Kleine Frage: lohnt sich eigentlich… Mai 26, 2012, 0:19
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… ein E-book-reader? Kindle oder sowas? Schwirrt mir gerade im Kopf rum. Ich liebe ja meine Papierbücher, aber so ein Ding, wie ich sie zunehmend zB in der Bahn sehe, das hat doch bestimmt auch seinen Nutzen? Was würdet Ihr raten, was habt Ihr, seid Ihr zufrieden, oder ist es schade um´s Geld?
Herzlichen Glückwunsch Mai 25, 2012, 12:49
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an Y. und mich – wir sind seit 22 Jahren Eltern. Es war ein sonniger Maitag kurz vor Shavuot, den wir mit der Hebamme Yaffa verbrachten, und es war ein sehr glücklicher Tag. Shavuot ist ein besonders schönes Fest – es ist das Fest der Erstfrüchte, und das empfinde ich jedes Jahr wieder als sehr passend.
Oh, und natürlich auch an Primus herzliche Glückwünsche. Ganz schön erwachsen, 22 Jahre. Meine Erstfrucht.
Ehrenvoller Auftrag Mai 19, 2012, 19:58
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Secundus ist schon wieder weg – viel hatten wir dieses Wochenende nicht voneinander. Er war unterwegs, ich war krank. Aber er hat mir einen ehrenvollen Auftrag übertragen. Ich muß ihn über das Bayern-Chelsea-Spiel per SMS und Telefon auf dem Laufenden halten. Ich lauf mich also schon mal warm.
Hoffentlich gewinnen die Bayern, dann freut sich Secundus, der treue Fan. Aber pst, nichts beschreien.
Das muß man sich mal vorstellen Mai 18, 2012, 12:20
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Ein Auto voll junger Palästinenser fährt zu schnell in eine Kurve und kracht in die Leitplanke. Zwei junge Frauen sind verletzt.
Ein israelischer Rettungswagen kommt ihnen zu Hilfe. Während die Sanitäter (ein Rett-San, eine Fahrerin und ein 16jähriger Freiwilliger) die Opfer noch behandeln, hält neben ihn ein Auto mit den Familienangehörigen der Frauen. Sie fangen an, die Sanitäter zu beschimpfen und greifen sie schließlich tätlich an. Mit knapper Not entgehen die Sanitäter einem Lynchmord. Der Rettungssanitäter versucht, die Fahrerin und den 16jährigen Freiwilligen zu schützen und die fluchenden, drohenden, vor Wut schäumenden Araber zu beruhigen und zu beschwichtigen. Dabei wird er krankenhausreif geschlagen.
Soldaten retten die Sanitäter schließlich. Die Angreifer sind Bewohner von Ost-Jerusalem. Der Rettungssanitäter arbeitet seit zwölf Jahren auf dem Rettungswagen und hat schon unzählige arabische Opfer von Verkehrsunfällen behandelt.
Quelle: Ynet.
Oh, fast vergessen. Die Hausaufgabe zu diesem Text: mach ihn taz-fähig. So zum Beispiel:
Israelische Provokation im Westjordanland
Uniformierte Angehörige der Besatzungsmacht Israel…
Unberufen Mai 15, 2012, 21:53
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Manchmal fällt es mir richtig stark auf, daß Israelis doch anders ticken als Deutsche. Heute hatte ich so ein Erlebnis, das mir wohl in Deutschland nicht passiert wäre.
Es war am Telefon. Eine freundliche Dame unserer Krankenversicherung wollte meinen, Y.s und Quartas Gesundheitsstatus erheben. Dafür mußte sie nach Krankheiten fragen – was verpönt ist, wie sie weiß. Die bloße Andeutung, der Gesprächspartner könnte, chalila (unberufen), erkrankt sein, ist für viele, auch säkulare Juden, ein absolutes Tabu.
Also leitete sie ihre Fragen mit einer vorbereitenden Erklärung ein. “Ich muß dir jetzt ein paar Fragen stellen, die sich leider sehr unangenehm anhören, aber leider unvermeidlich sind. Dabei werde ich Krankheiten erwähnen müssen. Bitte, nicht persönlich nehmen, ich muß das fragen”. Na schön.
Dann fragte sie Krankheit um Krankheit ab, aber jedesmal mit einer Gott-behüte-Formel dabei. “Herzkrankheiten, she-lo-neda (mögen wir nichts davon wissen)?” “Leberkrankheiten, chas-ve-chalila?” “Nierenkrankheiten, chalila?” ”Chronische psychiatrische Erkrankungen, lo aleynu (nicht auf unser Haupt)?”
Auf jede meiner verneinenden Antworten erwiderte sie entweder mit “toda la-el” (Gott sei Dank), “she-tehiu briim” (seid gesund), “she-kach yishaer” (möge es so bleiben), “baruch ha shem” (der Name des Herrn sei gesegnet), “bli ayn ha-ra” (ohne bösen Blick) und ähnlichen Formeln, so daß ich innerlich ihren reichen Wortschatz in dieser Richtung bewundern mußte. Und natürlich tfu tfu tfu.
Schließlich holte sie tief Atem und fragte: “und hat jemand von euch jemals, elohim yishmor (Gott schütze), Krebs gehabt?” Als ich verneinte, murmelte sie, “ha-shem yishmor, ha-shem yivarech” (der Herr behüte und segne). Ich merkte richtig, wie schwer es ihr fiel, diese schrecklichen Fragen zu stellen und damit, chalila, Unheil über uns herabzurufen.
