Der letzte Tag des Semesters Juni 17, 2013, 9:10
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Wie immer ein komisches Gefühl, wenn die Zeit des “irgendwann im Semester kommen wir noch dazu…” abgelaufen ist. Grausame Realitäten und so.
Hackordnungen Juni 12, 2013, 7:29
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Gestern klagte mir eine unverheiratete, kinderlose Freundin, daß es immer noch die unausgesprochene Rangordnung unter Frauen gibt: ganz oben die Ehefrau und Mutter, dann die Witwe oder Alleinerziehende mit Kindern, dann die Frau mit festem Partner, und sie rangiert immer ganz unten. Natürlich spricht das niemand aus, aber das selbstzufriedene Lächeln, mit dem Ehefrauen sagen, “MEIN Mann”, “MEINE Söhne”, “MEINE Töchter” spricht Bände. Und dann hört sie immer wieder: “ja willst du denn keine Kinder, das wird aber schon höchste Zeit, übrigens kenne ich da einen sehr netten Informatiker in Ramat Gan, der sucht schon seit Jahren… und meine Cousine hat ein Kind per Samenbank, wäre das denn nichts für dich…”.
Sie fängt gerade auf einer neuen Arbeitsstelle an, in der Provinz, wo nur Frauen arbeiten, und ist etwas befremdet. Vorher hat sie mit Männern gearbeitet, die fanden es eher gut, daß sie ungebunden ist. Und davor hat sie jahrelang in Tel Aviv gelebt, wo es das ebenfalls nicht gab. Also, so schön es wäre, wenn wir uns als das edlere Geschlecht fühlen könnten, es ist wohl nichts damit.
Was soll sie auf solche Zudringlichkeiten antworten? Sie kann ja nicht sofort Krach anfangen mit ihren neuen Kolleginnen.
Lesen und nach Luft schnappen Juni 9, 2013, 13:07
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Den Artikel in der Welt über Willy Brandt, Golda Meir und den Frieden im Nahen Osten muß man langsam lesen. Besonders die wörtlichen Zitate sollte man sich gründlich durchlesen und besonders auf den Ton achten. Ungeduldig, von vornherein überzeugt zu wissen, was die Israelis denken, und voller Sorge um die Sympathien der Araber. Fakten falsch einzuschätzen, sich zu irren, das ist verzeihlich und kann passieren. Aber vor lauter eigenen Vorurteilen nicht zu begreifen, was die andere Seite will, und damit Krieg und Konflikt einfach weiterlaufen zu lassen, das ist unverzeihlich. Golda lag recht oft daneben, in diesem Falle schmerzt das Lesen geradezu.
Und dann hinterher Predigten halten über die israelische Dickschädeligkeit. Man kann nur den Kopf schütteln. Sich an die Begeisterung der SPD für die Fatach erinnern, egal, wofür die Fatach steht (Text hier, Bilder hier - Tip: auf die Karten achten!). Und hoffen, daß deutsche Nahost–Politik auch anders aussehen kann.
Im Sommer 2002 Juni 3, 2013, 11:16
Posted by Lila in Bloggen, Persönliches.10 comments
flogen wir mit den Kindern nach Deutschland, ich weiß nicht mehr welche Route, aber ich erinnere mich noch deutlich an den Anblick der Überflutungen aus dem Flugzeugfenster. Kurz nach der Jahrhundertflut, der sogenannten, waren wir in Dresden und sahen noch überall die Schäden.
Und jetzt sehe ich die Bilder und bewundere die Leute, die mit Fassung durch ihre überschwemmten Städte platschen.

Passau ist eine Stadt, die ich ein bißchen kenne und sehr mag. Ich sehe die Bilder und denke an das schöne Antiquariat von Heiner Henke. Ob es das noch gibt? Die Schätze, die ich vor fast 30 Jahren dort erworben habe, ziehen mit mir von Ort zu Ort. Ich hoffe, es war Zeit genug, alle Kostbarkeiten in Sicherheit zu bringen, im Antiquariat und anderswo.
Wenn es unter den Lesern Flut-Betroffene gibt – meine besten Wünsche.
Shlomo Arzi Juni 2, 2013, 20:34
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kann man gar nicht genug haben.
mit Nurit Galron.
Der Text ist schön, keine Übersetzung kann das täuschend schlichte Hebräisch wiedergeben. Ja, es war ein gutes Leben, wie die Optimisten sagen - manchmal ein merkwürdiges Leben, wie die chinesischen Mystiker sagen. Chaim tovim – gutes Leben. Chaim musarim – merkwürdiges Leben. Im Hebräischen reimen sich ja sehr viele Wörter, weil die Anzahl der Endungen relativ überschaubar ist.
Sie weiß nicht, was in mir vorgeht.
Interessant, wie Shalom Chanoch und Shlomo Arzi zusammen das Lied live interpretieren. Das müssen gute Konzerte gewesen sein, wo sie gemeinsam ihre bekanntesten Lieder zusammen gesungen haben. Sie sind so verschieden, aber es ist immer schön zu sehen, wie sich Künstler gegenseitig respektieren und gegenseitig anregen.
Und hier machen sie dasselbe mit einem alten Lied von Shalom Chanoch, vielleicht sein schönstes – Du warst meine Jugendliebe. So ein trauriges Lied.
Unter mediterranem Himmel. Immer wieder lieb, dieser Clip mit dem Sohn, der selbst längst erwachsen ist. Sie sind stolz aufeinander.
Und sie machen immer noch Musik zusammen, Vater und Sohn. Ich stelle es mir nicht ganz einfach vor, der Sohn von Shlomo Arzi zu sein. Noch dazu, wo er einfach den Namen Ben, Sohn, trägt.
Nichts mitgekriegt Juni 1, 2013, 15:17
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haben wir von dem Erdbeben, das vor einer Stunde in Eilat zu spüren war. Na, wie sollten wir auch, Eilat ist weit weg. Ich kann mir kaum vorstellen, daß irgendjemand hier im Norden was gemerkt hat.
Aber auch wenn Erdbeben in Nordisrael gemeldet werden, kriegen wir davon nie was mit. In all den Jahren habe ich nur ein Erdbeben deutlich wahrgenommen, das wird so fünf, sechs Jahre her sein. Es war ein ganz leichtes Erdbeben – vermutlich würde ein Japaner das nicht mal als Erdbeben wahrnehmen. Aber unangenehm war es. Ein ganz schön blödes Gefühl, wenn der Boden bebt und das Wasser im Glas kleine Wellen schlägt. Der Erdboden hat bitte zuverlässig und solide zu sein unter unseren Füßen.
Wir warten ja schon seit Jahrzehnten auf Das Große Ding, das auch hier rein rechnerisch wieder “dran” ist. Der syrisch-afrikanische Graben arbeitet weiter, die Kontinente streben voneinander fort. Wir wissen, daß jederzeit kein politisches, sondern ein ganz handfestes nicht-metaphorisches Erdbeben unsere Gegend erschüttern kann.
