch nie gehört haben: das war 1929, fast 20 Jahre vor der Gründung des Staats Israel – und das Massaker wurde durch die Verbreitung von Gerüchten ausgelöst, die Juden würden Araber töten – immer Gerüchte, Gerüchte als Rechtfertigung!). Noch auf dem Blut von Ilan Halimi, dem jungen Juden, der in Paris in tagelangen Qualen leiden mußte, bis seine moslemischen Kidnapper ihn ermordeten. Daß Juden ein bißchen „angespannt“ reagieren, ist vor diesem Hintergrund sogar fast ein bißchen verständlich, oder?
Später sitzen wir auf einer Wiese. Ich lege das große Kikoi-Tuch um meine Schultern. Es fängt an zu regnen. Das Tuch wird nass. Es ist schwer.
Ach ja, die türkischen Mädels haben es schwer. Was für ein gedankenschwerer Schluß. Das war aber wirklich eine bewegende Geschichte.
Allerdings beruhigt es mich doch wiederum, daß die Leserschaft zu großen Teilen so billige, kaum verhüllte rassistische Propaganda nicht abkauft. Interessanterweise kommt begeisterte Zustimmung größtenteils von türkisch oder arabisch benamsten Kommentatoren. Es wird wohl die Islamophobie mancher „weißen Teutonen“ sein, die ihnen nicht erlaubt, diese Art Text ernstzunehmen.
Warum ich überhaupt was dazu geschrieben habe? Nun, ich wundere mich, warum die taz solchen sewel überhaupt veröffentlicht. Meint sie, wenn man nur genügend Pamperlacke wirft, bleibt am Ende was hängen? Und als Einblick in den Müll, der anscheinend in manchen deutsch sozialisierten türkischen Köpfen herumschwirrt, ist der Text ebenso erhellend wie erschreckend.
(Ich verdanke den Hinweis auf dieses Machwerk der Kommentatorin Silke bei Lozowick, der Eintrag selbst ist auch interessant, wie stets. Leider hat Silke sich zu mir in mein Mini-Blögchen noch nicht verirrt… schade.)
Kleines Erlebnis August 6, 2010, 12:31
Posted by Lila in Klippschliefer....comments closed
Gerade ging ich raus in die Hitze, um mir ein paar Zweige Pfefferminz und Bergkraut für meinen Tee zu holen. Ich guckte in den weißen Eimer unter der Ableitung unserer Klimaanlage, wo ich das Wasser sammle, mit dem ich morgens oder abends die Pflanzen wässere – und erschrak. Der Eimer war fast voll, und im Wasser schwamm eine kleine Eidechse. Den blassen Bauch hatte sie nach oben gekehrt, die Beinchen in alle Richtungen ausgestreckt. Wie ein kleiner Fallschirmspringer hing sie da, regungslos, und wartete auf einen Fallschirm, der nie aufgeht. Gegen das Weiß des Eimers hob sie sich gut ab, und ich konnte deutlich jedes Schüppchen erkennen.
Ach, arme Eidechse, hattest du Durst, dachte ich, und schüttete vorsichtig die oberste Schicht des Wassers ab, um die kleine Leiche auf den Kompost zu befördern. Doch die Eidechse war gar nicht tot. Sie fiel auf den Rücken, drehte sich schnell um, und hielt dann inne. Sie atmete schwer, ich sah ihren kleinen Brustkorb heftig arbeiten. Sie guckte sich um, und nach einem winzigen Moment war sie verschwunden. Sie flitzte über die Hauswand in Richtung Garten, elegant und flink, als wäre nichts gewesen.
Und ich habe kleinen Napf nach draußen gestellt, damit das nicht noch einmal passiert. Bei der entsetzlichen Hitze suchen bestimmt viele Tiere eine Wasserquelle. Wie gut, daß ich die Eidechse noch rechtzeitig gefunden habe. Noch dazu, wo ich jetzt weiß, daß es eine Lacerta Laevis war, eine bedrohte Art.
Tertia, fernmündlich August 5, 2010, 15:21
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Die Mädchen haben großen Spaß bei meiner Mutter und meinen Geschwistern. Sie genießen das kühle Wetter und die Aufmerksamkeit, und ohne mich als Rückhalt ist ihr Deutsch tadellos. Sie können, wenn sie müssen! Tertia amüsiert sich sehr über die vielen Fragen nach der Armee. Sie ist ja kein Kind mehr, und alle wissen, daß sie in einem Jahr Abi macht und dann eingezogen wird. Die meisten wissen auch, daß sie schon zwei Brüder in der Armee hat. (Oh Gott!)