Keine Ahnung, ob auch andere Versicherungsdamen in Israel so bemüht sind, die Ängste und Tabus ihrer Kundschaft zu beschwichtigen. Sie klang ansonsten sachlich und nett. Diese Formeln, wie ich ja schon oft berichtet habe, gehören einfach zum Alltagsvokabular dazu – und sie erinnern daran, welche Kraft im Judentum dem Wort zugeschrieben wird. Man soll seine Zunge hüten, anderen nichts Böses wünschen und nicht einmal den Gedanken an das Böse zulassen oder in Worte fassen.
Ganz abgesehen davon, daß dann natürlich die Versicherung zahlen müßte – unberufen.
Gefiedertes Mai 15, 2012, 14:02
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1. Wir haben höchstwahrscheinlich neue Haustiere. In unserem Eingang baut ein Schwalbenpärchen ihr Nest. Schwalben bringen Glück. Sie sind schön, sie zwitschern, und ihre Nachkommen sind so niedlich. Daß sie es trotz der schwarzen Raubtiere, die pausenlos auf Jagd sind, gewagt haben, ihr Nest bei uns anzukleben, freut mich sehr. Ich hoffe, sie brechen die Arbeit nicht mittendrin ab, wenn sie sehen, wie nah wir und die Katzen eigentlich sind.
2. Eigentlich war das meine einzige Nachricht, doch ein Blick in Ynet hat mir eine kleine Geschichte beschert. Nicht genug mit dressierten Haien, Wildschweinen, Eichhörnchen und all dem anderen Getier – nun ist auch ein Bienenfresser von den türkischen Behörden enttarnt worden. Der Vogel hatte das Pech, von Ornithologen in Israel beringt zu werden – natürlich ein eindeutiger Hinweis auf eine Spionagetätigkeit. Außerdem hatte er vergrößerte Nasenlöcher und schnaufte seltsam. Zweifellos wird er einem Verhör nicht standhalten. Ich nehme an, wie es mit Spionen nun mal so üblich ist, daß die Türken ihn hinrichten werden. Warum hat der Mossad aber auch so einen auffälligen Vogel gewählt…? (Ich muß jetzt so tun, als wüßte ich nicht, daß sämtliche Wiedehopfe verwanzt sind – diese stinkigen Tiere sind ja vor ein paar Jahren zum Nationalvogel Israels gewählt worden, und darum Vorsicht…)
In Kürze Mai 5, 2012, 10:54
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Inzwischen hat Tertia ihren Kurs abgeschlossen, trägt mit Stolz Band und Nadel der ausgebildeten psycho-sozialen Diagnostikerin (oder wie auch immer man das übersetzen möchte) und ist in die schöne sandfarbene Uniform der Luftwaffe übergewechselt: sie ist nämlich jetzt der Luftwaffe zugeordnet worden und wird am Sonntag in einer Basis im Süden ihren Dienst anfangen. Erst als Assistentin und Auszubildende einer Offizierin, nach ein paar Monaten dann auf eigene Verantwortung. Sie ist überglücklich und brennt auf ihre neuen Aufgaben.
Nicht alle haben solches Glück. Die Tochter von entfernten Bekannten ist an ihrem Einsatzort todunglücklich, ist mit einer offenbar überforderten und sehr harschen Offizierin aneinandergeraten, hat sich von der Truppe abgesetzt und zu ihren Eltern geflüchtet… ich weiß nicht, was ich täte, wenn meine Tochter so unglücklich wäre. Vermutlich mich vor dem Verteidigungsministerium anketten oder so…
Ich hatte ein interessantes Treffen mit Studenten, die einen Austausch mit einer deutschen Hochschule machen und viele Fragen zu Deutschland hatten – deutsche Sitten, deutsche Mentalität, deutsches Schulsystem, deutsche Parteienlandschaft…. Am Ende waren sie so begeistert von meinen umfassenden Erklärungen, daß sie mich gern mitnehmen möchten nach Deutschland – nur zu, ich habe zugestimmt und werde also vermutlich schon in weniger als einem Monat die alte Heimat heimsuchen. Und ich freue mich sogar drauf. Auch für nächstes Jahr ist eine Exkursion geplant wie die vor zwei Jahren, wieder nach Berlin, und ich sitze im Planungs-Team und bin als Begleiterin fest eingeplant.
Überhaupt geht es ein bißchen aufwärts, mein Gefühl akuter Überforderung legt sich und ich genieße die Arbeit wieder mehr. Ich muß lernen, um Hilfe zu bitten, wenn ich Hilfe brauche. Das fällt mir immer so schwer bzw es fällt mir gar nicht ein. Es ist einfacher, anderen zu helfen, als sich selbst helfen zu lassen.
Die Nachrichten ignoriere ich, sehr zum Vorteil meiner seelischen Verfassung. Was ich nicht weiß, ärgert mich auch nicht. Ich habe aber so nebenbei mitgekriegt, daß im September Wahlen sind. Barak und Livni sind weg vom Fenster, aber ich glaube nicht, daß ihr Fehlen sich bemerkbar machen wird. Andere werden ihre Plätze einnehmen. Zwei politische Hoffnungen, die sich in Nichts aufgelöst haben. Ich hoffe auf eine stabile, überwiegend säkulare (oder moderat religiöse) Regierung der Mitte, mit kompetenten Leuten. Daß die Diskussionen um einen Schlag gegen den Iran sich abgekühlt haben, ist mir sehr lieb. Ich kann mir nicht vorstellen, was dabei Gutes herauskommen könnte.
Ich hoffe, daß Lieberman nicht länger Außenminister bleibt, für den Posten taugt er überhaupt nicht. Als Innenminister kann ich mir ihn viel besser vorstellen – dann kann er endlich die versprochenen säkularen Reformen durchführen, am besten in Zusammenarbeit mit einem moderat religiösen Stellvertreter, so daß auch die Interessen der Religiösen gewahrt bleiben (ich bin nun mal immer für Ausgewogenheit). Es ist wohl an der Zeit, den status quo neu auszuhandeln und die Lasten (Wehrpflicht, Arbeitsmarkt, Steuern) neu zu verteilen, auf mehr Schultern als vorher – und die Subventionierung des Staats auf die zu beschränken, die wirklich nicht arbeiten können.