Die alte Heimat ertrinkt unterdessen in den Fluten. Hoffentlich steigt das Wasser nicht weiter, sondern fließt bald ab. Ach, ich wünschte, wir könnten es einfach in den Nahen Osten umleiten, hier fehlt es ja so.
Ach nein, ach je, Mai 29, 2013, 0:02
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sie sind wieder da, die Spinnen. Handtellergroß ist sooowas von 2012 – dieses Jahr kommen sie nicht kleiner als meine Hand, mit abgespreizten Fingern. Pro Tag mindestens eine Begegnung. Ich bin inzwischen schon fast, beinahe, nahezu cool. Ich rufe nicht mehr mit bebender Stimme nach Sohn oder Gatte, um mich zu erlösen. Nein nein, ich erledige das selbst, meuchelmörderisch, ich kann mich nicht dazu bringen, diese Kaventsmänner irgendwie einzufangen.
Wenn ich ihnen bei der Gartenarbeit begegne, machen sie mir gar nichts aus. Draußen, das ist ihr Revier, da ekeln sie mich nicht weiter, da können sie machen, was sie wollen. Aber wenn sie im Haus fett und bräsig auf der Wand sitzen, überall, kein Zimmer, in dem ich nicht schon mindestens dreimal eine angetroffen häte — das ist gräßlich und verstörend.
Seltsam, meine Schwester geht locker mit Spinnen um, Y. und Primus machen sie nichts aus, Secundus lacht und staunt über ihre Größe. Doch meine Töchter scheine ich angesteckt zu haben mit meiner irrationalen Spinnenfurcht, obwohl ich mich vor ihnen immer bemüht habe, mir nichts anmerken zu lassen, ohne Schrecksekunde ganz sachlich zur Tat zu schreiten. Ja, vor Augen der Kinder überwinde ich mich, auch die ekligsten Viehcher per Besen nach draußen zu befördern. Viehcher, die ich in trauter Einsamkeit per feiger Chemiewaffe menschen- und spinnenrechtswidrig um Leib und Leben bringen würde, was ich den Kindern aber nicht zumuten möchte*.
Der Sommer hat Vorteile, ich leugne es nicht, besonders wenn er so relativ mild daherkommt wie im Moment. Die Wäsche trocknet im Nu, die Bougainvillea blüht, an manchen Tagen ist das Meer so glatt und spiegelblank, daß man es küssen möchte. Aber wehe, wehe, wehe, wenn ich auf die Spinnen sehe….
Ich hab gerade eine erledigt, die war so groß wie eine Nordseeinsel. Hätt ich sie mal photographiert. Ihr glaubt mir ja doch nicht. Keine Ahnung, wann meine Gänsehaut weggeht.
Ich sag ja, das Haus ist eine Therapieeinrichtung für Arachnophobiker. Hier werde ich getriggert, bis ich Spinnen unter Spiegeleigröße gar nicht mehr sehe.
Die nächste zeig ich euch, damit ihr auch was davon habt.
* Den Mädchen – die Söhne zählen bei mir unter Männer und haben damit die Lizenz, ja die Pflicht zum Spinnen-Beseitigen.
Der große, böse, gemeine Kater, Mai 27, 2013, 19:00
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Feind aller Katzheit. Der muß es gewesen sein, da hatte Luzifer, mein Kampfkater, keinen Zweifel dran.
Pünktlich um 19.05 ging der zweite ABC-Alarm des Tages los, im Rahmen unseres jährlichen Heimatschutz-Trainings. Quarta und ihre Freundin, die heute mittag beim ersten Alarm in der Schule den ganzen Drill routiniert mitmachten, sahen mich nur müde an. “MÜSSEN wir in den Schutzraum?” Ich sah in Quartas Augen den Appell “mach mir keine Schande, Mutter”, und gab nach. Schließlich ist der Drill nur dazu da, damit alle genau wissen und sich einprägen, wo ihr geschütztes Gebiet ist – in Häusern ohne Schutzraum muß man den erstmal rausfinden. Also begnügte ich mich mit der Frage, ob sie denn auch wissen, wo er Schutzraum ist? Ja, Quartas Freundin schläft sogar drin.
Ich wanderte also allein in den Schutzraum, um dort das Fenster zu schließen. Und da sah ich Luzifer. Er stand wie angewurzelt vor dem offenen Fenster, hatte sich aufgeplustert, der Pelz stand ihm in alle Richtungen ab. Noch Minuten nach Verhallen der Sirenen war er im Kampf-Modus und stelzte schließlich angewidert von dannen.
Es ist aber auch ein ekelhaftes Geräusch, dieser ABC-Alarm.
“Soldaten durchsuchen Gelände” Mai 27, 2013, 13:35
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Wirklich, es ist wie verhext mit Secundus. Egal wo er gerade eingesetzt ist – dort wird es unruhig. Als er in Hebron diente, war Hebron täglich in den Schlagzeilen. Und als in Hebron die Lage sich entspannte, saß Secundus an der Grenze zum Gazastreifen. Als er die Golanhöhen abkommandiert wurde, dachte ich, “na toll, da ist es wenigstens ruhig” – und schon fielen syrische Geschosse und verletzte Rebellen mußten versorgt werden. Als er jetzt die letzte Runde seines Wehrdiensts antrat, Bewachung der Grenze westlich von Metulla, war ich mir sicher, daß dort nichts, nichts passieren kann. Doch der Junge war die ganze Nacht auf den Beinen, nach dieser seltsamen Rakete suchen, die vielleicht überhaupt auf libanesischem Boden gefallen ist. Ich hoffe, nicht nur Secundus wegen, daß sich die Spannungen hier im Norden nicht heftig entladen. Gestern Grads in Dachiya, der Hisbollah-Hochburg Beiruts, letzte Nacht der Abschuß einer Rakete aus dem Libanon. Dauernd passiert hier irgendwas, und Battalion Shaham ist immer dabei. Ist das fair? In Israel ist es doch sonst so ruhig…
Eine Reportage Mai 25, 2013, 14:47
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Oft denke ich mir, schade, daß die Reportagen in Deutschland nicht gesendet werden, die wir manchmal freitags im Nachrichtenmagazin in Channel 2 sehen können. Diesmal war es eine Reportage über palästinensische Häftlinge in Israel, diese oft bemitleideten und gern freigepreßten Terroristen, die in israelischen Hochsicherheitsgefängnissen einsitzen.