Tertia hat sehr viel gekichert, als sie mir die Fragen berichtet hat. „Ob ich wirklich zur Armee will, und was passiert, wenn ich nicht will, und ob ich Angst habe, und ob das nicht alles schrecklich ist, und lauter so Fragen“. Ich habe sie auch gleich was gefragt, nämlich: und was antwortest du? „Also, ich sage, daß ich mir das lange überlegt habe, aber jetzt will ich doch zur Armee. Denn wenn wir keine Armee haben und niemand hingeht, dann haben wir echt ein Problem. Bis wir Frieden haben, brauchen wir nun mal die Armee. Kämpfen will ich aber nicht, und Angst habe ich nicht.
Aber an den Krieg vor vier Jahren erinnere ich mich noch, und da hatte ich Angst, denn wir hatten keinen Schutzraum. Jetzt haben wir aber einen, und vor der Armee habe ich überhaupt keine Angst. Ich will mashakit tash werden – Mama, weißt du, daß es sowas in der deutschen Armee gar nicht gibt? Die heißt übrigens Bundeswehr. Einer hat mir gesagt, er wollte gern zur Bundeswehr und etwas wichtiges leisten, und dann haben sie ihn ein Büro gesetzt, und da hat er nach acht Monaten aufgehört. Ja, die hatten nichts für ihn zu tun, ich verstehe es auch nicht. Ja, und dann sage ich den Leuten, daß ich es gut finde, daß bei uns auch die Mädchen eingezogen werden, denn da kann man sehen, daß Männer und Frauen kämpfen können, wenn sie wollen. Und manche Männer wollen es ja auch nicht. Also, bei uns kann man sich das mehr aussuchen. Aber Mama, hier sind die meisten Leute Pazifisten, sagen sie.“
Ich nehme an, die guten Freundinnen meiner Mutter und ihre Bekannten schlucken ein bißchen – tja, Pazifisten, das wären wir auch gern
Aber zu meiner Tertia kann keiner fies sein, also nehme ich an, im Stillen schütteln die Leute die Köpfe und sagen: ach die Lila, wie hat sie ihre Kinder indoktriniert! Hab ich aber gar nicht. Ich hätte jede andere Entscheidung gerade bei meinem Sorgenkind Tertia voll mitgetragen, und sie hätte wohl problemlos national service machen können. Das haben wir ihr immer gesagt.
Aber mashakit tash – das will sie gern werden, seit sie davon das erste Mal gehört hat. Was das ist? Mashak ist die Abkürzung für mefaked she-eino katzin, also ein Commander ohne Offiziersrang. Mashakit ist die weibliche Form. Und tash ist die Abkürzung von tnaey sherut, also Bedingungen des Diensts. Zum Beispiel Befreiungen von bestimmten Sachen, spezielle Bedürfnisse des Soldaten, was Freizeit und Zeit zuhause angeht. Die Mashakit tash ist also keine Offizierin (obwohl sie durchaus eine Offizierslaufbahn einschlagen kann), sondern so eine Art Sozialarbeiterin ihrer Einheit. Manche von ihnen dienen in kämpfenden Einheiten und sind dann auch im Feld dabei, andere sind bei nicht-kämpfenden Einheiten und haben ein friedlicheres Leben. Die mashakit tash ist die erste Anlaufstelle für alle Soldaten mit seelischen oder sozialen Problemen, in der Armee und außerhalb.
Für diesen Job, der recht hohes Prestige genießt, wird nicht jede Bewerberin genommen. Meine Tertia mit ihrem großen Interesse an Psychologie und Sozialarbeit würde sich schon dafür eignen. Diskret ist sie auch – ihre Eltern wissen wenig von ihrem Privatleben… und sie ist sehr gut in der Einschätzung von Menschen und im Gespräch. Ich könnte mir ohne weiteres vorstellen, daß sie ihre Arbeit so gut tut wie die nette junge Frau, die diesen Posten innehatte, als Y. vor vielen Jahren eingezogen wurde. Sie hat mit der Einheit den ganzen Libanonkrieg mitgemacht, und wir halten guten Kontakt mit ihr. Sie hat allen „ihren Jungs“ Schlüsselanhänger machen lassen, eine Hamsa mit ihrem Namen und „November 1981″ drauf. Y. trägt seinen täglich in der Hosentasche.
Tja, aber wie erklärt man das? Tertia erklärt es so ungefähr, sie sagt, sie will Sozialarbeiterin bei der Armee werden, und daß sie das interessiert. Und ich habe ihr gesagt, daß auch die Bundeswehr einen sozialen Dienst hat. Nur daß den eben nicht junge Mädchen stellen, die von der Armee angelernt werden, sondern professionelle Sozialarbeiter, die vermutlich keine Uniform tragen. Das weiß ich aber nicht genau.
Wie ist es also, wenn man beim Bund eingezogen wird? Hier ist es so, daß noch in der Aufnahmebasis (Bakum) das erste Gespräch mit der mashakit tash erfolgt. Ich merke, ich habe keine Ahnung. Also, Ex-Bundis, her mit dem esoterischen Wissen.