Ein guter Kandidat für den Job des Außenministers fällt mir gerade nicht ein – ich werde aber mal die Augen offenhalten. Ich glaube, Bugi Herzog macht im Ausland eine gute Figur, aber ist seine Position stark genug für so einen Posten? Nein. Shaul Mofaz und Bogi Yaalon werden ums Verteidigungsministerium konkurrieren, nehme ich mal an. Das Hauen und Schlagen fängt jetzt an. Mal gucken, wo Yair Lapids neue “ich bin charmant und habe gute Ideen”-Partei ihr Plätzchen findet. Hinge nicht so viel an unseren Politikern, könnte einen das Schauspiel glatt amüsieren.
So, und jetzt muß ich Y. bei der Wäsche helfen.
Damit die Kinder morgen geschniegelt und gebügelt (nein, größtenteils ungebügelt) antreten können. Montag kommt Primus vom Reservedienst wieder, der macht seine Wäsche aber selbst, weil er viel weniger Zeitdruck hat als seine Geschwister. Die verwöhnen wir gern in den kurzen Stunden, die sie zuhause haben.
Miluim April 29, 2012, 15:36
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Reservedienst – so heißt eines der wichtigsten Kapitel im Leben des israelischen Mannes (und auch der unverheirateten Frau), sofern sie in der Armee gedient haben. Primus hat heute früh seinen ersten Miluim angefangen – nach einigem Hin und Her von Seiten der zuständigen Offizierin ist er jetzt in einer großen Basis der Luftwaffe als Sanitäter, für zwei Wochen.
Er ist gespannt, wie sich die Armee für einen Reservisten anfühlt – ob es lockerer ist, oder ob die Atmosphäre einer großen, straff organisierten Basis der für ihre Disziplin bekannte Luftwaffe auch einen Reservisten mit einbezieht. Ich bin auch gespannt. Da diese Basis außer für ihre Disziplin und ihre wunderschöne Lage mitten in der Natur auch für die hübschen Soldatinnen bekannt ist, von denen es dort angeblich nur so wimmelt, und da Primus nur für zwei Wochen eingezogen ist, wird es wohl nicht so schlimm sein. Er klang jedenfalls vorhin ganz vergnügt, als er mich anrief, um mir zu melden, daß er angekommen ist.
Ich habe also gerade drei Kinder in Uniform.
Ameisengleich April 27, 2012, 20:43
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haben wir diesen Unabhängigkeitstag verbracht. Wimmelnd und arbeitend also.
Der Gedenktag vorgestern war wieder so traurig, ich mag gar nichts dazu sagen dieses Jahr, es ist alles schon gesagt. Y. kam wieder so bedrückt vom Grab seines Freundes wieder, der schon dreißig Jahre tot ist und dessen Vater nun auch verstorben ist. Und wie herzlich die Mutter sich am Leben der anderen wärmt und mitfreut – eine ganz besondere Frau. Es waren auch wieder um die 50 Freunde, die sich am Grab eingefunden hatten, und dann noch die große Familie. Im Moshav, wo er begraben liegt, ist eine große Anzahl Soldatengräber. Die Gedenkfeier ist jedesmal besonders bewegend. Viele Familien haben mehr als ein Mitglied verloren – so auch die Familie von Y.s Freund. Sein Onkel ist im Unabhängigkeitskrieg gefallen, er 1982. Die Oma ist an gebrochenem Herzen kurz danach gestorben – und ganz nah bei Sohn und Enkel begraben. Nun liegt der Vater des Freunds auch dort.
Uns fiel wieder auf, wie viel intensiver man die Feste im Kibbuz erlebt, wo die ganze Umgebung zelebriert und mitmacht. Da verstärken sich die festlichen oder besinnlichen Schwingungen. So ist z.B. das Feuerwerk, das wir hier aus den Fenstern sehen können, keinen müden Vergleich wert mit dem Spektakel, das der Kibbuz sich jedes Jahr leistet, wenn der Gedenktag zu Ende geht und der Unabhängigkeitstag eingeläutet wird – unmittelbar nacheinander. Meine Schwiegermutter hat berichtet, daß ein Team von jungen Paaren dieses Fest übernommen hat und eine wunderschöne Feier organisiert hat – mit Tanz für die ganze Familie in die Nacht hinein.
Wir sind auch dieses Jahr nicht weggefahren – statt dessen haben wir mit allen vier Kindern eine Neuordnung der Zimmer im Haus vorgenommen. Drei Zimmer mußten “verschoben” werden, und wir sind den ganzen Tag mit Kisten und Kästen rumgewuselt, um es so schnell wie möglich über die Bühne zu bringen.
Quarta war die treibende Kraft. Sie wollte gern Secundus´ Zimmer, und weil Secundus einsah, daß sie es besser brauchen kann als er, hat er es friedlich geräumt. Secundus haben wir in das bisher nicht genutzte zusätzliche Zimmer quartiert, das mir besonders gut gefällt, weil es genau unter dem geliebten Ombu liegt und ganz grünes Licht hat. Der ganze Kram und Krempel, den wir dort aufbewahrt hatten (Kunstmaterialien, Putzkram, ein alter Kühlschrank und riesige Behälter mit dem Kinderzeichnungen-Archiv der Familie – das ich nach Kind und Datum und Motiv durchsortiert habe), ist in Quartas altes Zimmer gewandert. Keller und Speicher haben wir ja nicht – das ist also unser Speicher.