Interviewt wurden sie von Ehud Yaari, der auf die arabische Welt spezialisiert ist (er hat mal erzählt, wie er nach dem Friedensschluß mit Ägypten in Kairo mit dem Taxi fuhr und der Taxifahrer anerkennend meinte: du kennst dich hier aber aus, und Yaari sagte knapp: ich bin zum ersten Mal hier, ich interessiere mich einfach für die Stadt…), und Moshe Nussbaum, dem mir höchst suspekten Journalisten, der es geschafft hat, aus den israelischen kriminellen Familien Medienstars zu machen. Aber er kennt sich mit Gefängnissen aus, deshalb hat Yaari ihn wohl mitgenommen.
Was mir besonders auffiel: die Gefängnisse sehen wesentlich besser aus als ich es von meinem einzigen Besuch in einem Gefängnis in Erinnerung habe – ich habe mal einen verurteilten Mörder in Ramle besucht, und das war einfach nur gräßlich. (Ich habe meine Schuhe hinterher weggeschmissen.) Die gefangenen Palästinenser leben nicht schlecht, sie haben eine exzellente medizinische Versorgung – ich würde mal sagen, zumindest was die Zahnmedizin angeht, besser als der durchschnittliche Israeli, der für jede Füllung blechen muß.
Sie bekommen von der Palestinian Authority 400 Shekel pro Nase bezahlt – ihre Familien bekommen ungefähr 4000 Shekel, das verdanken sie u.a. Eurer Großzügigkeit, europäische Steuerzahler. Mit dem Geld können sie in Lebensmittelläden einkaufen, wo vorher jede Flasche Apfelsaft und jede Tüte Linsen durchleuchtet wird. Wenn sie einen Hungerstreik ausrufen, bedeutet das oft nur, daß sie die vom Gefängnis servierten Lebensmittel boykottieren. Ihre selbstgekauften und -gekochten Gerichte essen sie weiter.
Im Gefängnis sind sie nach Organisationen getrennt untergebracht, hie Fatach, hie Hamas, und jede Organisation hat ihre eigene Hierarchie, ihre eigenen Sprecher und Verbindungsleute. Zwischen den einzelnen Gefängnissen bestehen Kontakte – “wir haben unsere Methoden” beschied ein Sprecher die Reporter würdevoll.
Nussbaum und Yaari fragten jeden Gesprächspartner nach der Länge ihrer Haftstrafe und dem Grund für die Verurteilung. Es waren allesamt Terroristen, die brutale Morde an Zivilisten auf dem Gewissen haben, oft mehrere davon. Erwähnt wurden der Anschlag im Cafe Apropo und der Mord an Sharon Edri.
Sie sind unverblümt stolz darauf und sehen es als Teil des Kriegs, der das Ziel hat, die “besetzte Erde” zu befreien. Yaari und Nussbaum hakten nicht nach, aber ich habe kaum Zweifel daran, daß eine Zweistaatenlösung nicht gut genug wäre für den Geschmack dieser Männer. Besetzte Erde ist Erde, auf der Juden Häuser bauen und Kinder großziehen und Apfelsinen anbauen oder Industrieparks bauen. Der Krieg der Palästinenser kämpft dagegen, und er wird mit Gewalt geführt. Es wird Intifadas geben, bis die Erde befreit ist, versichern die Terroristen glaubhaft.
Ihr Einfluß ist groß – in der palästinensischen Gesellschaft genießen sie hohes Ansehen.
Als sie gefragt wurden, wer denn die Befehle zu ihren Taten ausgab, meinten sie: unsere Führung, Yasser Arafat. Ich erinnere mich noch gut daran, wie unmöglich manche Beobachter es fanden, sich auch nur vorzustellen, als hätte der Nobel-Friedenspreisträger Terror in Auftrag gegeben.
http://www.globes.co.il/serveen/globes/docview.asp?did=351519
Einmal pro Monat kommen ihre Familien zu Besuch, einmal am Tag haben sie Hofgang, sie sehen jeden Tag die Sonne. Gilad Shalit in seinem Erdloch ohne jeden Kontakt mit der Außenwelt hätte sich gefreut, wenn er es so gut gehabt hätte.
Die meisten Häftlinge sprechen ein sehr gutes Hebräisch, manche wechseln lieber ins Arabische.
Wer sich Illusionen macht über Ziele und Methoden der palästinensischen Gesellschaft, der sollte sich auf jeden Fall mal bei den Protagonisten informieren. Der kognitive Egozentrismus (endlich ein gutes Wort für die naive Auffassung “weil ich selbst nie zu Gewalt greifen würde, will es auch niemand anders…”) vergeht einem, wenn man das selbstbewußte Lächeln dieser Männer sieht. Auch die schöne Illusion des “Israel sollte…”, “Israel könnte….”, “Israel muß….”. Israel sollte, könnte und muß gewiß sehr viele schöne Dinge, aber leider wird das Resultat nicht Frieden sein. Zumindest nicht, wenn es nach diesen palästinensischen Volkshelden geht. Leider.
Hier kann man die Reportage angucken, leider ohne Untertitel, aber wer Ivrit versteht oder einfach nur die Bilder sehen möchte, der klickt vielleicht doch mal rein. Mittels Google Translate (was ich mir als Extension installiert habe) kann man den Begleittext lesen. Ich sehe sehr wenig fern, aber am Freitagabend die Nachrichten mit dem Magazin, das ist mein Minimalprogramm.
Merci Mai 23, 2013, 13:29
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Ein trauriger Abschied.
(Ich hatte das Glück, in der Schule von einer Französin unterrichtet zu werden, die ein wunderbares Parfum benutzte, mit uns salade nicoise zubereitete und aß, und die uns ein wunderbares halbes Jahr lang mit dem Thema Chansons verzauberte…)
Grinsend oder quietschend Mai 10, 2013, 10:14
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Tatsächlich, ich habe es die ganze Woche über geschafft, vor Tertia und Secundus geheimzuhalten, daß Primus zuhause ist. Quarta ging es sehr schlecht, die Woche war nicht einfach, und es war gut, daß mein Großer da war, während ich arbeiten mußte. Gestern aber war es endlich so weit. Primus hatte gekocht, seine Geschwister machten sich auf den Weg nach Hause. Secundus kam von Har Dov, Tertia von Nevatim. Sie kamen fast gleichzeitig an.
Secundus kam reingetigert, sah seinen großen Bruder, sagte: “hey, Primus, wie geht´s? was gibt es zu essen?”, und grinste ein bißchen. Sie klopften sich gegenseitig auf die Schultern und in den Nacken. Dann setzte Secundus sich hin und lud sich den Teller voll.
Tertia sah Primus von weitem, quietschte laut “Priiiiiimus!!!”, warf ihre Taschen von sich, sprang ihm an den Hals und jubelte. Quarta sprang sofort hinterher. Dann stellte sie ihm ganz viele Fragen hintereinander. Primus strahlte, die Arme voller Schwestern. Genauso hatte er sich die Reaktionen seiner Geschwister vorgestellt.