Seltsame Grillen August 5, 2010, 7:50
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Gestern abend verirrte sich eine kleine Grille in unser Schlafzimmer. Sie machte einen fürchterlichen Lärm und hüpfte verwirrt durchs Zimmer. Wir haben sie in der Hand gefangen und nach draußen gesetzt. Auch ein Heupferdchen von beachtlicher Größe, daß unser wilder Leo neulich durchs Haus jagte, habe ich sofort gerettet. Und die Gottesanbeterin, die wir im alten Haus mal auf dem Kinderbett hatten, habe ich ebenfalls nach draußen gesetzt und mich gefreut, daß ich sie aus der Nähe angucken konnte.
Komisch, wovor ich mich ekle und wovor nicht. Die handtellergroßen Spinnen, die selten genug von draußen eindringen, sind mir so ekelhaft, daß ich sie nicht mal benennen kann, und ich bin froh, wenn Y. sie entsorgt. Wie, ist mir egal. Gott sei Dank, Kakerlaken haben wir hier noch nie gesehen, aber in meinen Jahren in Israel habe ich sie oft genug getroffen. Sie sind wirklich fies und ekelhaft, finde ich, und ich graule mich vor ihnen. Für Spinnen und Kakerlaken empfinde ich kein Mitleid – meine Empathie reicht nicht bis zu ihnen.
Skorpione sind wieder was anderes. Ich finde sie nicht ekelhaft, sie sehen sogar schön aus, aber ich habe auch kein Mitleid mit ihnen. Wenn ich welche im Haus antreffe, fackle ich nicht lange – ich mach sie kaputt. Y. rettet sie und läßt sie draußen frei – mir ist das zu gefährlich, ich will nicht, daß einer von uns auf so ein Biest tritt. Eine Schlange dagegen, auch eine giftige Zefa, wie unser Nachbar sie schon zweimal im Haus hatte, würde ich wohl nicht töten – obwohl Zefas wirklich gefährlich sind. Was würde ich machen, wenn ich eine Zefa im Haus finde? Ich würde versuchen, sie zu fangen, und sie dann in einer Kiste weit wegbringen und freilassen.
Meine Mutter grault sich vor Ratten. Wenn die Katzen unserer Kindheit stolz ihre Beute vor unserer Tür deportierten, wies unsere Mutter uns mit zitternder, doch entschlossener Stimme an, „das tote Eichhörnchen“ oder „den Maulwurf“ in den Müll zu werfen. Sie konnte nicht mal das Wort Ratte aussprechen. Natürlich sind wir grausame Kinder mit der Ratte auf der Kehrschaufel in die Küche gekommen und haben gesagt: „guck mal, Mama, die süße kleine Ratte – was die für Zähnchen hat!“ Schande über uns. Über anderleuts Grusel lacht man. Wenn meine Kinder mir das mit einer Spinne – oh nein, danke!
Seltsam, wo Ekel- und Mitleidgrenzen verlaufen. Bestimmt gibt es auch Leute, die sich vor Grillen ekeln, oder die mit fetten Spinnen keine Probleme haben. Aber ich bin sicher, daß eine Grille im Schlafzimmer Glück bringt.
Letzte Neuigkeiten und Gedanken zum Zwischenfall August 5, 2010, 6:11
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an der Grenze vorgestern, der Gott sei Dank hinter uns liegt. Gestern abend fand in Naqoura ein Treffen von Vertretern der Unifil, Israel und dem Libanon statt, in dem der normale Ablauf der Arbeiten an der Grenze noch einmal besprochen wurden. Auch bei diesem Treffen war allen Seiten klar, daß der Fehler auf Seiten der Libanesen lag und Israel das Recht hat, auf israelischem Territorium Sichthindernisse zu beseitigen.
Der verletzte Offizier (übrigens äthiopischer Herkunft) erholt sich, der getötete Familienvater ist gestern begraben worden. Auch im Libanon sind die Toten beerdigt – Moslems und Juden beerdigen schnell. Der Verletzte wurde im Krankenhaus interviewt und erinnert sich an den Vorfall – wie er und sein Vorgesetzter beschossen wurden, auf israelischem Territorium. Er hatte noch Kraft, seine Frau anzurufen und sie zu beschwindeln, daß er sich die Hand gebrochen hat. Dann wurde er ohnmächtig und mußte operiert werden, weil er nah am Herzen getroffen war. Jetzt geht es ihm gut, und er will so schnell wie möglich wieder Miluim leisten. Männer!!!