Und gegrillt haben die Jungen dabei auch noch. Das machen sie ja besonders gern. Sie fahren gern mit Y. zu ihrem Leib-und-Magen-Metzger in Kfar Yasif, einem älteren Herrn, der immer gute Tips hat und dessen Fleisch wohl gut ist – ich versteh ja nichts davon. Die Jungens haben also gegrillt, Y. hat einen riesigen Salat gemacht, und ich Süßkartoffeln und Kartoffeln im Ofen – mit Kräutern aus dem Garten, die wieder ganz gut gedeihen.
Das war ein schöner Tag.
Weil der Unabhängigkeitstag auf Donnerstag fiel, haben wir nun gleich noch Freitag und Samstag als langes Wochenende dazu – was bedeutet, daß ich meine Soldaten länger zuhause habe.
Letztes Jahr am Unabhängigkeitstag waren wir auf Hausbesichtigung (hier und hier beschrieben) und haben uns entschieden, in dieses Haus zu ziehen. Das war eine rundherum gute Entscheidung. Der Alltag läuft reibungslos. Die Kinder wären zwar lieber näher an ihren Freunden aus dem Kibbuz, aber ansonsten sind sie ganz zufrieden. An den alten Einträgen sehe ich, was ich schon fast vergessen hätte – daß ich gar nicht begeistert war und nicht gern umgezogen bin. Na, und jetzt bin ich so froh, daß wir es getan haben.
Je älter ich werde (und heute werde ich 48, was für eine schrecklich erwachsene Zahl…), desto häuslicher werde ich. Als ich neulich auf einer Ausstellungseröffnung war, dacht ich mir, das muß ich öfter tun, mehr rausgehen, wieder mehr Leute sehen, ein bißchen aktuelle Kunst angucken und Atmosphäre mitnehmen und Smalltalk machen – meine Häuslichkeit und Familie und Arbeit absorbieren mich vollkommen. Auch fürs Bloggen bleibt im Moment wenig Energie, und die Stapel von Mails, die unbeantwortet bleiben, sind mir echt peinlich. Ich bitte um Geduld, auch hier – ich werde schon noch dazu kommen, aber ich bin gerade dabei, meine Internetzeit radikal zu beschränken. In den nächsten Wochen kommen so viele Aufgaben auf mich zu, daß ich keine Ahnung habe, wie ich alles schaffe. Ich werde es irgendwie schaffen – aber auf irgendwas muß ich verzichten, und im Moment gehören Blog und private Mails dazu.
Gedenktag April 25, 2012, 9:57
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Secundus und Tertia sind als Abgesandte ihrer Einheiten mit Familien von Gefallenen in Nahariya auf dem Friedhof. Y. ist wie jedes Jahr am Grab seines Freunds. Ich bin mit Quarta und Primus zuhause – gleich die 2minütige Sirene. Schwierige Tage.
Nichts zu erzählen April 15, 2012, 19:08
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Die Feiertage waren herrlich ruhig und still und familiär. Wir haben wie die Biber in Haus und Garten geschafft – Primus, “der menschliche Freischneider”, Y. “die Axt im Haus, die den Zimmermann, Elektriker, Installateur und Hausmeister erspart”, und ich, von den Männern “tapfere deutsche Hausfrau” genannt. Quarta hat inzwischen ihr Zimmer in wunderbare Ordnung gebracht und Secundus hat den Kopf über uns geschüttelt. Wenn er nicht gerade Schlaf nachgeholt hat.
Wunderbare Begegnungen hatten wir auch. Auf der Terrasse sonnte sich eine grün-schwarze kleine Eidechse. Leider hat es ihr nichts geholfen, daß sie flink ihren Schwanz abwerfen konnte, als mein dicker Leo sie zu packen kriegte. Quarta und ich haben ihre winzige Leiche entsorgen müssen.
Aber das Chamäleon, das Y. gestern in der Bougainvillea aufstörte, das haben wir vor den Katzen gerettet. Nicht ohne es vorher von einem zum anderen stelzen zu lassen. Von Y.s Fingern zog es sich zu Primus rüber und von dessen Schulter auf meinen Unterarm. Was für ein Gefühl, wenn sich so ein Chamäleon an einem festkrallt, einen würdevoll aus seinen grünen, glubsch-verborgenen Augen anguckt und sich um einen Hauch verbraunt, wenn es auf ein braunes T-shirt klettert. Y. hat es dann in die Wildnis getragen, hoffentlich aus der Reichweite gieriger Kater.
Selbst ins Haus verirren sich die Urwelttiere. Vorhin hatte ich ein zartrosa, durchsichtiges kleines Gecko-Tier im Bad. So eins, ein smamit:

Es ist ein bißchen schwierig, so ein Tierchen zu fangen, weil es beneidenswerterweise auf der Decke genauso davonhuschen kann wie auf dem Boden. Gemeinsam haben Y. und ich es schließlich vorsichtig gefaßt und auf dem Balkon freigelassen.
Noch ein Dialog, den ich mit Secundus hatte.
Ich: Was ist eigentlich aus dem elektrischen Kessel geworden, den wir dir gestiftet haben? Hast du den noch, oder hast du ihn am Gazastreifen in der Basis zurückgelassen?
Secundus: Nö, wieso, den hab ich noch. Im Moment brauch ich ihn weniger, denn in der Basis im Golan haben wir überall Kaffee-Ecken, aber er war total nützlich am Gazastreifen.
Ich: Erzähl.
Secundus: Na ja, da ist es doch nachts so kalt. Weißt du noch, als ich ganz zu Anfang auf Har Dov war, und nachts wachen mußte, und wie kalt es da immer war? Jedesmal, wenn ein Commander nachts vorbeikam, dacht ich mir, “wenn er ein Kerl ist, bringt er mir jetzt ne Tasse heißen Kaffee mit”. Aber keiner hat mir je einen Kaffee gebracht. Und da hab ich mir geschworen: wenn ich mal Commander bin, dann bring ich meinen Soldaten IMMER eine Tasse Kaffee mit, wenn ich nachts die Wachtposten kontrolliere.