Schließlich saßen wir um den Tisch, alle vier, und ich. Gegen Abend kam auch der Vater nach Hause, womit wir komplett waren. Ich genieße jede Minute, in der ich alle Kinder zuhause habe.
Es ist für mich immer wieder unfaßbar, wie verschieden sie sind. Es relativiert auch die elterliche Illusion vom Einfluß der Erziehung.
Primus hat mich neulich danach gefragt, wie ich die Rolle der Erziehung sehe. Ich habe ihm gesagt, daß ich die alte Metapher vom Erzieher als Gärtner ganz passend finde. Der Gärtner kann seine Pflanzen vor Frost, Wühlmäusen und Dürre schützen, er kann ihnen im Rahmen des Möglichen optimale Bedingungen schenken, so daß sie sich entwickeln können. Falsche Behandlung kann Schäden hinterlassen, die Pflanze kann krumm wachsen oder dahinkümmern. Aber kein Gärtner der Welt kann aus einer Eiche ein Veilchen oder aus einer Mimose eine Prunkwinde machen.
In unserem familiären Garten jedenfalls sind vier vollkommen verschiedene Individuen herangewachsen. Klar, wie wohl in jeder anderen Familie auch – meine drei Geschwister und ich sind auch grundverschieden. Was müssen wohl Eltern von sieben oder zehn Kindern empfinden, wenn sie sehen, wie die Kinder großwerden und jedes ganz anders ist als die anderen?
Und sonst? Mai 6, 2013, 15:35
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Sonntag
Ja un wie is et sonst? Wie sonst. Erst war Quarta krank, dann ich, jetzt wieder Quarta, das hält uns auf Trab. Arbeit bis über beide Ohren, ich krieg es einfach nicht auf die Reihe, IMMER bleibt was liegen, ich hasse es. Zwischendurch Geburtstag, meine Güte, immer noch nicht 50? Nächstes Jahr. Irgendwann im April war auch mein 10jähriges Blog-Jubiläum – ich weiß noch, daß ich kurz vor meinem 39. Geburtstag damit angefangen habe. Hätte ich gedacht, daß ich das zehn Jahre lang, wenn auch mit Pausen, weiterführe? Nein. Irgendwann schreib ich mal was dazu.
Was ich zu den Angriffen auf syrische Waffentransporte an die Hisbollah sage? Nun, wenn schon die oft beschworene “internationale Gemeinschaft” die Bewaffnung der Hisbollah nicht verhindert, wiewohl sie es versprochen hat, dann nimmt Zahal das eben selbst in die Hand. Es ist ein bißchen schwierig, aus der Ferne zu verstehen, wie unangenehm es sich anfühlt, all diese Raketen direkt vor der Nase zu haben und immer wieder zu hören, was Nasrallah uns wünscht und wie er sich das vorstellt.
Ich weiß, in Deutschland sind das keine Nachricht wert, Nasrallahs Gerede, klar, ist ja auch weit weg, aber wir hören ihn eben regelmäßig und haben oft genug von der Hisbollah auch mehr als nur Worte frei Haus geliefert bekommen. Es ist ja auch immer lehrreich, zu hören, wie jemand wie Nasrallah tickt. Damit man von Illusionen geheilt wird wie “wenn Israel nur noch mehr Gebiete räumte…”, “wenn Israel nur gesprächsbereiter wäre…”, “wenn Israel nicht auf Stärke, sondern auf Kompromißbereitschaft setzte…”. Lauter Illusionen, von denen auch ich regelmäßig geheilt werden muß. Nasrallah nimmt diesen Job auf sich, danke sehr.
Mit dem Bürgerkrieg in Syrien, der unübersichtlich und blutig ist und der in Israel mit großer Besorgnis gesehen wird, hat diese Aktion meinem Verständnis nach eher wenig zu tun. Ich nehme an, Bibi weiß so gut wie ich, daß bei den Assad-Gegnern immer mehr die Islamisten überhand nehmen – wie im Iran und in Ägypten beerbt der politische Islam die Demonstrationen und Proteste für mehr Bürgerrechte und -Freiheiten (vorgestern oder gestern war eine hochinteressante Reportage über Israel, den Schah und den Unwillen Israels, zu begreifen und zu akzeptieren, daß sich mit dem Fall des Schah die Beziehungen geändert, ja erledigt hatten). Keiner dort ist ein Freund Israels, und ohne Waffenlieferungen an die Hisbollah würde Israel sich gänzlich raushalten.
Mir persönlich wäre es lieber, es würde gar nicht zu solchen Eskalationen kommen. Aber das ist natürlich schwachsinnig, denn jede Rakete, die uns jetzt durch die Lappen geht, die von Damaskus über die libanesische Grenze in die Hände der Hisbollah gerät, die wird später ihren Weg nach Israel finden. An der Bereitschaft der Hisbollah, irgendwann in den herbeiphantasierten Krieg zur Vernichtung Israels einzusteigen, besteht ja kein Zweifel. An der Bereitschaft des Iran, uns anzugreifen, besteht ebenfalls kein Zweifel – sie haben es oft genug schon getan.
Ich kann nicht behaupten, daß mich die Lage kaltläßt, und es ist schrecklich, daß bei dem israelischen Angriff Menschen ums Leben gekommen sind – aber ich glaube nicht, daß der nächste Krieg vor der Tür steht. Die Syrer haben einen großen Teil ihrer Armee in Syrien selbst gebunden, und ein sehr gutes Bild gibt sie im Kampf gegen die Rebellen aller Arten nicht ab. Wer weiß, wie Syrien aus diesen Kämpfen hervorgeht. Hoffentlich hören die Waffenlieferungen an die Hisbollah auf. Hoffentlich wird es in Syrien zu einem Waffenstillstand und zu einer politischen Lösung kommen.
Montag
Gestern nachmittag bin ich nicht mehr dazu gekommen, noch mehr zu schreiben. Es klingelte an der Haustür, und meine kranke Quarta (der es wirklich miserabel ging) wollte nicht aufmachen. Ich lief schnell auf den Balkon, um zu gucken, wer da klingelt. Der Nachbar stand auf der Straße. “Yossi, hast du geklingelt?” “Neee, ich glaube, das war dein Sohn!” Mein Sohn? Secundus? Wie das?
Ich fegte die Treppe runter, und da stand Quarta, strahlend vor Glück, in Primus´festen Armen. Primus! Er hat mich vollkommen überrascht. Niemand hat ein Wörtchen verlauten lassen. Er fängt in zwei Wochen an zu arbeiten, bevor es mit dem Studium losgeht, und hat die kleine Pause benutzt, um kurz nach Hause zu fliegen. Im Gepäck hatte er zwei Kilo Spargel, viel besser als alles, was wir hier kaufen können.