Die vielen, vielen hämischen, unsachlichen und haßerfüllten Kommentare und Talkbacks, die ich in den letzten Tagen gelesen habe, zeigen mir deutlich, was ich eh schon wußte – automatische Verurteilung Israels ist für viele so selbstverständlich, daß sie ihren Standpunkt nicht mal in Frage stellen. Avenarius´ Kommentar ist ein besonders perfides Beispiel für die Verdrehung der Tatsachen – er preist ausgerechnet Assad, den hinterhältigen Kriegstreiber, der die ganze Region in Unruhe hält und mit Waffen beliefert, als friedliebenden Warner vor Krieg.
Vier Tote im Streit um einen Baum im israelisch-libanesischen Grenzgebiet, einen Baum, der der einen Armee die Sicht versperrt und der anderen zur Frage der nationalen Ehre wird. Dazu widersprüchliche Angaben über den Verlauf der Grenze und den Standort des hölzernen Gewächses, Beschuldigungen, Drohreden, Gefuchtel mit geladenen Waffen.
Das ist geradezu eine Verleumdungsklage wert. Der Streit ging nicht um den Baum – das war nur ein Vorwand, Avenarius! Schön blöd, daß er drauf reinfällt. Widersprüchliche Angaben – eine Seite hat gelogen, die andere die ganze Zeit die Wahrheit gesagt. Das nimmt Avenarius natürlich nicht zur Kenntnis. Die Süddeutsche erwähnt es nicht einmal. Ihre Leser sind nach wie vor auf dem Kenntnisstand von vorgestern nachmittag. Bemerkenswert.
Die Taktik der Scharfschützen im Hinterhalt ist aufgegangen: wir greifen Israel an, die Idioten verteidigen sich auch noch und die ganze Welt hält sie dann für aggressive „skrupellose Kriegstreiber“ (Avenarius). Ich hoffe, für solche Journalisten gibt es ein besonderes Kämmerchen in der Hölle, wo sie pausenlos Wahrheit zu sich nehmen müssen – stelle ich mir sehr schmerzhaft vor für Freund Avenarius.
Kurz, so sehen unsere Freunde in der Welt aus. An die Feinde möchte ich an diesem Tag keinen Gedanken verschwenden.
Update am Freitag:
Noch ein paar interessante Texte zu diesem Lehrstück von „anti-Israel bias“ – für den Fall, daß nächste Woche wieder naive, wohlmeinende Erstkommentatoren auftauchen und sagen: ach, was bist du so vergrämt und bitter, ich finde unsere Berichterstattung über den Nahen Osten objektiv und umfassend! Ich fühle mich super informiert und habe mir aufgrund der Informationen in unseren soliden deutschen Medien eine richtig objektive, faktenbasierte Meinung gebildet! Also, lieber naiver Erstkommentator, food for thought:
Yaacov Lozowick über die Verzögerungen und den offensichtlichen Widerwillen der Medien, die wahre Version endlich zu berichten – man möge sich ausmalen, wie sich die Updates gejagt hätten, wären die Erklärungen der Unifil gegen Israels Version gerichtet gewesen… Sein Fazit:
As I never tire of saying but unfortunately must repeat over and over and over, the reality Israelis know they live in is decidedly different from the mishmash of lies, mistakes, inaccuracies and wishful thinking just about everyone else is spoon-fed. Since reality is stronger than media reports, the discrepancy leads eventually to real-world actions, in which, for example, well-meaning but wrongly informed American Jews grow ever more exasperated with Israel for not understanding what any regular reader of the NYT can see; or when newly elected American presidents need 12-18 months of daily briefings before they begin to understand what’s really going on (Bush II needed 12 months, Obama seems to have needed the 18).
Bei Israelmatzav findet sich der Link zu einer ausgezeichneten Karte, die eindeutig zeigt, daß die Libanesen nicht etwa auf die bösen, bösen Baummörder gezielt haben, sondern direkt auf die Offziere, die eindeutig auf israelischem Territorium waren.

Mehr Bilder auch bei Elder of Zion, falls noch jemand Zweifel hegt.
Und eine Erklärung mit Bildern zum Thema Enklaven (muvlaot) und wie Israel mit ihnen umgeht bei der Jerusalem Post. Mir ist klar, daß die giftigsten „Israelkritiker“, deren Talkbacks und Kommentare in den Online-Medien ich mit Übelkeit gelesen haben, sich nie so weit aufs Thema einlassen.
Für sie ist klar, daß Israel Narrenfreiheit genießt, wegen Holocaust-Schuldgefühl und allgemeiner jüdischer Hinterlistigkeit unangreifbar ist, daß Israel das alles getan hat, um die armen Libanesen zu provozieren, und daß die Wahrheit eh nie ans Licht kommen wird, weil die Juden die Medien manipulieren. Nur der der Talkbacker selbst ist heldenhaft genug, um im Meer der israelfreundlichen Berichterstattung die Wahrheit ans Licht zu zerren. Tja, diese Leute werden sich die Karten nie angucken, die Artikel nie durchlesen. Sie sind unbelehrbar.