Ich: Und das hast du gemacht?
Secundus: Das hab ich gemacht. Ich glaube, meine Soldaten hatten mich richtig gern. Je kälter es nachts war, desto lieber.
Und er grinst.
Der Abschied ist ihm nicht leichtgefallen, aber er bereut trotzdem nicht, daß er zurück zum Sanitäter gewechselt hat. Er ist jetzt in einem taagad im Einsatz, einer Verletzten-Sammelstelle – eine Art mobiler Klinik, ein Team von Sanitätern, Rettungssanitätern mit einem Arzt. So wie es auch Primus war. Es ist ganz gut, daß er beide Optionen hat und beide ausprobieren kann. Beides kann er gut machen.
Jetzt ist er wieder weg, in den Golanhöhen. Und für mich geht morgen wieder die Arbeit los.
Chol ha-moed pessach April 10, 2012, 8:07
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heißen die Zwischen-Feiertage, zwischen Anfang und Ende von Pessach z.B. Eine Woche, in der manche Leute frei haben (ich) und andere arbeiten müssen (Y.), in denen die Geschäfte offen sind, aber überall eine festliche Stimmung herrscht. Viele Leute machen Ausflüge. Die Nationalparks bersten geradezu. Wer die Nase vom Prä-Pessach-Putzen noch nicht voll hat, der stürzt sich jetzt auf häusliche Arbeiten.
In den letzten Tagen habe ich mit Primus im Garten gewütet. Ich habe Unkraut gerupft, er ist mit dem Freischneider rangegangen. Ich habe geputzt und geschrubbt, er Äste abgesägt. Wir haben uns stundenlang drangehalten. Mit Primus zusammenzuarbeiten macht wirklich Spaß. Er ist lustig und bärenstark und wir lachen viel. Manchmal unterhalten wir uns über gemeinsame Erinnerungen und vergleichen seine Kinder- mit meinen Erwachsenen-Erinnerungen. Leider besteht die Natur ja darauf, unerfahrenen jungen Eltern die Kinder in den Arm zu legen. Irgendeinen Sinn wird es wohl haben, daß die jungen Eltern dreist draufloserziehen und erst nah der Fünfzig begreifen, was sie da eigentlich gesät haben.
Der Garten ist ein ungelöstes Problem – da wir den Sommer über kaum wässern können, werden wir wieder keinen Rasen haben, den versagen wir uns ja schon seit vielen Jahren. Nur meine geliebten Kräuter, die ich hätschele und hege, werde ich wässern, und von Zeit zu Zeit die Sträucher und Bäume, besonders die jungen. Die Fläche ist aber doch ziemlich groß, und viel Ahnung habe ich nicht vom Gärtnern. Keine Ahnung, was wir damit anfangen sollen.

Y. und ich hatten im Kibbuz vier verschiedene Wohnungen – ein kleines Haus mit Garten, eine etwas größere Etagenwohnung mit Gartenstück, ein wiederum größeres Haus mit wunderhübschem Garten und eine noch etwas größere Etagenwohnung, zu der ein Gartenstück gehörte, das aber von der Nachbarin beackert wurde. Ich habe in allen Gärten außer dem letzten als erstes Minze, Pfefferminz, Thymian, Rosmarin und Salbei angepflanzt, Majoran, zuta levana, Zitronenverbene, Lemongrass und all die anderen. Ich fühle mich erst dann richtig zuhause, wenn ich rauslaufen und meine Tee- oder Gewürzkräuter selbst pflücken kann. Mit Kräutern ist es so einfach, sie sehen schön aus, duften gut, sind einfach zu behandeln, und wir brauchen immer welche. Kräuter und Komposthaufen – das sind immer meine ersten Schritte.
Wenn Quarta und Primus einen Ausflug in die Umgebung machen, nehmen sie einen Primuskocher und Teekräuter mit, und ein bißchen Zucker. Dann kochen sie sich in der Wildnis einen Tee. Meine Kräuterbeete sind also sehr nützlich. Jawohl.
Aber wo andere Leute einen Rasen anlegen würden, haben wir immer nur vertrocknetes Unkraut gehabt im Sommer. Auch im Kibbuz wurde grundsätzlich Wasser gespart, und große Flächen wurden nicht gewässert. Also, was kann man mit einem Garten machen, wenn man den langen, heißen Sommer über strikt Wasser sparen will oder muß? Was soll ich statt der Unkrautbüsche anpflanzen?

Beweis April 9, 2012, 13:56
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Wer hat über mich gelacht, als ich mich vor den Riesenspinnen grauste, die uns heimsuchen? Kein Tag vergeht ohne mindestens zwei Begegnungen. Das da oben ist eine solche Spinne, nachdem sie mich getroffen hat. Ja, ich benutze die Waffe der Feigen und Frauen – ich sprüh sie an, dann ziehen sie die Beine an und sterben. Ich wünschte, ich wäre gruselfrei genug, sie wie kleinere Tiere einfach per Besen wieder hinauszubefördern. Aber sie sind flink und riesig und knacken beim Laufen. Darum erlege ich sie aus dem Hinterhalt, wenn sie sich in mein Territorium wagen.
Besonders bei Quarta, die meine Abneigung gegen dieses Getier teilt, tummeln sie sich. Gestern hatte sie zwei fette Brüder auf dem Fenster. Wir haben sie Gregor und Sandor genannt. Und die Sprühdose geholt.
Das da oben ist Sandor. Als er noch lebte, war er so groß wie meine Hand.