Secundus und Tertia wissen noch nicht, daß er hier ist, er will sie überraschen, und ich bin so froh. Deutschland gefällt ihm gut, alles läuft wie geplant, er ist zufrieden. Ich bin heute den ganzen Tag unterwegs, Primus kümmert sich um Quarta, die immer noch wacklig auf den Beinen ist.
Hoffentlich komm ich auch wieder zum Bloggen in den nächsten Tagen. Hier läuft jedenfalls alles normal, keine Panik, keine Sorge.
Ich sitze im Lehrerzimmer, bin froh, daß Primus sich zuhause um meine arme kranke Quarta kümmert, und gehe gleich zu einer Ausstellungseröffnung. Der israelische Künstler Erez Israeli, den ich seit seiner Beuys-Arbeit interessant finde, ist mit einem Video vertreten, in dem er Kleists Anekdote mit dem Tambour interpretiert.
So läuft der Alltag weiter. Richtig Zeit zum Bloggen habe ich eigentlich nicht, aber von Zeit zu Zeit muß ich doch mal von mir hören lassen…
Ausbruch April 21, 2013, 20:19
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Was ist die Strafe für Lehrende wie mich, die in ihren Stunden zu drastischen Metaphern neigen, welche sie aber nach zwei Minuten schon wieder vergessen haben?
Sie kriegen sie nach einem halben Jahr von den Studierenden wieder aufs Butterbrot geschmiert, wenn nämlich diese einprägsame Metapher unzählige Hausarbeiten ziert.
Die Gotik, die wie der Ausbruch eines vorübergehenden ästhetischen Irreseins Europa heimsucht… die fällt jetzt wie ein Bumerang auf mich zurück. Recht geschieht´s mir.

(Übrigens war das aus reiner Begeisterung heraus gesagt — Ehrenretter der Gotik rennen bei mir offene Spitzbogenportale ein.)
Wochenende, regnerisch April 21, 2013, 9:39
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Regen, Segen, wie banal sich das reimt. Und ist trotzdem wahr. Auf Ivrit reimt sich der Segen-Regen wenigstens nicht: gishmey bracha. Das hatten wir die ganzen letzten Tage, vollkommen unerwartet, nachdem uns schon die ersten Hitzewellen genervt hatten. Seit Dienstag regnet es immer wieder, mal leicht, mal schwer, zwischendurch sind Pausen, damit das Wasser einsickern kann. Mein Garten jubelt förmlich vor Glück, und das Unkraut, dem ich ständig auf den Hacken bin, wuchert unbezwingbar. Keine Ahnung, wie ich da wieder Ordnung reinkriegen soll, aber es ist mir auch egal. Es ist zu schön, aus dem Fenster zu gucken und dicke Wolken zu sehen, oder Regenschleier vor Abendsonne, oder einen blankgeputzten Himmel und nasse Blätter, die in der Sonne glänzen.
Zu dieser friedlichen Idylle paßte unser Wochenende perfekt. Immer öfter kommt es vor, daß mein Schwager freitags anruft und brummt: “die Kinder wollen zu euch, paßt es euch?” Na klar, wir lieben die Kinder und Schwager und Schwägerin auch, das paßt immer. Als wir noch im Kibbuz wohnten, waren sie auch jedes Wochenende bei uns, aber das war mehr Pflicht, weil mein Schwiegervater einfach eingeführt hatte, daß man sich am Shabat bei uns trifft. So wie früher bei ihm. Und noch früher bei seiner Mutter. Wir haben uns zwar immer gefreut, uns zu sehen, aber es ist doch viel schöner, zu hören “die Kinder WOLLEN zu euch”, als “na dann Shabat bei euch, wie immer”.
Weil es draußen so geregnet hat, konnten wir nicht raus. Die Nichten und der Neffe wissen genau, wo das Spielzeug zu finden ist, und liefen sofort die Treppe rauf. Und dann haben wir gespielt. Monopoly, Mensch ärger dich nicht, Memory. Nichts macht mehr Spaß, als gegen meine so süß kichernde Nichte zu verlieren – sie hat so eine Freude daran.
Ihr Bruder liebt Mancala,das Steinchen- oder Bohnenspiel, und hat von meinem Mann ein sehr schönes zum Geburtstag bekommen. Auch mein Mann hat das Spiel als Kind geliebt. Ich kannte es nicht, kann es aber sehr empfehlen. Sowohl Kinder als auch Erwachsene finden es interessant. Die Fassung für Erwachsene ist empfehlenswerter – viele Steine, so daß auch ein kluges Kind nicht sofort erkennt, daß es nur als erster Spieler anfangen muß, um zu gewinnen…
Mein Neffe liebt Secundus besonders, und als es dieses Jahr in seiner Klasse hieß, daß Päckchen für Soldaten gepackt werden (für den Unabhängigkeitstag), da erklärte er der Lehrerin, daß er seinen eigenen Soldaten hat und sein Päckchen selbst hinbringen wird. (Nur kämpfende Einheiten kriegen solche Päckchen, und auch längst nicht alle, aber Secundus bewahrt immer noch den Brief eines kleinen Jungen aus Jerusalem auf, der seinem ersten Päckchen vor drei Jahren beilag…)
Als die Sonne rauskam, wollte die kleinste Nichte, ein unbeschreiblich niedliches und energisches Kind von zweieinhalb Jahren, unbedingt raus. “Ums Haus rumlaufen” ist ihre besondere Freude. Sie findet es toll, daß man an der fensterlosen Seite von Büschen verborgen wird und nicht zu sehen ist. An der Seite wohnt der Nachbar mit den vielen Tieren, und sie hat mit Jubeln den Hahn und die Tauben begrüßt, die sie dort sehen konnte. Dann fingen die Kinder an, ums Haus herum Verstecken zu spielen, während ihre erschöpften Eltern es sich auf der Couch gemütlich machten. Die großen Geschwister sind sehr lieb zu der Kleinen.
Ich hatte beim Aufräumen neulich noch einen ganzen Schwung meiner bunten Haargummis mit selbstgehäkelten Blümchen gefunden, mit denen ich vor ein paar Jahren die Welt beglückt habe. (Muß ich eigentlich wieder machen – zehn Minuten pro Blümchen, und immer ein nettes Geschenk….) Die habe ich der kleinsten Nichte geschenkt, und sie hat gejubelt vor Freude. Ihre Mutter mußte ihr Zöpfe machen und ALLE Blümchen mußten rein. Dann lief sie ganz glücklich herum und ließ sich bewundern.
Es war zu schön, die Kinder sind überhaupt nicht schwierig, und ich habe riesige Freude daran zu sehen, wie sie sich entwickeln.