Qassam in der Nähe von Sderot April 8, 2012, 23:09
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Wieder mal Glück gehabt – niemandem ist was passiert. Ob es Alarm gegeben hat, weiß ich nicht.
Eli Yishai mal wieder April 8, 2012, 15:44
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Innenminister Eli Yishai erteilt Grass Einreiseverbot. Ach je, Eli Yishai. Als hätte Grass die Absicht, nach Israel zu kommen. Das ist ungefähr so wirksam, als wollte man einem Schokoladenverächter den Schoko-Osterhasen vorenthalten. Big deal.
Außerdem bestätigt es ihn genau in seiner selbstmitleidigen Haltung – “seht ihr wohl, kaum sag ich die Wahrheit (daß Israel den atomaren Erstschlag auf den Iran plant, um das iranische Volk zu vernichten, und daß Israel die Bedrohung des Weltfriedens Nr.1 ist…), da werd ich schon mundtot gemacht”. Und da stimmen ihm ja laute Chöre der Schweigsamen zu, die seit Jahr und Tag ihre Israel-Kritik publik machen, sich aber immer fühlen, als müßten sie den Mund halten. Ein virtueller Maulkorb. Wie in der alten BH-Werbung: lalechet im, lehargish bli – “mit BH rumlaufen, sich BH-los fühlen”…nur eben umgekehrt.
Netanyahus Reaktion, ebenfalls als Gedicht verkleidet, fand ich angemessen. Von Eli Yishai habe ich noch nie was gehalten, und es wundert mich kein bißchen, daß er diese Entscheidung getroffen hat. Eleganter wäre es gewesen, hätte er Grass eingeladen, zur nächsten Herzliya-Konferenz z.B., wo es um Fragen der Sicherheit geht, und wo kontrovers diskutiert wird. Wieso da keiner drauf gekommen ist, weiß ich nicht. Aber ein Einreiseverbot? Als wäre Grass scharf auf einen Urlaub am Roten oder Toten Meer.
Mit dieser leeren Geste erhebt Yishai Grass in einen erlesenen Zirkel wirklich gefährlicher Menschen. Das ist Grass nicht. Er ist nur ein durch und durch authentischer Repräsentant der israelkritischen europäischen Alt-Linken, die zu vielen Greueln schweigt, aber um Thema Israel immer, immer was zu kamellen hat. Ein Einreiseverbot kann Grass sich ans Cordjacket heften wie einen Orden.
Eli Yishai, habaita.
(Ich sehe zu meiner Genugtuung, daß Tom Segev sich ganz meiner Meinung anschließt
)
Absolute Freiheit. Das Paradies. April 8, 2012, 12:35
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So bezeichnet ein Palästinenser Tel Aviv. Wie er zu diesem Schluß kommt? Er hat das Pech, schwul zu sein.
Gil Yaron greift ein Thema auf, das jeder Israeli kennt – schwule Palästinenser, die nach Israel fliehen, weil sie dort wenigstens überleben können, wenn sie es auch schwer haben ohne Aufenthaltsgenehmigung.
Doch Jussuf will bleiben, um jeden Preis. “No way! Ich gehe hier nie weg”, sagt er. “Es ist nirgends besser als in Tel Aviv. Seit ich hier lebe, habe ich noch nie Rassismus erfahren. Sogar während der Zweiten Intifada, als hier überall die Busse von Palästinensern in die Luft gesprengt wurden.” Mehr als 40 Mal setzten Polizisten ihn bereits im Westjordanland ab, aber Jussuf fand immer den Weg zurück. “Ich kenne schon alles: die Beamten, die Zellen, die Fragen und die Tricks, um über die Grenzanlagen zu kommen”, sagt er. Entweder geht er durch die Wüste, klettert in Jerusalem über die Mauer oder nimmt eine Route im Norden: “Da kann man sich nachts über die Felder schleichen. Schaul wartet auf der anderen Seite mit dem Auto.”
Jüdische Polizisten flößen Jussuf keine Angst mehr ein: “Die behandeln mich mit Respekt. Gegen Ende ihrer Schicht lassen sie mich oft einfach ziehen. Sie wissen, dass ich heute keinen Schaden mehr anrichte. Sie haben keine Lust auf den ganzen Papierkram”, sagt Jussuf und grinst. Der Mitgliedsausweis des Schwulenvereins sei bei jüdischen Polizisten hilfreich: “Die sagen manchmal: Was, du bist Araber und schwul? Geh nach Hause, Gott hat dich schon genug gestraft.”
Genau so lerne auch ich die Israelis immer wieder kennen. Die stereotype Vorstellung der rassistischen, araberhassenden, verhetzten und aggressiven Israelis ist nicht mehr als das – ein Stereotyp. Gewiß gibt es wie überall auch in der israelischen Armee und bei der Polizei Menschen, die mit der Macht nicht fertigwerden, die eine Uniform ihnen gibt, und die ihr Gegenüber entwürdigen (und damit sich selbst). Aber die israelische Grundhaltung ist human und tolerant. Die vielen Vorsichts- und Defensivmaßnahmen gegen Terror und Gewalt stehen der israelischen Neigung, auch mal Fünf gerade sein zu lassen und anderen mit Vertrauen zu begegnen, eher im Wege.
Ich denke ja manchmal, vielleicht spinne ICH, wenn ich mitbekomme, wie manche Leute sich Israel vorstellen, aber dieser Artikel bestätigt mein Bild. Israelis wie Shaul Ganon setzen sich für Palästinenser ein, für die sich sonst niemand einsetzt. Und zwar aktiv.
In Israel ist es problemlos möglich, offen schwul zu sein, wie in allen anderen Ländern der westlichen Welt. Auch wenn religiöse Familien Probleme mit Homosexualität haben, die nicht in ihr Wertesystem paßt (und vor allem das Gebot zur Fortpflanzung kompliziert machen), sind “Ehren”morde unbekannt. Man arrangiert sich eben irgendwie damit, wie auch in streng christlichen Familien. Und im säkularen Israel ist es ungefähr so schwierig wie in Berlin oder New York, “anders” zu sein.
Aber mal abgsehen vom israelisch-palästinensischen Blick – es lohnt sich, den Artikel zu lesen, er ist erschütternd. Was tun homosexuelle Männer und Frauen in arabischen Ländern, die nicht die Möglichkeit haben, sich nach Tel Aviv abzusetzen? Wie geht es homosexuellen moslemischen bzw arabischen Migranten eigentlich in westlichen Ländern? Wer setzt sich für sie ein, damit sie nicht von ihren Familien bedroht werden?
Es ist erschreckend, daß für so viele die Familie, die man gern als Zufluchtsort schlechthin wahrnimmt, als zuverlässig schützende nächste Umgebung, zur schlimmsten Bedrohung überhaupt wird. Die vielen “Ehren”mord-Geschichten, die ich im Lauf der Jahre mitgekriegt habe, ziehen mir beim Lesen gewissermaßen den Boden unter den Füßen weg. Wo Männer und Frauen von ihren Eltern und Geschwistern brutal gemetzelt werden – wo die Bindung innerhalb der Familie, die noch vor der Geburt beginnt und die sich im Lauf der ersten Lebensjahre aufbaut, die zu unseren ersten und stärksten Erinnerungen gehört – wo die nicht zuverlässig ist und sich wegen “Fehlverhalten” im Nu in die Waffe verwandelt, die den Menschen das Leben kostet – da muß das Leben ehrlich gesagt ein Albtraum sein.
Welche menschliche Bindung ist denn dann noch zuverlässig und haltbar, welche Liebe ist bedingungslos und angstfrei? Und was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn sämtliche emotionalen Bindungen “auf Bewährung” sind, selbst die an Bruder und Schwester und Vater und Mutter, aus deren Hand man die ersten Bananenstücke gegessen, die ersten Bauklötzchen entgegengenommen hat? Denen man sein erstes Lächeln geschenkt hat?
2 Raketen in Netivot April 8, 2012, 6:24
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Nichts passiert, nichts zu sehen, Sie können weitergehen.
חג שמח Chag sameach April 6, 2012, 23:05
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Das Fest der Freiheit – das betont dieser kleine Clip der IDF zu Pessach. Nicht nur er. Freiheit steht im Mittelpunkt dieses Fests.
Das Wort Freiheit hat ja letzthin in Deutschland eine Renaissance erlebt, weil der neue Bundespräsident sich nicht genug daran freuen kann, daß er sie nun hat. Bei denen, die Freiheit immer schon hatten und nicht zu schätzen wissen, so wie bei denen, die Freiheit für überschätzt halten, stößt sein Freiheits-Pathos eher auf Befremden oder peinliche Berührtheit. Selbst Angela Merkel, die ja biographisch dasselbe Durchbruchserlebnis hatte, fand das Rumreiten auf der Freiheit übertrieben. Als wäre Freiheit wie Geld: man hat sie, aber in guter Gesellschaft spricht man doch nicht davon.
Wenn es in Deutschland ein Freiheits-Erlebnis gibt, dann ist es historisch neu. Der Fall der Mauer war zweifellos für die Deutschen ein einschneidendes Erlebnis von Freiheit. Die Befreiung von einem mörderischen Regime zu Ende des zweiten Weltkriegs wurde gleichzeitig auch als Niederlage empfunden und ist darum nicht gerade ein emotional positives Erlebnis der Befreiung geworden. Die Ausrufung der Republik 1918 stand ebenfalls im Schatten eines verlorenen Kriegs. Die Märzrevolution endete in Scheitern und Blutvergießung. Die Befreiung von Napoleon wirkte sich nicht auf die persönliche Freiheit aus, weil viele politischen Hoffnungen enttäuscht wurden. Vorher kann man eigentlich nicht von deutschen Erfahrungen mit Freiheit sprechen, denn es gibt noch kein Deutschland im modernen Sinne.
Was Freiheit angeht, ist das deutsche Gedächtnis recht kurz. Zweihundert kurze Jahre gemeinsamer Freiheits-Erlebnisse, alle bis auf den Mauerfall von Krieg, Gewalt und Enttäuschung überschattet. Wir singen zwar “Einigkeit und Recht und Freiheit”, aber die Freiheit landet auf dem dritten Platz, nicht wie bei den Franzosen auf dem ersten. Na ja, das mag Zufall sein, dem Rhythmus geschuldet.
Trotzdem würde ich die These wagen, daß der Topos Freiheit im deutschen Bewußtsein hinter anderen Themen zurücksteht, daß er nicht zu den zentralen Themen, zu den Kronjuwelen gehört. Jeder weiß, daß Freiheit wichtig ist, so wie Gesundheit, aber zentrale Werke der deutschen Kunst und Literatur widmen sich anderen Themen – der persönlichen Entwicklung, der Verwirklichung von Träumen, dem Versinken in Obsession, dem Abfall vom Glauben, der Liebe. Settembrini ist kein Deutscher. Die Liberalen sind eine kleine, feine Minderheit.
Bei den Juden ist die Sache anders. Pessach ist das Fest der Freiheit, das schon eine alte Tradition hatte, als Jesus ein junger Mann war. Die Geschichte von der Befreiung, die Verpflichtung, jedes Jahr zu Pessach bewußt die Befreiung mitzuerleben und sich persönlich frei zu fühlen – das ist ein sehr wichtiger Baustein der jüdischen Identität. Der kleine Clip mit den ach so jungen Soldaten unterstreicht das. Keiner brauchte ihnen zu sagen “und jetzt erzählt mal was vom Fest der Freiheit”, denn das Fest heißt so – Pessach, chag ha cherut, das Fest der Freiheit. Da kommt der Begriff ganz von alleine. Eine Umfrage unter jüdischen Israelis auf der Straße würde dasselbe Ergebnis bringen. Was bedeutet dir Pessach? Freiheit.