Ja, das war gestern, da war das Haus voll mit großen und kleinen Kindern, und ich war glücklich. Jetzt bin ich wieder ganz allein. Sie sind alle weg. Nicht als ob es mir schwerfiele, allein zu sein – ich bin gern allein, gehe auch gern durchs Haus und bereite alles für den nächsten Besuch vor. Aber diese Stille. Ich laß sie ungern gehen. Tertia ging als Letzte, ich habe noch lang auf dem Balkon gestanden und ihr hinterhergeguckt. Jetzt warte ich wieder aufs nächste Wochenende.
In der Nacht April 21, 2013, 5:45
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Bei uns im Norden: gesegneter Regen. Im Süden: eine Qassam-Rakete, die in der Nähe eines Orts einschlug.
In der ganzen letzten Woche also drei Raketen-Zwischenfälle, zweimal aus dem Gazastreifen, einmal aus dem Sinai. Anderswo würde das nicht als Einhaltung des Waffenstillstands gelten, von israelischen Bürgern erwartet man eher, daß sie ein Auge zukneifen, wenn dreimal die Woche Raketen in ihrer Nähe niedergehen. Och, diese Dingerchen.
Ich rechne der US-Regierung ihre Unterstützung für das Iron-Dome-System sehr hoch an. Auch in Sderot wollen die Leute nur ruhig schlafen.
Marsch geblasen April 20, 2013, 16:11
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In der ZEIT kriegen wir unser Fett weg, wir Babyboomer. Unbestreitbar ist da was dran – meine Altersgruppe plus minus zehn Jahre beherrscht nicht nur in Deutschland, sondern auch in Israel die Welt. Obwohl ich durch meine eigenen Lebenentscheidungen (Geisteswissenschaft studieren, Ausländer heiraten, ins Ausland ziehen, vier Kinder kriegen) meinen Platz an der Tafel des Wohlstands und der Sicherheit geräumt habe, sehe ich an meinen Altersgenossen, wie das aussieht.
Es schmeckt ihnen, das Leben. Sie sind ausnahmslos erfolgreich im Beruf, tüchtig, und sie leben tatsächlich in einem Wohlstand, den vermutlich ihre Kinder nicht so leicht erreichen oder werden halten können (trotz Erbschaften). Auch wenn ich persönlich ausgestiegen bin, gehöre ich mental zu dieser Generation der Selbstzufriedenen, der Gewinner, sicher aufgewachsen, was kostet die Welt.
Meine Kindheitswelt habe ich in Erinnerung als unendlich optimistisch. Ein Verdiener pro Familie reichte für bescheidenen, aber sicheren Wohlstand, alle bauten oder kauften irgendwann, jedes Auto, das der Papa kaufte, war besser als das vorige. Ich erinnere mich nicht daran, daß in unserem Milieu jemand arbeitslos wurde, sich etwas nicht leisten konnte, Angst vor der Zukunft hatte. Die Großeltern hatten sich abgerackert, damit unsere Eltern studieren konnten, bei uns wurde das vorausgesetzt. Wir erwarteten nicht anders, als daß das so weitergehen würde. Daß die Welt unsere Ansprüche erfüllt, daß wir selbst sie erfüllen.
Wir, unsere Generation, legen schwere Lasten auf die schmalen Schultern der nachfolgenden Generation.
Vom Jahr 2015 an werden so viele Deutsche in Rente gehen, so wenige Junge ins Arbeitsleben eintreten wie nie zuvor. Mit der Zahl der Erwerbstätigen sinkt aber fast immer auch die Wirtschaftskraft eines Landes. “Wenn wir Deutschen es schaffen, trotz erheblich schrumpfender Bevölkerung wirtschaftlich zu wachsen, wären wir die Ersten, die diese Logik aushebelten”, sagt Steffen Kröhnert.
Selbst wenn die Wirtschaft weiter wachse, sagt Kröhnert, werde dies ein Scheinwachstum sein, weil der Wohlstand von steigenden Kosten aufgefressen werde. “Bis 2040 werden wir doppelt so viele Menschen über 80 haben – und mit ihnen Demenz- und Alzheimer-Patienten.” Die meisten Immobilien würden an Wert verlieren, viele würden sogar unverkäuflich. Es bestehe die Gefahr eines “Asset Meltdown”: Die Älteren lösen massenhaft ihre Wertpapier-Depots auf, und weil es nicht mehr genug Junge gibt, die Aktien und Anleihen kaufen können, sinken die Kurse.
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In deutschen Unternehmen sitzen Ältere, die großzügige Betriebsrenten kassieren werden – neben Jüngeren, denen jeglicher Anspruch verwehrt bleibt. Die Einstiegsgehälter sinken oder stagnieren, während die Einkommen der über 50-Jährigen weiter steigen. Inzwischen verdienen 50- bis 60-jährige Arbeitnehmer rund fünfzig Prozent mehr als ihre 20- bis 30-jährigen Kollegen. Unter den unter 35-Jährigen gibt es viermal so viele befristet Beschäftigte wie unter den über 50-Jährigen.
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Früher waren es die Kinder, die eine Party schmissen, und die Eltern, die das Desaster beseitigten. Die Babyboomer haben es geschafft, das Verhältnis umzukehren.
Zu jeder Zeit ihres Lebens profitierten sie von gut finanzierten Staatsprogrammen: Als sie jung waren, wurden für sie die Universitäten ausgebaut, das Bafög wurde erfunden. Als Berufstätige freuten sie sich über massive Steuersenkungen. Als Ältere kommen sie in den Genuss eines historisch einmaligen Versorgungswesens. Zum Dank haben sie den Staat zurückgebaut, wo sie nur konnten.
Dabei dominieren wir das kulturelle Leben, den Alltag, die Medien.
Die Popkultur war immer auch ein Spiegel, in den die Jungen schauten, um sich selbst zu erkennen. Heute betrachten sich darin meist Menschen, die über 50 sind. Längst habe ich mich daran gewöhnt, dass der größte Popstar der Welt Madonna (54) heißt – und sie ihren Thron für Lady Gaga (27) nicht räumen wird. War früher James Dean (24) das globale Sexsymbol, ist es heute George Clooney (51). In den sechziger Jahren stieg die 26-jährige Ursula Andress als Bond-Girl aus den Fluten, ihre Nachfolgerin im Jahr 2002 hieß Halle Berry und war 36 Jahre alt.
“Wir haben uns daran gewöhnt, Frauen unter 30 als halbe Kinder zu betrachten und Männer in diesem Alter als Grünschnäbel”, schreibt der Kulturjournalist Claudius Seidl in seinem Buch Schöne junge Welt. “Man muss die 35 schon überschritten haben, wenn man überhaupt ernst genommen werden will, und mit welchem Alter die Jugend endet, war noch nie so ungewiss wie heute.”
Bräsig, selbstbewußt und ohne Rücksicht auf unsere Nachkommen, so sehen wir aus in diesem Artikel. Und wie eine subtile Quittung kommt mir dann, bei ganz anderem Thema, diese Meldung vor:
Großtrend bleibt die Wiederkehr von Namen aus der Großväter- oder Urgroßvätergeneration: Anton (21), Emil (23) oder Karl (34) verbesserten ihre Ränge. Namen der Nachkriegsgeneration wie Uwe, Jürgen und Horst sind derzeit nicht gefragt, ebenso wenig die Spitzenreiter jüngerer Jahrzehnte wie Christian oder Sebastian.
Wer seine Kinder lieber Emma und Felix nennt als Stefan und Sabine, der geht tatsächlich mindestens eine Generation in die Vergangenheit. Wenn erstmal Heinz und Günther, Erika und Elfriede ebenfalls ein Comeback machen und auf Spielplätzen zu hören sind, dann hat die junge Generation uns endgültig den Rücken zugekehrt. Dann sind die 60er und 70er Jahre wirklich nur ein opulenter Schlenker gewesen.
Gefangen April 20, 2013, 10:36
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Natürlich habe auch ich die Jagd auf den 19jährigen Mörder und Terroristen in Boston mit Spannung verfolgt, und ich bin froh, daß er lebend gefangengenommen werden konnte. So kann er aussagen und es wird hoffentlich möglich, die Motive besser zu verstehen, eventuell sogar ähnlichen Tätern zuvorzukommen.
Aber ich kann mich nun mal nicht vom israelischen Blickwinkel auf solche Taten lösen. Bei uns sind solche Anschläge oft vorgekommen, und seit die Terroristen dank Zaun und guter Aufklärung mit Bombengürteln nicht mehr durchkommen, setzen sie schwere Steine gegen fahrende Autos und andere simple Waffen ein, die trotzdem Tod und Leid bringen können (die kleine Adele Biton liegt immer noch auf der Intensivstation – ob ihr Gehirnschaden reversibel ist…?) . Bevorzugt schicken sie Kinder und Jugendliche mit Zwillen und dicken Steinen vor.
Der Terror hat also nicht aufgehört, er hat sich nur andere Waffen gesucht. Ein weiterer Vorteil ist natürlich, daß Steine und Schleudern viel weniger Schlagzeilen machen als eine Bombe. Darum ist es außer innerhalb von Israel praktisch unbekannt, womit sich Israelis konfrontiert sehen – nicht nur in den Gebieten, sondern auch in Wadi Ara und Faradis sind Autos mit Steinen beworfen worden.
Terroristen, die Zivilbevölkerung in Angst und Schrecken versetzen und verletzen und töten wollen, fängt unsere Armee regelmäßig, ohne Live-Begleitung von Twitter, CNN und der halben Weltbevölkerung. Eine häßliche, ermüdende, schwierige Routine – Nichtstun würde nur mit weiteren Anschlägen beantwortet. Sobald irgendwo ein Checkpoint aufgehoben wird, häufen sich in der Nähe die Anschlagsversuche.
Aber was kommt dann? Befragung, Prozeß, und je nach Urteil Inhaftierung. Wie es auch dem mußmaßlichen Täter von Boston ergehen wird. Nur ein Kapitel werden die Amerikaner nicht erleben müssen. Den Druck von außen, einen überführten Terroristen aus politischen Gründen freizulassen.
“President Abbas stressed that the release of the prisoners is a priority that creates an appropriate climate for the possibility of moving the peace process forward,” his spokesman Nabil Abu Rudeina told AFP.
In a public speech last week, Abbas said that the freeing of terrorists serving time in Israeli prisons was a “priority” for his leadership.
“The Palestinian leadership gives priority to the prisoners issue and ending their suffering,” Abbas said in a speech to a meeting of his Fatah party in Ramallah.
“We cannot be silent about their staying behind bars… (we) have demanded the freeing of all prisoners, especially those arrested before the Oslo accords, and sick, child and women prisoners,” he said.
Wir können uns also darauf gefaßt machen, daß John Kerry diese Bedingungen an Israel weitergibt, als wären sie berechtigt – obwohl ihm bestimmt nicht einfiele, Terroristen aus amerikanischen Gefängnissen freipressen zu lassen.
Channel 10 News reported that Kerry is planning on offering Israel and the PA an outline which would see Israel releasing terrorists from its prisons and transferring areas from Area B, which is under joint PA-Israeli control under the Oslo Accords, to Area A which is under full PA control.
Kerry’s outline would have the PA undertaking a return to the negotiating table and promising not to file lawsuits against Israel with the International Criminal Court.
Wohlgemerkt – eine Verpflichtung der Palästinenser, endlich, nach fast hundert Jahren, auf den Terror zu verzichten, ist nicht vorgesehen.
Und wenn sie dann frei sind, was tun sie dann? Manche bleiben dem Terror fern, das schließe ich nicht aus. Andere halten große Reden
und lassen sich als Helden feiern, wie Samir Kuntar.
Und wieder andere machen weiter, was sie am besten können. Terror.
Ich stelle mir gerade vor, daß Netanyahu zu Kerry sagt: “wenn ihr den Mann aus Boston freilaßt, laß ich auch mit mir reden”. Aber sowas tut man ja in der Politik nicht. Man findet sich damit ab, daß das Leben und die körperliche Unversehrtheit amerikanischer Bürger ein schützenswertes Gut ist, unseres dagegen eine Münze, die in Verhandlungen eingesetzt wird.
Bändeweise April 20, 2013, 0:02
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Bei meinem Stöbern nach noch mehr, noch mehr, NOCH VIEL MEHR Kindle-Büchern entdecke ich ein Genre, das mich an meine Schulzeit erinnert, und zwar an die Spätphase, als die vielen Bände von der Berufsberatung kreisten – Studienfächer, Ausbildungsberufe, für jeden denkbaren Beruf gab es so ein Heftchen. Natürlich, da wir eine Mädchenklasse waren, lauter weibliche Berufe. In der Schülerbücherei war eine ganze Ecke mit diesen Büchlein gefüllt. Und jetzt sehe ich ganz viele Romane, die genau in diese Ecke passen würden.
Die Weißnäherin. Die Kübelmacherin. Die Sockenstrickerin. Die Kräuternonne. Die Imkerin. Die Handschuhmacherin. Manche dieser karg-vielversprechenden Titel werden mit geographischen Bezeichungen veredelt: Die Müllerin vom Westerwald. Die Salbenrührerin von der Norddeutschen Tiefebene. Die Korbflechterin von Hildesheim. Die Marmeladenköchin von Lüneburg. Die Waffelbäckerin vom Niederrhein. Die Spitzenklöpplerin von Domburg. Die Posamentiererin von Köln. Die Stillberaterin vom Bodensee.