Jede Generation des jüdischen Volks fühlt sich, als sei sie selbst aus Ägypten gezogen. Jedes Jahr wird das in einem ausdrücklichen, textreichen und mit Gesten begleiteten Nach-Spielen der Geschichte am Sederabend zelebriert. Die ganze Pessachwoche über ißt man anders als sonst, verhält man sich anders als sonst – der Exodus wird in jedem jüdischen Haus vergegenwärtigt. Der Sinn der ganzen Regeln und Rituale, die Reinigung von Hametz und das Mahl, in dem jedes Glas Wein und jedes Nahrungsmittel seine symbolische Bedeutung haben – der Sinn des ganzen Fests ist die intensive Vergegenwärtigung des Übergangs vom Sklavendasein in die Freiheit.
Für die Juden, die über Jahrtausende hinweg nicht frei waren, nicht unabhängig waren, ist darum ihr Staat von überwältigender und beglückender Bedeutung. Jeder Jude, egal woher er kommt, trägt in seiner Familiengeschichte die Narben von Abhängigkeit und Unterdrückung mit sich – ob diese Geschichten in der Familie erinnert werden oder nicht. Überall, wo Juden lebten, gab es besondere Regelungen für sie. Sie waren Außenseiter und hielten sich selbst auch bewußt abseits, um ihre Identität zu bewahren. Der Preis, den sich für diese Beibehaltung ihrer Sitten unter Bedingungen von Abhängigkeit und Unfreiheit zahlten, war sehr hoch. Judenverfolgungen, Judenvertreibungen, Pogrome, Diskriminierung – selten waren die Jahrzehnte, in denen es ganz friedlich zuging für die Juden. Das Damoklesschwert hing stets über ihnen.
Und der Staat Israel ist auf diesem Erbe, auf diesen Erinnerungen, Ängsten und traumatischen Erfahrungen aufgebaut. Das historische Gedächtnis des jüdischen Volks ist sehr lang. Die Juden, die seit Generationen jedes Jahr ihr Fest der Freiheit feiern, wissen Freiheit zu schätzen. Freiheit der Lehre und Forschung, Freiheit der Auslegung der Straßenverkehrsordnung, Freiheit der Ladenöffnungszeiten, Freiheit der Rede und Kritik, Freiheit im alltäglichen Umgang, Freiheit der Regeln in Kleidung und Höflichkeit.
In der Buntheit, die ich jeden Tag um mich sehe, in der formlosen Burschikosität, im rastlosen Suchen nach kreativen Lösungen für Probleme, in den flachen Hierarchien in Unternehmen und Armee, in den Sandalen und offenen Hemden bei Universitätsrektoren, die von allen geduzt werden, in der riesigen Anteilnahme für Familie Shalit, in der Risikobereitschaft und Unternehmungslust so vieler Israelis - überall kann ich den kleinen, goldenen Faden des unbändigen Freiheitswillens erkennen. Er ist einer der Schlüssel zur israelischen Mentalität, wenn man überhaupt an die Existenz dieses schwer zu fassenden Phatnoms glaubt. Hat ein Israeli die Wahl zwischen Sicherheit und Freiheit, wählt er mit hoher Wahrscheinlichkeit die Freiheit. Wie würden Deutsche wählen? Ich weiß es nicht. Vielleicht ein Mittelding?
Wer Israel und die Israelis verstehen will, für den ist darum Pessach die ideale Reisezeit. Nicht nur wegen des angenehmen Wetters und trotz der überfüllten Hotels und überteuerten Flüge. Wer einmal zu Pessach in einem Raum voller Juden gesessen hat und gehört hat, wie sie inbrünstig singen “avadim hayinu, avadim – ata bnei chorin, bnei chorin” – “wir waren Sklaven, Sklaven – jetzt sind wir Söhne der Freiheit, Söhne der Freiheit” – der versteht auf einmal ganz viel. Ja, ihr wart Sklaven, und jetzt seid ihr frei. Mein Gott, und wie froh bin ich, daß ihr frei seid – das denke ich jedes Jahr wieder zu Pessach. Wie gut, daß das jüdische Volk frei ist.
Ich bin keine Jüdin und meine Traumata sind anderer Art. Ich bin frei aufgewachsen, meine Eltern sind in Freiheit aufgewachsen, und wer die NS-Diktatur in Deutschland beklagt, muß sich auch daran erinnern, daß sie frei gewählt worden ist. Mein Freiheitsbegriff ist viel weniger emphatisch, viel weniger beschwörend. Das ist mein Privileg. Und Privilege haben es an sich, daß man sie nicht spürt, daß man sie für selbstverständlich hält. Nur wer das Privileg NICHT hat, der merkt sein Fehlen. Nur wer noch spürt, daß er mal Sklave war und unfrei und von anderen kontrolliert wurde, der weiß, was Freiheit bedeutet. Und er wird sie über alles schätzen und hochhalten und sie zum zentralen Thema des zentralen Familienfestes im Jahreskreis machen.
Frohes Fest. Wir hatten es ganz ruhig und friedlich bei meiner Schwiegermutter.
Klarstellung April 6, 2012, 8:17
Posted by Lila in Presseschau.comments closed
zur Gleichschaltungs-Behauptung des Herrn Grass. In aller Bescheidenheit sei angemerkt, daß ich mich keineswegs an einer Kampagne beteilige. Ich bin nicht gleichgeschaltet. Ich bin jüdisch versippt.