Ich hätte geradezu Lust, für jedes dieser Bücher einen edlen, undeutlich mittelalterlich-renaissancehaften Umschlag zu entwerfen, auf dem eine hübsche junge Frau von Cranach, Tizian oder Holbein sinnig mittels Photoshop verfremdet und dann mit Kräutern, Bienen, Marmeladen, Kübeln oder Waffeln kombiniert wird. Hätte ich nur mehr Zeit, würde ich außerdem glatt versuchen, sowas selbst zu schreiben. Aus den Beschreibungen der Bücher (und den Erinnerungen an meine Angelique-Lektüre vor 35 Jahren) konnte ich schon Anhaltspunkte für notwendige Handlungslemente entnehmen.
Die Heldin müßte natürlich schön, empanzipiert, temperamentvoll, rothaarig mit grünen Augen, magisch attraktiv, mit einem exotischen Namen begabt (ein Y muß drin sein) und unglaublich talentiert sein. Mindestens einmal wird versucht, sie zu vergewaltigen, sie als Hexe anzuzeigen, sie gegen ihren Willen zu verheiraten oder sie an der Ausbildung ihres übermenschlichen Talents zu hindern. Je ein Krieg, eine Epidemie, ein Brand, ein Pogrom oder eine Naturkatastrophe müssen vorkommen – und ihr natürlich in die Schuhe geschoben werden.
Ich bin fasziniert von diesem Genre, das so üppig blüht und das mir gänzlich unbekannt ist. Oh, und nichts für ungut. Bestimmt gibt es auch in dieser Fülle gute Bücher. Ich weiß nur nicht, wie ich sie bei der Größe des Angebots finden könnte.
Ein kleines Ritual beim Nachhausekommen April 18, 2013, 22:13
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hat Secundus. Seine Waffe ist natürlich nicht geladen, aber er muß sie immer bei sich tragen und ist dafür verantwortlich, daß sie nicht in falsche Hände fällt. Darum baut er sie auseinander, wenn er zuhause ist, und bringt die Einzelteile getrennt und jeweils durch abschließbare Türen gesichert unter. Wenn wir am Wochenende wegfahren, muß jedes Einzelteil hinter mindestens zwei abgeschlossenen Türen liegen. Er hat mehrere Verstecke, die nur er kennt. Selbst wenn ich gefragt würde, könnte ich nicht sagen, wo die verschiedenen Teile sind.
Vermutlich besitzen hier mehr Menschen als in Deutschland private Waffen, aber wesentlich weniger als in den USA. Wer eine Waffe kaufen möchte, braucht einen Waffenschein. Um den zu behalten, muß man regelmäßig Auffrisch-Kurse machen und ihn erneuern lassen. Dazu gehörten nicht nur Übungen am Schießstand, sondern auch Überprüfungen der mentalen Stabilität (muß Y. noch mal genauer danach fragen).
Y. hatte jahrelang ein kleines Dingelchen, das er nur selten bei sich trug, und das er ebenfalls ungeladen, gesichert, getrennt von der Munition… hinter Schloß und Riegel aufbewahrte. Irgendwann wurde ihm das Ganze zu aufwändig, er ging nach Yokneam auf die Polizeiwache und sagte, daß er die Waffe spenden möchte, er braucht sie nicht. Legte sie behutsam auf den Tisch und ging.
In Israel kommen, unberufen, eher selten Amokläufe vor. Was wohl vorkommt, sind Morde, meist sog. Beziehungsmorde, bei denen Wachleute ihre Dienstwaffe gegen ihre Partnerin wenden. Oft stellt sich dann heraus, daß diese Leute nur eine oberflächliche, rein technische Ausbildung an der Waffe hatten. Wer hingegen drei Jahre lang ständig eine Waffe mit sich rumschleppt, sie dauernd ölen, auseinanderbauen, kontrollieren und verstauen muß, wem diese ganzen Rituale der Vorsicht in Fleisch und Blut übergegangen sind, der wird sie nicht leichtfertig benutzen. Denn er begreift die volle Verantwortung, die so eine Waffe bedeutet. So scheint es mir zumindest.
Wem im Bus in Israel mulmig wird, wenn er die kindlichen Hände sieht, die sich im Bus um ihre Waffen legen, der kann beruhigt sein. Diese Waffen sind nicht geladen. Unfälle kommen vor – Y. hat einen Freund durch die Kugel eines anderen Freunds verloren, und bei aller Vorsicht ist es immer möglich, daß ein Mensch sich falsch verhält. Ja, es gibt auch Fälle, in denen eine Waffe ungesichert im Haus herumlag und Kinder oder Jugendliche sie zur Hand nehmen. Aber im Großen und Ganzen verhalten sich Israelis sehr vorsichtig mit Waffen, und Soldaten kontrollieren x-mal, ob die Waffe auch wirklich sicher ist, bevor sie damit aus der Basis gehen.
In manchen arabischen Dörfern werden (die in meinen Augen) Unsitten wie in die Luft böllern zu Hochzeiten etc gepflegt, was nicht nur teuer, sondern auch sehr gefährlich ist. Aber auch dort gelten die Regeln mit Waffenschein und Überprüfung. Man kann nicht einfach in den Laden gehen und sich dort bewaffnen.
Ich weiß, daß in einer Gesellschaft wie der amerikanischen Waffen einen anderen Stellenwert haben als in Europa, und ich glaube nicht, daß man die mentale Einstellung zu Waffen ändern kann. Viele Amerikaner, das habe ich inzwischen verstanden, sehen in einer persönlichen Waffe den Garant ihrer Freiheit und Sicherheit. Erbe ihrer Prärie-Pionier-Vergangenheit. Gary Cooper eben in High Noon, wo ja selbst die naive Quäkerin schließlich begreift, daß gegen manchen Feind nur hilft, zu ziehen, bevor er zieht. Gegen Symbole und Mythen läßt sich mit Ratio nicht viel ausrichten. Auch wir haben unsere Mythen, an denen wir hängen (Freie Fahrt für freie Bürger….).
Ich würde den Menschen in den USA aber, angesichts der vielen Unfälle und des häufigen in meinen Augen leichtfertigen Umgangs mit Waffen (ich erinnere an den Vater, der den Laptop seiner Tochter als Disziplinmaßnahme durchlöcherte…), wünschen, daß sich ein professionellerer und ernsthafterer Umgang mit Waffen durchsetzte. Gerade wenn man Waffen einen so hohen Status einräumt, sollte man lernen, wie man mit ihnen umgeht, ohne andere zu gefährden. Und zwar so gründlich wie mein Secundus und seine Freunde, denen nie in den Sinn käme, eine Waffe einfach geladen irgendwo rumliegen zu lassen oder damit zu anderen Zwecken als militärisch genau vorgeschriebenen zu schießen.
Mein Senf zu der ganzen Waffendiskussion. Kam mir heute so in den Sinn, als ich sah, wie Secundus seine Waffe zerlegte und wie der Osterhase versteckte, bevor er noch seine Mutter, die er fast einen Monat nicht gesehen hatte, begrüßte.


